IV.

James lag auf seinem Bett im Schlafsaal und genoss die momentane Stille, hatte er doch ausnahmsweise den Raum für sich.

Remus war in die Bibliothek gegangen, um dort in Ruhe zu lernen, da ihm die Erstklässler an diesem Abend einfach zu laut und aufgedreht gewesen waren. Vermutlich eine Folge des vielen Zuckers, nachdem Sirius sie am Nachmittag mit einer großzügigen Ladung Kuchen und Kekse versorgt hatte, um sicher zu stellen, dass sie ihr Schlafsaalfenster heute Nacht offen ließen, damit Sirius nach seinem Date mit Hilfe seines Besens selbst vom Porträt der fetten Dame unbemerkt in den Gryffindorturm zurückkehren konnte. Der Jungenschlafsaal der Erstklässler war nämlich der einzige, dessen Fenster auf der dem Schloss abgewandten Seite lagen und gleichzeitig groß genug waren, um einen Menschen hindurchzulassen.

Sirius war dementsprechend gerade bei seiner neusten Eroberung – eine Ravenclaw, glaubte James jedenfalls – und Peter hatte sich schon wieder Nachsitzen eingehandelt, weil er sich dummerweise von Professor Kesselbrand dabei hatte erwischen lassen, wie er einen Slytherinklassenkameraden verhexte, der ihm die Kräuterkundehausaufgaben gestohlen hatte. James verzog angewidert das Gesicht, als daran dachte, wie Peters Strafe aussah: Thestral-Mist für die Gewächshäuser sammeln. Das Zeug stank wirklich widerwärtig. Hoffentlich dachte Peter daran, noch einen Abstecher in das große Vertrauensschülerbad zu machen, ehe er in den Schlafsaal zurückkehrte.

James selbst hatte Remus' Angebot, sich ihm in der Bibliothek anzuschließen, abgelehnt, um in Ruhe die Weihnachtsgeschenke für seine Familie und seine Freunde einzupacken. Etwas, wofür es eine Woche vor Beginn der Weihnachtsferien langsam wirklich Zeit wurde, aber zugleich ein Unterfangen, dass angesichts von Sirius' steter Neugier und dummen Angewohnheit förmlich zu riechen, wenn irgendwo einer von ihnen mit Weihnachtsgeschenken hantierte, gar nicht so einfach war. So aber war er schon nach verhältnismäßig kurzer Zeit fertig. Nun ja, fast, aber das letzte Geschenk musste er erst noch herstellen: Schokoladentrüffel für Severus.

Er seufzte leise, als ihm wieder einmal bewusst wurde, dass er sich lediglich in seinen Gedanken traute, den Slytherin bei seinem Vornamen zu nennen. Täte er es in der Öffentlichkeit, würde Sirius ihn wohl auf schnellstem Wege in die Krankenstation schleifen, da seiner Meinung nach mit seinem besten Freund etwas nicht in Ordnung sein konnte, wenn dieser Schniefelus mit einem anderen Namen betitelte als eben jenen, den die vier Rumtreiber ihrem Widersacher verpasst hatten, als dieser in ihrem ersten Jahr in Hogwarts an einer bösen Erkältung gelitten hatte. Widersacher...

Eigentlich hatte der Slytherin ihnen nie etwas getan, zumindest nicht am Anfang. Mittlerweile war es zu einer Art Geben und Nehmen ausgewachsen, wo jede Aktion von einem Lager schlicht eine Reaktion von der anderen Seite nach sich zog. Und wenn James ehrlich zu sich selbst war, würde er es vermissen, wenn Severus plötzlich aufhörte, sich gegen ihre Streiche auf seine Weise zur Wehr zu setzen. Denn das musste man dem Slytherin lassen: Statt die vier Gryffindorjungen einfach beim nächsten Lehrer zu verpetzen, zahlte er es ihnen mit gleicher Münze heim.

Ein leises Lächeln umspielte seinen Mund, als er daran dachte, wie Severus sich erst letzte Woche dafür gerächt hatte, dass Sirius und er seine Schulbücher gegen Muggel-Schmuddel-Magazine ausgetauscht hatten: Kaum, dass er und Tatze am nächsten Abend den ersten Bissen ihres Abendessens gegessen hatten, hatten sie den unbändigen Drang verspürt, vor der versammelten Schule eine halbstündige Ballade über Gnorb, den traurigen Kobold, der sich in eine Nixe verliebt hatte, zu singen.

Ja, Severus war schon immer anders gewesen. Und das war es wohl auch, dass von Anfang an James Interesse an dem Slytherin geweckt hatte. Schließlich musste etwas Besonderes an dem Jungen sein, der, ungeachtet der Hausrivalität und ebenso ungeachtet der unter den Slytherins herrschenden Vorurteile bezüglich Muggelgeborenen, eine Freundschaft mit Lily Evans unterhielt.

James wusste nicht, welche Frage ihn in Bezug auf diese Freundschaft mehr beschäftigt hatte: Was Lily in dem Slytherin sah, oder was Snape dazu trieb, seine eigenen Hauskameraden vor den Kopf zu stoßen und seine Zeit mit Lily zu verbringen. Doch was es auch war, er war fest entschlossen gewesen, herauszufinden, was diesen Jungen so anders, so besonders machte. Der erste Schritt hierzu hatte darin bestanden, die Aufmerksamkeit des Slytherin zu erringen. Und wie tat man das am einfachsten? Zumal wenn es sich um einen Angehörigen des Schulhauses gehörte, das mit seinem eigenen Haus durch eine jahrhundertealte Rivalität verbunden war, weshalb man also nicht einfach zu dem anderen hingehen und ihm die Hand zur Freundschaft reichen konnte? Und wenn man obendrein gerade mal elf Jahre alt war? Genau, man spielte demjenigen einen angemessenen und, zugegeben, kindischen Streich. Dass James bei diesem Vorhaben lebhafte Unterstützung bei seinem besten Freund Sirius gefunden hatte, der aufgrund seines familiären Hintergrunds, gegen den er sich auflehnte, jede sich bietende Gelegenheit nutzte, sich deutlich von Slytherin abzugrenzen, hatte die Sache nur erleichtert.

So hatte es damals angefangen. Zugegeben, nicht gerade die beste aller Taktiken, denn auch wenn ihnen damit Severus' Aufmerksamkeit sicher war, besser kennenlernen, ihm näherkommen, konnte James dadurch nicht. Aber es hatte auch Spaß gemacht. Zumindest in den ersten beiden Jahren. Danach hatte es zwar immer noch Spaß gemacht, allerdings hatte es James nicht mehr gereicht. Er wollte Snape endlich wirklich kennenlernen. Und so begann er, ihm und Lily Evans zu folgen, um aus auf diese Weise zufällig belauschten Gesprächen mehr über den Slytherin zu erfahren.

Natürlich war dieses Verhalten seinen Freunden und auch den beiden, denen er folgte, nicht lange verborgen geblieben. Es war Sirius gewesen, der die Idee in Umlauf brachte, dass James hinter Lily her war. Dass er hinter Snape – hinter Schniefelus – her war, war ja schließlich auch ausgeschlossen. Zunächst hatte James alles vehement abgestritten, aber da er noch nicht einmal seinem besten Freund gegenüber sein Interesse an dem Slytherin offenbaren wollte, tat dieser James Verhalten nur lachend ab und erklärte, er könne es so laut und oft abstreiten, wie er wollte, er, Sirius, habe schließlich Augen im Kopf. Und was diese Augen sahen, wies eindeutig darauf hin, dass sich sein bester Freund für Evans interessierte, und dass sie seinen Segen hätten.

Zunächst war James ziemlich verstimmt gewesen über Sirius Verhalten und wie er immer wieder dämliche Kinderreime von wegen Verliebt, Verlobt, Verheiratet in Bezug auf Lily und ihn sang, doch nach und nach erkannte er, dass diese Sache eine ausgezeichnete Tarnung für seinen wirklichen Plan abgab. Erst Recht, als James zu Beginn der vierten Klasse feststellen musste, dass sich seine Gefühle für den Slytherin von Interesse zu etwas tiefer Gehendem weiterentwickelt hatten, aus Schniefelus unmerklich Snape in seinen Gedanken geworden war und er sich immer häufiger dabei ertappte, wie auch aus dem noch harmlosen Snape ein nicht so harmloses Severus wurde. Das Ganze war für ihn natürlich nicht ohne anfängliches Entsetzen gewesen – nicht, weil es sich bei dem Menschen, zu dem er sich hingezogen fühlte, um einen Jungen handelte, seine Eltern hatten ihn diesbezüglich offen genug erzogen, sondern weil es sich ausgerechnet um seinen erklärten Erzfeind handelte. Ja, doch, unter diesen Umständen, war der Schein, Lily zu lieben, eine sichere Sache. Insbesondere, da man sich bei ihr darauf verlassen konnte, dass sie ihm mit schöner Regelmäßigkeit einen Korb gab.

Natürlich hatte all das, weder das Gerede, noch seine eigene, ihn verunsichernde Gefühlswelt, James davon abgehalten, den beiden weiterhin nachzuschleichen, um ihre Gespräche zu belauschen. Tja, und eines der belauschten Gespräche hatte dazu geführt, dass ihm die Idee kam, Severus zu Weihnachten Schokoladentrüffel zu schenken.

Es war in Hogsmeade gewesen und Lily und Severus waren gerade aus dem Honigtopf gekommen, wo sie sich jeder Schokolade gekauft hatten, als sie auf Evan Rosier, einen Slytherinklassenkameraden von Severus, trafen. Dieser hatte zunächst wie üblich auf Lily wegen ihrer Herkunft herumhacken wollen, doch als er sah, dass auch Severus Schokolade hatte, war er stattdessen auf Snape losgegangen. Er hatte diesem vorgeworfen, eine Schande für ihr Haus zu sein, nicht nur wegen seines Umgangs, sondern auch wegen seines Aufzugs. Höhnische Worte, dass er zwar für Schokolade genug Geld hätte, aber nicht, um sich mal anständige Roben zu leisten, waren weithin hörbar gewesen. Später hatte Severus Lily dann gestanden, dass lieber seine abgetragenen Kleider und das Gespött deswegen ertrug, als auf Schokolade zu verzichten. Abgesehen davon, dass das bisschen Taschengeld, das er sein eigen nannte, nie im Leben für ordentliche Roben reichen würde.

Die Erkenntnis, dass der Slytherin offenbar Schokolade liebte, hatte James in seinem Hinterkopf gespeichert, und als er ein paar Monate später überlegt hatte, ob er Snape nicht vielleicht ein Weihnachtsgeschenk zukommen lassen sollte – anonym selbstverständlich – hatte er sich daran erinnert und die Sache entschieden. Denn zufälligerweise waren Schokoladentrüffel so ziemlich das einzige, was James küchentechnisch zustande brachte. Anders als etwa Plätzchen, die alle paar Minuten aus dem Ofen geholt werden mussten, wenn sie nicht verbrennen sollten, oder Karamellen, die sich bei ihm nie aus dem Topf lösen wollten.