Emergency Room

Kat presste ihre Hand auf die klaffende Wunde am Unterleib des Polizisten, als dieser junge Arzt sich neben sie kniete. Der Polizist verlor viel zu schnell viel zu viel Blut. „Er wird sterben!", sagte Kat und sah zu dem jungen Mann auf, der nach einem Puls am Hals des Polizisten fühlte.

Carter schüttelte betroffen den Kopf. „Ich weiß."

Kat sah ihn eindringlich an und dann wieder zum Polizisten, in dessen Blut sie kniete. Das konnte doch einfach alles nicht wahr sein. Wieso war sie denn um Himmel´s Willen Ärztin geworden? Sie sollte den Menschen doch helfen! Verwirrt lehnte sich Kat zurück an die Wand und schloss für einen kurzen Moment die Augen. Sie hatte doch nur etwas zu Mittag essen wollen. Mehr wollte sie doch gar nicht. Mittagessen, dann arbeiten. Eine neue Arbeit, ein neuer Anfang. In Chicago. Mehr wollte sie doch gar nicht. Und jetzt kam sie wahrscheinlich auch noch zu spät zu ihrem ersten Arbeitstag, oder vielleicht kam sie sogar gar nicht mehr. Seufzend schloß sie die Augen. Willkommen in Chicago.

„Miss, geht es ihnen nicht gut?", fragte Carter und musterte besorgt das Gesicht der hübschen Frau, die sich sofort um den Polizisten hatte kümmern wollen. Ihr ganzes T-Shirt war voller Blut und ihr Gesicht war weiß wie Schnee. Sie hatte dem Polizisten helfen wollen, und das hätte längst nicht jeder getan, dachte Carter und griff mit seiner Hand nach Kat´s Arm. „Ich bin John."

Kat schlug langsam wieder die Augen auf und sah ihn an. Wäre ein Lächeln in dieser Situation angebracht gewesen, dann hätte sie gelächelt, aber es erschien ihr unpassend. „Ich bin Kat und mir geht es gut."

„Wirklich?"

Kat nickte und versuchte ihren eigenen Puls wieder unter Kontrolle zu bringen. „Ja." Sie hasste es, wenn sie nach ihrem Gemütszustand gefragt wurde. Auch wenn sie sich nicht 100 tig auf dem Damm fühlte, würde sie das niemals zugeben. Auch jetzt nicht. Sie fühlte sich machtlos und das machte ihr Angst.

„Was soll denn das da werden?", schrie Nathan und kam auf Carter und Kat zu, die neben dem toten Polizisten am Boden hockten. „Hier wird nicht geredet, habt ihr mich verstanden, sonst werde ich euch wohl mal zeigen müssen, was passiert, wenn ihr nicht ruhig seid."

„Nathan, lass sie doch!", bettelte Ben und schielte durch die Fenster. „Was machen wir denn jetzt? Ich will hier weg, man!"

Nathan nickte. „Bruder, wir kommen hier weg, glaub mir. Die werden uns schon gehen lassen, die scheiß Cops, immerhin haben wir doch Geiseln!"


„Wir bekommen in zwei Minuten zwei Schwerverletzte eines Fließbandunfalls rein. Wo sind Malucci und Carter?", rief Weaver und machte sich bereit für die neuen Patienten.

Kaum hatte sie das gesagt, da kam Malucci auch schon um die Ecke gerannt. Doch von Carter war immer noch nichts zu sehen.

„Verdammt, wo ist denn Carter?"

Malucci schüttelte den Kopf. „Kein Ahnung. Das letzte Mal habe ich ihn gesehen, als er ins Ärztezimmer ging!"

Aber dann hatten sie keine Zeit mehr darüber nach zu denken, denn sie konnten die Sirenen schon von weitem hören.

Carter hörte Sirenen in der Ferne, die immer näher kamen und er fragte sich ob es die Sirenen der Polizei oder die Sirenen eines Krankenwagens waren. Kurz darauf ging sein Pieper. Es musste sich also um ein Krankenwagen handeln, der kurz darauf in die Einfahrt bog. Doch kaum zwei Sekunden später hörte er erneut Sirenen und diesmal, da war er sich sicher, waren es die, der Polizei.


Kat atmete geräuschvoll aus und sah zu Carter auf, der in Gedanken versunken zu Ben und Nathan hinüber sah. Er war also auch Arzt. Und zwar ein wirklich gutaussehender, wenn dieser Gedanke in so einer Situation angebracht war. „Danke!", sagte sie ganz leise und schenkte ihm doch ein kleines Lächeln.

Carter drehte langsam seinen Kopf und sah in Kat´s wasserblaue Augen. „Wofür?"

„Dafür, dass sie mich beschützen wollten!"

Carter lächelte sanft zurück und setzte sich neben sie an die Wand. „Das hätte doch jeder gemacht."

Doch da war sich Kat noch lange nicht so sicher. Vorsichtig sah sie zu Ben und Nathan herüber und warf dann einen Blick auf die alte Frau, die Nathan als Geisel genommen hatte, während der Partner des toten Polizisten das Doc Magoo´s betreten hatte. Die alte Frau lag schluchzend am Boden und drückte sich eng an den Tresen, auf dem die Kasse stand. Manchmal sah sie zu Kat und John hinüber. In Kat baute sich wieder dieser Instinkt auf, einem Menschen helfen zu müssen, doch sie wusste, dass sie es nicht würde riskieren können zu dieser Frau hinüber zu kriechen. Das ist also Amerika, dachte Kat. Sie hatte solche Überfälle immer nur im Kino gesehen und kaum war sie hier, da bekam sie so einen Überfall live und in Farbe mit.

Carter beobachtete die Frau mit dem kleinen Kind, dass die ganze Zeit weinte. Sie konnte es einfach nicht beruhigen und es schien als würde Nathan auf dieses Geschrei allergisch reagieren, denn auch er wurde immer nervöser, lief von einem Fenster zum anderen und sah dann wieder zu der Frau mit dem Kind. Carter wusste, dass es sich nur noch um Minuten handeln konnte, bis Nathan die Sicherung rausfliegen würde.

Und er sollte Recht behalten.


„Hat sich Carter, unser Faulpelz, mal irgendwie gemeldet?", fragte Kerry zornig und trat aus dem Traumaraum, nach dem sie die Verletzten versorgt hatten.

Jeder schüttelte den Kopf.

„Oh man, der Junge kann was erleben.", knurrte Kerry und humpelte weg.

Malucci stand mit Jing-Mei einfach nur da und sah seiner Chefin hinterher. „Oh man, John, ich möchte nicht in deiner Haut stecken mit dem Chief im Nacken."

Jing-Mei sah ihn erstaunt an. „Er hat es doch gar nicht anders verdient. Wer mir meinen Kuchen nicht mitbringt, der muss bestraft werden.", sagte sie und verschwand ebenfalls.


Immer mehr Polizeiwagen versammelten sich vor dem Doc Magoo´s.

Nathan sah besorgt durch die Fenster und das Kind weinte immer noch. Plötzlich riss er seine Waffe aus dem Gürtel und rannte auf die Frau mit dem Kind zu, dass sofort hysterisch an zu kreischen fing.

„Bitte, bitte tun sie meinem Kind nichts, ich bitte sie!", flehte die Mutter unter Tränen und legte schützend ihre Hand um das Kind.

„Dann sagen sie ihrem verdammten Balg, dass es ruhig sein soll, haben wir uns verstanden?", schrie Nathan und hielt seine Waffe an die Stirn der Frau.

Kat traute ihren Augen nicht. Sie musste doch etwas tun. Irgendetwas! Mutig stand sie auf. Sie musste die Aufmerksamkeit auf sich lenken, sonst würde das Kind ganz sicher nicht ruhig werden.

Nathan wirbelte mit entsicherter Waffe zu ihr herum und traf auf ihre blauen Augen.

Kat konnte seine Angst genauso sehen, wie er ihre Angst sehen konnte.

„Habe ich dir nicht gesagt, dass du dich hinsetzten sollst, Lady?"

„Nathan ..."

„Hab ich dir erlaubt mich anzureden?", schrie er und kam auf Kat zu.

Carter´s Herz schlug bis zum Hals, denn Nathan zielte genau auf den Kopf der jungen Frau. Das konnte er einfach nicht zulassen. Denk nach, John.

„Lassen sie das Kind doch gehen. Dann schreit es auch nicht mehr. Sie haben doch immer noch genug Geiseln. Die Polizei ..."

„Die scheiß Bullen könnten sich langsam mal bei mir melden.", sagte Nathan mit zitternder Stimme.

Und fast im gleichen Moment klingelte das Telefon im Doc Magoo´s. Jeder hielt den Atem an und sah gespannt auf Ben und Nathan. Was würde als nächstes geschehen?


Kerry kam zum Aufnahmetresen und hörte zum ersten Mal die Sirenen. „Bekommen wir etwa schon wieder einen Notfall?", fragte sie Carol, die mit Malucci´s Gameboy spielte.

„Keine Ahnung."

Mit gerunzelter Stirn machte sich Kerry auf den Weg nach draußen und traf dabei auf Dr. Kovac, der ebenfalls auf dem Weg nach draußen war.

„Was ist da los?", fragte er. „Man kann ja nicht mal vernünftig seinen Papierkram erledigen."

Kerry zuckte mit den Achseln und trat zusammen mit Luca in die kalte Einfahrt. Obwohl die Sonne schien war es eisig draußen. Langsam kamen sie beide um die Kurve und sahen hinüber zum Doc Magoo´s, das von Polizeiwagen umstellt war.

„Es scheint was bei Doc Magoo´s los zu sein.", sagte Kerry und näherte sich der Absperrung, die die Polizei errichtet hatte.

Ein Officer drehte sich zu ihr um und streckte ihr seine Hände entgegen. „Tut mir leid, Ma´am, aber sie können hier nicht durch."

„Was zum Teufel ist denn los da drüben?"

„Vor circa 15 Minuten haben zwei Männer den Laden da überfallen und halten jetzt Geiseln fest."

Luka seufzte laut. „Oh mein Gott."

Kerry nickte. „Hoffentlich geht alles glatt!", sagte sie zum Officer, der daraufhin ebenfalls nickte.

„Wir geben unser Bestes!", sagte er und drehte sich wieder weg.

Langsam ging Kerry zusammen mit Luca wieder auf den Eingang des Notaufnahme zu, als ihnen Dr. Jing-Mei Chan entgegen kam.

„Hey, wo wollen sie denn hin?", fragte Kerry und sah die junge Assistenzärztin fragend an.

Dr. Chen seufzte und rieb sich den Bauch in der Magengegend. „Ich werde mir im Doc Magoo´s was zu essen kaufen gehen, weil Carter ja anscheinend keine Zeit hat an mich zu denken."

„Was?", fragte Luca verwirrt.

„Ich habe Carter vor fast 20 Minuten gebeten mir doch bitte etwas aus dem Doc Magoo´s mitzubringen und dann ist er einfach nicht mehr wieder gekommen! Dieser Faulpelz."

Kerry tauschte einen besorgten Blick mit Luca aus und beide dachten dasselbe.

„Oh mein Gott!", wiederholte Luca und stürmte mit Kerry bis zur Absperrung.

„Was ist denn los?", rief Jing-Mei und lief ihnen nach.


„Ja, wir haben hier sechs Geiseln. Ihnen wird nichts passieren, wenn wir hier ohne großen Aufstand verschwinden können, okay?", sagte Nathan ruhig ins Telefon.

Kat warf einen Blick zu John. Er gefiel ihr, denn er war ganz ruhig und gab diese Ruhe an sie weiter. Dann warf Kat einen Blick auf Ben, der die ganze Zeit zu dem toten Polizisten am Boden starrte. Sie wusste, dass Ben die Schwachstelle war. Jede Kette ist immer nur so stark wie ihr schwächstes Glied. „Ben, wenn ihr jetzt aufgebt, dann habt ihr immer noch gute Chancen."

Vorsichtig sah Ben in ihre Richtung und schüttelte dann den Kopf. „Man Lady, ich habe einen Bullen abgeknallt, dafür komme ich verdammt noch mal in den Knast."

Carter sah zu Kat hinauf, die immer noch stand. So mutig das auch von ihr war, sie könnte wirklich Probleme mit einem der beiden kriegen.

„Hören sie Ben, wenn sie sagen, dass sie das nicht wollten, dann, dann wird man ihnen glauben, da bin ich mir sicher."

Fast weinend schüttelte Ben den Kopf. „Die glauben mir nie, verstehen sie Lady? Ich hab einen von ihnen abgeknallt. Die werden mir doch nie im Leben glauben ... niemals, verstehen sie?"

Nathan legte das Telefon zur Seite und sah Kat böse an. „Hab ich dir nicht gesagt, dass du dein Maul halten solltest? Du redest kein verdammtes Wort mehr mit meinem Bruder, hast du mich verstanden? Was für ein Quatsch von wegen, wenn wir jetzt aufhören, dann wird alles gut. Nichts wird gut. Jetzt nicht mehr und die Geiseln sind unsere einzige Fahrkarte in die Freiheit, verstanden?"

„Aber selbst mit nur einer Geisel könntet ihr doch frei kommen, verdammt ... ich meine ..."

„Du gehst mir langsam ganz schön auf die Nerven, Puppe. Was du meinst ist mir scheißegal, verstanden?", rief Nathan und kam auf sie zu. „Falls du hier irgendetwas versuchen solltest, dann garantiere ich dir, bereite ich dir deine eigene kleine Hölle auf Erden. Haben wir uns verstanden?"

Kat nickte und ließ sich dann langsam wieder auf den Boden neben John sinken, der sie besorgt ansah. Gott, wie würde das hier alles bloß enden?