04 - Ein ungemütlicher Gast

Mit einem hellen, klingenden Scheppern fiel die Rasierklinge in das Waschbecken und verspritzte winzige rote Flecken auf dem sauberen Porzellan. Cormac blickte verzweifelt auf, bemerkte die zitternden Lippen seines Spiegelbildes und büßte die Kraft, die ihn angehalten hatte, sein Ziel zu erreichen mit einem Male ein. Er hielt den Beckenrand mit einer Hand fest umklammert, als er sich langsam zu Boden sinken ließ und rückwärts robbte, bis er die Kälte der Badewanne in seinem Rücken spürte. Dann lehnte er sich nach hinten, zog die Knie an und umklammerte sie mit seinen Armen.

"Das ist ein böser Traum", sprach er zu sich selbst, seine Stimme klang dumpf und kratzend. "Das kann nur ein böser Traum sein." Das frohe Lachen von Edgar, das jetzt nur noch in seiner Erinnerung bestehen konnte, hallte ihm in den Ohren nach, bis es nicht mehr der einzige Klang war, der das Badezimmer erfüllte.

Das vielstimmige Vogelgezwitscher, das den kommenden Tag ankündigte, war sogar durch das geschlossene Fenster zu hören. Cormac erhob sich mühsam, mit vor Müdigkeit bebenden Gliedmaßen und stellte sich an das kleine quadratische Fenster. Mit dem Wissen, dass er jetzt noch nicht sterben würde, lehnte er die Stirn gegen das von Raureif bedeckte Glas und sah sich zum ersten Mal in seinem Leben den Sonnenaufgang an.

Als die Türklingel mit dem ihr eigenen quäkenden Störgeräusch schellte, begann sein Puls wieder vor Furcht zu rasen, doch er rührte sich nicht in der Hoffnung, der Besucher möge wieder verschwinden. Seine Finger umklammerten die Fensterbank so fest, dass seine Knöchel weiß hervortraten. Doch das Läuten wiederholte sich.

Cormac stieß seinen in Anspannung angehaltenen Atem durch die Nase aus und warf einen raschen Blick auf die Eingangstür des Hauses, konnte aber von seiner Position aus nur die Oberfläche des Vordaches sehen, auf dem sich am Tag zuvor Regenwasserpfützen angesammelt hatten.

Während er zögerlich jedes Glied seiner Hand einzeln von der weiß gestrichenen Fensterbank löste, betete er inständig, es möge nicht sein Vater sein, der seine Nachricht nun erhalten hatte und ihn zur Rechenschaft ziehen wollte. Voller Furcht schlich er den dunklen Flur entlang, malte im Takt seiner Schritte einen Schatten an die weißen leeren Wände und als er die Wohnungstür erreichte, klingelte es ein drittes Mal. Er spähte durch den Türspion und erblickte eine dunkelrote Haarmähne. Es war seine Schwester Abigail. Erleichtert seufzte er auf und fuhr sich durch das Stirnhaar, bevor er die Tür öffnete.

"Du liebe Güte, Cormac! Was zum Teufel hast du angestellt!" Die weit aufgerissenen mandelförmigen Augen der Frau schweiften über die dunklen Augenränder hinab bis zu der Schnittwunde an seinem Hals, die zwar nicht tief genug war, um ihm zu schaden, doch seine Absichten mehr als deutlich verriet.

Cormac kratzte sich verlegen an seinem stoppeligen Kinn, trat zur Seite, um die Dame einzulassen und antwortete: "Ich habe mich beim Rasieren geschnitten..."

Sie ging rasch an ihm vorbei, jeder Schritt, den sie mit ihren roten High Heels tat, verursachte ein dumpfes Klacken auf dem Parkett. Dabei ließ sie ihren skeptischen Blick keine Sekunde lang von seinem Gesicht fort durch den Raum schweifen. Ihre feine Nase kräuselte sich. "Igitt, hast du gebrochen oder so was? Hier stinkt es wirklich -"

Er zuckte zusammen. "Naja -"

Doch sie ließ ihn nicht ausreden. Mit einer drohenden Körperhaltung, die der ihres Vaters so glich, baute sie sich vor ihm auf und verschränkte die Arme vor der Brust, bevor sie ihn unterbrach. "Ist dir eigentlich klar, was du mit deinem vermaledeiten Brief angestellt hast?"

Zögernd schaute Cormac in ihre vor Wut blitzenden blauen Augen. Kaum hatte er den Mund geöffnet, redete sie weiter.

"Unser alter Herr hat fast einen Herzinfarkt bekommen. Du hast keine Sekunde darüber nachgedacht, oder?" Sie unterbrach sich kurz, doch wer Abigail kannte, wusste, dass sie nicht auf eine Antwort wartete. "Jetzt darf ich deinen Karren wieder aus dem Dreck ziehen. Du bist wirklich ein Stümper." Abigail schüttelte ihrer Haarpracht, wobei ihre funkelnden Ohrringe gegeneinander schlugen und klimperten.

"Abby -", begann er, doch sie hörte nicht und ging energischen Schrittes in die angrenzende Küche, in der festen Annahme, er würde ihr folgen. Das klack-klack-klack ihrer Schuhe glich dem Puckern seines Herzens und langsam begann eine ihm wohlbekannte Wut durch seine Speiseröhre zu brodeln. Eine Wut auf die gesamte Welt, vor allem doch auf seinen Vater und dessen Machenschaften, auf sich selbst, der er nie innegehalten und hinterfragt hatte, was er eigentlich tat und auf seine Schwester, stellvertretend für alle, die diesem Mann trotz besseren Wissens folgten.

Mit steifem Schritt ging er ihr hinterher, lehnte sich gegen den Türrahmen und betrachtete sie. Abigail saß auf dem Küchenstuhl, als würde er ihr gehören und tippte mit ihrem Zauberstab gegen ihre Fingernägel, um sie zu säubern.

"Du solltest die Firma in den nächsten Wochen jedenfalls nicht betreten. Und lass' dich bloß nicht bei ihm blicken. Du weißt, dass er es nicht ertragen kann, kritisiert zu werden. Ich werde das in Ordnung bringen, aber das ist das letzte Mal, verstanden? Wenn du oder deine Hormone danach noch mal -"

"Abigail, hör' mir zu!", rief Cormac laut. Verdutzt und mit offen stehendem Mund sah sie ihn an. "Er hat Edgar umgebracht. Er hat mir gedroht und mir gesagt, dass er dafür gesorgt hat, dass niemand von ihm und mir erfährt. Er hat ihn um-ge-bracht! Das ist kein Scherz, Abby, das weißt du und so etwas ist unentschuldbar -" Cormac unterbrach sich selbst, als er sich bewusst wurde, wie sehr seine Eröffnung sie überrascht hatte. Ihr Blick war leicht glasig geworden und ihre Mundwinkel hingen schlaff herunter. Doch nach kurzer Zeit schüttelte sie energisch den Kopf.

"Ihm und dir? Ihm und dir? Meine - Du hättest mir etwas sagen müssen!" Ihre Stimme klang noch quäkiger als sonst.

"Was hätte das geändert, Abby?" Cormacs Wut war verpufft und einer Müdigkeit gewichen, die ihm bewusst machte, wie alt er inzwischen war und wie schnell die Jahre an ihm vorübergeflogen waren. Kraftlos ließ er sich in seinen Stuhl sinken und stützte die Stirn auf seine Hände. "Was zum Teufel hätte das geändert?"

Abigail schwieg eine lange Zeit. Als ihr Bruder zu weinen begann, erhob sie sich leise und ging. An der Tür drehte sie sich noch einmal um, als hätte sie etwas vergessen. "Cormac, du weißt, dass Dad alles nur tut, um uns zu beschützen. Es stimmt, du musst dir eine Freundin suchen, heiraten, Kinder bekommen. Und wenn du... du weißt schon. Wenn du eine Affäre hast, dann musst du versuchen, diskreter zu sein. Bring' dich selbst in Ordnung, fahr in Urlaub. Ich werde hier alles klären." Ihre Stimme war leise und angenehm, aber der Kontrast zu den Worten, die sie sprach, hätte nicht größer sein können.

Nachdem sie gegangen war, stürmte Cormac erneut in das Badezimmer.

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In dem fürstlich eingerichteten Büro des Abteilungsleiters Gawain Robards schwelte eine verkohlte Akte im Kamin. Die Aufschrift Earnest McLaggen war noch gut lesbar, doch der Mann, der vor dem Kamin auf und ab ging, schleuderte manchmal mit seinem Zauberstab einen glühende Feuerkugel in den Kamin, die oft verfehlte. Er murmelte in seinen bebenden Walrossbart und gestikulierte dabei in wilder Manie, obwohl außer ihm niemand im Zimmer war.

Der Kamin, breit genug, um bequem zu dritt darin zu reisen, wurde von großen Rußflecken verunziert, die sich bis zu den Fotos auf seiner Ablage empor rankten wie die Fußabdrücke einer riesigen Katze. Mit einem Zischen explodierte der nächste schlecht gezielte Feuerball an dem geziegelten Mauerwerk des Kamins, gefolgt von einem nervösen Fluchen.

Der ehrenwerte Mr. Robards versuchte es erneut, doch diesmal blieb er dabei stehen. Er traf und die Akte ging in Flammen auf.

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Nachdem er das Erbrochene mit einem geflüsterten Ratzeputz und einem demotivierten Schlenker seines Zauberstabs hatte verschwinden lassen, ging er in seinen Salon und ließ sich mit dem Hintern auf sein Kanapee sacken. Ein knirschendes Geräusch wie Schritte im Schnee ertönte und Staub wirbelte auf, sodass Cormac erstickt hustete. Ohne auch nur einen Gedanken an den erbärmlichen Zustand seiner Wohnung zu verschwenden, legte er sich so bequem es ihm möglich war nieder und ließ die Knie am Rand des Sofas hinab baumeln, während er versuchte, sich vorzustellen, wie er weiterleben sollte.

Mit einem spöttischen Lächeln im Gesicht ließ er den Film, der vor seinen Augen ablief, immer wieder Revue passieren. Sein Vater saß auf einem kunstvoll verzierten Thron und musterte mit herrischem Blick das Volk, ganz so, wie er es sich seit seinen jungen Jahren erträumen musste. Seine Mutter saß neben ihm mit zusammengepressten Lippen und so blass und farblos wie immer, leicht zu übersehen. Abigail, seine Schwester, scherzte und lachte und füllte die Tafel mit Leben, als sei es ein Leichtes, sich selbst zu verleugnen. Er selbst stand fernab mit einem Gefühl der endlosen Erleichterung im Bauch, seine Hände in einen Wandteppich verkrallt, der das Wappen, das sein Vater schon immer für die Familie wollte, trug. Ein kitschigere Assoziation zu altem Adel war ihm nicht eingefallen und umso leichter konnte er sich selbst dafür verachten, dass es ihm nicht gelang, sich von dieser Familie zu lösen, obwohl er nichts lieber wollte als das.

Erneut klingelte es. Cormac, der eine seiner braunen Locken immer wieder um seinen Finger wickelte, schreckte zusammen und riss sich dabei ein paar Haare aus. Diesmal fiel es ihm leichter, die Tür zu öffnen, denn die Angst war einer stillen Leere gewichen und die bleierne Müdigkeit erfüllte jede Zelle seines Körpers. In dem festen Glauben, seine Schwester käme zurück, um ihm Neuigkeiten zu bringen, bemühte er nicht einmal mehr den Spion. Doch der Mann, der mit gesenktem Kopf auf seiner Fußmatte stand und die Hände in den Taschen seines ausgefransten Umhangs vergraben hatte, machte ihm seinen Irrtum rasch deutlich.

Nur einen Herzschlag lang zögerten beide, dann riss Harry Potter seinen Blick nach oben und fixierte Cormac, der den Türknauf umklammerte, als hinge sein Leben davon ab. "McLaggen." Potter nickte zur Begrüßung, ehe er einen Schritt nach vorn trat. Doch als ihm bewusst wurde, dass Cormac sich nicht bewegte, blieb er erneut stehen und sah ihn skeptisch an. "Du siehst wirklich beschissen aus", stellte er fest, als würde er das Wetter kommentieren.

Cormacs Augen verzogen sich zu Schlitzen und seine Augenbrauen zogen sich zusammen. "Das musst du gerade sagen, Potter! Hast du mal in den Spiegel gesehen, he? Was willst du überhaupt hier?" Seine Stimme klang nicht annähernd so fest und gebieterisch, wie er es sich erhofft hatte, doch sie bewirkte, dass Potter verlegen mit seiner Hand in die schwarzen Härchen seines Nackens fuhr. Die andere Hand ließ er in seinen Umhang wandern und holte den Brief, den Cormac sofort erkannte, hervor. Die schwarzen, schrägen Tuschebuchstaben sprangen ihm förmlich entgegen. Harry Potter, Aurorenzentrale.

Er atmete tief ein, ehe er genau wie einige Stunden zuvor zur Seite trat, um seinen Gast einzulassen. Wortlos ging er in den Salon und ließ sich wieder auf das Sofa fallen, deutete mit ausladender Handbewegung auf die Sitzgruppe vor dem Kaffeetisch und vergrub schweigend den Kopf in den Händen.

Dankbar blickte er in die Schwärze und wünschte sich, er hätte zumindest zwei Stunden schlafen können. Ein nervöses Räuspern durchbrach die Stille und Cormac hätte am Liebsten die Augen verdreht.

"Potter, von allen möglichen Auroren, die den Fall hätten übernehmen können, schickst du ausgerechnet dich selbst her?", stieß er entnervt hervor, ohne aufzusehen. Voller Zufriedenheit registrierte er die Selbstsicherheit, die ihn überflutete, sobald er mit Personen zusammen war, die noch nervöser waren als er. Es war fast wie in seiner Schulzeit. Ein schwaches Lächeln zupfte an seinen Mundwinkeln.

Er vernahm das Rascheln von Papier von der anderen Seite des Tisches her und als Cormac schon glaubte, Potter in die Flucht geschlagen zu haben, zischte er: "Sollte der Brief nur ein Scherz sein? Wenn nein, würde ich dir empfehlen, die Sache etwas ernster zu nehmen!"

Cormac zuckte zusammen und sah auf. Potter saß in einem lindgrünen Ungetüm von Plüschsessel, hatte die Hände in den Armlehnen verkrallt und funkelte ihn an. Als er erneut zu sprechen begann, ohne auf Cormacs Antwort zu warten, wurde ihm bewusst, dass sie sich beide weiterentwickelt hatten.

"Auf Mord steht noch immer eine lebenslange Haftstrafe - und das ist gerecht und verdient. In deinem Brief schreibst du, dass dir das Opfer am Herzen lag und dass du die gerechte Strafe forderst." Er sprach sachlich, doch seine verkrampften, zitternden Hände verrieten seine unterdrückte Wut. "Dabei gibt es nur zwei Probleme. Ich bin nicht länger Auror. Und der Leiter der Aurorenzentrale ist fest entschlossen, jegliche Hinweise, Beweise und Zeugenaussagen in diesem Fall zu ignorieren."

Vor den Kopf geschlagen sprang Cormac in einer fließenden Bewegung auf die Füße. „Nein!", rief er. „Das kann nicht sein - Ist es wegen unserer Schulzeit?" Er begann, vor dem Tisch auf und ab zu gehen. „Ich hätte gedacht, dass gerade du etwas dagegen unternehmen würdest -"

„Hast du mir gerade überhaupt zugehört? Ich bin suspendiert! Und wenn du mir nicht gerade sagen kannst, wie man die Leute erpresst und beeinflusst, ohne den Imperiusfluch anzuwenden, dann kann ich dir nicht helfen!" Harry Potters Stimme bebte vor Wut, doch Cormac hielt während der Tirade erstaunt inne.

„Suspendiert? Harry Potter und suspendiert? Wenn das stimmt, dann weiß ich nichts über das Ministerium", schloss er nachdenklich und kratzte an der Blutkruste an seinem Hals herum.

Das änderte die Lage.

To be continued.