Kapitel 4: Rhaegar I
„Es gibt Hinweise an einem Tatort, die leider von Natur aus weder gesammelt noch untersucht werden können. Wie sammelt man auch Liebe, Wut, Hass oder Furcht? Aber wir suchen vor allem nach solchen Dingen." (Der US-amerikanische Autor James Reese)
Harrenhal, 279 n. A. E.
Es fing einfach furchtbar an. Zwar waren alle Lords gekommen, aber auch sein Vater beehrte das Turnier mit seiner Anwesenheit. Eigentlich wäre das keine Katastrophe gewesen, aber dieser Mord war es schon.
„Hast du sowas schon mal gesehen?", fragte Rhaegar den älteren Ritter, Ser Barristan Selmy.
Ser Barristan schüttelten den Kopf. „Niemals."
„Lord Tywin Lennister will sobald wie möglich mit seinem Sohn und seinem Gefolge abreisen", sagte Ser Oswell, der in den Raum hinein trat. Er blieb vor der Leiche vor dem Bett stehen. „Er will ihren Leichnam mitnehmen."
Ser Gregor Clegane, den Rhaegar selbst zum Ritter geschlagen hatte, lag da mit heruntergelassenen Hosen. Ihm war sein Schwanz abgeschnitten und sein Bauch aufgeschlitzt wurden. Seine Gedärme lagen daneben. Nicht weit davon lag die Haut eines Gesichtes. Nicht irgendeines Gesichtes, sondern das von Cersei Lennister. Ihre Leiche hatten sie im Schrank gefunden. Der Maester vermutete, dass ihr erst die Kehle aufgeschnitten wurden war, bevor ihr das Gesicht abgezogen wurde.
„Das ist verständlich", meinte Rhaegar und wandte sich von dem Bild ab. Als er eingetreten war, hatte er Mühe gehabt seinen Mageninhalt bei sich zu behalten. Keiner hier war zart besaitet, aber dass… „Wickelt sie in Tücher und übergibt sie ihn."
Rhaegar wandte sich an Ser Gerold. „Wer tut sowas?"
„Euer Ganden, ich habe keine Ahnung", antwortete ihn der Lordkommandant. „Niemand hat etwas gesehen und Lord Tywin schwört, dass es keine Verbindung zwischen den beiden gab."
„Wir müssen das aufklären", sagte Rhaegar und dachte an die schwindende Chance zu einem Bündnis mit den Westlanden. Lord Tywin dürstete zu Recht nach Rache für den Tod seiner einzigen Tochter. „Wer weiß schon davon?"
„Praktisch das gesamte Schloss", antwortete Ser Oswell unverblümt.
Das war… schlecht. Es sollte das großartigste Turnier aller Zeiten werden, aber jetzt würde für alle Ewigkeit ein Schatten darüber fallen. Selbst wenn die anderen Lords blieben, dann würden sie sich noch mehr unwohl fühlen. Das Turnier hatte noch nicht einmal begonnen und schon würden alle in heller Panik sein. Rhaegar fragte sich, wie sein instabiler Vater darauf reagieren würde. Hoffentlich mit etwas Würde. Und wenn es schon nicht so sein würde, dann lieber mit Panik als mit Häme.
„Wir müssen unbedingt herausfinden, wer das getan hat, wenn wir Lord Lennister nicht für alle Zeit gegen uns aufbringen wollen", sagte Rhaegar entschlossen. Er müsste auch eine sehr gute Braut für Jaime Lennister finden, um vielleicht etwas auszugleichen. Einmal hatte Lord Tywin seine Tochter Cersei als Braut für ihn vorgeschlagen. Auch wenn er nicht davon begeistert gewesen wäre, war es dumm von seinem Vater dies abzulehnen. Jetzt war die Perle von Casterlystein tot. „Hat irgendwer etwas gesehen?"
Rhaegar wandte sich an die Königsritter, die wie viele andere die Leute befragt hatten. Ser Oswell sah bei seiner Frage unangenehm aus und er sah ihn neugierig an. „Was wurde gesehen?"
„Mein Prinz, es… Eine Dienstmagd und zwei Wachen haben gesehen, wie Lady Cersei in diesen Raum geschlichen ist. Das ist das einzige."
Das einzige… und es würde ihnen verdammt nochmal das Genick brechen. Lord Lennister würde es nicht gefallen, wenn seine Tochter noch nach seinem Tod diskreditiert wurde, egal ob es wahr war oder nicht.
„Das darf keiner erfahren", entschied der Kronprinz. „Zahlt den drei genug, damit sie darüber den Mund halten."
Damit wandte sich Rhaegar ab und die Königsritter folgten ihm. Irgendwie hatte sie der Mord alle hierher geschlagen. Fast alle. Prinz Lewyn Martell bewachte zurzeit den König und die Königin, während Ser Jonothor Darry beschützte seine Frau und seine Kinder.
Die ganze Zeit über fragte sich Rhaegar wer das getan haben könnte und wieso. Es musste doch einen Grund für den Mord an einen edlen Ritter und einer edlen hohen Dame geben. Vor allem Ser Gregor Clegane hätte sich gut selbst beschützen müssen können. Der Mörder musste dementsprechend stark und geschickt gewesen sein.
Rhaegar wollte seinen Respekt zollen und verabschiedete sich daher persönlich von Lord Lennister. Dessen Meine war wie versteinert. Kein Gefühl war in ihm zu erkennen. Keine Trauer über den Verlust seiner Tochter. Dagegen war sein Sohn Jaime Lennister ein Wrack. Rhaegar nahm an, dass das verständlich war, schließlich waren Jaime und Cersei Zwillinge gewesen. Hätte er eine Schwester, würde er sicher ähnlich darüber fühlen. Wie er von seinen Königsgarde wusste, wollte Jaime ursprünglich der Königsgarde beitreten. Zwar hätte er den talentierten Ritter willkommen geheißen, aber es wäre ein taktischer Fehler gegen Lord Lennister. Aber sein Vater hatte es gewollt. Jetzt war das Thema sicher weg vom Tisch.
„Mein Beileid zum Verlust eurer Tochter, Lord Lennister", sprach Rhaegar sich aus. „Wir werden alles in unserer Macht stehende tun, um den Mörder eurer Tochter zu finden."
„Ich weiß, was ihr hier plant, Prinz Rhaegar", antwortete Lord Lennister. „Das habe ich immer gewusst. Wenn ich herausfinde, dass euer Vater oder ihr es wart, der diesen Mord bezahlt hat, dann ist euer gesamtes Haus mein Feind. Also bemüht euch nicht, mit euren leeren Versprechungen. Eure Heuchelei rieche ich Meilenweit."
Damit wandte sich Lord Lennister ab und zog mit seinem Gefolge davon. Sehr sprachlos sah Rhaegar dem Mann nach, der Hand des Königs. Das war mehr als schlecht. Wieso glaubte Lord Lennister, dass sein Vater oder er für den Tod von Lady Cersei verantwortlich waren?
„Jetzt kennen wir das Motiv, mein Prinz", sagte Ser Gerold. „Jemand versucht Zwietracht zwischen dem Haus Targaryen und dem Haus Lennister zu säen."
„Oder mein Vater hat den Mord an Lady Cersei wirklich befohlen", meinte Rhaegar nachdenklich. „Wenn wir ehrlich sind, wäre das gar nicht so abwegig."
„Aber nicht wahrscheinlich", widersprach Ser Gerold. „Wenn euer Vater jemand tot wünscht, dann… verzeiht mein Prinz, so hätte ich nicht denken dürfen."
Rhaegar wusste genau, worauf Ser Gerold hinaus wollte. Sein Vater hätte Lady Cersei einfach zu sich gerufen und sie bei lebendigem Leibe verbrennen lassen. Es war wirklich nicht sehr wahrscheinlich, dass sein Vater dafür verantwortlich war. Aber irgendwer wollte dass Lord Lennister das dachte, oder eben das Rhaegar diesen Mord befohlen hätte. Wer könnte von solch einem Zerwürfnis profitieren? Eigentlich traute er eine solche Intrige keinem seiner Vasallen oder einem Land zu. Aber er musste wahrscheinlich so denken, um den wahren Mörder zu finden.
„Das hier könnte sich zu einer gewaltigen Katastrophe entwickeln", sprach Rhaegar aus. „Ich hab ein verdammt ungutes Gefühl."
