Akkarin öffnete die Augen und blickte in Tom´s tiefblaue. Er streckte sich und räusperte sich; sein Hals brannte.
„Hey, wie viel Uhr haben wir?"
Tom warf einen Blick auf die Uhr auf seinem Schreibtisch.
„18.00 Uhr."
„So spät? Verdammt…"
Akkarin riss sein Nachttischchen auf und kramte darin, nur um dann die kleine Box mit den Bluttabletten hervorzuziehen. Mit einer routinierten Bewegung öffnete er die Box einhändig und warf sich eine der kleinen Pastillen ein. Als sich der Kupfergeschmack in seinem Mund entfaltete, lehnte er sich auf seinem Bett zurück und schloss die Augen, auf die Wirkung der Tablette wartend. Nach und nach ließen der unbändige Durst und das unangenehme Brennen in seiner Kehle nach und er atmete tief durch.
Er öffnete die Augen wieder und sah Tom entschuldigend an.
„Ich hatte die Letzte vorm Frühstück. Wie gesagt, ich muss mich an die neuen Zeiten gewöhnen – in vielerlei Hinsicht."
„Solange du dich nicht mal an meinem Hals fest beißt…"
Akkarin stand auf, sein Grinsen hatte etwas Raubtierhaftes. Er flüsterte in Tom´s Ohr:
„Führe mich nicht in Versuchung…"
Dann stolzierte er durch den Raum zum Badezimmer. Bevor er den Raum betrat, schnipste er mit den Fingern, was seine Kleider direkt in seine wartende Hand fliegen ließ.
Akkarin verschloss die Tür, bevor er sich auf dem Waschbecken abstützend im Spiegel betrachtete. Die Wirkung der Tablette hatte noch nicht voll eingesetzt, so war seine Haut noch bleicher als sonst, und das Rot seiner Augen noch lebendiger, die Eckzähne verlängert. Und nur beim Gedanken an den Duft von Tom´s Blut klammerte Akkarin sich mit solch Kraft an den Waschbeckenrand, dass die Emaille unter seinen Fingernägeln zersprang. Es dauerte noch mehrere Minuten, bis sich Akkarin dank kontrollierter Atmung und dem Einsetzen der Wirkung der Tabletten soweit beruhigt hatte, dass er das Waschbecken loslassen konnte.
Er musste wirklich gewissenhafter bei der Einnahme seiner Tabletten sein, denn die gesteigerten Sinne in diesem Zustand machten es ihm nur noch schwerer, Tom zu widerstehen. Unter dem Einfluss der Tabletten empfand Akkarin Tom´s Gegenwart, den Duft seines Blutes und seiner Magie, als sehr angenehm, fast schon beruhigend, aber wenn er durstig war, kostete es ihn all seine Selbstbeherrschung, um nicht über den Anderen herzufallen. Die dumme Bemerkung eben tat ihm jetzt schon leid. Hoffentlich hatte Tom ihn nicht allzu ernst genommen.
Schnell zog er sich an und wusch sich das Gesicht. Im Gehen schnippte er seinen Zauberstab in Richtung Waschbecken und schon war die Emaille wieder ganz – sie schien sogar etwas schöner zu glänzen, als zuvor.
Als Akkarin das Zimmer wieder betrat, fand er es verlassen vor. Er warf seine getragenen Boxershorts in die Wäsche und machte sich auf zur großen Halle.
Xxx
Irritiert ging Akkarin zurück zum Wohnheim, nachdem er Tom weder in der Halle beim Abendessen, noch in der Bibliothek gefunden hatte. Doch dort fand er ihn auch nicht.
„Also so schlimm war es jetzt auch wieder nicht…"
Akkarin beschloss, noch eine Weile zu warten und zog seinen Aufsatz für Zaubertränke aus der Tasche. Mit einem Seufzen schlug er das dazugehörige Buch auf und nahm seinen Stift. Und als er ihn nach über eineinhalb Stunden wieder wegsteckte, war Tom immer noch nicht da. Genervt und auch ein wenig besorgt stopfte er seine Schulsachen zurück in die Tasche und verließ das Zimmer, nur um eine Tür weiter zu klopfen. Cassidians vertraute Stimme rief ein leises, aber bestimmtes „Herein".
Akkarin trat ein und sobald die Tür hinter ihm geschlossen war, ließ sich Cassidian auf sein rechtes Knie fallen und neigte den Kopf vor ihm.
„Lord Cross, endlich kann ich euch den Respekt zollen, den ihr verdient. Bitte entschuldigt mein Verhalten in den letzten zwei Tagen, aber euer Vater hatte darauf bestanden."
Der so angesprochene, junge Vampir stolzierte durch den Raum und setzte sich in den Lehnstuhl am Fenster und lehnte sich zurück, ein Arm auf der Lehne, der linke, mitsamt Zauberstab, locker auf seinem Schoß. Cassidian hatte ein Zimmer für sich und hatte sich die Freiheit genommen, es ein wenig umzugestalten. So wie es für Akkarin geplant gewesen wäre, hätte er nicht entschieden, mit Tom gemeinsam ein Zimmer zu teilen.
Nun bedeutete Akkarin dem Anderen mit einer Handbewegung, aufzustehen. Cassidian folgte ihm sofort.
„Es besteht keine Notwendigkeit, dich zu entschuldigen, Cousin. Ich bin durchaus über die Anweisungen meines Vaters im Bilde. Du hast deine Rolle gut gespielt, ebenso die anderen."
Cassidian verbeugte sich, die Rechte vor seine Brust gelegt.
„Habt Dank, Lord Cross, wir taten nur, was von uns erwartet wurde."
„Und ich bin mir sicher, auch mein Vater weiß das sehr zu schätzen."
Cassidian verbeugte sich erneut. Akkarin bedeutete dem Älteren, sich auf einen der freien Stühle zu setzen.
„Im Moment aber habe ich ein ganz anderes Problem. Tom ist seit über drei Stunden verschwunden. Hast du ihn gesehen, Cousin?"
„Ich habe ihn auch beim Abendessen vermisst. Ich dachte, meine Anweisung, gemeinsam zu essen, wäre unmissverständlich gewesen. Euch steht es natürlich frei, teilzunehmen…"
Akkarin winkte ungeduldig ab.
„Genug der Förmlichkeiten, ich möchte wissen, ob du Tom gesehen hast."
Cassidian warf einen Blick auf den Zauberstab, den Akkarin beständig zwischen den Fingern wirbelte und beeilte sich zu antworten.
„Ich habe ihn auf dem Gelände gesehen, als wir das Wohnheim verließen auf dem Weg zum Hauptgebäude. Er schickte sich an, eben dieses zu betreten, also dachte ich, dass wir ihn gleich beim Abendessen treffen würden. Und seitdem hatten wir ihn nicht mehr gesehen."
Der Jüngere quittierte die Aussage nur mit einem Nicken. Cassidian räusperte sich nervös, fragte dann zögernd:
„Lord Cross, Akkarin, darf ich fragen, wieso euch so viel an diesem Jungen liegt? Zugegebenermaßen waren wir doch alle recht überrascht, dass ihr ihm gleich am ersten Abend so viel Zeit eingeräumt habt und nun sogar euer Zimmer mit ihm teilt. So würde doch vor allem euch ein Zimmer für euch allein zustehen."
Akkarins Augen verengten sich, als er den Anderen mit seinem Blick fixierte.
„Ich wüsste nicht, dass ich mich vor dir für meine Interessen rechtfertigen müsste. Sieh nur zu, dass ihm nichts passiert und ihm niemand zu nahe kommt. Natürlich ohne Aufsehen zu erregen."
Mit einem Ruck stand er auf und Cassidian folgte sofort seinem Beispiel.
„Hast du verstanden, was zu tun ist?"
Cassidian verbeugte sich erneut und sagte:
„Ja, mein Lord. Mister Riddle´s Sicherheit ist unsere höchste Priorität, dazu die Geheimhaltung eures Status."
Akkarin nickte wohlwollend.
„Sehr gut und nun lass uns Tom suchen. Ich erwarte eine sofortige Mitteilung, wenn du ihn gefunden hast. Ich erwarte Diskretion."
„Natürlich, mein Lord."
Mit einem weiteren knappen Nicken verließ Akkarin das Zimmer.
Xxx
Wenn man dem Ganzen etwas Positives abgewinnen wollte, könnte man sagen, dass er so die Gelegenheit bekam, das Schulgelände besser kennenzulernen.
Er suchte zuerst das Gelände zwischen den zwei Wohnheimen und dem Hauptgebäude ab. Die riesige Rasenfläche war mit hohen Bäumen und vielen Sträuchern bepflanzt, dazwischen schlängelten sich schmale Wege, an denen ab und zu eine Parkbank stand. Alles in allem eine sehr schöne Anlage, aber es kostete Akkarin einiges an Zeit, die vielen, so entstandenen Nischen abzusuchen. Es wurde langsam dunkel, aber das Dämmerlicht beeinflusste Akkarins Sicht keineswegs.
Als nächstes machte er sich auf den Weg zu den Sportanlagen. Als erstes sah er sich das Quidditchfeld genauer an, doch die gepflegte Rasenfläche war verlassen, nur das Zirpen einzelner Grillen durchdrang die Stille. Akkarin wandte sich ab und ging zur Trainingshalle weiter.
Dort fand er einen Trainingsraum für Duelle mit sich selbst reparierenden Strohpuppen, Matten und anderen nützlichen Utensilien. Dann einen riesengroßen Fitnessraum mit den verschiedensten Geräten für Kraft- und Ausdauertraining. Ein paar Schüler waren fleißig am Trainieren, den ein oder anderen konnte er dem „Werwolftisch" in der großen Halle zuordnen. Diese Einrichtung würde er sich merken, um hier selbst einmal zu trainieren; vielleicht war der Raum über Nacht zugänglich, aber das würde sich in Erfahrung bringen lassen.
Doch leider fand er Tom weder hier noch in den Umkleiden oder in den zwei weiteren Duellräumen. Also verließ er das Trainingsgebäude und folgte dem Weg dahinter runter zum Schwimmbecken. Auch das musste nach seines Vaters Zeit an der Schule angelegt worden sein, da er ihm nichts davon erzählt hatte. Es war ein 100 Meter Becken, etwa 30 Meter breit, mit Startblöcken an beiden Seiten. Dazu gab es noch ein kleineres Becken, das aber deutlich tiefer war als das Schwimmbecken. An dessen Rand standen drei Sprungtürme. Akkarin stieg auf den höchsten, wohl fünf Meter hoch, um zu schauen, ob Tom dort oben war. Aber wieder wurde er enttäuscht. Er konnte sich gerade so beherrschen, nicht den schnellen Weg nach unten zu nehmen und kletterte mit so viel Eleganz wie möglich die Leiter zurück nach unten.
Jetzt blieben ihm nur noch die Gewächshäuser. Wenn er Tom dort nicht finden sollte, würde er sich erst einmal mit Cassidian kurzschließen um zu hören, ob dieser etwas gefunden hat.
Das erste Gewächshaus durchsuchte er noch direkt, da sich dort nur harmlose Pflanzen befanden. Doch um die anderen drei ging er nur von außen herum, die Warnungen auf den Eingangstüren beachtend. Er hatte schon mehrmals schlechte Erfahrungen mit ihm unbekannten Pflanzen im Gewächshaus seiner Familie gemacht und legte keinen Wert darauf, diese zu wiederholen. Aber es gab auch keine Anzeichen dafür, dass hier außer ihm selbst jemand anwesend war.
Akkarin war gerade auf dem Rückweg, als ein weißer, kleiner Vogel auf ihn zukam und ihn umkreiste. Der Vampir ließ seine Hand hervorschnellen und fing ihn ein. Er schloss die Faust fest um den Vogel und als er sie wieder öffnete, lag darin ein beschriebenes Stück Pergament. Akkarin erkannte sofort Cassidians Handschrift.
Habe Mr. Riddle gefunden. Er befindet sich im Moment auf dem Dach des Hauptgebäudes. Das Dach ist über das Treppenhaus im hinteren Teil des Gebäudes, auf halben Weg zum Astronomieturm, durch ein Fenster erreichbar. Ich bleibe in Sichtweite, sollte sich Mr. Riddle von seinem derzeitigen Standort entfernen.
Akkarin ließ das Schriftstück noch in seiner Hand in Flammen aufgehen und ging schnellen Schrittes zum beschriebenen Ort.
Xxx
Der junge Vampir stieg die Treppen hinauf, ohne auch nur einmal anzuhalten. Neben dem Fenster zum Dach stand sein Cousin. Er selbst warf einen Blick raus auf das mondbeschienene Dach; der Giebel war abgeflacht und fast fünf Meter breit und an dessen Ende, angelehnt an einen gemauerten Kamin, saß Tom.
„Du kannst dich jetzt zurückziehen."
Cassidian verbeugte sich und verschwand lautlos in den Schatten. Akkarin indessen stieg auf das Fenstersims und sprang elegant auf das Dach hinunter. Mit absichtlich lauten Schritten querte er die Distanz zu Tom. Dieser blickte nicht auf, aber seine Körperhaltung verriet, dass er ihn sehr wohl bemerkt hatte. Akkarin setzte sich neben Tom, bewusst eine Armlänge Abstand wahrend.
„Ist dir nicht kalt?"
Tom schnaubte, drehte sich demonstrativ weg.
„Wieso, schadet das dem Geschmack?"
Der Vampir glitt von seiner sitzenden Position auf die Knie, direkt zu Tom gewandt.
„Hör zu, Tom, es tut mir leid. Ich wollte dir keine Angst machen und ich wollte nicht, dass du dich bedroht fühlst."
„Ach ja?"
„Es war mein Fehler, ich hätte die Tablette einfach früher nehmen sollen. Und dann dein Blut… ich weiß nicht, wie ich es erklären soll."
Ja, wie sollte er dem anderen Jungen erklären, dass der Vampir in ihm ihn einfach unwiderstehlich fand; den Duft seines Blutes, seiner Magie? Solange er die Tabletten nahm und seine wahre Natur unterdrückte, hatte er kein Problem damit, in Tom´s Nähe zu sein. Aber ohne die Tabletten war das Verlangen, sich einfach zu nehmen, was er begehrte, kaum zu beherrschen.
Er war selbst mehr als verwirrt von seinem Verlangen, so hatte er noch nie echtes Blut getrunken. Sein Vater bestand darauf, dass er ohne diese Abhängigkeit aufwuchs; er nahm die Tabletten seit dem Tag seiner Geburt.
Tom sah ihm jetzt direkt in die Augen.
„Dann versuch es!"
Akkarin dankte der Dunkelheit der Nacht, dass sie die aufsteigende Röte in seinem Gesicht verschlang. Er senkte dennoch den Blick und murmelte:
„Du riechst gut."
Tom sah ihn perplex an.
„Häh, was?"
„Du…"
„CROSS!"
Akkarin wurde durch den Schrei unterbrochen.
„CROSS!"
Ein roter Zauber schlug neben ihm in den Kamin ein und riss Splitter aus der Mauer. Akkarin war schon auf den Beinen, bevor Tom auch nur registriert hatte, was vor sich ging. Tom wich zurück, als der Vampir knurrte:
„Wer bist du und was willst du?"
Zwei Schatten näherten sich; ihrer Größe nach zu schätzen waren sie auch Schüler. Seine Anspannung ließ merklich nach. Die Gestalten kamen näher, traten Schritt für Schritt aus dem Schatten des Gebäudes hinaus in den fahlen Mondschein. Akkarin stockte der Atem, als die kleinere Gestalt in das dämmrige Licht trat und sagte:
„Du weißt, wer ich bin und was ich will!"
Akkarins Augen verengten sich zu Schlitzen, als er den anderen hasserfüllt anstarrte.
„Nathanael van Helsing…"
Stechend grüne Augen leuchteten unter silbernen Fransen hervor.
„…und hier, um dich und deinen Clan, oder das, was davon übrig geblieben ist, zu zerstören."
Nathanael lachte kalt; Akkarin konnte das tiefe Knurren in seiner Kehle nicht zurückhalten, noch wollte er. Er atmete tief durch, um sich wieder zu fassen, fixierte die Gestalt neben ihm, Samantha Costington. Doch nachts, wenn seine Fähigkeiten auf dem Höchstpunkt waren, konnte er den schwachen Glanz von Magie, der sie umgab, deutlich sehen.
„Und wer ist deine… hübsche… Begleitung?"
Nathanael warf einen Blick auf die schmale Mondsichel.
„Abnehmender Mond, natürlich siehst du es jetzt. Yvi, du kannst deine wahre Gestalt zeigen."
Das Mädchen lächelte und verwandelte sich vor ihren Augen in eine erwachsene Frau; flammend rotes, kurzes Haar, Sommersprossen im Gesicht, hellblaue Augen und ein hochgewachsener, schlanker Körper, um den sie jede Frau beneiden würde. Akkarin erkannte sie; ein Metamorph, der seinem Vater schon viele Probleme bereitet und viele Anhänger gekostet hatte. Sie war äußerst talentiert, konnte ihre ganze Erscheinung mit einem Augenzwinkern ändern und dazu sogar ihre magische Signatur. Es war beinahe unmöglich, sie zu erkennen. Sogar einem reinblütigen Vampir, wie ihm selbst, war das nur in einer Nacht wieder dieser möglich; einer Nacht nahe zum Neumond.
„Aloha, Cross, schön dich wiederzusehen."
Wie von selbst erschien ihr Zauberstab in ihrer Hand.
Akkarin glitt in eine defensive Haltung, ließ seinen Zauberstab in seine Hand fallen. Seine rechte Hand tastete schnell seine Brusttasche ab. Wie er schon befürchtet hatte, hatte er sein Buch unter dem Kopfkissen gelassen und keine Möglichkeit, seinen Vater oder Cassidian zu kontaktieren - wenn die zwei seinen Cousin nicht schon ausgeschaltet hatten. Er warf einen schnellen Blick hinter sich, und sah, dass Tom hinter dem Kamin in Deckung gegangen war. Zumindest um ihn musste er sich keine Sorgen machen.
Er drehte seinen Zauberstab zwischen den Fingern, wie immer, wenn er nachdachte; er musste schnell eine Strategie entwickeln, dieser Situation zu entkommen. Tom würden die beiden wohl nicht anrühren, er hatte nichts getan; aber er selbst war definitiv in Lebensgefahr. Die Schulregeln oder das Gesetz bedeutete diesen beiden nichts.
Sein Vorteil war die Nacht, die seine Fähigkeiten verstärkte, Nathanaels Begleitung sein großer Nachteil. Nathanael selbst war schon ein ernstzunehmender Gegner, doch Yvi war auf einer ganz anderen Stufe als er. Es gab nur eine Möglichkeit…
Akkarin sagte an Nathanael gerichtet, süffisant lächelnd:
„Brauchst du jetzt schon einen Leibwächter? Dein Vater muss ja ganz schön Angst um sein Baby haben, wenn er dich nicht einmal alleine zur Schule gehen lässt. Aber schon verständlich, wenn man bedenkt, wie viele eurer Leute wir schon zu den unseren gemacht haben. Als wir mit ihnen fertig waren, waren sie so… unterwürfig. Besonders dein Bruder…"
Akkarin grinste breit, seine scharfen Fangzähne blitzten Unheil verheißend.
„Du Bastard!"
Der Vampir lachte nur.
„Einen Nerv getroffen?"
Nathanael bebte vor Wut. Er ging ein paar Schritte auf Akkarin zu, den Zauberstab auf ihn gerichtet.
„Wir beenden das hier und jetzt! Bleib zurück, Yvi!"
„Aber Nate!"
„Bleib zurück! Das ist etwas zwischen diesem Bastard und mir!"
Und tatsächlich trat Yvi zurück in die Schatten und überließ ihrem jungen Herrn die Bühne. Akkarin beobachtete jeden ihrer Schritte und konnte gerade noch einem Fluch ausweichen, der hinter ihm in das Mauerwerk einschlug und einen beachtlichen Krater hinterließ.
„Tom, bleib bloß aus der Schusslinie, er wird keine Rücksicht auf dich nehmen!"
Akkarin hatte nicht die Zeit, sich zu vergewissern, ob der Andere ihn gehört hatte und seine Warnung beachtete, denn sein Gegner hielt ihn unter Dauerbeschuss. Noch konnte er ausweichen, doch die Flüche wurden mit jedem Mal präziser, seine Bewegungen vorausahnend.
Der nächste raste direkt auf Akkarins Brust zu, ohne dass er die Möglichkeit hatte, auszuweichen oder noch ein Schild heraufzubeschwören. Energisch schlug er mit der rechten nach dem Fluch und warf ihn aus der Bahn. Nathanael stoppte überrascht.
„Und das mit Bluttabletten und ohne Neumond?"
Akkarin antwortete nicht, Schmerz durchflutete seine Sinne. Er brauchte seinen Arm nicht zu sehen um zu wissen, dass die Haut komplett verbrannt war und der Knochen durch. Er biss die Zähne zusammen, seine Augen blitzten in einem lebendigen rot.
„Jetzt bin ich dran!"
Die geknurrten Worte ließen allen die Haare zu Berge stehen. Nathanael wurde von einem Fluch, der sein rechtes Bein traf, aus der Starre gerissen. Akkarin hatte keine Zeit sich über seine Ungenauigkeit zu ärgern und schoss schon den nächsten Fluch. Dieser prallte gegen einen Schild, offensichtlich von Yvi beschworen, presste den Jungen aber ein paar Schritte zurück. Er feuerte einen Fluch nach dem anderen auf den Schild und er konnte schon die Risse sehen; bald würde er zerbrechen.
Akkarin war blind vor Wut, so blind, dass er nicht sah, wie Nathanael das Schild selbst übernahm und wie Yvi nun ihren Zauberstab auf ihn richtete.
„Sectrumsempra!"
Noch bevor die Worte ganz gesprochen waren, spritzte Akkarin sein eigenes Blut ins Gesicht. Mehrere tiefe Wunden klafften auf seiner Brust. Er ging auf die Knie und auch Nathanael fiel vorne über, erschöpft von dem magischen Aufwand für das Schild. Der Zauber war weit über seinem Level.
Yvi indessen stolzierte auf Akkarin zu, ihn mit ihrem Zauberstab fixierend.
„Jetzt seid ihr nicht mehr so groß und mächtig, Lord Cross!"
Der Spott war nicht zu überhören.
„Sieh es einfach als Präventionsmaßnahme. Du hast zwar noch nichts verbrochen im Vergleich zu deinem Vater, aber gehen wir mal lieber kein Risiko ein."
Akkarin atmete schwer, in seinem eigenen Blut kniend, den Zauberstab nur noch lose haltend. Blut formte sich in seinem Mundwinkel, tropfte über sein Kinn und landete mit einem leisen „Plitsch" in der Blutlache.
Yvi baute sich vor ihm auf und sagte mit fester Stimme:
„Akkarin Meraxes Cross, ihr wurdet wegen Verbrechen gegen die Menschen als solche zum Tode verurteilt. Das Urteil wird nun vollstreckt."
Der Zauberstab zielte genau zwischen seine Augen und dann sprach sie die unheilvollen Worte.
„Avada…"
„Crucio!"
Akkarins von Schmerz und Verzweiflung überschwemmter Verstand konnte das nicht mehr verarbeiten. Yvis wild zuckender Körper und ihre Schreie waren das letzte, das er wahrnahm, bevor er in die Dunkelheit glitt.
Xxx
Als der erste Fluch das Mauerwerk traf und Steinsplitter auf Tom herabregneten und Akkarin aufgesprungen war, kampfbereit, hatte er sich hinter dem Kamin in Sicherheit gebracht. Er musste sich zuerst einen Überblick verschaffen, was eigentlich los war.
Sobald die Angreifer aus dem Schatten getreten waren, erkannte er sie als die Schüler, die ihn in der Bibliothek bedrängt hatten. Nur nannte Akkarin den Jungen Nathanael van Helsing – er hatte in Erfahrung gebracht, dass dieser unter dem Namen Janos Laotides die Schule besuchte.
Tom folgte der Konversation gespannt, er konnte aus dem Inhalt schließen, dass sich die beiden nicht zum ersten Mal begegneten. Er konnte ganz deutlich eine Veränderung des Tons hören, als Nathanael auf Akkarins Familie zu sprechen kam. Das Knurren, das von Akkarin kam, jagte ihm Schauer über den Rücken.
Als Akkarin daraufhin, wieder deutlich gefasster, nach der Begleitung des anderen fragte, traute Tom kaum seinen Augen – das Mädchen änderte ihre Gestalt mit nicht mehr als einem Augenzwinkern. Er hatte noch nie einen so fähigen Metamorph gesehen. Akkarins bis jetzt selbstsichere Haltung sackte in sich zusammen. Der im Mondlicht glänzende Schweiß auf seinem Zauberstab zeugte von seiner Nervosität. Doch schien der Vampir zu einer Entscheidung gelangt zu sein, als er den Jungen direkt ansprach.
Tom erkannte die Taktik sofort, war es doch seines Vaters liebste Strategie. Er reizte den Anderen, damit der irgendeine Dummheit begann – und es hatte funktioniert, seine Begleiterin trat zurück und ließ dem Jungen freie Bahn.
Und schon ging es los, eine Salve Flüche nach der anderen. Er befolgte Akkarins Rat gerne und ging in Deckung. Dieser Nathanael van Helsing war nicht zu unterschätzen. Es fehlte ihm zwar an Raffinesse aber nicht an Zaubermacht, er brachte Akkarin ziemlich in Bedrängnis.
Und dann passierte es, Akkarin konnte nicht mehr ausweichen, auch für einen Schild war es zu spät. Tom wollte gerade seinen Namen rufen, als dieser den Fluch ablenkte – mit seinem Arm. Sofort stieg ihm der Gestank verbrannten Fleisches in die Nase und er musste sich beinahe übergeben, als er den Schaden sah, den der Fluch seinem Freund zugefügt hatte. Der rechte Arm des Vampirs war nur noch eine rauchende, schwarze Masse; doch dieser zeigte sich zumindest äußerlich unbeeindruckt.
Im Gegenteil, die magische Aura, die von Akkarin ausging, schien sich zu verstärken. Die geknurrten Worte des Vampirs ließen ihn für einen Moment erstarren. Erst der Aufschrei Nathanaels ließ ihn das Geschehen wieder aktiv beobachten.
Er sah, wie Yvi ihren Zauberstab auf ihren jungen Begleiter gerichtet hatte, wohl um das Schild zu halten, das Akkarin nach und nach zerlegte. Noch nie hatte er solch rohe Wut hinter Flüchen gesehen.
Er hielt Yvi im Blick und sah sofort, dass sie aufgehört hatte, das Schild zu halten. Sie richtete den Blick auf Akkarin und Tom wollte ihm gerade noch eine Warnung zurufen, aber da war es schon zu spät. Rotes Licht schoss auf den Vampir zu, dazu eine Inkantation, die ihm sehr vertraut war – „Sectumsempra".
Selbst er wurde noch von einzelnen Blutspritzern getroffen. Akkarin konnte nicht mehr reagieren, hatte den Fluch nicht kommen sehen – er fiel auf die Knie.
Tom griff seinen Zauberstab fester, als Yvi auf ihn zu stolzierte. Er wusste was nun kommen würde.
Er fühlte sich hin und her gerissen. Wenn er jetzt zurückstehen würde, wäre er in jeder Hinsicht fein raus. Wenn er nichts tat, standen die Chancen gut, dass die Angreifer ihn in Ruhe ließen, denn sie hatten es nur auf den Vampir abgesehen und ihm schließlich schon vorher Hilfe angeboten. Und sie waren mächtig, das musste man ihnen lassen. Daher konnten auch die Vampire ihm keinen Vorwurf machen, dass er nicht eingegriffen hatte; die Gegner waren einfach zu stark. Und ohne Akkarin wäre auch seine Verbindung zu den Vampiren gekappt und er könnte sich anders orientieren.
Doch er musste unwillkürlich daran denken, dass Akkarin nach ihm gesucht hatte, wahrscheinlich den ganzen Abend. Dann daran, dass der Vampir, selbst in größter Bedrängnis, sich noch immer um seine Sicherheit gesorgt hatte.
Yvi stand nun vor Akkarin, verspottete ihn.
Tom knirschte mit den Zähnen; das hatte er nicht verdient. Als sie seinen Tod als Präventivmaßnahme bezeichnete, stand Tom auf. Er konnte das nicht zulassen, nicht auf diese Art und Weise. Und als Yvi ihr Urteil sprach, hatte Tom schon eine Entscheidung getroffen.
„Avada…"
„Crucio!"
Tom hielt den Zauberstab fest auf sie gerichtet, blaue Augen blitzend. Mit einer gewissen Genugtuung betrachtete er den sich windenden, zuckenden Körper – es war das erste Mal, dass er den Zauber selbst gesprochen hatte. Erst nach einigen, langen Augenblicken senkte er seinen Zauberstab und stoppte so den Zauber. Die Frau lag nun wimmernd auf dem Boden, ihre Nerven zuckten noch immer. Er starrte sie noch eine Weile fasziniert an, bis ihn ein schwaches Stöhnen aus der Trance riss.
Sofort fiel Tom neben Akkarin auf die Knie und legte seinen Kopf auf seinen Schoß – er atmete nur noch schwach. Er schnippte seinen Zauberstab über die Brust des Vampirs und die Kleidungsfetzen verschwanden. Er kannte nur einen Heilzauberspruch, aber die Wunden auf Akkarins Brust waren so tief und schwer, dass sein „Episkey" einfach daran verpuffte; der Zauber stoppte nicht einmal die Blutung.
Tom zog sich sein eigenes Shirt über den Kopf, presste es auf die blutenden Wunden des Anderen und rief um Hilfe.
