Disclaimer: Ich habe keinerlei Rechte an der Geschichte, was den Inhalt von Hasbro´s My Little Pony: Friendship is Magic anbelangt. Abgesehen von meinem OC ist alles deren Eigentum.
Kapitel 4: Fernfahrt
Nicht denken, laufen. Rogue lief der Schweiß in Strömen über seinen Körper. Seine Hufe gaben einen steten Rhythmus vor, auch wenn seine Vorder- und Hinterläufe brannten, seine Lungen wund waren und sein Herz pollerte wie ein defekter Boiler. Nicht denken, laufen.
Laufen, laufen, laufen.
Soll ich dir ein Geheimnis verraten?
Nicht denken, laufen.
Wir alle, egal wie alt und erwachsen wir sind, wir alle haben unsere dunkle Stunde.
Er war bei 16 Kilometer die Stunde, seit fast 40 Minuten. Er erhöhte auf 18.
Es ist nie leicht oder einfach...
Jeder Atemzug war wie ein Dolch in seiner Brust. Laufen, nicht denken.
Denn egal, wie tief das Loch ist, in das wir gefallen sind, die Sonne scheint da oben immer noch.
Sein Herz schlug ihm bis zum Hals und sein Blut rauschte in seinen Ohren. Dennoch konnte Rogue seine Sonne nicht mehr sehen.
Bankdrücken. Zu viel Gewicht. Zu viele Wiederholungen. Zu hohe Kadenz. Als er das Gewicht nicht mehr wuchten konnte, kamen ihm zwei hellgrüne Hufe zu Hilfe und hoben es in die Halterung. Rogue schwindelte unter der Anstrengung und er hatte Schwierigkeiten seine Sicht zu fokussieren.
„Junge, mach langsam." Trotter sah mit besorgtem Gesicht von oben auf ihn herab.
Rogue atmete schwer, als er sich von der Bank erhob. Ihm schwindelte, als sein Kreislauf kurz durchsackte und er fand sich auf den Knien wieder. Als er endlich den Schwindel abschütteln konnte, stemmte er sich entschlossen hoch und ging an Trotter vorbei zu den Hanteln. Er schnappte sich ein paar neun Kilogramm Gewichte und begann die Muskeln seiner Vorderläufe zu bearbeiten. Normalerweise schaffte er gut fünfzehn Wiederholungen in je drei Durchläufen, aber jetzt ging ihm nach schon nach dem sechsten Mal die Puste aus. Ärgerlich setzte er sich auf eine Bank und ließ erschöpft den Kopf hängen.
Eine Vorderlauf schlang sich um seine Schulter.
Rogue sah auf. Trotter saß neben ihm auf der Bank. Er hatte sein altes, zerschlissenes Trainigsshirt mit dem Logo der Manehattaner Feuerwehr an und betrachtete ihn mit sorgenvollem Blick.
„Junge... Rogue. Was heute passiert ist. Es war nicht deine Schuld. Du hast dein Möglichstes getan. Glaub mir, ich hab dir zugehört, während Ms. Blossom den Tee gemacht hat. Was du dem Fohlen gesagt hast... war...„ Es ist ein so leises Geräusch, das wir es manchmal überhören und sogar vergessen," ...einfach toll. Und es war die Wahrheit. Was passiert ist..." Er bekam einige Strähnen des flatternden Schwanzes zu fassen. Ein Ruck ging mit schmerzhafter Gewalt durch seinen Kopf, als der Fall des Füllen gestoppt wurde.
„... ist furchtbar. Glaub mir, ich bin nun seit fast zwanzig Jahren in diesem Job und dennoch..."
Die festen Strähnen des Schweifs glitten durch seine Zähne. Ein Scharfer Schmerz durchzuckte ihn, als einige von ihnen in sein Zahnfleisch schnitten und abrissen.
„...ist so etwas für keinen leicht zu tragen. Ich weiß, du hast schon vorher Patienten verloren. Du bist ja nicht mehr grün hinter den Ohren..." Ich kann dir nicht versprechen, dass alles wieder ins Lot kommt, „...aber ein so junges Pony sterben zu sehen. Ein Füllen zu verlieren... das ist etwas ganz anderes." Pear schrie, sowohl aus Schmerz als auch aus Angst.´Halt mich fest´, bettelte er. Sein Zappeln ließ ihn nur noch schneller aus dem Griff von Rogue gleiten.
„Ich weiß, dass du dir Vorwürfe machst, aber glaube mir, du hast alles getan, was in deiner Macht stand. Wir haben alles getan." Ein glühend grüner Schimmer schloss sich wie eine Blase um das Füllen, als es fiel. Kurz verlangsamte es seinen Fall, dann platzte die Magie mit einem hörbaren `Plop´.
„Wir können nicht alle retten."
Ruckartig erhob sich Rogue von der Bank. Seine Nüstern blähten sich in ohnmächtiger Wut. Sein linker Hinterlauf schlug aus und ließ die neun-Kilo-Hantel laut gegen das metallene Gestell vor dem großen Spiegel des Fitnesscenters krachen. Alle Ponys stellten ihre Übungen ein und glotzten zu den beiden Retungsponys hinüber.
„Ich hätte ihn retten können!", schrie Rogue Trotter ins Gesicht. Schwer atmend verharrte er vor dem älteren Einhorn, zitternd vor Wut und Erschöpfung. „Wäre ich nur schneller gewesen... hätte ich ihm nicht den Rücken zugekehrt. Hätte ich die verdammte Tür eingetreten und das Balg festgehalten, der Junge könnte heute noch leben!", brüllte er. „ICH habe ihn auf dem Gewissen. Weil ich ihm irgendeine Scheiße erzählt habe, wie es ist erwachsen zu werden, erwachsen zu sein! Ich wollte ihm Hoffnung machen und hab' ihm nur erzählt, was er ohnehin schon wusste: Dass das Leben ein Haufen Scheiße ist und nur danach gemessen werden kann, wie tief unser Gesicht reingedrückt wird!"
Rogue wandte sich um und ließ keuchend den Kopf hängen. Er atmete heftig, nicht nur wegen der Anstrengung des Trainings, sondern auch um das Schluchzen zurückzuhalten, das sich scheinbar unaufhaltsam einen Weg seine raue Kehle hinauf bahnte. Er schloss die Augen, versuchte sich zu beruhigen. In ruhigerem Tonfall fuhr er fort:
„Sorry, Trotter. Ich weiß, du meinst es gut, aber ich weiß, dass ich da oben Scheiße gebaut habe. Ich hätte das mit dem Suizid ernster nehmen sollen. Weil ich es nicht getan habe, ist jetzt ein Fohlen im Leichenschauhaus. Ganz einfach." Langsam, den Kopf fast auf dem Boden, trotte Rogue in Richtung der Duschen.
Er kam kaum zehn Schritt weit, dann knickten seine zitternden Beine ein und er fiel zu Boden wie eine Marionette, deren Fäden durchtrennt worden waren. Trotter war sofort bei ihm, hielt das junge Rettungspony fest in seinen Vorderläufen, während der Körper unter ihm in Tränen und Schluchzen erschauerte, als Rogue seine Gefühle nicht mehr länger zurückhalten konnte. Trauer und Schmerz brachen aus ihm heraus, in einer Woge die zu mächtig war, als das Rogue ihr irgendetwas entgegenzusetzen hatte.
„Lass es raus, Junge, lass es raus. Du brauchst dich nicht schämen. Bringt nichts, es in sich hineinzufressen. Lass es raus", sagte das alte Rettungspony sanft und wiegte Rogue in seiner Umarmung.
„Warum? Warum nur? Warum, ich verstehe es nicht!", schrie Rogue voll ungebändigten Schmerz, während seine Tränen sich mit dem Schweiß in seinem Sweatshirt vermischten. „Oh, Celestia, er war noch so jung. Ein verdammtes Füllen! Warum? WARUM? Wenn ich doch wenigsten wüsste, warum er es getan hat. Was hat ihm soviel Angst gemacht, dass er vom Balkon gesprungen ist? Warum wollte er nicht mehr leben? Oh, Celestia..." Rogue vergrub sein Gesicht in der Brust des grünen Einhorns und erschauderte in neuerlichem Schluchzen.
Trotter wiegte seinen jüngeren Kollegen sanft in seinen Vorderläufen und ließ ihn seine Trauer und seine hilflose Wut hinausweinen. Als er sah, dass viele der anderen Ponys im Trainingsraum immer noch mit großen Augen zu ihnen beiden hinübersahen, bellte er laut: "Was ist? Gibt es hier was zu sehen? Kümmert euch um euren eigenen Dreck!" Schnell widmeten sich die Ponys wieder ihren Übungen.
Er sah zu dem aufgelösten Pony hinunter, das er in festem, tröstendem Griff hielt.
„Ich weiß es nicht, Rogue. Ich weiß nicht warum Pear das getan hat. Und ich fürchte, wir werden es auch nie mit Sicherheit herausfinden. Ich weiß nur, dass wir... dass du da oben alles richtig gemacht hast. Und trotzdem ist es nicht gut ausgegangen. Vielleicht ist dies das Schwierigste an unserem Job. Egal, wie sehr wir uns anstrengen, egal wie gut wir sind... es gibt nicht immer ein Happy End." In seiner tröstenden Umarmung weinte Rogue um ein totes Fohlen, ein Fohlen, dass vor seinem inneren Auge immer aufs neue fiel.
„Noch einen Strongbow-Cider, bitte.", bestellte Trotter und schwenkte seinen leeren Krug am Tresen. Der Dew Pond, die Stammkneipe der Feuerwehr- und Rettungsponys dieses Bezirks war eine angenehme, gemütliche Kneipe in Schlauchform (Einer der Gründe, warum ihr Spitzname bei den Feuerwehrponys ´The Hose´ war) und fast rund um die Uhr geöffnet. Die mit dunklem Holz verzimmerten Wände waren voll mit den Bildern und Trophäen vieler Generationen des öffentlichen Dienstes, vom Feuer geschwärzte Helme neben den Ehrenurkunden des Oberbürgermeisters für beherzte Retter, verblichene Fotos vergangener Feuerwachenbesatzungen neben den schwarz-weißen Aufnahmen großer Katastrophen. Eine große Messingglocke, nicht unähnlich der in der Rettungswache, nur hufbetrieben, hing am Tresen, um die Happy-Hour einzuläuten. Eine der wenigen Gelegenheiten, dass dieser Klang etwas Frohes verkündete.
Drowning, der Wirt der Bar, ließ mit geübten Schwung einen Krug seines schäumenden Ciders über den Tresen gleiten. Trotter fing ihn auf, ohne viel von dem Schaum zu verspritzen. Drowning war selbst ein altgedientes Feuerwehrpony und wusste um die Sorgen und Nöte seiner Kundschaft bestens Bescheid. Vor allem, wann es an der Zeit war zu schwiegen und nur für Nachschub zu sorgen.
Es war bereits einige Zeit nach Mitternacht. Die Ponys von der Nebenwache trafen langsam ein, die einen anderen Schichtrythmus als Rogue und Trotter hatten. Ganze Gruppen von lachenden und ausgelassenen Ponys gingen an den beiden vorbei, bestellten Cider, Apfelschnaps und ein paar Snacks, bevor sie es sich gemeinsam im hinteren Teil der Bar gemütlich machten. Obwohl Manehattan angeblich die Stadt war, die niemals schlief, galt die Uhr für die Schichtponys des öffentlichen Dienstes noch weniger als für alle anderen. Für die Spätschicht war gerade früher Abend.
„Gib mia noch ein' von dem gut'n Zeug.", verlangte Rogue, bereits etwas unsicher in seiner Muttersprache.
Drowning maß ihn kurz mit einem einschätzenden Blick, dann schob er ein kleines Glas mit klarer Flüssigkeit zu Rogue rüber.
„Hier. Das macht dir morgen früh keinen Kopf. Siehst aus, als würdest du es brauchen.", sagte das alte, violette Einhorn.
„Du has´ ja kein' Ahnun´.", murmelte Rogue und ließ seinen Kopf auf den Tresen sinken.
„Hab ich nicht?", fragte Drowning mit hochgezogener Augenbraue und warf Trotter einen fragenden Blick zu. Trotter schüttelte den Kopf.
Die beiden kannten sich noch aus der Zeit, als der Wirt aktiven Dienst in der Feuerwehr geleistet hatte. Damals war es Drowning gewesen, der Trotter unter seine Fittiche genommen hatte. Das alte Pony, das jetzt den Dew Pond leitete, hatte ihm damals alles beigebracht, was er für seinen Dienst brauchte. Die Tricks, die Kniffe, doch vor allem: das Mirakel all das durchzustehen, ohne verrückt zu werden.
Und hier bin ich, gebe die Lektionen weiter und bringe einem jungem Pony bei, wie es ein ordentliches Rettungspony sein soll. Wie es eine hohe, dicke, feste Mauer um sein Herz errichtet. Damit es auch morgen ein ordentliches Rettungspony sein kann, egal mit wie vielen Pferdeäpfeln ihn sein Job bewirft., dachte Trotter im Stillen zu sich. Der Gedanke alleine brachte einen bitteren Geschmack auf seine Zunge, den er mit einem großen Schluck Cider herunterspülen musste.
„Lass es gut sein, Drowning. Kannst du dich noch an das Dach des Equestria State Buildings erinnern? Das selbe, nur jünger." Er ließ den Kopf hängen. „Viel jünger."
Der Wirt dachte kurz nach, dann nickte er ernst.
„Was ihr trinkt geht aufs Haus." Er hob einen Huf, als Trotter protestieren wollte. „Was immer die Geister zum schlafen bringt. Zumindest für heute Nacht. Bring ihn nach Hause, wenn er genug hat."
„With your Hoof in the air and your head on the ground
Try this trick and spin it, yeah
Your head will collapse
But there's nothing in it
And you'll ask yourself"(1)
Trotter hatte seinen rechten Vorderhuf um Rogue geschlungen und hielt ihn in geübtem Griff auf den Beinen, während er versuchten den Haustürschlüssel mit seiner Magie im Schloss zu drehen. Rogue hatte ein seliges Lächeln auf seinem Gesicht und sang laut weiter:
Where is my Mind?
„Verdammt, sei still, Junge, du weckst die ganze Nachbarschaft auf." Endlich klickte es in der Tür und sie schwang auf. Schnell schob Trotter seinen betrunkenen Kollegen in die Wohnung und schloss die Tür. Im Dunkeln orientierte er sich kurz. Ein kurzer Flur, rechts die winzige Küche, in der sich ein Pony kaum umdrehen konnte, links das Bad, das kaum den Namen verdient hatte und voraus der einzig weitere Raum. Trotter schob Rogue durch die Tür, bis er in dem bläulichen Licht einer Leuchtreklame, das aus dem einzigen Fenster drang, das Bett ausmachen konnte. Mit einem angestrengten Laut ließ er das junge Rettungspony auf die Laken fallen. Rogue stöhnte kurz, als er auf die weiche Matratze fiel, dann wickelte er seine Decke um sich und seufzte zufrieden.
Trotter sah sich kurz genauer in der Wohnung um. Es war eines dieser typischen manehattaner Löcher, die zu völlig überteuerten Preisen an Ponys vermietet wurden, die unbedingt in der City wohnen wollten oder mussten. Dennoch gab er zu, das Rogue das beste daraus gemacht hatte. Das Zimmer war aufgeräumt, der Dielenfußboden glänzte frisch gebohnert. Die Einrichtung war spartanisch, darauf ausgelegt, möglichst viel des wenigen Platzes zu sparen. Das größte Möbel war ein Bücherregal, das sich über die komplette Seite des Raumes erstreckte.
Neben dem Schreibtisch fand Trotter, wonach er gesucht hatte. Er schob den Mülleimer an das Kopfende des Bettes, in dem Rogue scheinbar schon sanft schlummerte, nur für alle Fälle. Dann ging er leise Richtung Ausgang.
„Trotter?", die Stimme vom Bett ließ ihn innehalten. Er drehte sich um und flüsterte: „Ja, Junge?"
„'S war donnich meine Schuld, oder?", fragte Rogue leise. Seine großen blauen Augen blickten im künstlichen Licht feucht zu dem älteren Kollegen auf.
Das ältere Einhorn lächelte sanft und schüttelte den Kopf, auch wenn er selbst einen Kloß im Hals herunter schlucken musste. „Nein, Junge. Es war nicht deine Schuld.", sagte er mit gebrochener Stimme. Mit einem Seufzen sank Rogues Kopf in die Kissen. Als Trotter die Tür hinter sich schloss, hörte er noch ein im Halbschlaf gemurmeltes „Danke."
Er wischte sich mit einem Huf die Feuchtigkeit aus den Augenwinkeln und machte sich auf den Weg nach Hause.
Es schien als wäre die Farbe aus der Welt gelaufen, wie aus einem Wasserfarbengemälde. Rogue wischte mit einem Huf über den beschlagenen Spiegel seines Badezimmers. Sein Abbild war verschwommen, dicke Tropfen liefen auf der gläsernen Oberfläche herab und verzerrten sein Spiegelbild. Für einen Moment schien es, als würde er eine dicke Träne weinen, bis sich der Tropfen entschied seinen Weg fortzusetzen und vom Spiegel in das Waschbecken zu fallen.
Der Rogue auf der anderen Seite des Spiegels hatte keine Tränen mehr übrig.
Es war kurz nach Mittag, als er aufgewacht war. Das dünne Laken war schweißdurchtränkt und lag auf dem Boden neben ihm, achtlos zur Seite gestoßen. Seine Träume waren diffus gewesen, verstörende Konstrukte, in denen er verzweifelt hinter etwas herjagte, ohne es erreichen zu können während die Luft um ihn dick wie Sirup wurde. Obwohl er sich kaum an Einzelheiten erinnern konnte, blieb doch ein fiebriges Gefühl der Panik, als er mit laut pochendem Herzen aufwachte. Erst eine Dusche, die er so heiß einstellte, wie er es gerade noch ertrug, schwemmten genug der Alpträume durch den Abfluss hinweg, damit er sich beruhigte.
Er starrte in den Spiegel, starrte auf sich selbst, ein Pony mit tropfender, blonder Mähne.
´Halt mich fest!´, flehte Pear, die Augen weit aufgerissen.
Rogue schüttelte sich kurz, um die Erinnerung zu verdrängen. Er drehte den Hahn auf und spritzte sich kaltes Wasser ins Gesicht. Tief in ihm schrie ein junges Fohlen, als es in die Tiefe fiel.
Plop´, die Magie platzte wie eine Seifenblase, als Pear aus der Reichweite von Trotter´s Magie fiel. Das Füllen strampelte, als es weiter stürzte, seine Hufe wirbelten durch die Luft. Aber seine Augen... weit aufgerissen, in Panik, hielten sie Rogues Blick gefangen. Den ganzen, langen Weg bis nach unten...
Rogue schloss die Augen, genauso wie er es gestern getan hatte. Aber diesmal war es nicht die Gnade der blicklosen Dunkelheit, die ihn umfing. Unbarmherzig durchlebte er noch einmal im Geiste das schreckliche Geschehen.
Seine Hufe flogen über den hölzernen Boden, trugen ihn weg von einem ansteigenden Schreien, das so voll war von Schmerz und Entsetzen, dass es wie das Heulen der Verdammten selbst klang. Die Stufen hinunter, fünfzehn Stockwerke. Seine Knie schmerzten von den harten Landungen, als er Absatz um Absatz übersprang, aber dieser Schmerz war fern, als würde er nicht zu ihm gehören. Rogue flog die Treppen hinunter, während vor seinen Augen das Fohlen fiel und fiel und fiel...
Im Hier und Jetzt schwankte er unter dem Ansturm der Erinnerungen und riss mit einem Keuchen die Augen auf. Er wollte dies nicht noch einmal durchleben. Wollte nicht noch einmal sehen...
Das Gras der kleinen Grünfläche um das Wohnhaus war unter der sengenden Sonne bereits gelb geworden. Unter den vergilbten, kurzgehaltenen Halmen, war der Boden trocken und staubig. Die langen Schatten der umgebenden Gebäude flohen über das Gelände und streckten sich dem dunkel werdenden Horizont entgegen. Dort, am Fuße des Wohnhauses, gerade noch beschienen von einem einzelnen Streifen Licht, lag er. Wie eine zerbrochene Puppe.
Wollte nicht noch einmal sehen...
Es sah aus, als würde er schlafen. Doch als Rogue sich über ihn beugte, bewegte kein Atemzug die kleine Brust...
Rogue warf sich gegen die Tür seines Badezimmers und stieß sie auf. Er blickte sich gehetzt in der so vertrauten Umgebung seiner Wohnung um. Die Enge hier drin, die er sonst als Gemütlichkeit empfand, schien ihn nun zu erdrücken. Er sah nur einen Ausweg: Hinaus aus der Wohnungstür, die Stiege hinab, auf die Straße. Ponys wichen erschrocken vor ihm zurück, als er den Gehsteig entlang stürmte, nur fort, fort von den Erinnerungen, die ihn auf Schritt und Tritt folgten. Es dauerte lange, bis er sich wieder beruhigte.
„Es ist sicherlich Ihr gutes Recht das Klinikum auf eigenen Wunsch zu verlassen, Miss Applejack, aber Sie müssen verstehen, dass wir uns große Sorgen um Sie machen.", sagte Schwester Darling in beruhigendem Tonfall, während sie versuchte, das aufgebrachte Pony vom Verlassen des Bettes abzuhalten.
„Natürlich freuen wir uns, dass es Ihnen wieder besser geht, aber zu Ihrem eigenen Wohl sollten Sie sich mindestens noch zwei Tage hier ausruhen. Und auch danach dürfen Sie sich mindestens eine Woche keiner schweren Belastung aussetzen."
„Zwei Tage? Das is´ unmöglich!" Applejack zog die Laken zurück und schob die Cremefarbene Einhornstute entschlossen beiseite.
„S´ gibt alle Hufe voll zu tun auffer Farm, bei dem verflixten Wetter. Ich kann Big Macintosh das nich´ allein händeln lassen. Er braucht mich da. Ich werd´ ohnehin schon zwei Tage später komm´, weil ich hier im Krankenhaus gelegen hab´! Ich muss zurück nach Ponyville!"
Schwester Darling stemmte sich entschlossen gegen das weiter vorrückende Erdpony. „Seien Sie doch vernünftig, Miss Applejack! Es ist niemanden damit geholfen, wenn Sie jetzt gehen, nur damit Sie heute Abend vielleicht wieder eingeliefert werden! Und vielleicht geht es das nächste Mal nicht so gut aus!"
Die beiden Stuten versuchten sich gegenseitig mit den Hufen nach hinten zu drücken. Allein der immer noch geschwächte Zustand erlaubte es Schwester Darling sich überhaupt gegen das kräftige Erdpony zu behaupten. Dennoch kam es zu einem Patt, in dem keine der beiden auch nur einen Zentimeter Boden gewann.
„Applejack, Darling, was ist denn hier los?", fragte eine Stimme von der Tür des Krankenzimmers aus. Überrascht glitt Applejack ein Huf weg und sie verlor den Halt. Darling drückte noch immer, konnte aber nicht schnell genug das Gleichgewicht wiederfinden, als der Gegenhalt von Applejack plötzlich verschwand. Die beiden Stuten fielen in einem chaotischen Haufen auf das Krankenbett. Es folgte ein kurzes Durcheinander, als zwei Ponys in aller Eile ihre vier Paar Hufe auseinander sortieren mussten. Dann sprang Schwester Darling vom Bett und klopfte sich imaginären Staub von ihrer Uniform, um ihre Verlegenheit zu überspielen. Applejack hatte sich derweil auf den Bauch gedreht und sah neugierig zur Tür, wer sie mit ihrem Namen angesprochen hatte.
Ein junger, graublauer Erdhengst stand in der Tür und blickte die beiden Stuten überrascht an. Er hatte eine kurzgehaltene, blonde Mähne, die er sich frech nach vorne gekämmt hatte und blaue Augen, die sie jetzt groß und rund anstarrten. Applejack hätte schwören können, dieses Pony schon einmal gesehen zu haben, aber ihr viel einfach kein Name zu ihm ein. Sein Cutie Mark konnte ihr auch keinen Hinweis liefern, da er ein paar Satteltaschen über seinem Rücken trug, die es verdeckten.
Schwester Darling lächelte, als sie den Neuankömmling erkannte. „Rogue! Schön dich zu sehen. Kommst du, um mich zu besuchen?" Sie sah auf seine Satteltaschen. Ein kleiner Blumenstrauß lugte daraus hervor.
„Ui! Blumen!", sagte sie mit einem aufgeregten Quietschen in der Stimme. Mit einem kurzen aufblitzen ihres Horns schlang sie ihre Magie um das Bukett und schnupperte genießerisch daran. Rogue war vom Verhalten Schwester Darlings so überrascht, das er wenig mehr tat, als alles mit offenem Mund geschehen zu lassen.
„Wunderbar! Warte auf mich, ich besorge nur kurz eine Vase!" Rogue hob einen Huf, um sie zu unterbrechen, doch die Krankenschwester war bereits zur Tür hinaus. Das junge Rettungspony sah ihr noch einen Augenblick hinterher. „Was bei Celestia, war das denn gerade eben?", fragte er sich selbst leise.
„Kenn´ ich dich?", fragte Applejack hinter ihm. Schnell drehte sich Rogue um und widmete seine Aufmerksamkeit seiner Cousine, die mittlerweile vom Bett aufgestanden war und ihn neugierig betrachtete. Er räusperte sich kurz. Sein Mund war furchtbar trocken.
„I... ich bin Rogue Runner, das Rettungspony, dass dich ins Krankenhaus gebracht hat. Äh... Ich bin dein Cousin. Zweiten Grades. Wir kennen uns von früher...", mit jedem Satz wurde Rogue´s Stimme leiser, bis sie letztendlich vollends verstummte. Nervös lächelnd rieb er sich mit dem Huf über seinen Vorderlauf und sah überall hin, nur nicht zu Applejack. Diese kam langsam auf ihn zu, die Augen zusammengekniffen und betrachtete ihn konzentriert. Der junge Hengst musste sich zusammennehmen, um nicht einen Schritt zurückzuweichen. Er hob vorsichtig den Kopf und sah Applejack an. „Äh, hallo? Ich...wurgs!" Ihm wurde plötzlich die Luft abgeschnitten, als er von Applejack in eine feste, herzliche Umarmung gezogen wurde, die ihm die Luft aus den Lungen presste.
„Rogue! Ich kann´s ja kaum glaub´n! Na, wenn das nich´ eine Ewigkeit her ist!" Sie löste die Umarmung langsam, und gab ihm mit dem Huf einen freundschaftlichen Stupser gegen die Schulter. „Das freut mich, dass du deine Cousine hier besuch´n kommst. Da ham wir uns - wie lang´? - nich mehr gesehen und dann is´ es ausgerechnet Rogue dem ich vor die Hufe falle!" Sie lachte laut, ein Lachen, das so herzlich und aufrichtig klang, dass Rogue einfach mitlächeln musste.
„Heißt das... dass du dich noch an mich erinnerst?", fragte er zaghaft.
„Na, ich hab´ schon´n bisschen grübeln müssen. Als wir uns das letzte ma´ gesehen ham, war´n wir ja noch beide so kleine Füllen mit blank´n Flank´n.", sagte sie kichernd. „Aber ´n Apple vergisst seine Familie eben nich´, hab´ ich Recht?"
„...Schau, Rogue was für eine schöne Vase ich...", Schwester Darling kam zurück ins Zimmer und erstarrte kurz, als sie die beiden Pony so nah bei einander stehen sah. In kurzer Folge flogen ein paar undefinierbare Ausdrücke über ihr Gesicht, dann setzte sie ein freundliches Lächeln auf, das ihre Augen jedoch nicht erreichte. „...für die Blumen gefunden habe.", beendete sie den Satz und ging steif an den beiden vorbei. Sie stellte die Vase auf Applejacks Nachttisch neben einen anderen, großen Strauß und zupfte einen Moment lang das Bukett zurecht. Applejack gab Rogue einen weiteren Stoß gegen die Schulter, fester diesmal. Rogue blickte sie verständnislos an. AJ nickte zu dem Krankenschwesterpony, das ihnen noch immer den Rücken zugewendet hatte. Rogue sah das Erdpony fragend an. Sie rollte kurz mit den Augen und deutete dann mit dem Huf auf die Blumen. Als Schwester Darling sich wieder umdrehte, gab Applejack Rogue mit ihrem Hinterlauf einen festen Stoß gegen die Flanke. Erschreckt sprang Rogue einen Schritt nach vorne, direkt in den Weg von Darling. Die Krankenschwester zuckte kurz zurück, hob dann aber den Kopf und gab vor, ihn keines Blickes zu würdigen.
„Uh,... ähm, Schwester Darling. Ich... wenn Sie Ihnen gefallen, dann nehmen Sie doch bitte die Blumen.", stammelte Rogue, während er fühlte, wie ihm die Röte ins Gesicht stieg. „Ich hatte sie eigentlich für meine Cousine gekauft, aber sie hat ja schon einen Strauß heute bekommen und … und wenn … wenn ihnen die Blumen gefallen... also dann...", Rogue brach ab, als er merkte, dass nichts sinnvolles mehr seinen Mund verließ. Es fühlt sich an, als würde mir jeden Moment Dampf aus den Ohren schießen, dachte er zu sich, als die Hitze in seinem Gesicht noch zunahm.
Darling hatte beim Wort ´Cousine´ ihre Augen wieder geöffnet, die sie in einer Geste der Verachtung geschlossen hatte. Sie setzte sich überrascht auf die Hinterläufe.
„Cousine? Äh, ich meine... Die Blumen sind natürlich für deine Cousine!" Sie errötete vor Verlegenheit. Was hatte sie sich nur dabei gedacht? Sie sah noch einmal zu dem Strauß auf dem Nachttisch. „Aber es sind wirklich sehr schöne Blumen..."
„Dann, bitte, Schwester Darling, sind sie für Sie!", beeilte sich Rogue zu sagen. Darlings Blick ging von den Blumen, zu Rogue und dann zu Applejack, die das ganze mit einem Grinsen betrachtete. Die Krankenschwester lächelte breit und sprang zurück auf ihr Hufe. Sie hob die Vase mitsamt den Blumen in magischem Griff und ließ sie hinter sich gleiten. „Ich weiß auch schon den perfekten Platz dafür." An der Tür blieb sie noch einmal stehen und warf Rogue einen Blick zu, bei dem ihm die Hitze nicht nur im Gesicht hochstieg. „Und: Vielen Dank... Rogue" sie schloss die Tür hinter sich. Wohaa! Was war das den eben?, dachte Rogue, während er noch immer zur Tür schaute. Als Darling das Zimmer verließ... Diese großen grünen Augen, halb geschlossen...die lange, elegante Mähne in Rot mit etwas helleren Strähnen, die leichte Röte auf ihren cremefarbenen Wangen...
Es sah aus, als würde er schlafen.
Rogue konnte kaum sein Keuchen unterdrücken, als das Bild durch seinen Verstand fegte und ihn leicht zitternd zurückließ. Was tat er hier? Er starrte auf die Flanken von Schwester Darling keine zwölf Stunden nachdem...
Kein Atemzug bewegte die kleine Brust.
Er setzte sich auf seine Hinterläufe und atmete heftig. Das war nicht richtig... das war...
„Hey, Cousin, is´alles ok?", fragte Applejack und setzte sanft ihren Huf auf seine Schulter.
Rogue schloss kurz die Augen und atmete tief. Er musste sich zusammenreißen. Kein Grund, AJ mit seinen Problemen zu belasten. Es würde schon schwierig genug werden...
„T... tut mir leid, Applejack. Ich hab eine lange Woche hinter mir und... ach, ist nicht so wichtig." Er stand auf und schaute seiner Cousine freundlich ins Gesicht. „Ich wollte einfach nur sehen, wie es dir geht."
Applejack schenkte ihm ein verlegenes Lächeln. „Ow, mir geht´s gut. Ich versteh einfach nich´, wieso man mich nich´ einfach geh´n läßt. S´ wartet ein Haufen Arbeit auf mich in Ponyville und ich bin so und so schon spät dran. Außerdem is da noch ne´ Fuhre Äpfel die ich ausliefer´n muss un´ ich will gar nich wiss´n wie die jetzt aussieht!" Applejack stampfte frustriert mit dem Huf auf den Boden.
Rogue ließ den Kopf hängen. Also gut, dachte er, jetzt geht es los.
„Ah... die Lieferung, Applejack. Es... Ich... oh, wie sag ich das nur? Also... Ich hab sie für dich ausgeliefert.", sagte er, ohne den Kopf zu heben.
AJ sah ihn mit großen Augen an. „Wirklich? Rogue du hast... Owww, komm her!", mit einem kurzen Laut der Aufregung zog sie Rogue in ein kurze Umarmung. Sie löste sich von ihm und trat einen Schritt zurück.
„Ich kann dir gar nich´ sag´n wie dankbar ich dir dafür bin, das...", sie stockte kurz, als sie sah, das Rogue immer noch schamvoll zu Boden sah. „Was is´? Is´ was passiert?", fragte sie ihn erschrocken.
„Applejack, bitte sei nicht böse mit mir. Ich... ich hab Mist gebaut. Ich... ach...", er stockte und verstummte, während die Scham seine Wangen rot färbte. Er wünschte sich, der Boden täte sich hier und jetzt auf, um ihn zu verschlingen.
Applejack betrachtete ihn mit einem besorgten Blick. „Was is los, Rogue. S´ wird nich besser wenn du um heiß´n Brei herumredest."
Er schloss kurz die Augen und atmete tief durch. Applejack hatte recht. Es wurde nicht besser, wenn er herumdruckste. „Als ich die Fuhre bei der Budcider Brauerei abgegeben habe, sagte der Vorsteher, das die Ladung nicht mehr gut sei. Er wollte nur den halben Preis bezahlen und... ich bin wütend geworden. Ich... Du hast so schwer gearbeitet um die Ladung hier her zu bringen und bist dafür sogar im Krankenhaus gelandet... Ich bin einfach durchgedreht. Ich wollte ihn einschüchtern und... es ist alles schiefgegangen. Hätte ich etwas mehr nachgedacht und wäre ruhig geblieben, dann hätte ich für dich einen guten Preis erzielen können. Aber... Es tut mir so leid, Applejack. Sie haben mir nur den halben Preis bezahlt. Ich wollte wirklich... wirklich. Oh, nein."
Rogue wandte sich ab und versuchte beschämt seine Tränen zurückzuhalten. Er wusste, dass es nicht nur die Enttäuschung über seinen Fehlschlag bei der Brauerrei war, die ihn jetzt die Beherrschung verlieren ließ, aber er konnte sich trotzdem nicht zurückhalten.
„Es... Es tut mir so leid, Applejack. Ich wollte das für dich erledigen und ich habe einfach... Ich habe einfach versagt. Ich kann gut verstehen, wenn du jetzt wütend auf mich bist. Ich habe dich enttäuscht und die Familie, als ihr euch auf mich verlassen habt." Er drehte seinen Kopf zurück, brachte aber nicht den Mut auf seiner Cousine in die Augen zu blicken.
„I... ich habe ein paar Bits gespart und ich werde die Differenz ausgleichen, das schwöre ich. Ich habe eine Fehler gemacht und ich werde dafür geradestehen."
Für einen Moment schwieg Applejack, dann räusperte sie sich. „Schau mich bitte an, Rogue."
Das junge Rettungspony schluckte schwer, dann drehte er sich wieder um. Langsam hob er den Kopf und sah Applejack an. Ihre tiefen, grünen Augen betrachteten ihn voll Mitgefühl und Verzeihen. Mit einer schnellen Bewegung war sie bei ihm und zog ihn in eine weitere Umarmung, diesmal noch näher, noch fester. Er konnte nicht anders und schlang seinerseits seine Vorderhufe um sie. Er grub seine Hufe in ihr Fell, suchte Halt an ihr, während sich die Welt um ihn drehte. Die Tränen, die er zurückgehalten hatte, strömten nun über sein Gesicht und fielen in ihre blonde Mähne. Es war nicht wie in dem Fitnessstudio, als das, was er nicht mehr zurückhalten konnte aus ihm herausfloss. In dieser warmen Umarmung, in den Hufen der Stute, die er fast vergessen und dennoch so vermisst hatte, ließ er los. All die Angst, die Furcht, das Grauen und die Hilflosigkeit der letzten Tage, ja vielleicht sogar der ganzen letzten Jahre, brachen sich ihren Weg. Er verlor sich in dem dem warmen Gefühl gehalten zu werden, während sein Körper unter der Trauer erschauderte, die er so lange zurückgehalten hatte.
Er wusste nicht, wie lange er in ihrer Umarmung verharrt hatte. Er fand sich auf dem kühlen Boden wieder. Das Gesicht von Applejack war über ihm. Tränen glitzerten auch in ihren Augenwinkeln, als sie ihn mit einem mitfühlenden Blick betrachtete. Sie strich mit ihrer Schnauze über seine Wange, eine Geste, die ihn noch einmal schluchzen ließ.
„Ich bin nich´ wütend auf dich, Rogue. Du has´ deiner Cousine ausgeholfen, has´ deiner Familie geholf´n, als es keiner von dir verlangt hat. Ich bin´s, der sich bei dir entschuldig´n muss. S´ war meine Aufgabe gewes´n, aber du bis´ für mich eingestand´n, als ich´s nich´ fertiggebracht hab´. Keiner kann mehr von dir verlang´n. Ich kann seh´n das du ne Menge durchgemacht has´, und keine Cousine kann nach mehr frag´n. wenn´s darum geht."
Rogue wischte sich die Tränen aus den Augen und stand langsam auf.
„Es tut mir leid, Applejack. Es ist nicht nur wegen dir, es... ich hab einfach ein bisschen viel durchgemacht in letzter Zeit, wie du schon sagst." Er rang sich ein tapferes Lächeln ab, während er die letzten Tropfen von seinem Gesicht wischte.
Die junge Erdstute betrachtete ihn mit einem besorgten Blick. „Na, Granny Smith sacht immer ´S´wird nich besser, wenn ma um´ heiß´n Brei herumredet´. Aber das hab ich ja schon gesacht, oder?" Sie lächelte aufmunternd.
Rogue lächelt zurück, auch wenn seine Augen immer noch mit Feuchtigkeit glitzerten. "Nein, es wird nicht besser. Aber das ist eine Geschichte für einen anderen Tag. Wenn du sie wirklich wissen willst, werde ich sie dir eines Tages erzählen, aber bitte nicht heute. Ich bin einfach nur froh, dass du mir nicht böse bist."
„Da mach dir ma keine Sorg´n. Nach allem was passiert is´, is´der halbe Preis noch n´ gutes Geschäft. Aber du kannst mir vertrau´n, dass ich noch´n gesalzenen Brief an die Brauerei schreib´! Die ham' mich förmlich angebettelt dass ich ihn mit der Fuhre komm un´ mit Vertragsstrafe gedroht, wo 'se doch genau wiss´n, dass 'se auf´m trockenen sitz´n. Die könn´ sich ihr ´Aus den süßesten Äpfeln von Equestria´ inne Mähne schmier´n! Ich sag´ dir, wenn ich nich´ so schnell als möglich zurück nach Ponyville müsste, ich würd´ selbst vorbeischau´n und da ma gehörig die Meinung geig´n, das kannste mir glaub´n!" Ihr finsterer Blick beruhigte sich und sie sah Rogue an.
„Also, willst du deiner Cousine helf´n hier rauszukomm´, damit se endlich zurück nach ihrer Heimat kann? So´n gestandenes Rettungspony wie du, weiß doch bestimmt wie der Hase läuft, oder täusch´ ich mich da?"
Rogue sah etwas betreten zur Seite. „Ich habe mir bereits ein paar Gedanken dazu gemacht. Aber es wird dir wahrscheinlich nicht gefallen."
Applejack kniff misstrauisch die Augen zusammen. "Was has´ du auf´m Plan?"
Rogue senkte seinen Blick. „Du musst noch bis morgen hier bleiben." Als AJ bereits Luft holte um zu protestieren, fuhr er dazwischen. "Ich weiß, das du glaubst, fit genug zu sein, wieder alleine nach Ponyville zurückzukehren. Aber bitte, Applejack, glaube mir, du hast dich immer noch nicht vollständig erholt. Ich kann nicht guten Gewissens für deine Entlassung eintreten, solange du nicht wieder bei Kräften bist." Als sie protestieren wollte, fuhr Rogue ungerührt fort. "Ich weiß, dass du dich gerade stark und ausgeruht fühlst, aber da draußen auf der Straße bei diesen Temperaturen... deine Ausdauer wird nicht mehr die selbe sein wie vorher, solange du nicht ein paar Tage Ruhe gehabt hast. Ich kann dich nicht gehen lassen." Er seufzte. „Aber vielleicht gibt es einen Kompromiss."
Applejack hielt in ihrem Widerspruch inne und betrachtete in kritisch. Dann fragte sie: „Also gut, woran has´du gedacht?"
Rogue lächelte kurz. "Es ist eigentlich ganz einfach: Jedes Pony hat das Recht auf die Wahl des behandelnden Krankenhauses, ausgenommen, wenn es sich um einen Notfall handelt. Es ist sehr ungewöhnlich für ein Pony sich in eine Klinik so weit weg verlegen zu lassen, aber die Regelung steht dennoch. Ich kenne deinen behandelnden Arzt sehr gut und ich denke, dass ich ihn davon überzeugen kann, dass das Ponyville-Hospital ideal für deine... Genesung wäre. Es ist eine kleine Stadt fernab des Trubels, was deiner Gesundheit sicherlich zuträglich währe. Abgesehen davon, dass es dein Heimatort ist. Das einzige Problem ist, dass das ganze sehr... ungewöhnlich ist. Es ist selten dass Ponys in fremde Krankenhäuser eingeliefert werden und noch seltener, dass sie sich dann verlegen lassen, bevor sie genesen sind. Aber ich glaube, es ist machbar. Du würdest mit einer Ponyambulanz transportiert werden, also ist während der Fahrt für dich gesorgt. Wenn du im Ponyville-Hospital ankommst musst du dich nur noch dort selbst entlassen. Bis dahin bist du sicher wieder auf der Höhe. Deinen Wagen müsstest du ersteinmal hier lassen, aber da findet sich sicherlich eine Lösung."
Applejack schwieg einen Moment lang, dann lachte sie. „Oh, Rogue, jedes Mäd´l kann sich glücklich schätz´n dich auf seiner Seite zu hab´n. Also gut. Ich werd´ zwar auf glühenden Kohl´n sitz´n, aber wenn du das für für morgen hinbekommst... dann werd´ ich das schon irgendwie aushalt´n." Sie kratzte kurz verlegen mit ihrem Huf über den Boden. „Ah,... kommst du mich noch´ ma' besuchen? Wenn alles klappt?" Sie sah ihn hoffnungsvoll an.
Rogue schenkte ihr ein aufmunterndes Lächeln. „Ich hab Nachtschicht und komme erst morgen früh raus."
AJ senkte enttäuscht den Blick.
Der junge Hengst strich ihr kurz mit dem Huf über ihre Wange. „Aber mich könnte nichts davon abhalten."
Applejack lächelte. „Ich nehm´ dich beim Wort, Rogue."
Nachdem er sich von Applejack verabschiedet hatte, machte sich Rogue auf die Suche nach Doktor Do. Als er ihn nicht auf der Station fand, fing er an sich beim Personal durchzufragen. Als ihm auch hier niemand weiterhelfen konnte, blieb ihm schließlich nichts anderes mehr übrig, als zum Eingang des Krankenhauses zurückzukehren und das Einhorn vom Informationsstand zu bitten den Doktor ´anzuklopfen´. Es dauerte einige Minuten, dann schlich der dunkelblaue Hengst ins Foyer. Der Doktor wirkte etwas verunsichert und sah sich ständig um, so als würde er nach etwas Ausschau halten. Als Rogue ihn begrüßte, quietschte er kurz und sprang erschreckt einen Schritt zurück. Dann erkannte er das Rettungspony und stieß einen Seufzer der Erleichterung aus.
Rogue sah ihn mit hochgezogener Augenbraue an. „Alles in Ordnung, Doc?"
„Äh, ja...", Jumping sah sich noch einmal suchend in der Empfangshalle um. „Du hast nicht zufällig ein hellbraunes Erdpony mit dunkler Mähne gesehen? Trägt einen Hausmeisteroverall?"
Rogue schüttelte den Kopf. „Nein. Warum?"
Der Doktor sah ihn erleichtert an. „Ach, nicht so wichtig. Was gibt es, Rogue?"
„Ich muss dich um einen Gefallen bitten, Do. Letztenendes ist uns wahrscheinlich beiden damit geholfen. Erinnerst du dich noch an Applejack, meine Cousine?"
Das Einhorn nickte. „Ja, ich erinnere mich. Sie macht den Schwestern ganz schön viel Ärger, wie ich gehört habe. Einen solchen Dickkopf habe ich selten erlebt. Um was geht es?"
„Sie hat mich gefragt, ob es möglich ist, sie ins Ponyville-Hospital verlegen zu lassen. Wenn du deine Zustimmung dafür gibst..."
Doktor Do sah ihn misstrauisch an. „Sie hat um eine Verlegung gebeten? Und da ist sie ganz alleine drauf gekommen? Bist du dir sicher, dass das nicht auf deinem Mist gewachsen ist?"
Rogue sah verlegen zur Seite, bevor er antwortete. „Also gut, ja, ich habe ihr gesagt, dass das eine Möglichkeit ist. Do, bitte. Sie muss nach Hause. Sie hat sich schon etwas erholt und sie wird sich nie darauf einlassen hier noch ein paar Tage zu vertrödeln. Sie wird spätestens morgen das Krankenhaus verlassen, komme was wolle. Wenn wir ihr diese Chance geben, hat sie während der Rückfahrt jemanden, der auf sie Acht gibt. Und zu Hause wartet eine Familie auf sie, die sich um sie kümmern kann."
„Mhm, das ist sehr ungewöhnlich, jemanden so weit zu verlegen. Aber theoretisch machbar." Der Doktor überlegte kurz. „Wir könnten das Bett gut gebrauchen. Wir können eigentlich froh sein über jedes Pony, dass das Krankenhaus verlässt. Deine Cousine ist auch in so gutem Zustand dass gegen den Transport nichts einzuwenden wäre. Ich sehe das Problem eher von der logistischen Seite. Ponyville ist gut drei Tage von hier entfernt. Könnt ihr es euch leisten einen Wagen fast eine Woche ausfallen zu lassen?"
Rogue schwieg einen Moment lang. Von dieser Seite hatte er es noch gar nicht betrachtet. „Ich... weiß es es ehrlich gesagt nicht. Aber wenn du mir den Auftrag mitgibst, reiche ich ihn persönlich ein und spreche ich mit dem Chief. Ich denke, es wird sich schon eine Lösung finden."
„Also gut, Rogue, machen wir es so. Komm mit, dann erledigen wir schnell den Papierkram."
Mit einem Seufzer der Erleichterung folgte das Rettungspony dem Doktor.
Es waren noch einige Stunden bis zum Beginn der Nachtschicht, als Rogue auf der Wache ankam. Die Ambulanz war wie selbstverständlich unterwegs, aber der große rote Leiterwagen der Feuerwehr stand noch in der Garage. Rogue begrüßte das Feuerwehrpony Sweet Water, das gerade einen Schlauch zusammenrollte, dann ging er die Treppe nach oben. Der Rest der Feuerwehrwagenbesatzung saß im Bereitschaftsraum am Tisch und spielte Karten. Sie drehten sich um, als Rogue eintrat.
„Hey, Junge! Was machst du denn hier? Ich dachte, du hättest die Nachtschicht mit Trotter.", begrüßte ihn Smoke, ein großer, stämmiger Hengst in mittleren Jahren, in dessen dunkle Mähne sich bereits erste graue Strähnen geschlichen hatten.
„Ich muss zum Chief. Ist er oben?"
Smoke grinste kurz. „Caller ist oben. Hast doch nichts ausgefressen, oder?"
Rogue gab das Grinsen zurück. "Ausnahmsweise nicht." Er setzte seinen Weg in den zweiten Stock fort und klopfte an die Tür des Büros des Chiefs. Die tiefe Stimme Chief Callers bat ihn einzutreten. Rogue tat wie ihm geheißen und schloss die Tür hinter sich. Dann sah er sich kurz in dem Zimmer um. Er war schon einige Male hier gewesen, aber das Büro des Chiefs beeindruckte ihn dennoch jedes mal aufs neue.
Die Wände waren mit sorgsam polierten Holz getäfelt, das im Licht leicht schimmerte. Der dunkelgrüne Teppichboden, der einzige, den es in der Feuerwache gab, dämpfte die Geräusche und gaben dem Büro eine ruhige Atmosphäre. Eine Reihe von Gemälden hing auf der rechten Seite, die die Abbilder der vielen Chiefs zeigte, die bereits hier gedient hatten, die ältesten davon in Uniformen, wie man sie nur noch in Museen fand. Callers Gesicht war nicht darunter. Sein Gemälde würde traditionsgemäß an dem Tag aufgehängt werden, wenn er seinen Abschied nahm. Eine Seite des Raumes wurde von einer großen, dunklen Holzvitrine eingenommen, in der hinter Glas und angestrahlt von sanft glühenden Edelsteinen, die gehüteten Memorabilia dieser Feuerwache ausgestellt lagen. Glänzend polierte Helme aus den Anfängen der Manehattaner Feuerwehr bis heute. Messingspritzen und Feueräxte, Feuerhaken und veraltete Erste-Hilfe-Taschen, sorgsam gepflegt. In der Mitte, in einem kleinen, eigenen Abteil, stand ein gerahmtes Foto. Rogue konnte von der Tür aus keine Details ausmachen, aber er wusste, was darauf abgebildet war: Ein jüngerer Caller, in einem Rollstuhl, die Flanke dick verbunden. Ihm gegenüber, ihn überragend, die schwarz-weiße Abbildung von Prinzessin Celestia, die ihm den Huf schüttelte, einen Ausdruck von Mitgefühl in ihrem wunderschönen Gesicht.
„Rogue. Wie kann ich dir helfen?" Der Chief riss das Rettungspony aus seiner Betrachtung.
„Guten Tag, Chief Caller." Rogue fing sich schnell. „Ich habe hier einen Auftrag für eine Verlegung vom Sacred Hooves Hospital, Sir." Er trat vor und reichte dem Chief das Papier.
Der wuchtige Schreibtisch, hinter dem Caller saß, dominierte den Raum ungefragt. Ein dunkel gebeiztes Monster von einem Möbelstück, fast ebenso lang wie der Raum in dem es stand. Fein geschnitzte Verzierungen waren über die gesamte Stirnseite zu finden, mit dem Symbol der Manehattaner Feuerwehr groß und erhaben in der Mitte. Bei einem der Grillfeste, die die Wache im Sommer abhielt, hatte Rogue Caller sagen hören, dass er alles in seinem Büro liebte – aber dass es ihn manchmal in den Hufen juckte eine Feueraxt zu nehmen und dieses verdammte Ding zu Kleinholz zu verarbeiten.
Chief Caller war eine älteres Einhorn mit hellrotem Fell, das bereits etwas ausgeblichen wirkte. Er hielt seine ergraute Mähne streng kurz geschnitten, genauso wie seinen Schweif. Er war trotz seines Alters eine beeindruckende Erscheinung, ein Pony, dem man seine Autorität sofort ansah.
Er nahm den Zettel entgegen und rückte die Brille auf seiner Schnauze zurecht, um ihn zu lesen. Wenigstens ließ ihn der große Schreibtisch genug Platz für seine Arbeit. Zahllose Stapel von Akten und Papieren nahmen fast die ganze Seite des Tisches ein. Die andere Seite war dagegen fast leergefegt, bis auf eine große Ausschnittskarte von Manehattan und einer großen, magisch schimmerden Glaskugel. Rogue wusste, das es sich dabei um eine Art von Relais handelte, das Callers Magie verstärkte, damit er den Kontakt zu den Einhörner auf seinen Einsatzwagen und zur Manehattaner Leitstelle halten konnte. Theoretisch konnte die Leitstelle jeden Einsatzwagen selbst erreichen, aber es war Praxis, das zumindest in den arbeitsreichen Tagstunden die Disposition über den Schreibtisch des jeweiligen Chiefs ging.
Caller blickte von dem Auftrag auf und sah Rogue an. „Darf ich fragen, warum du mir das persönlich vorbeibringst?"
Rogue räusperte sich nervös. "Nun, Chief, es ist so... ah, die Patientin... also... sie ist meine Cousine, Sir."
Der Chief betrachtet ihn kurz über den Rand seiner Brille. Dann nahm er sie ab, drehte seinen Stuhl herum und sah aus dem Fenster hinter ihm. „Das ist nicht so einfach, Rogue. Ich brauche dir nicht zu sagen, was da draußen los ist, das weißt du ebenso gut wie ich. Ich kann nicht guten Gewissens Kräfte abberufen, die hier so dringend gebraucht werden." Er dreht sich wieder halb zu dem jungen Rettungspony um. „Ich weiß, dass wir den Auftrag, jetzt, da er erteilt worden ist abarbeiten müssen, aber nicht schon morgen. Das geht einfach nicht. Es tut mir leid, Rogue."
Rogue Schultern sackten herab. Er sah auf zu Chief Caller. „Bitte, Sir. Es ist wirklich wichtig." Seine Stimme bekam etwas flehendes. „Es...Es ist mir sehr wichtig. Die Patientin... Applejack ist Teil meiner Familie. Sie muss zurück nach Hause. Eben weil es gerade da draußen so schwierig ist. Vielleicht könnten wir... könnte ich..." Rogue verstummte und rieb sich mit dem Huf über seinen Kopf. „Wenn ich morgen aus der Nachtschicht herauskomme, gehe ich ohnehin in die Freischicht. Wenn sie keine Ponys haben, mache ich morgen die Tour. Sie müssen mir nur vier Tage Urlaub bewilligen. Ich kann das auch in fünf Tagen schaffen, wenn ich mich reinhänge. Bitte geben Sie mir die Chance, Sir!"
„Rogue, das Problem ist weniger die Ponystärke auf der Wache. Ich kann einfach keinen Wagen entbehren, nicht einen einzigen Tag, schon gar nicht fünf oder sechs Tage! Ich wünschte, ich könnte dir helfen, aber ich sehe da einfach keine Möglichkeit."
Rogue ließ verzweifelt den Kopf hängen. Er hatte geahnt, dass das der Knackpunkt sein könnte, seit Doktor Do ihn darauf hingewiesen hatte. Plötzlich kam ihm eine Idee. Sie war ein wenig verrückt, aber...
„Ich habe einen Wagen, Sir.", sagte er mit fester Stimme.
Caller sah ihn überrascht an. „Rogue, das ist ein Krankentransport. Er muss mit einem Ambulanzwagen ausgeführt werden. Ein einfacher Karren reicht da nicht.", sagte er.
„Sir, Applejack hat nur einen Hitzschlag erlitten, vor mittlerweile zwei Tagen. Es hat sie am Anfang übel erwischt, aber sie ist ein Erdpony und ein verdammt Starkes noch dazu. In der Klinik haben sie ihre liebe Not damit, sie überhaupt dort zu behalten. Sie braucht keine medizinische Überwachung auf dem Transport, sie muss sich einfach nur ausruhen. Wenn... wenn Sie ihre Zustimmung geben, Sir, dann nehme ich die Betreuungsausrüstung aus dem Katastrophenbestand und rüste den Wagen damit aus. Ich weiß, dass das ungewöhnlich ist, aber Sie hätten den Auftrag damit los. Und Ich kann Applejack nach Hause bringen." Rogue sah seinen Chief hoffnungsvoll an.
Caller strich sich nachdenklich mit dem Huf über das Kinn. Er legte die Stirn in Falten und wägte den Vorschlag von Rogue ab. Dann sah er kurz zu den in Öl gebannten Abbilder seiner Vorgänger an der Wand. Wie immer begegneten sie seinem Blick mit entschlossenen, ersten Mienen. Dann sah er zurück zu Rogue und seufzte. „Also gut. Celestia sei mein Zeuge, ich weiß, dass ich das irgendwie bereuen werde, aber wir machen es so."
Rogue grinste von einem Ohr bis zum Anderen und sprang vor Freude und Erleichterung in die Luft. „Danke, Sir! Oh, vielen, vielen Dank! Ich schwöre, ich mache ihnen keinen Kummer! Sie glauben gar nicht wie sehr Sie mir damit geholfen haben. Ich gehe sofort los und mache den Wagen bereit!" Rogue dreht sich um und wollte bereits losgaloppieren, als der Chief ihn zurückrief.
„Rogue, warte bitte noch kurz."
Überrascht und etwas besorgt hielt der junge Hengst inne und drehte sich wieder zum Schreibtisch um. Der Chief erhob sich ächzend aus seinem Stuhl und trat um den Schreibtisch herum auf Rogue zu. Der junge Hengst konnte einfach nicht anders und warf einen Blick auf die rechte Flanke seines Chiefs. Wo sich sein Cutiemark befinden sollte, zwei gekreuzte Feuerwehräxte mit einem Helm darüber, war auf dieser Seite nur eine nackte Fläche vernarbter Haut.
Jeder Frischling hörte die Geschichte des Chiefs früher oder später. Geflüstert zwischen den Spinden beim Umziehen oder als Gute-Nacht-Geschichte im Ruheraum. Das brennende Internat im Sattelmacherweg. Das Feuer, das sich wie eine gierige Bestie durch das trockene Holz des alten Baus fraß. Die Füllen und Fohlen, die gefangen waren und in der Hitze und dem Rauch schrien. Der Chief, damals nur ein einfaches Feuerwehrpony, der durch die Flammen galoppierte, vier Fohlen auf dem Rücken. Wie er sie seinen Kameraden in die Hufe drückte, nur um wieder in das feuerspeiende Maul des Eingangs zurückzukehren, wieder und wieder. Bis die brennenden Bohlen unter ihm nachgaben, als das Gebäude einstürzte. Es dauerte zwei Tage bis sie ihn fanden. Er war vom Fieber und seinen Wunden halbtot, aber er hielt immer noch ein Füllen in seinen Vorderläufen. Es war kaum besser dran als er selbst, aber es lebte.
Das Foto dort drüben war gut einen Monat danach aufgenommen worden. Prinzessin Celestia selbst war nach Manehattan gekommen, als sie von der Geschichte gehört hatte. Es war eine Ehre, wie sie nur wenigen Feuerwehrponys zuteil wurde.
Der Chief stellte sich vor Rogue und sah ihn mit einem nachdenklichen Blick ins Gesicht. „Ich habe von der Geschichte mit dem Fohlen gehört, Rogue. Ich werde dich nicht fragen, ob alles in Ordnung ist, den ich kenne die Antwort bereits. Wenn ich diese Frage stelle höre ich immer nur: `Alles in Ordnung, Chief´ und es es ist nie die Wahrheit. Was da passiert ist, ist vielleicht das schlimmste, was uns zustoßen kann. Und du wärst nicht das Pony, das ich in meiner Einheit haben will, wenn du darüber so einfach hinwegkommen würdest. Ich will nur, dass du weißt, dass wir für dich da sind, wenn du dabei Hilfe brauchst. Nicht nur ich, sondern auch die Anderen. Mach nicht den Fehler und denke, dass das schwach wäre, oder dass wir deswegen schlecht von dir denken würden. Wir machen hier einen harten Job und wir können ihn nur durchstehen, wenn wir zusammenhalten."
Caller sah kurz hinter sich und levitierte seine Brille und eine Akte zu sich, die zuoberst auf seinem Schreibtisch lag. Er studierte sie kurz und schloss sie dann. Er sah Rouge an.
„Wenn ich das richtig sehe, hast du kaum Urlaub genommen, seit du bei uns bist. Wenn du deine Cousine in Ponyville abgeliefert hast, möchte ich, dass du mindestens drei Wochen keinen Huf mehr in meine Wache setzt." Caller hob seine Huf, als Rogue protestieren wollte. „Das ist mir ernst, Rogue und ich lasse nicht mit mir diskutieren. Es ist mir egal was du in der Zeit machst, aber rate dir im Guten dich auszuruhen und einfach mal auszuspannen. Ich bin dein Chief und das heißt, das ich nicht nur dein Boss bin, sondern dass ich auch die Verantwortung für dich trage. Wir alle lieben unseren Beruf, aber wir brauchen mehr als das um bei Verstand zu bleiben." Er drehte sich um und trottete zurück zu seinem Stuhl. Er öffnete eine Schublade an seinem Schreibtisch und warf Rogue einen Schlüssel zu. „Im Keller findest du alles, was du für die Fernfahrt brauchst."
Es war ein gutes Stück Arbeit den Karren vorzubereiten. Rogue hatte ihn auf die Seite des Vorplatzes der Wache gezogen, damit er den Einsatzwagen beim Ausrücken nicht im Wege war. Er lud die leeren Wannen ab, in denen die Äpfel transportiert worden waren und kehrte die Ladefläche sauber. Dann spritze er den Wagen gründlich mit dem Schlauch ab. Nachdem das Holz in der Sonne getrocknet war, begann er damit ein einfaches Gestell über dem Karren zu bauen, über das er die Plane spannen konnte, damit sie Schutz vor der Sonne und – sollte es endlich passieren – Regen bieten konnte. Die Seiten hängte er mit Bettlaken ab, die auf der Wache für den Ruheraum und die Ambulanz bereitlagen. Dann machte er sich an die schmutzige Arbeit den Wagen abzuschmieren und das Zaumzeug frisch einzufetten. Er freute sich bereits auf eine Dusche in der Wache, als er sein Werk betrachtete. Der Karren sah improvisiert aus, aber er war sauber und würde seinen Zweck erfüllen. Rogue stutzte kurz. Irgendetwas fehlte noch. Er hatte die medizinische Ausrüstung aus dem Katastrophenlager im Keller geholt und in der Garage deponiert, damit er sie morgen nach der Schicht aufladen konnte. Er musst noch Vorräte einkaufen für die Fernfahrt, denn so weit er wusste, waren die Straßen nach Ponyville größtenteils besiedelt. Aber auch das würde er morgen erledigen. Was hatte er vergessen? Er grübelte einen Moment, dann ging ihm ein Licht auf. Er lief zurück in die Wache und kam mit einem Pinsel und einem Eimer Farbe zurück. Sorgfältig und konzentriert begann er damit Pinselstrich für Pinselstrich auf die weißen Betttücher der Seiten zu malen. Schließlich trat er zurück und betrachtete seine Arbeit. Ja, so war es richtig.
Er verstaute die Farbe wieder und ging dann über die Straße in Richtung einer Telegramm-Stelle, die sich in der Nähe befand. Er musste seinen Eltern bescheid sagen, dass er die nächsten Tage nicht in der Stadt sein würde und eine Bestätigung an Doktor Do und Applejack, dass morgen alles wie geplant von statten gehen würde. Sein Herz machte einen Sprung als er daran dachte. Wer hätte gedacht, das letztlich alles so gut ausgehen würde? Er würde Applejack noch drei weitere Tage begleiten und sogar Ponyville sehen, von dem sie ihm so viel erzählt hatte, als sie noch klein waren. Und noch viel wichtiger: Er hatte sein Versprechen halten können. Er summte leise, als er die Straße hinuntertrottete.
Hinter ihm, gerade noch beschienen vom letzten Licht, bevor die Schatten der Häuser rings umher darauf vielen, leuchtete ein großes, frisch gestrichenes rotes Kreuz auf den weißen Seitenwänden des Apfelkarrens.
„Junge, beeil dich! Er macht es nicht mehr lange!" Trotters Stimme klang gepresst, als er gleichzeitig versuchte sich festzuhalten und sich um den Patienten zu kümmern. Rogue biss die Zähne zusammen und warf sich in die Kurve. Funken sprühten über das Kopfsteinpflaster, als die eisenbeschlagenen Räder über den Stein kratzten.
„Eine Minute!", rief er die verbleibende Zeit bis zum Eintreffen in der Notaufnahme hinaus.
„Ich fange mit der Herzdruckmassage an! Wenn wir da sind, holst du uns das Schockteam!"
„Verstanden!", keuchte Rogue zwischen zwei Atemzügen.
Die Nacht war relativ ruhig gewesen, so ruhig, dass sie sogar zwei Stunden Schlaf im Ruheraum bekommen hatte. Die bisherigen Einsätze waren kaum eine Herausforderung gewesen. Ein unstillbares Schnauzenbluten, das sich als erhöhter Blutdruck herausstellte, Brustschmerzen, die ein leiser Herzinfarkt sein konnten und eine betrunkene Mähre, die sie an die Polizeiponys übergaben. Dann, kurz vor dem Ende der Nachtschicht, eine 115 – Reanimation. Bei keinem Einsatz zählte jede Sekunde so sehr wie hier. Der Patient, ein alter Hengst im Ruhestand, war in aller Frühe aufgestanden, um sich zu erleichtern. Er war nicht zurückgekommen und seine Frau fand ihn schließlich zusammengesunken und leblos im Bad und rief die Rettungsleitstelle von einem öffentlichen Notrufapparat. Kaum waren die beiden Rettungsponys am Unglücksort angekommen, gab Trotter dem alten Hengst eine Spritze mit Adrenalin. Dann benutzte er einen Blitzstein aus der Notfallausrüstung, nachdem ihm sein Diagnose-Zauber offenbart hatte, dass der Herzmuskel unkontrolliert flatterte. Die magische Entladung legte das Herz kurz still und gab dem Organ die Gelegenheit wieder seinen normalen Arbeitsrhythmus zu finden. Dennoch kam der Hengst nicht wieder zu Bewusstsein. Trotter und Rogue arbeiteten zusammen und versorgten den Patienten mit einer Infusion und schoben ihm schließlich einen Schlauch in den Hals, den sie an die Beatmungseinheit anschlossen. Das Gerät war ein schweres, mechanisches Ausrüstungsteil, das mit dem Druck der Sauerstoffflasche arbeitete anstatt mit Magie. Aber es erfüllte seinen Zweck und füllte die Lungen des leblosen Hengstes in gleichmäßigen Rhythmus mit Luft. So schnell sie konnten verfrachteten sie den Patienten in die Ambulanz und machten sich auf den Weg in die Klinik.
Der Einsatz war etwas außerhalb ihres üblichen Gebietes, da alle Ponyambulanzen im Distrikt zu anderen Einsätzen gerufen worden waren. Die andauernde Hitze forderte sogar Nachts ihre Opfer. Vor allem die alten Ponys waren anfällig für die anstrengenden Temperaturen. Sie steuerten das ´Her Princess Mercy´-Hospital an, das wesentlich näher lag als das ´Sacred Hooves`. Diesmal würde kein Notfallteam auf sie warten. Was immer da hinten vor sich ging, Trotter war zu beschäftigt, das Herz des Patienten am Schlagen zu halten, um mit seiner Magie die Notaufnahme zu informieren.
Die letzte Kurve vor den Auffahrt zum Krankenhaus. Rogue schrie: „Festhalten!", dann warf er sich gegen die Deichsel und stemmte die Hufe in den Boden um zu bremsen. Der Wage schlitterte hinter ihm herum und er stemmte sich gegen das Gewicht. Sein Timing war perfekt. Das Joch drückte gegen seine Schultern, als er das Momentum des Wagens in eine neue Richtung zwang. Die Achse holperte kurz, als sie die Straße verließ und die Einfahrt passierte. Ein Schild wies Rogue den Weg zur Anfahrt für Ambulanzen. ´Notaufnahme – Ver- und Entsorgung´. Trotz der ernsten Situation musste Rogue kurz lächeln. Wer dachte sich so einen Unsinn aus? Mag sein, das die Anfahrt für die Lieferanten (Versorgung) und die Müllunternehmen (Entsorgung) derselbe Weg wie zur Notaufnahme war, aber das auf ein Schild zu schreiben – und dann noch auf diese Weise.
Er hielt unter einem Vorbau mit einem leuchtenden roten Kreuz vor der Tür zum Krankenhaus. Mit einem kurzen Ruck befreite er sich von dem Zaumzeug der Ambulanz und galoppierte zum Eingang der Krankenhauses, ohne einen Blick zurückzuwerfen. Er brach in den Flur der Notaufnahme und rief sofort: "Reanimation!". Es dauertet nur einen Augenblick, dann eilten ihm auch schon mehrere Schwestern- und Pflegerponys entgegen, sowie eine ältere Stute im Arztkittel. Rogue wartete nicht lange, sondern schnappte sich eine Trage vom Flur und rollte sie nach draußen.
Die Liegen der Notaufnahmen waren schwer und ungewohnt, aber schnell hatte Rogue einen Pfleger und eine Schwester an seiner Seite, die ihm halfen. Zusammen bugsierten sie das Gefährt neben die Ponyambulanz. Trotter war noch immer beim Patienten und drückte in gleichmäßigen Rhythmus auf die Brust des alten Hengstes. Rogue verlor keine Zeit und schlang das Gestell der Ambulanztrage um seine Schultern. Als Trotter ihm das Zeichen gab, zog er sie langsam von der Ladefläche. Trotter sprang ihm nach und übernahm das andere Ende. Zusammen trugen sie das Ganze neben die Liege der Notaufnahme. Die Schwestern und Pfleger packten den Patienten und hievten ihn auf ein gemeinsames Zeichen hinüber. Schnell brachten sie ihn durch die Tür in die Notaufnahme.
Rogue saß auf der Deichsel der Ambulanz, als Trotter von der Übergabe an die Ärztin zurückkehrte. Er hielt seinem Kollegen einen Becher dampfenden Kaffees entgegen, den dieser dankbar annahm. Für ein paar Minuten verharrten sie dort, während Rogue in seinen Kaffee blies und Trotter langsam trank.
„Wieder eine Nachtschicht hinter uns.", sagte das Einhorn schließlich. „Ich freue mich schon auf die Freischicht. Hast du schon was besonderes vor, Junge?"
Rogue nahm einen Schluck aus seinem Becher. Trotter hatte sogar daran gedacht ordentlich Zucker dazu zu geben. Der Kaffee war gut und Rogue schloss für einen Moment die Augen um das feine Aroma zu genießen. Es war Sonntagmorgen und der sonst so allgegenwärtige Lärm der Stadt war einer Ruhe gewichen, die ein Stadtpony nur selten genießen konnte. „Ich habe bald Urlaub." sagte er, ohne die Augen zu öffnen.
Trotter sah ihn einen Moment überrascht an. „Urlaub?", fragte er ungläubig. Dann nahm er noch einen Schluck. Die beiden Ponys schwiegen und genossen zusammen die Ruhe, die dieser Moment ausstrahlte. Schließlich fuhr Trotter fort. "Wie lange?", frage er.
„Drei Wochen." Rogue schwenkte langsam seine Tasse.
„Mhm.", machte Trotter. Dann schwiegen sie beide wieder.
„Ich denke... Ich denke, ich werde dich die Zeit vermissen, Rogue.", sagte Trotter. Dann stürzte er den Rest seines Kaffees hinunter.
Rogue sah kurz zu ihm hinüber. Er musste unwillkürlich Grinsen. „Was ist aus dem ´Jungen´ geworden?"
Trotter wandte sich von ihm ab und stellte seine leere Tasse auf die Ladefläche der Ambulanz. „Ich weiß nicht, ob ich dich noch ´Junge´ nennen darf. Vielleicht hab ich es zu lange getan. Normalerweise ist das ein Spitzname für die Frischlinge, die noch nicht wissen wie der Hase läuft. Es war einfach Pech, das du auf eine so kleine Wache gekommen bist. Wir, also ich und die anderen, haben uns daran gewöhnt, dass du der Junge bist. Vielleicht war das unfair." Das alte Einhorn drehte sich zu ihm um und sah ihn an. Seine Miene war ernst. „Rogue, du bist kein Junge mehr. Celestia weiß, du hast genug getan um das zu beweisen. Du bist ein Rettungspony, so durch und durch wie man es sich nur wünschen kann. Es... ach, verdammt!" Er trat einen Schritt vor und legte seinen Vorderlauf um Rogue. „Ich bin stolz auf dich, Jung... Rogue. Ich meine das ernst." Er löste sich von seinem Schützling und trat zurück. „Wenn dich noch einer auf der Wache ´Junge´ nennt, dann knöpfe ich ihn mir vor. Das verspreche ich dir."
Rogue sah zu seinem Mentor auf und wusste nicht was er sagen sollte. „Trotter...", brachte er schließlich hervor. Das Einhorn sah in fragend an. „Trotter... du darfst mich immer Junge nennen."
Es war ein Moment voll des Abschieds, mehr als sie beide jetzt wussten. Doch sie machten das beste daraus: Sie lachten gemeinsam, unbeschwert und voll Freude.
(1) „Where is my Mind?" - Pixies
