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iv.

Das unvermeidliche Klopfen an der Tür zu hören, verschärft ihre Frustration nur noch. Nach einem Fluchtweg suchend erwägt sie, ihn nicht hineinzulassen, aber im Endeffekt entscheidet sie, sie würde ihn lieber in ihrem Haus haben, als ihre Nachbarn die Polizei rufen lassen, weil irgendein verrückter Mann in einem Anzug ihren Name vor ihrer Eingangstür singt. Freilich hat er in der Zeit, die sie braucht, um sich von der Couch zu erheben und zur Tür zu laufen, ihren Namen bereits zweimal gerufen, einen bekannten verspielten Tonfall in der Stimme.

Es ist ihr Glück gewesen, dass sie mit ihm am Telefon gesprochen hat, als sie in ihr Haus ging, nur um zu bemerken, dass der Strom weg ist.

Sie hat vor ihm einfach zu zeigen, wie sehr sie von seinem Einmischen genervt ist, aber als sie die Tür aufreisst, bringt sie der Anblick von Jane, der die Taschenlampe nach oben gedreht hat, damit sie sein Gesicht von unten beleuchtet, unwillkürlich zum lachen.

„Also warst du wirklich so gelangweilt? Genug, um herzukommen?", schmunzelt Lisbon gegen die geöffnete Tür lehnend, als Jane vorsichtig ihre Schwelle übertritt, in das sehr schwach beleuchtete Wohnzimmer spähend.

„Nun, natürlich war ich das. Ich konnte dich ja schlecht im Dunkeln allein lassen." Er tritt weiter in den Raum hinein, eine Tasche auf den Kaffeetisch abstellend, als ob er bereits unzählige Male zuvor hiergewesen wäre, wenn er in Wirklichkeit nur einmal in ihrem Haus gewesen ist... und sie würde jetzt gerne nicht darüber nachdenken.

„Und siehst du, genau wie ich's mir gedacht hab. Du bist noch nichtmal auf einen Stromausfall vorbereitet. Keine Kerzen oder ähnliches, nur eine einzige Taschenlampe. Du hast meine Hilfe definitv gebraucht." Er lächelt und greift in seine Tasche, ein paar große Kerzen herausnehmend und eine Streichholzschachtel. Lisbon rollt mit den Augen, ungeheuer amüsiert bei der Vorstellung, dass sie ihn braucht, wenn es normalerweise genau andersrum ist.

„Kerzen sind ein Feuerrisiko; darum habe ich sie nicht im Haus. Und ich brauche dich hier definitiv nicht, um mich vor der Dunkelheit zu beschützen. Wahrscheinlich rennst du beim ersten Anzeichen von Gefahr sowieso zu mir."

Sie wartet nicht auf seine Reaktion und kehrt stattdessen in die Küche zurück, zwei Weingläser aus dem Schrank bei der Spüle nehmend. „Hoffe, du bist mit Wein einverstanden, da Tee ja keine Option ist", ruft sie etwas lauter, fälschlicherweise annehmend, dass er immernoch im Wohnzimmer ist.

„Wein wäre großartig, danke."

Sie bekommt eine Gänsehaut, also sie realisiert, dass er näher ist als erwartet. Sie runzelt die Stirn, als sie sich herumdreht und ein selbstsicheres Schmunzeln auf Janes Gesicht sieht, während er gegen den Tischentisch lehnt. Bedächtig bewegt er sich auf sie zu, ihr die Gläser aus der Hand nehmend.

„Und übrigens, Lisbon. Wie oft habe ich dir gesagt, dass es keinen Sinn macht, mich anzulügen?"

Ihre Augenbrauen wandern ohne ihr Zutun nach oben. „Und worüber lüge ich dich genau an?"

Wenn es nicht so dunkel wäre, hätte sie wahrscheinlich das raubtierhafte Aufblitzen in seinen Augen bemerkt, aber der Mantel der Nacht gibt ihm die Möglichkeit und Jane lehnt sich vor, nur weit genug, dass ihr Abstand immernoch als angebracht erachtet wird.

„Wir beide wissen, dass du Kerzen im Haus habst. Dein Bad würde nicht ganz dasselbe ohne sie sein."

Er geht lächelt davon, und Lisbon ist plötzlich froh über den Stromausfall. Zumindest verbirgt er ihre schreckliche Neigung zu erröten.

Etwas später, als sie auf ihrer Couch liegen, die leere Flasche Wein zu ihren Füßen, wundert sich Lisbon, wie spät es wohl ist, auch wenn sie sich zu warm und gemütlich fühlt, um sich zu bewegen.

Ihre Augen wandern nur für einen kurzen Moment zu ihrem Handy, nur knapp ausserhalb ihrer Reichweite auf der Ecke des Kaffeetisches liegend, aber Jane bemerkt es und räuspert sich. „Es ist ungefähr Viertel vor-..."

„Sag's mir nicht", unversehens schneidet sie ihm das Wort ab, nicht mal ein bisschen überrascht, dass er ihren Gedankengang kennt. Jane einen kurzen Blick zuwerfend, lächelt sie nachsichtig aufgrund seiner Verwirrung, die Zeit nutzend, um ihr Glass auszutrinken, bevor sie antwortet.

„Manchmal weiß ich lieber nicht, wie spät es ist."

Das Geständnis ist einfach, aber gefüllt mit so vielen unterschwelligen Bedeutungen, dass Jane einfach nur nickt, die Lippen zu einem matten Lächeln verziehend. Lisbon funktioniert so gut in einer zeitlich begrenzten, hochgradig stressigen Arbeitsatmosphäre, dass sogar er manchmal vergisst, dass sie mehr von einem sorglosen Gemüt hat, als sie jemals jemanden wissen lassen würde. Die Tatsache, dass sie es jetzt herausschlüpfen lässt, wärmt ihn auf eine neue Art, seine Grenzen testend, hinter die Barrieren stoßend, die er so wachsam um sein Herz errichtet hat.

„Auch wenn es dein erster Instinkt ist?"

Er bohrt behutsam nach, sie nicht verschrecken wollend, aber als sie ihn ansieht, erkennt er, dass sie weder verängstigt, nocht schüchtern ist.

„Manchmal vergesse ich, dass es einfach nur ein Job ist, weisst du?" Sie schaut weg, als sie spricht, die Hände auf der Decke ringend, die in ihrem Schoss liegt. Er ist nicht sicher, ob es das Kerzenlicht ist, das den Raum erleuchtet, oder die Art, wie sie ihre Füße unter sich geklemmt hat, aber diese Verletzlichkeit und dieses extrem weibliche Bild von Lisbon, lässt sich nicht mit dem vereinbaren, was er jeden Tag sieht. Bevor er weiss, was er tut, bedeckt seine Hand die ihre, der Daumen über ihre Knöchel streichelnd, dann ihr Handgelenk.

„Wenn du mich fragst, ich bin froh, dass du dagegen ankämpfst. Ich würde es hassen, wenn der Job dein gesamtes Leben werden würde."

Lisbon lächelt schwach bei seinen Worten, sich auf irgendetwas anderes zu konzentrieren versuchend, als seine wohltuende Berührung, „Ich denke, dafür ist es etwas zu spät."

„Ist es nicht; es ist nicht zu spät." Die leise Verzweiflung in seinem Ton berührt sie; die Anteilnahme in seiner Äußerung scheint sich im Halbdunkel ihres Wohnzimmers zu verstärken. Sie ist sich nicht sicher, ob es der Moment ist oder der Kerzenschein, der sich diffus um ihn streut, aber sie möchte ihm glauben, möchte die Versicherung haben, dass das Konzept von Normalität, von Glück, immernoch in Reichweite ist.

„Okay", nickt sie, der Blick auf ihren jetzt miteinander verschlungenen Hände ruhend. Sie ist nicht sicher, wie sie sich so nah gekommen sind, aber sie weiss, sie will sich nicht zurückziehen, gleichgültig, welche Grenze sie dabei waren, zu überschreiten.

Sie sieht wieder zu Jane, nach irgendeinem Zeichen von Beklemmung oder Angst in seinen Augen suchend, aber als alles, was sie sieht, ungetrübte Zuneigung ist, schluckt sie hart. Plötzlich ist sie sich bewusst, dass sie nicht dabei sind, eine Grenze zu überschreiten; sie haben es bereits getan.

Das ist der Grund, warum Janes nächste Worte sie nicht so sehr überraschen, wie sie es eigentlich sollten. Wenn sie ehrlich mit sich selbst ist, hat sie immer gewusst, das es passieren würde, und so lächelt sie nur, bevor sie antwortet; eine gewisse Last von ihren Schultern fallend, als sie einfach nur zustimmend nickt.

„Und ich wäre gern derjenige, der dich hin und wieder daran erinnert. Wenn das für dich in Ordnung ist."

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TBC