Kapitel 3: Rettungsmission
'Das war knapp!' dachte Genn. Beinahe wäre er entdeckt worden. Falstad war nicht umsonst der Kapitän der berühmtesten Piratenbande Nebelhafens. Aber es war wichtig, das niemand bemerkte, dass er nicht alleine unterwegs war. Nur so konnte Genn seinen Verdacht bestätigen. Er blickte um die Ecke des Hauses, an dessen Seitenwand er lehnte. Er sah Falstads Rücken. Etwas weiter entfernt lag sein Schiff. 'Entweder es passiert jetzt, oder ich habe mich geirrt.' dachte Genn. Gespannt beobachtete er Falstad weiterhin. Als dieser die nächste Häuserecke passiert hatte, lief Genn los. Im Schatten der Häuser lief er zur nächsten Ecke und verbarg sich dahinter. Er hörte, wie Falstad einen erleichterten Seufzer ausstieß. Was nun geschah, passierte so schnell, dass Genn keine Chance hatte, etwas anderes zu tun, als zuzusehen. Aus dem Hafenbecken, an dessen Rand Falstad sich befand, kam eine Gestalt aus dem Wasser geschnellt. Eine große Hakenhand schnappte sich den über raschten Piraten, und zog ihn unter Wasser. Erst als beide im Wasser verschwunden waren, hatte Genn begriffen, was geschehen war. Er hatte Recht gehabt. Heute war jemand hinter Falstad her gewesen. Aber die Art, in der diese Person aufgetaucht war, hatte es Genn unmöglich gemacht, seinen Freund zu retten. Und nun? Genn lief zu der Stelle, an der Falstad gestanden hatte und blickte über das Wasser. Da! An einer Stelle glaubte er, eine Bewegung zu erkennen! Gut, dass er sein Boot bei Falstad gelassen hatte. So hatte er keinen allzu weiten Weg, um es zu erreichen. Er hoffte nur, dass er rechtzeitig losfahren konnte, um die Spur nicht zu verlieren.
Der Wind stand günstig, sodass Genn nicht zu rudern brauchte, sondern nur Ausschau nach dem Wesen halten und steuern musste. Nachdem es aus dem Hafenbecken herausgekommen war, hatte es sich nach links an der Küste entlang gehalten. Diese Richtung lag genau entgegengesetzt von Genns Haus. Dieser freute sich ein weiteres Mal, dass er sein Boot im Hafen und nicht bei seinem Haus gehabt hatte. Auch wenn Genn nur wenig von dem Wesen, das er verfolgte, sah, war er sich sicher, dass es sich nicht um einen Menschen halten konnte. Zum einen war es deutlich zu schnell, und zweitens hätte ein Mensch inzwischen schon mehrmals auftauchen müssen, um Luft zu holen. Genn wusste nicht, wie lange die Verfolgungsjagd noch dauern würde, oder wie lange sie schon ging. Das Wesen war immer an der Küste entlang geschwommen, Genn mit seinem Boot hinterher. Langsam begann er, sich Sorgen um seinen Freund zu machen. War er überhaupt noch am Leben? War das, was er verfolgte, tatsächlich der Entführer, und hatte er den Piraten überhaupt noch bei sich? Er wusste es nicht, doch blieb ihm nichts anderes übrig, als dem Wesen weiterhin zu folgen.
Nach einiger Zeit kamen mehrere hohe Felsen in Sicht, die auf dem direkten Weg lagen, den das Wesen nahm. Genn kannte diese Felsen und wusste nun, dass sie die Insel, auf der Nebelhafen lag, nun etwa zur Hälfte umrundet hatten. Wenn das Wesen noch weiter schwamm, würde es die Schwarzherzbucht erreichen. Dort war vor etwa zwei Monaten ein Geisterpirat namens Schwarz herz aufgetaucht, der dieses Gebiet für sich beanspruchte. Zuvor hatte sich in dieser Bucht das Versteck von Kapitän Burghy befunden, bevor er verschwunden war. Doch das Wesen schien ein anderes Ziel zu haben. Während es zwischen den Felsen entlang schwamm, näherte es sich dem Ufer immer weiter. Auch Genn bemühte sich, ihm zu folgen. Dann sah er, warum das Wesen zum Ufer schwamm. An dieser Stelle bildete das Ufer eine hohe Steilküste. Direkt bei den Felsen befand sich eine große Höhle in der Küste. Dorthin schwamm das Wesen. Genn schwenkte sein Boot herum und landete am Ufer etwas von der Höhle entfernt. Dann ging er an Land und schlich sich langsam zum Höhleneingang. Er war etwa doppelt so hoch wie Genn und Breit genug, dass zwei Boote wie Genns nebeneinander hineingelangen konnten. An den Seiten gab es eine schmale Felskante, auf der ein einzelner Mann gerade gehen konnte. Dazwischen befand sich eine Art Kanal, sodass man tatsächlich mit einem Boot hineingelangen konnte. Genn nahm seine Pistole aus dem Gürtel und ging langsam voran.
Die Wände der Höhle waren feucht und glatt. Auch der Weg unter Genns Füßen war sehr rutschig. Er musste aufpassen, dass er nicht im Wasser landete. Langsam schlich er voran, immer mit gezogener Pistole. Nach einer Weile begann der Weg vor ihm, breiter zu werden. Als Genn um eine Ecke spähte, sah er, dass der Kanal in ein Becken mündete. Am Ufer desselben, direkt gegenüber des Einganges, war eine große Höhle. Sie war von einem unheimlichen, grünlichen Leuchten erfüllt. In der Mitte erkannte Genn zwei Gestalten. Beide waren annähernd menschlich, und doch hatten beide etwas unmenschliches an sich. Der eine von beiden schien anstatt seiner rechten Hand einen kurzen Dreizack zu besitzen. Ansonsten trug er einen Piratenhut, ähnlich wie Falstads und schien etwas Unförmiges über der linken Schulter zu tragen. Der zweite wirkte noch weniger menschlich. Im schummrigen Licht der Höhle konnte Genn etwas erkennen, was er für eine Haifischflosse hielt. Außerdem besaß die Gestalt einen Fischschwanz und Genn meinte, kleine armartige Gebilde an seiner Seite zu erkennen. Was ihm allerdings sofort auffiel war, dass diese Person statt ihrer rechten Hand einen großen Haken besaß. Das musste Falstads Entführer sein! Doch wo war dieser? In diesem Moment hörte Genn eine seltsame Stimme aus der Höhle. Sie klang tief und schleimig. Außerdem hatte sie einen Akzent, den man in Nebelhafen lange nicht gehört hatte. „Ich hoffe, du hast ihn nicht getötet, mein Diener!" sagte die Stimme. Als Antwort kam nur ein kratzendes Grollen. Daraufhin bückte sich die Mischung aus Mensch und Hai, um etwas am Boden zu suchen. Dabei bemerkte Genn, dass dort noch eine Gestalt lag. Das musste Falstad sein! Erleichtert sah er zu, wie das Wesen seinen Freund anstieß. Mit einem lauten Stöhnen kam dieser auf die Beine. „Ah, er ist wach!" meinte die Stimme. „Kapitän Falstad, ich hoffe, Ihr seid nicht allzu verletzt?" Falstad richtete sich auf und blickte sich um. Als sein Blick auf die beiden Gestalten fiel, schreckte er zusammen und sprang auf die Füße. Dabei kam er Genns Versteck deutlich näher. „Aber, aber, mein lieber Kapitän. Ihr wollt doch nicht etwa schon gehen?" Falstad schluckte. „Vorher möchte ich wissen, ob Ihr mich erkennt?"
Plötzlich begann das Licht in der Höhle, heller zu leuchten. Nun erkannte Genn, dass der Mann mit der Dreizackhand nichts über der Schulter trug. Das, was er für einen Sack oder etwas anderes Gehalten hatte, war – der linke Arm der Person. Er bestand vollständig aus Tentakeln, die bis zu seiner Schulter reichten. Auch das Gesicht, dass Genn nun erkannte, zeigte nichts menschliches. Er sah, dass die Person statt des linken Fußes einen kleinen Anker trug. Dies war offensichtlich der Besitzer der Stimme. Sein Diener war tatsächlich am besten als Mischung aus Mensch und Haifisch zu beschreiben. „Nun, Kapitän. Erinnert Ihr Euch?" Falstad keuchte. Genn bemerkte, dass er zu Zittern begann. „Unmöglich!" murmelte er. „Was? Erkennt Ihr mich tatsächlich nicht? Ich dachte, zumindest mein Akzent und meine Kleidung würden Euch helfen." Langsam kam er auf Falstad zu. „Du bist über die Planke gegangen! Schon vor zwei Jahren!" stieß dieser plötzlich hervor. „Ah! Ihr erkennt mich also doch! Nun, mein lieber Falstad. Ahnst du, warum ich hier bin?" „Du warst es! Du hast dafür gesorgt, dass Burghy und Derrick verschwunden sind! Nicht wahr, Admiral?" „In der Tat. Und ich bin sicher, du weißt, warum. Ihr drei habt mich gedemütigt und hingerichtet! Ich bin gekommen, um Rache zu nehmen, Falstad!" Mit einem Wink seines Dreizacks befahl er seinem Diener, sich auf ihn zu stürzen. Falstad, der nur den Admiral im Blick hatte, bemerkte nicht, wie dieser näher kam. Doch bevor das Wesen ihn erreicht hatte, sprang Genn mit gezogener Waffe aus seinem Versteck hervor. „Vorsicht, Falstad!" Er blockte die Hakenhand des Gegners mit seinem Säbel und stieß ihn zurück. „Genn! Wo kommst du denn her?" rief Falstad erleichtert. „Dafür ist später noch Zeit!" „Na sowas. Da scheint jemand den Weg in diese Höhle gefunden zu haben. Aber egal, wie viele noch kommen, meiner Rache wird niemand im Weg stehen!" Mit diesen Worten warf sich der Admiral mit seinem Dreizack auf Falstad. Dieser jedoch hatte bereits seine Waffe gezogen und wehrte den Angriff ab. Gleichzeitig mit seinem Meister griff auch der Haimensch an. Doch Genn hatte diesen Angriff erwartet und konnte ausweichen. Dann holte er aus, um seinem Gegner die Hakenhand, mit der dieser angegriffen hatte, abzutrennen. Doch dieser Angriff ging ins Leere.
Daneben standen Falstad und der Admiral voreinander, Falstad mit seinem Anker in der Hand, der Admiral mit seiner Dreizackhand. Beide griffen an, doch immer konnte der andere den Schlag abwehren oder ausweichen. „Sag mir, was ist mit Burghy und Derrick geschehen?" forderte Falstad seinen Gegner auf. „Falls es dich beruhigt, ich habe sie nicht getötet. Das wäre keine Bestrafung gewesen. Nein, sie sind nicht tot. Doch in deinen Augen ist das vielleicht sogar schlimmer." „Los, sag schon. Was hast du mit ihnen gemacht!?" „Nun, Burghy war schwach. Als er mich erkannte, flehte er um Gnade. Ich habe sie ihm gewährt. Danach ist er ‚leider' Commodore Ford in die Hände gefallen. Ich glaube, du weißt, wie besessen der Commodore ist, die gesamte Gegend von Piraten zu befreien." „Du sagtest, Burghy wäre noch am Leben! Wenn du ihn Commodore Ford ausgeliefert hättest, wäre er hingerichtet worden!" „Oh, nun, er wurde hingerichtet. Aber, wie gesagt. Das wäre keine angemessene Bestrafung gewesen. Also habe ich ihn nach der Hinrichtung wieder zum Leben erweckt. Aber leider hat das weder sein Körper noch sein Verstand heil überstanden. Und ob er in diesem Zustand noch 'am Leben' ist, ist mehr als fraglich. Ich sagte nur, dass er nicht tot sei." „Und wo ist er jetzt?" „Ich hörte, dass er sein altes Versteck auf dieser Insel wieder übernommen hat. Natürlich nicht unter seinem richtigen Namen. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob er sich überhaupt an seinen Namen erinnert…" Falstad verharrte in seiner Bewegung. Diese Tatsache hatte ihn in einen gelähmten Zustand versetzt. „Schwarzherz..." murmelte er. „Kann er es wirklich sein?" Während er noch darüber nachdachte, holte der Admiral mit seinem linken Arm aus und schleuderte Falstad in die Felswand.
Genn hatte alle Hände voll mit seinem Gegner zu tun. So bekam er nichts von dem Gespräch zwischen Falstad und dem Admiral mit. Er bemerkte nur, dass sein Freund von einem mächtigen Schlag seines Gegners gegen die Wand geschleudert wurde. „Falstad! Alles in Ordnung bei dir!?" rief er. Doch seine Unachtsamkeit kam ihm teuer zu stehen. In diesem Moment hatte nämlich sein Gegner zum Schlag mit seiner Hakenhand ausgeholt. Genn schrie auf, als sich die Spitze in seinen rechten Arm bohrte. Dann zog der Gegner sie zurück und holte erneut aus. Genn sah noch einmal zu dem kleineren Piraten, der sich gerade langsam aufrichtete. Dann wandte sich Genn seinem eigenen Gegner zu. 'Falstad! Halte durch!' dachte er. Dann musste er auch schon wieder Angriffe seines Gegners abwehren. Der Treffer schien seinen Muskel getroffen haben, denn jede Bewegung des Arms verursachte starke Schmerzen. Genn biss die Zähne zusammen. Wenn er Recht hatte, musste er nur bis Sonnenaufgang durchhalten. Aber wie spät war es gerade? Wie lange würde es noch dauern? Genn wusste es nicht.
Langsam richtete Falstad sich wieder auf. Seine Knochen schmerzten von dem Stoß, den der Admiral ihm versetzt hatte. Aber er ließ sich nicht unterkriegen. „Du hast mir erzählt, was mit Burghy geschehen ist. Was ist mit Derrick?" Statt einer Antwort holte der Admiral mit seinem Tentakelarm aus und wollte den kleineren Piraten erneut gegen die Wand schleudern. Dieser hatte den Angriff jedoch erwartet und konnte ausweichen. Er duckte sich unter dem Angriff durch und sprang sofort nach vorne, um seinem Gegner einen Schlag ins Gesicht zu verpassen. Doch dieser konnte den Angriff mit seiner anderen Hand abwehren. „Na los!" forderte Falstad. „Was hast du mit Derrick gemacht!?" „Oh, er war nicht so einfach zu bezwingen wie Burghy. Mit ihm musste ich eine Weile kämpfen, aber er konnte mich nicht besiegen. Aber, wie gesagt, getötet habe ich ihn nicht. Nein, anders konnte er mir viel nützlicher sein! Nachdem ich ihn bezwungen hatte, habe ich ihn verflucht!" Falstads Augen weiteten sich vor Schreck. „Was hast du ihm angetan!? Wo ist er jetzt!?" Der Admiral schien zu grinsen, falls das mit seinem Gesicht überhaupt möglich war. „Oh, er ist ganz in der Nähe. Aber vermutlich wirst du ihn nicht erkennen." Er schlug Falstads Waffe zur Seite und trat einen Schritt zurück. Dann rief er: „DEHAIKA! Komm her!" Der Haimensch, der mit Genn kämpfte, horchte auf und lief schließlich auf die beiden zu. „Nun, Falstad, verstehst du, was ich meine?" Falstad war entsetzt. Dieses… Wesen war alles, was von seinem Freund Derrick Haika übrig geblieben war. Ein willenloser Sklave des Admirals in einer Form, die entfernt an einen Hai erinnerte. Falstad fühlte, wie seine Knie nachgaben. „Nein..." murmelte er. „Na, Falstad? Willst du ihn nicht begrüßen?" Der Angesprochene rührte sich nicht. „Nein? Also gut. Dehaika! Beende es!" Falstad sah, wie Dehaika auf ihn zusprang, mit geöffnetem Maul. Er sollte sich verteidigen. Aber er konnte es nicht. Der Schock saß noch zu tief. Plötzlich hörte er einen Ruf von der Seite: „Falstad! Komm zu dir!" Im nächsten Moment wurde er zur Seite gestoßen und schlug auf dem Boden auf. Dann hörte er einen schrecklichen Schrei und blickte auf: Genn stand dort, wo er eben noch gekniet hatte. Sein Freund hatte ihn in dem Moment zur Seite gestoßen, in dem Dehaika zubiss. Nun lag er da, mit einer großen Bisswunde im linken Bein. „Genn!" schrie Falstad. Sofort war er auf den Beinen und lief auf seinen Freund zu. Im Laufen schlug er Dehaikas Hakenhand zurück und schleuderte das Wesen gleichzeitig davon. „Genn, halte durch! Ich werde dich retten!" Falstad stand auf und nahm seine Waffe fest in die Hand. Mit seinem Auge blickte er zwischen dem Admiral und Dehaika hin und her. Mit einem lauten Kampfschrei stürzte er sich auf sie.
Da haben wir es. Endlich wird einiges aufgedeckt. Aber jetzt gibt es immer noch Fragen. Diese werden aber (hoffentlich) im nächsten Kapitel aufgeklärt. Diese Geschichte ist jetzt schon länger, als ich es zuerst beabsichtigt hatte. Ich hoffe, es gefällt euch trotzdem.
Herzlichen Dank an Consort, der diese Geschichte schon von Beginn an unterstützt. - Special Thanks to Consort, who supports this Story from the very beginning.
Also dann, bis zum nächsten Kapitel.
Edeias
