Mara verabschiedete sich vorübergehend von Mirax und ritt auf das kleine Hotel zu. Sie stieg ab und schlang die Zügel ihres Rotfuchses lose um das Geländer, dann ging sie hinein.
Es war nicht so schlimm wie sie erwartete hatte. Das Hotel schien in gutem Zustand zu sein. An der Rezeption stand ein älterer Mann und betrachtete sie neugierig, als sie sich ihm näherte.
"Guten Tag. Was kann ich für sie tun?", fragte er höflich.
"Ich brauche zwei Zimmer.", erwiderte Mara knapp.
Sie hatte keine große Lust auf ein längeres Gespräch und ihre Kehle war noch immer wie ausgetrocknet. Bevor sie nicht einen Whiskey oder ein kühles Bier getrunken hatte, würde sie nicht mehr als nötig sagen.
"Selbstverständlich, Ma'am. Ihr Name bitte?"
"Jade.", antwortete Mara seufzend.
Der Mann trug sie in das Buch ein und fragte erneut: "Wie lange haben sie vor, die Zimmer zu mieten?"
"Höchstens zwei Tage."
Endlich war er fertig und reichte ihr die zwei Schlüssel. Mara dankte ihm und stieg die Treppe hinauf. Die Zimmer lagen sich gegenüber und Mara betrat eines davon. Es war nicht sonderlich herausragend, aber sie hatte schon Schlimmeres gesehen.
Sie ging nach unten und holte ihre Satteltasche. Nachdem sie alles auf ihrem Zimmer verstaut hatte, führte sie ihr Pferd zum Stall und auf dem Weg dorthin nahm sie Mirax' und McQuinn's Pferde mit, wobei sie sich erst versicherte, dass ihr Gefangener gut verstaut war.
Eine halbe Stunde später hatte sie alle Pferde versorgt und entschied sich, in den Saloon zu gehen, wo Mirax sicherlich schon war.
Sie überquerte die Straße und bemerkte die Blicke, die manche ihr zuwarfen. Es wurde immer kühler und nur noch wenige Leute waren auf der Straße. Ein leichter Schauer hatte eingesetzt und Mara zog die Schultern zusammen, als ihr Regentropfen den Rücken hinunterliefen. Nach dieser Hitze war der Regen eine willkommene Abwechslung, aber trotzdem war sie froh, dass sie heute nicht im Freien schlafen musste. Es wäre sicher unangenehm geworden, noch dazu mit McQuinn, der wahrscheinlich keine Ruhe gegeben hätte.
Sie betrat den Saloon und nachdem sich ihre Augen an das Halbdunkel gewöhnt hatten, entdeckte sie Mirax an einem Tisch zusammen mit sieben Männern.
Mara vermutete, dass der Schwarzgekleidete Mirax Bekannter sein musste. Dann war da noch ein großer Mann und ein Schwarzer, einer der wie ein reicher Schnösel aussah, ein Kind und einer mit einem Schnauzer, der ununterbrochen auf Mirax einredete. Und ein Mann, der ähnliche Kleidung wie Mara selbst trug. /Vermutlich ein Tracker, schätzte Mara und betrachtete ihn genauer. Sie erkannte sein Gesicht von einem Wanted-Plakat, aber da Mirax so ruhig bei ihm saß, war er wohl ungefährlich.
Mit zielstrebigen Schritten ging sie auf die kleine Gruppe zu und meinte zu Mirax, ohne dass diese sich umdrehte: "Es ist alles geregelt." Sie hatte Mirax natürlich schon vorher gespürt und andersherum genauso. Mirax war nicht erstaunt als sie Mara's Stimme plötzlich hinter sich hörte.
Wieder einmal wurde es etwas stiller im Saloon als jeder sie beäugte. Mirax zog ihr einen Stuhl heran und stellte sie dann vor.
Zu Mara's Verwunderung stellte sich heraus, dass das Kind – immerhin war er höchstens zwanzig Jahre alt – der Sheriff in Four Corners war und die anderen sechs angeheuerte Beschützer. Seltsamer hätte die Mischung allerdings nicht mehr sein können: ein Revolverheld, ein Ex-Kopfgeldjäger, ein Frauenheld, ein Glücksspieler, ein Ex-Priester und ein Ex-Sklave. Und dazu das Kind.
Mara schüttelte ungläubig den Kopf. Sie betrachtete jeden der Reihe nach und musste zugeben, dass es höchst interessante Männer waren. Ihr Blick ruhte etwas länger auf dem Ex-Kopfgeldjäger. Er erwiderte ihren Blick unverwandt und nach einigen Sekunden wandte sie sich ab.
Sie bemerkte, dass vor ihrer Nase ein Kühles Bier stand. Sie bevorzugte zwar Whiskey, aber da Buck Wilmington, der Frauenheld, ihr die Entscheidung abgenommen hatte, zuckte sie nur mit der Schulter und nahm einen tiefen Schluck.
Diese Gegend hier war nicht einmal so schlecht. Das Bier schmeckte gut und der Saloon war einigermaßen in Ordnung. Mara bemerkte, dass der Mann namens Ezra mit seinen Pokerkarten herumspielte und musterte ihn kurz. Er sah aus wie ein Falschspieler. Mara konnte so etwas auf hundert Meter Entfernung erkennen. Immerhin hatte sie selbst lange genug Poker gespielt - nicht immer fair - um zu wissen, worauf man achten musste.
Ezra bemerkte ihren Blick und setzte ein charmantes Lächeln auf.
"Kann ich sie vielleicht für ein kleines Pokerspiel interessieren, Ma'am?", fragte er höflich, wobei sein südamerikanischer Akzent deutlicher hervorstach. Mara lächelte und nickte.
Buck und Josiah stiegen ins Spiel mit ein und die anderen beobachteten Mara neugierig. Es war offensichtlich, dass sie eine erfahrene Spielerin war, nach der Art zu urteilen, wie sie die Karten ausgab. Sogar Ezra war überrascht. Er zeigte es nicht, aber Mara wusste es.
Sie lächelte siegessicher und verteilte die restlichen Karten.
Chris seufzte erleichtert auf, als Buck endlich von Mirax abließ und sich Mara zuwandte, bei der er sich wahrscheinlich erhoffte, mehr Chancen zu haben. Er schüttelte leicht den Kopf.
Manchmal wusste Buck einfach nicht, wann er verloren hatte. Aber das war nicht sein Problem, Buck würde es schon früh genug erfahren. Spätestens wenn entweder Ezra oder Mara ihm sein ganzes Geld aus der Tasche gezogen hatten.
Er beschloss die Gelegenheit zu nutzen und sich endlich mit Mirax über deren Pläne zu unterhalten. Also stand er auf und forderte Vin und Mirax mit einem kurzen Nicken auf, ihm zu folgen. Die anderen blieben am Tisch zurück und verfolgten gespannt das Spiel, bei dem es immer klarer wurde, wer gewinnen würde. Und diesmal war es nicht Ezra, was diesen allerdings nicht sonderlich zu stören schien. Gegen eine schöne Frau verlor es sich wohl leichter.
Chris führte die anderen nach draußen. Es hatte zwar angefangen zu regnen - eigentlich goss es eher wie aus Eimern - und ein kühler Wind fegte durch die jetzt leere Straße, aber es war nicht so kalt, wie er angenommen hatte. In der Ferne sah er einen Blitz und etwas später folgte ein leises Grollen. Chris hoffte, dass das Gewitter nicht direkt auf sie zukam. Es schien ziemlich heftig zu sein.
Sie gingen in den Pferdestall, weil Chris annahm, dass sie dort ungestört sein würden, und er hatte Recht. Außer den Pferden befand sich niemand dort.
Mirax ging zu ihrem schwarzen Wallach und strich ihm leicht über die Stirn. Das Pferd wieherte und stieß sanft mit der Schnauze an ihre Schulter. Chris lächelte leicht. Mirax hatte immer gewusst, wie man mit Pferden umgehen musste.
"Ein schönes Tier.", bemerkte Vin und Chris konnte die Bewunderung in seiner Stimme heraushören. Vin hatte Recht. Es war wirklich ein Prachtross.
"Allerdings.", erwiderte Mirax stolz. "Ich habe ihn von einem Indianerstamm aus dem Norden. Der Häuptling hat ihn mir als kleines Dankeschön geschenkt." Sie lächelte, als sie sich an die ganze Geschichte erinnerte. "Meiner Meinung nach ein viel zu wertvolles Geschenk. Immerhin war das ihr schönstes Pferd. Aber er hat darauf bestanden. Und einem Häuptling kann man schlecht etwas abschlagen."
Chris war sicher, dass Vin gerne die ganze Geschichte gehört hätte. Immerhin war er bei Indianern aufgewachsen und betrachtete jeden, der auch nur im entferntesten mit Indianern zu tun hatte, als Seelenverwandten. Aber dafür war später immer noch Zeit. Außerdem gab es etwas, was ihn brennend interessierte.
"Was ist mit deiner Partnerin?", fragte er unvermittelt. "Wird sie ein Problem sein?"
Mirax lächelte über seine Direktheit. Aber sie schüttelte gleichzeitig den Kopf. "Nein, keine Sorge. Sie ist...harmlos." Sie grinste. "Ich vertraue ihr. Immerhin kenne ich sie schon eine Weile." Sie sah Chris dabei in die Augen und dieser wusste sofort, dass Mara ebenfalls unsterblich war.
Es wunderte ihn immer noch, das Mirax ihm ihr kleines Geheimnis anvertraut hatte. Immerhin hatte er damals nicht gerade zu den vertrauenswürdigsten Menschen gehört. Aber anscheinend hatte Mirax das nicht gestört. Chris nahm an, dass sie genügend Menschenkenntnis besaß, was die Sache allerdings noch seltsamer erscheinen ließ. Er hätte sich damals nicht einmal selbst einen Penny anvertraut und Mirax verriet ihm gleich das unglaublichste Geheimnis, von dem Chris jemals erfahren hatte.
Nach Sarah's und Adam's Tod allerdings hatte er sie für dieses Wissen verflucht, dass sie ihm verliehen hatte. Er hatte damals nicht verstehen können, wie Menschen ganze Jahrtausende am Leben bleiben konnten, während seine Frau und sein Kind grundlos sterben mussten. Sie hatten nichts getan und doch waren sie tot. Und Mirax hatte vermutlich schon hunderte von Menschen getötet und lebte immer noch auf dieser Erde.
Doch er hatte sich schließlich damit abgefunden. Irgendeinen höheren Grund musste es schon geben, warum es Unsterbliche gab. Und das Mara eine von ihnen war, überraschte ihn eigentlich nicht. Er hatte nur sichergehen wollen. Denn er wusste aus Erfahrung: dort wo Unsterbliche - und besonders Mirax - beteiligt waren, gab es immer Probleme. Oder jedenfalls unangenehme Überraschungen.
Mirax musterte Vin. "Außerdem hätte sie schon längst irgendwas unternommen, wenn sie was gegen dich gehabt hätte. Sie fackelt nicht lange wenn's um solche Dinge geht." Sie grinste. "McQuinn kann ein Liedchen davon singen."
"Wie habt ihr es geschafft ihn zu schnappen?", fragte Vin neugierig. Er war jetzt beruhigt und außerdem gefielen ihm diese beiden Frauen. Es kam schließlich nicht jeden Tag vor, dass man zwei weibliche Kopfgeldjäger traf. Und dann auch noch so gutaussehende. Außerdem hatten sie McQuinn gefasst, das war schon ein kleines Wunder an sich. Wahrscheinlich hatten dutzende Kopfgeldjäger das gleiche versucht - ohne Erfolg. Vin wusste, wie schwer es war, diesen Typen zu finden. Er hatte es selbst einmal versucht, aber nach fast vier Monaten ohne irgendeinen Hinweis auf seinen Aufenthaltsort hatte er es schließlich aufgegeben.
"Oh, es hat eine Zeit lang gedauert.", meinte Mirax. Chris fragte sich wie lange, aber das spielte bei Unsterblichen wohl keine allzu große Rolle, oder?
"Als wir ihn aber dann gefunden hatten, war es ein Leichtes. Schon ein Wunder, dass so ein Dummkopf sich so lange verstecken konnte. Aber er hält sich für einen Profi, und anscheinend hat es ihm jeder abgenommen." Sie bemerkte Vin's fragenden Blick und erklärte: "Er ist nur ein Mann. Das macht ihn in meinen Augen ziemlich berechenbar. Und Mara kann sehr überzeugend sein. Sie ist eine hervorragende Schauspielerin. Hat ihn glatt um den kleinen Finger gewickelt. Kein Wunder, dass er so sauer auf sie ist." Sie lächelte, als sie sich an McQuinn's Gesicht erinnerte, als er herausgefunden hatte, wer sie wirklich waren.
Sie wollte gerade etwas hinzufügen, als sie von draußen Hufgeklapper hörten. Chris ging zur Tür und lugte vorsichtig hinaus. Dann runzelte er verwirrt die Stirn.
"Was sucht die Kavallerie hier?", murmelte er leise und trat vollends hinaus. Sofort peitschte ihm der Regen ins Gesicht und er zog die Schultern zusammen, als das Wasser seinen Rücken hinunterlief.
Der Anführer - ein Major, wie Chris an den Rangabzeichen erkennen konnte - hatte ihn gesehen und kam auf ihn zu. Er zügelte sein Pferd einige Schritte vor ihm und tippte zur Begrüßung mit zwei Fingern an die Hutkante. "Sir. Ich suche den Sheriff."
Chris musterte den Mann. Er war groß und kräftig gebaut und sah so aus, als verstünde er seinen Job. Er wunderte sich nur, warum sie nicht darüber informiert worden waren, dass die Armee nach Four Corners kam. Er hasste Überraschungen.
"Chris Larabee. Ich bin sein Stellvertreter. Was wollen sie hier?", fragte er knapp und nicht unbedingt freundlich. Er verschränkte die Arme vor der Brust und wartete ungeduldig.
Der Major betrachtete ihn kurz, dann nickte er knapp. "Major Callburn. Wir haben einen Gefangenen. Er soll nach Green Valley überführt werden. Eigentlich wollten wir keinen Stop machen, aber das Gewitter würde uns zu sehr aufhalten. Wir warten, bis es vorbei ist. Ist noch eine Zelle frei?"
Chris sah die anderen Soldaten der Reihe nach an und bemerkte unter ihnen einen weiteren Mann, der mit Handschellen gefesselt war. Er hatte den Hut tief ins Gesicht gezogen, so dass Chris ihn nicht erkennen konnte. Misstrauisch kniff er die Augen zusammen, nickte aber trotzdem.
"Folgen sie mir.", meinte er nur und ging los. Der Major war abgestiegen, und während ein Sergeant und der Gefangene ihm folgten, brachten die anderen Soldaten die durchnässten Pferde in den Stall.
"Wer ist ihr Gefangener?", fragte Chris und warf einen weiteren Blick auf den gefesselten Mann. Er hatte das Gefühl ihn zu kennen, konnte aber nicht sicher sein.
"Jack Johnson."
Chris warf Callburn einen finsteren Blick zu und schüttelte den Kopf. Wenn das keine Probleme waren, dann wusste er auch nicht. Ausgerechnet dieser Schwerverbrecher - auch genannt 'Der Schlitzer' - musste Four Corners einen Besuch abstatten. Chris wären im Moment hunderte andere Leute eingefallen, die er lieber hier haben würde. Er hoffte nur, dass Johnson's Bande nicht ausgerechnet jetzt versuchen würde, ihren Anführer zu befreien. Nach allem, was Chris über ihn wusste, hatte Johnson eine kleine Armee um sich gescharrt. Es waren vielleicht keine Soldaten, und ihre Bewaffnung war auch nicht so vielfältig, aber ihre Absichten vertraten sie dafür umso deutlicher.
Chris verfluchte wieder einmal das Schicksal, das ihnen anscheinend niemals Ruhe gönnen wollte und betrat das Gefängnis. McQuinn starrte ihm finster entgegen, aber Chris beachtete ihn nicht weiter. Er schloss die nächste Zelle auf und wartete, bis Callburn den Gefangenen hineingestoßen hatte. Dann schloss er wieder ab und hängte den Schlüssel zurück an seinen Platz.
"Wird er hier sicher sein? Wir haben nicht den ganzen Weg gemacht, um ihn jetzt entwischen zu lassen.", meinte Callburn zweifelnd.
Chris zuckte mit der Schulter. "Stellen sie einige ihrer Leute ab, wenn sie wollen. Ich habe nichts dagegen." Er nickte dem Major und dem Sergeant zu und ging nach draußen. "Ich hab noch zu tun. Den Sheriff finden sie im Saloon. JD Dunne." Damit kümmerte er sich nicht weiter um die Soldaten, sondern ging zurück zum Stall.
TBC...
