4.

Der Rest der Woche verlief friedlich und Barton hatte das Gefühl, dass seinen Kollegen das Spiel ‚Wir-ärgern-Barton-bei-jeder-Gelegenheit', allmählich langweilig wurde. Auch der Inspektor hatte sich wieder einigermaßen beruhigt, er war wieder so launisch wie gewohnt.

Umso erstaunter war Barton, als ihn Chelmey eines Morgens zu sich rief und ihm in einem äußerst ruhigen Tonfall einen Platz anbot. Im Kopf des Wachtmeisters schrillten die Alarmglocken, diese Freundlichkeit verhieß nichts Gutes.

„Barton… Ich muss mit ihnen reden. Wie ich gehört habe, treffen sie sich seit einiger Zeit mit Mrs Scott." „Nun ja, ich…" Chelmey winkte ab. „Schon gut, schon gut, ihre Privatangelegenheiten sind ihre Sache. Allerdings… Wie sie wissen hat mich Mrs. Scott mit einem Fall betraut. Einem sehr kritischen Fall, wenn sie mich fragen. Ihr Exmann…" „Mrs. Scott hat mich darüber unterrichtet.", fiel Barton ihm ins Wort. „Aber… Er wurde doch verhaftet, oder etwa nicht?" Der Inspektor nahm schweigend auf seinem Stuhl platz und sah Barton an, während er die Ellenbogen auf den Tisch stützte und die Finger aneinander legte. So saß er einen Augenblick, ehe er weitersprach. „Ich fürchte, die Verhaftung von Mr. Scott hat nicht ganz den Erfolg gebracht, den wir uns erhofft haben. Um genau zu sein… Er wurde heute Morgen aus der Haft entlassen…"

Barton war vollkommen perplex. „Aber… Wieso…? „ „Zu wenig Beweise. Guter Anwalt. Ich kann es ihnen nicht sagen. Fest steht, dass er wieder frei herumläuft. Das ist aber nicht unbedingt das, was mich am meisten beunruhigt." Chelmey kramte auf seinem Schreibtisch herum, bis er eine bestimmte Akte fand. Er blätterte darin ehe er sie Barton reichte. „Wissen sie zufällig etwas über Mr. Scott?" „Nein, Sollte ich?" „Allerdings. Er war nicht zum ersten Mal hinter Gittern. Er war lange Zeit Drogenhändler, war an mehreren Raubüberfällen beteiligt und gilt als äußerst brutal. Man nennt ihn auch ‚Bonebreaker Bill`."

Barton sah erschrocken auf. „Aber… Dann kann man ihn doch nicht einfach…" Er sprang plötzlich auf, warf die Akte auf den Schreibtisch und eilte zur Tür. „Barton! Wo wollen sie hin?" „Zu Lillia! Wenn dieser Typ wirklich so gefährlich ist, wird er vor nichts zurückschrecken!" Chelmey war ebenfalls aufgesprungen und hielt den Wachtmeister auf. „Nun mal langsam, Barton!" Er zog ihn wieder in das Büro. „Nichts überstürzen! Was haben sie denn überhaupt vor? Wollen sie zu Mrs. Scott gehen und warten, bis Bonebreaker dort auftaucht? Und was dann?" Barton sagte nichts, schien zu überlegen. „Keine Sorge, Barton. Ich werde alles Nötige in die Wege leiten, um den Schutz von Mrs. Scott zu gewährleisten. Allerdings…" Er ging wieder zu seinem Schreibtisch und gab schließlich eine Aktenmappe. „Wir brauchen die Zustimmung von Mrs. Scott, für einen dauerhaften Polizeischutz."

Er grinste. „Ich denke, sie hätten nichts dagegen, diese selbst bei der Dame einzuholen, oder Barton?" Der Wachtmeister sagte nichts, nahm nur die Akte und verschwand schleunigst. Sein Chef musste nicht mitkriegen das er rot wurde.

Es regnete. Nicht das diese Tatsache in London etwas Besonderes darstellte, aber dieser Regen schien alle Rekorde brechen zu wollen. Man konnte kaum die Hand vor Augen sehen, geschweige denn, dass man bei diesem Wetter auch nur einen Hund vor die Tür jagte.

Barton stand vor der Tür, genauer gesagt vor dem Gebäude, in dem Lilla wohnte. Er sah zu ihrem Fenster hoch und fragte sich, warum gerade er Außendienst schieben musste, während seine Kollegen im Warmen saßen. Er seufzte und zog seine Jacke enger an sich, was im bei diesem Wetter nur wenig nutzte. „Aber Hauptsache, Lillia ist in Sicherheit...", dachte er bei sich, und ein lächeln huschte über sein Gesicht. Für sie würde er auch die ganze Nacht hier stehen, selbst wenn ein Schneesturm aufkäme.

Barton sah Gedankenverloren in die Ferne, als ihn ein Geräusch aufschrecken ließ. Sofort griff er zu seiner Waffe und starrte in die Dunkelheit. Das Geräusch kam näher und der Wachtmeister entsicherte die Waffe. „Halt, wer da!" Eine Gestalt löste sich aus den Schatten und Barton atmete erleichtert auf, als er den Inspektor und einen weiteren Polizisten erkannte. „Na Barton, sie sind ja voll bei der Sache. Kommt bei ihnen ja selten vor." Chelmey lachte, als er nun an Barton vorbei ging und das Gebäude betrat. Der andere Polizist grinste nur und meinte: „Pass auf, das du dir hier draußen keinen Schnupfen holst... Wachhund!" Damit verschwand auch er. Barton grummelte nur vor sich hin und bezog wieder seinen Posten, leise den Kollegen verfluchend. Seit er hier stand, und das war schon den ganzen Tag, hatte er sich diese Spötteleien anhören müssen.

„Wachhund... Wartet es nur ab, irgendwann wird er es euch mal zeigen... der Wachhund..."

Es war fast Mitternacht und der Regen hatte sich gelegt. Dafür zog nun starker Wind auf, der trotz des warmen Frühlingswetters noch recht eisig war. Barton stand noch immer auf seinem Posten und fragte sich, ob er eigentlich auch irgendwann abgelöst wurde, als Chelmey und der Kollege aus der Tür traten. „Ok, Barton, wir machen Schluss für heute. Die Kollegen für die Nachtwache verspäten sich, sie werden hier also die Stellung halten. Und das sie mir ja nicht einschlafen, verstanden?" „Ja... Ja Sir." Damit verschwanden die beiden in der Dunkelheit. Barton sah sich um. Die Straße hatte er im Blick, auch die nähere Umgebung. Was im Sorgen bereitete war die Tatsache, dass nun die Hintertür des Gebäudes unbewacht war. Was, wenn Bonebreaker durch sie das Gebäude betrat? War es nicht besser, wenn er oben in der Wohnung war, bis die Kollegen für die Nachtwache eintrafen? Er überlegte noch, als ihn ein plötzlicher Schrei aus seinen Gedanken riss. „Lillia..."

Sofort stürmte der Wachtmeister durch die Tür und die Treppe hinauf, zwei Stufen auf einmal nehmend. „Verdammt... Er hat es gewusst..." In Gedanken verfluchte er seine Kollegen und auch sich selbst, während immer ängstlichere Schreie aus der Wohnung im vierten Stock schallten. Einige der anderen Bewohner sahen neugierig aus ihren Wohnungen, als Barton an ihnen vorbeihetzte und im Lauf seine Waffe entsicherte. Wie konnten sie nur so dumm sein? Bonebreaker war ein Krimineller, natürlich hatte er sie die ganze Zeit beobachtet und nur darauf gewartet, dass sie einen Fehler machten! Die letzte Treppe. Barton stürmte in die Wohnung, die Waffe im Anschlag. „Keine Bewegung!"

Der Mann der dort mitten im Wohnzimmer stand und Lillia am Arm festhielt, drehte sich in aller Seelenruhe um, die Waffe die auf ihn gerichtet war vollkommen ignorierend. „Sieh an, sieh an. Inspektor Chelmey hat seinen Wachhund da gelassen!" Er grinste hämisch, dann stieß er die Frau von sich und ging auf Barton zu. „Stehen bleiben, oder ich schieße!" Der Mann lachte nur und baute sich vor dem Wachtmeister auf. „Du glaubst doch nicht im ernst, dass ich vor so einem Gnom wie dir und deiner Spielzeugwaffe Angst habe, oder?" Er griff an seinen Gürtel und zog einen riesigen Dolch hervor. „Halt still, dann tut's auch nicht so weh." Damit sprang er auf Barton zu.