Kapitel 3
Snape hatte wirklich ein Talent, die Schüler mit einem einzigen Blick zum Schweigen zu bringen, dachte Harry amüsiert, als er mit halbem Ohr den Anweisungen des Lehrers folgte. Es war so still, dass man eine Nadel gehört hätte, hätte man eine fallen lassen. Während er den geforderten Trank braute, versuchte er seine Klassenkameraden zu mustern. Niemand sprach. Alle waren vollkommen beschäftigt mit der Aufgabe, die ihnen gesetzt worden war.
Seufzend konzentrierte sich Harry auf die Zutaten, die vor ihm lagen. Da er selten einen Zaubertrank gebraut hatte, stellte er zu seiner Bestürzung fest, dass es weit davon entfernt war so einfach zu sein, wie er geglaubt hatte. Theoretisch wusste er wie es ging, aber sein Wissen auch anzuwenden war eine völlig andere Sache. Wie es aussieht, muss ich demnach wohl ein bisschen üben, dachte Harry, als er zusah, wie die hell orange Flüssigkeit sich zu einem dunklen blau wandelte, etwas, von dem er wusste, dass es nicht passieren sollte. Sich an die verschiedenen Schritte erinnernd, fand er seinen Fehler schnell.
Fluchend, betrachtete er die übrig gebliebenen Zutaten. Auch wenn er es schließlich schaffte den Zaubertrank mehr oder weniger zu retten, so wusste er, dass Zaubertränke definitiv ein Fach war, in dem er den Stoff nachholen musste.
Nicht gerade begeistert von seiner Einsicht, folgte er Ron und Hermione zu ihrer nächsten Stunde. Verteidigung gegen die Dunklen Künste, wie er herausfand, als er auf seinen Stundenplan schielte. Auf halbem Wege kam ihnen Damian Graywood entgegen. Während der Schulsprecher sie grüßte, nickte Harry lediglich und wartete auf Hermione, Ron und dessen Freunde.
Der Lehrer für Verteidigung war bereits anwesend. Bei ihrem Eintritt sah er auf und Harrys Blick kreuzte sich mit dem des Lehrers. Unwillkürlich blieb Harry stehen. Was er in dem Gesicht des anderen sah, war keine Abneigung; es war reiner Hass und der Lehrer versuchte noch nicht einmal seine Gefühle zu verbergen. Als Harry sich setzte, lehnte er sich vor und flüsterte:
„Wer ist das?"
Hermione, die den Platz vor ihm genommen hatte, wandte den Kopf und folgte seinem Blick.
„Professor Skirrow. Er hat kürzlich aufgehört als Auror zu arbeiten. Warum?"
Harry schüttelte seinen Kopf und als Skirrow endlich seine Aufmerksamkeit von ihm abwandte, betrachtete er den großen Zauberer. Dunkelbraunes Haar fiel in ein breites, energisch wirkendes Gesicht. Am auffälligsten waren die buschigen Augenbrauen.
Harry war sich sicher, dass er Skirrow nie zuvor gesehen hatte. Also warum hasste dieser ihn so? Dafür konnte es sicherlich keinen Grund geben.
Als Skirrow ihre Namen aufrief und zu seinem Namen gelangte, wurde Skirrows Stimme kalt wie Eis und Harry überkam das schleichende Gefühl, dass ihm dieses Fach Schwierigkeiten bereiten würde.
Blassblaue Augen wanderten über sie.
„Auch wenn der Krieg vorbei ist, die Fähigkeit sich zu verteidigen, wird stets wertvoll für Sie sein. Was die Zukunft bringt, kann niemand sagen. Deswegen werde ich Ihnen beibringen wie Sie sich gegen jeden Feind wehren können, so dass Sie fähig sind jede unfreundliche Begegnung zu überleben. Zuerst werde ich mich mit Ihrem Wissensstand vertraut machen. Ich werde mit jedem von Ihnen kämpfen. Der Einfachheit halber werden wir nach dem Alphabet gehen. In der Zwischenzeit schlagen alle anderen das Buch auf Seite 21 auf."
Während Skirrow mit einem Mädchen, namens Hannah Abbot, in einem angrenzenden Raum verschwand, blätterte Harry lustlos in seinem Buch herum. Die erste Hälfte der Doppelstunde verging langsam, viel zu langsam.
Als Skirrow seinen Namen aufrief, schaute Harry, der angefangen hatte seine Hausaufgaben für Flitwick zu machen, gereizt auf. Langsam legte er seine Feder beiseite.
„Nun kommen Sie schon, Potter. Andere wollen auch noch drankommen. Sie haben doch nicht etwa Angst, oder?"
Harry presste seine Lippen zusammen und stand auf.
„Nein. Sie?", fragte er eisig.
„Fünf Punkte Abzug von Slytherin. Sie werden mir den Respekt erweisen, der mir zusteht."
Harry folgte ihm schweigend. Er hatte kaum die Tür hinter sich geschlossen, als Skirrow ihn schon angriff. Den Fluch gerade noch rechtzeitig abwehrend, wurde es schnell offensichtlich, dass es Skirrows Absicht war, ihn zu verletzen. Harry, der zunehmend ärgerlicher über die Situation wurde, beschloss widerwillig sich nicht länger zurückzuhalten und diesen dummen Kampf zu beenden, als ein grauer Nebel ihn plötzlich einhüllte.
Er konnte nichts mehr sehen. Herumwirbelnd, zwang sich Harry ruhig zu bleiben. Seine Magie umgab ihn und schützte ihn, doch es behagte ihm nicht sonderlich nicht zu wissen, was als nächstes geschehen würde. Nachdem er drei Zaubersprüche ausprobiert hatte, gelang es ihm endlich Skirrows Nebel zum Verschwinden zu bringen. Harry schaute sich um. Und der Anblick, der sich ihm bot, machte ihn sprachlos.
Skirrow lag ausgestreckt am Boden. Für einen Moment konnte sich Harry nicht bewegen. Er war sich ziemlich sicher, dass er keine gefährlichen Flüche benutzt hatte. Vorsichtig durchquerte er den Raum, kniete sich nieder. Seine Augen glitten über Skirrow hinweg. Er schien bewusstlos zu sein. Harry legte seinen Zauberstab zur Seite, streckte zögernd eine Hand aus und schüttelte den anderen Zauber leicht an der Schulter. Irgendwelche Wunden konnte er nicht entdecken, also was war geschehen?
Sein Lehrer erholte sich so schnell, dass Harry nach hinten fiel.
„Wie können Sie es wagen mich in solch einer Weise anzugreifen? Accio Potters Zauberstab."
„Aber dafür werden Sie bezahlen. Dafür werde ich sorgen, Potter."
Bevor Harry wieder auf die Beine hätte kommen können, war Skirrow an der Tür angelangt.
Er riss sie auf und eilte zu dem Kamin. Er rief: „Dumbledores Büro.", und war einen Augenblick später verschwunden.
Harry stand auf, konnte nicht fassen was sich gerade abgespielt hatte. Es brauchte nicht viel Fantasie um zu wissen, was Skirrow versuchte zu erreichen. Der Grund für dieses seltsame Verhalten jedoch beschäftigte ihn. Was konnte der Auror gegen ihn haben? Soweit er wusste, hatten sie sich nie zuvor getroffen. Und die Einzigen, die gut beraten waren ihn zu fürchten und zu hassen, waren die Anhänger Voldemorts, zumindest diejenigen, die immer noch nicht vom Ministerium gefangen genommen worden waren.
Tief in Gedanken, verließ Harry den leeren Raum und sah sich den neugierigen und fragenden Blicken seiner Klassenkameraden ausgesetzt. Da in diesem Moment jedoch die Glocke ertönte und alle begannen ihre Sachen einzupacken, kam er unbehelligt zu seinem Platz.
„Was ist geschehen?"
Harry schaute Hermione kurz an und zuckte seine Achseln.
„Das möchte ich auch gern wissen."
Hermione warf ihm einen Blick zu, doch fragte zu seiner Erleichterung nicht weiter nach. Während die anderen in die große Halle zum Mittagessen gingen, ließ sich Harry zurückfallen. Den Korridor entlang schreitend, machte er sich auf den Weg in die Küche. Die wenigen Mahlzeiten, die er am Slytherin Tisch eingenommen hatte, hatten ihm gereicht. Als er eine Treppe erreichte, erkannte er, dass er sich völlig verlaufen hatte. Bevor er sich entschieden hatte, welche Richtung er einschlagen sollte, warnte ihn ein leises Geräusch vor der Anwesenheit eines anderen. Es war einer der Hauselfen. Sich verbeugend, quiekte das kleine Wesen:
„Sie sollen sofort zum Schulleiter kommen."
Harry nickte, nicht sonderlich überrascht.
"Kannst du mir den Weg zeigen?"
Als Harry wenig später das Büro des Schulleiters betrat, war Skirrow zu seiner Erleichterung nirgends zu sehen. Dumbledore war allein. Auf dessen Schreibtisch, entdeckte Harry seinen Zauberstab.
Dumbledore betrachtete ihn für eine Weile. Und Harry starrte geradewegs zurück.
„Setzen Sie sich, Harry. Würden Sie mir erzählen, warum Sie Professor Skirrow angegriffen haben?"
Die durchdringenden blauen Augen sahen traurig aus.
Harry setzte sich, zwang seine Wut zurück.
„Ich habe ihn nicht angegriffen. Ich habe mich lediglich verteidigt, als er – wie hat er sich ausgedrückt? – unseren Wissensstand im Duellieren prüfen wollte."
Dumbledore stützte sein Kinn auf seine ineinander verschränkten Hände.
„Und Sie hielten es für angebracht den Cruciatus Fluch gegen Professor Skirrow zu verwenden?"
„Den…"
Harry brach ab, während er seinen Zauberstab musterte.
„Harry, hören Sie mir zu. Ich bin bereit einige Dinge zu übersehen, wenn es um Sie geht. Ich weiß, dass Sie viele Sachen noch lernen müssen, wenn man in Betracht zieht, wer Sie aufgezogen hat. Aber ich werde Ihnen nicht erlauben Dunkle Magie zu benutzen. Für dieses Mal werden Sie nachsitzen müssen. Da Sie schon volljährig sind, werde ich Ihren Vater nicht benachrichtigen. Sollte ich jedoch jemals wieder davon hören, dass Sie einen der Unverzeihlichen Flüche benutzen, werde ich nicht mehr so nachsichtig sein."
Seufzend, reichte ihm Dumbledore seinen Zauberstab.
„Sie dürfen gehen."
Harry tat genau das, sich nicht damit aufhaltend irgendetwas zu sagen. Mit langen Schritten, verließ er das Büro, seine Langsamkeit verfluchend und sich wundernd, ob Skirrow es noch einmal versuchen würde Dumbledore dazu zu bringen ihn von der Schule zu weisen. Ohne noch einen Blick zurückzuwerfend, zog er die Tür ins Schloss und lehnte sich dagegen.
„Prior Incantado.", flüsterte er. Wie er erwartet hatte, war der Cruciatus-Fluch tatsächlich der letzte Fluch gewesen, der mit seinem Zauberstab gezaubert worden war. Um nicht noch mehr Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, als er es ohnehin schon tat, hatte er in den Unterrichtsstunden seinen Zauberstab benutzt, hatte es für besser gehalten es nicht allzu deutlich zu zeigen, dass er keinen brauchte. Doch das war wohl ein Fehler gewesen.
Obwohl, wer weiß, was Skirrow sich dann ausgedacht hätte.
„Skirrow wird es kaum verstehen, dass du Potter nur nachsitzen lässt."
Harry, der gerade hatte gehen wollen, ließ sich wieder zurücksinken und presste sein Ohr gegen die Tür.
„Ich weiß, Minerva. Ich werde mit ihm sprechen. Aber was hätte ich deiner Meinung nach tun sollen? Es war tatsächlich ein Duell. Harry hat die Wahrheit gesagt. Er hat sich wohl ein wenig vergessen. Nortus hat keinen bleibenden Schaden davon getragen. Harry kann den Fluch nur einen Augenblick aufrecht erhalten haben. Wir müssen Geduld haben. Ich denke die Gefahr, dass Harry der nächste Dunkle Lord wird, ist gering, was auch immer Nortus darüber denken mag. Wenn Harry ihn wirklich verletzen hätte wollen, dann hätte er das auch getan und Nortus wäre wohl kaum in der Lage gewesen zu mir zu kommen und mir Harrys Zauberstab zu bringen."
Nach einer kleinen Pause fuhr er fort:
„Wir müssen Harry Zeit geben. Ich glaube fest daran, dass er sich eingewöhnen wird."
Vergessen? Er hatte sich bestimmt nicht vergessen, dachte Harry wütend, als er so leise er konnte die Treppe hinunter hastete.
Sicher, Dumbledore hatte ihm mit dem Ministerium geholfen und es war wahrscheinlich aufgrund seines Eingreifens, dass er nicht noch mehr Schwierigkeiten mit dem Ministerium gehabt hatte, aber Harry hatte die starke Vermutung, dass er es hautsächlich aus einem Gefühl der Schuld heraus getan hatte. Als er sich erinnerte, wie Dumbledore eines Abends nach Godric's Hollow gekommen war und er am offenen Fenster sitzend mit angehört hatte, wie Dumbledore seinen Vater für sein damaliges Verhalten um Verzeihung gebeten hatte, schien es die plausibelste Erklärung.
Oder aus Furcht vor dem was ich werden könnte, wenn ich zu sehr erzürnt werde. Der Gedanke kam ihm, bevor er es verhindern konnte. Und auch wenn er sich sagte, dass es ihn nicht kümmern sollte, tat es das irgendwie.
Seinen Schritt beschleunigend, schüttelte er den Kopf. Er hatte jahrelang nicht einen Gedanken an die Gefühle derjenigen Menschen verschwendet, die um ihn herum waren. Also warum sollte er ausgerechnet jetzt damit anfangen?
Ein Blick auf die Uhr überzeugte ihn davon, dass es keinen Sinn mehr hatte sich auf die Suche nach der Küche zu begeben und während er hungrig zu seinen Nachmittagsstunden ging, verschlechterte seine Laune sich noch mehr. Professor McGonagall verspätete sich und als sie endlich erschien und die Anwesenheit durchging, ruhte ihr Blick ungewöhnlich lange auf ihm. Harry fiel es schwer ihr zuzuhören und die Doppelstunde wurde ihm lang.
Nachdem der Unterricht vorüber war, rief Harry kurzerhand einen Hauselfen zu sich und dieses Mal merkte er sich den Weg in die Küche. Er aß schnell etwas und suchte dann seine geheime Kammer auf. Das steinerne Gewölbe hatte sich mittlerweile in ein wohnliches und gemütliches Quartier gewandelt. Magie hatte ohne Zweifel seine Vorteile. Wenig später saß Harry in einem seiner Sessel, schaute auf ein Pergamentblatt und runzelte unwillig seine Stirn.
Auch wenn er erst zwei Schultage hinter sich gebracht hatte, war der Umfang seiner Hausaufgaben, die er sich bis jetzt notiert hatte, heute beträchtlich gestiegen. Und alle Aufgaben, abgesehen von einer, waren für morgen. Es war nicht so, dass er irgendwelche Schwierigkeiten hatte die Aufgaben, die ihnen aufgegeben worden waren, zu lösen. Das Pergament überfliegend, wusste er die Antworten und Erklärungen zu allen Aufgaben.
Seine Augen wanderten zu seiner Schlange, die Anstalten machte auf die Sessellehne zu gleiten und wieder fragte er sich warum er hier war.
Seit seiner Ankunft hatte er sich diese Frage schon einige Male gestellt. Nichts was die Lehrer ihnen so weit beigebracht hatten, war interessant für ihn. Die Jahre, in denen er jedes verfügbare Buch in der großen Bücherei in Voldemorts Hauptquartier gelesen hatte, hatten dafür gesorgt. Er konnte nichts Neues lernen. Der einzige Mangel in seinem Wissen, den er offen zugab, war Zaubertränke, wenigstens wenn man die praktische Seite betrachtete. Ob er irgendetwas über Wahrsagen wusste oder Muggel Kunde, war ihm herzlich gleichgültig. Und nun kam noch die unerwartete Sache mit Skirrow hinzu.
Sein Vater hatte ihm gesagt, dass er einen Schulabschluss brauchte und in diesem Punkt hatte er vermutlich Recht, dachte Harry. Aber er hatte keine Ahnung was er nächstes Jahr mit sich anfangen sollte. Niemals zuvor hatte er darüber nachgedacht, während er in Voldemorts Schloss gelebt hatte.
Großartig, nun, nachdem ich Voldemort besiegt habe, langweile ich mich zu Tode und nun muss ich mich auch noch vor einem Auror vorsehen, der mich aus welchen Gründen auch immer hasst und nichts lieber möchte, als dass ich der Schule verwiesen werde.
Die Vorstellung noch unzählige Stunden absitzen zu müssen, behagte Harry nicht im Mindesten. Seine Gedanken wanderten zu Ron, der, wie er gemerkt hatte, Hermione in Geschichte der Zauberei heimlich kleine Zettel zugesteckt hatte. Obwohl, dachte Harry und lachte leise, es so ausgesehen hatte, dass Hermione nicht gerade angetan davon gewesen war.
Vielleicht hätte der Unterricht auch ihm mehr Spaß gemacht, wenn er irgendwelche Freunde gehabt hätte. Aber er hatte keine. Diejenigen Slytherins, die ihn nicht hassten, fürchteten ihn, genauso wie der Rest der Schüler. Ron und Hermione misstrauten ihm ebenfalls, aber sie redeten wenigstens mit ihm.
Während Hermione versuchte freundlich zu sein, war Ron, wie es schien, nur höflich zu ihm wegen Ginny. Und er hatte die Worte, die Ron ihm im Zug an den Kopf geworfen hatte nicht vergessen. Wenn nur Ginny im selben Jahrgang gewesen wäre. Aber das war sie leider nicht. Und heute hatte er sie nur ein paar Minuten beim morgigen Frühstück gesehen. Vielleicht, sann er nach, waren die letzten Wochen einfach zu aufregend gewesen. Binnen einer Woche hatte sich sein Leben von Grund auf geändert. Vielleicht brauchte er wirklich nur Zeit sich an sein neues Leben zu gewöhnen.
Einen Blick auf seine aufgestapelten Bücher werfend, fing er an zu arbeiten. Er war erleichtert, als er den letzten Satz niederschrieb. Das Buch zuschlagend, wunderte er sich wieder, warum er sich überhaupt die Mühe machte seine Hausaufgaben so gründlich zu erledigen. Er wäre sehr viel früher fertig gewesen, wenn er nicht alles hingeschrieben hätte, was er wusste.
‚Ich weiß, du wirst Erfolg haben, Harry. Und ich werde stolz auf dich sein', hörte er plötzlich die Stimme seines Vaters.
Auch wenn er nicht weiter darüber nachdachte, als er aufstand und sich auf den Weg zu seiner Verabredung mit Ginny machte, hatte er das seltsame Gefühl, dass sein Vater einer der Gründe war, weshalb er eingewilligt hatte Hogwarts zu besuchen.
„Tut mir leid, dass ich so spät komme. Ich habe Hermione noch geholfen ihre Sachen ins Quartier der Schulsprecher zu bringen. Es hat länger gedauert, als ich dachte."
Harry winkte ab.
„Ist schon gut.", sagte er und Ginny in seine Arme ziehend, küsste er sie. Wie er sie vermisst hatte. Als er sie eingehender ansah, bemerkte er die dunklen Ringe unter ihren Augen. Besorgt strich er eine Haarsträhne aus ihrem Gesicht.
„Geht's dir gut?"
„Ja…es ist alles in Ordnung."
Aber Ginny wich seinem Blick aus.
„Komm, lass uns einen Spaziergang machen. Es ist so wunderschönes Wetter draußen.", sagte sie rasch, löste sich aus seiner Umarmung und eilte quer durch die Halle. Harry folgte ihr verwundert. Sie traten durch das Portal und schlenderten in Richtung des Sees. Während sie schweigend nebeneinander hergingen und die warme Sonne genossen, fragte er beiläufig:
„Hattest du einen Albtraum?"
Ginny zuckte zusammen. Mit großen Augen sah sie ihn an, bevor sie ihren Kopf schüttelte und beiseite sah.
„Ich konnte nur nicht so gut schlafen.", sagte sie. Ihn wieder ansehend, schlich sich Besorgnis in ihre Augen.
„Hermione hat mir erzählt, dass du Schwierigkeiten mit Professor Skirrow gehabt hast. Sie musste vor dem Mittag noch in Dumbledores Büro gehen. Was genau ist denn vorgefallen?"
Harry blieb abrupt stehen. Nicht wissend, ob er mehr amüsiert oder zornig darüber sein sollte, dass Dumbledore Hermione befragt hatte, schüttelte er seinen Kopf und ging schließlich weiter. Ginny einen Blick zuwerfend, fügte er sich ihrem Wunsch das Thema zu wechseln. Zwar war er nicht überzeugt, dass es Ginny tatsächlich gutging, aber es würde noch genügend Zeit geben, um herauszufinden, was für ein Traum Ginny die vergangene Nacht am Schlafen gehindert hatte. Er seufzte und fing an ihr zu erzählen, was sich in Verteidigung abgespielt hatte. Zu einer der Bänke kommend, verstummte er schließlich.
Ginny setzte sich und starrte ihn ungläubig an.
„Aber er ist ein Auror! Er ist berühmt dafür einige der gefährlichsten Todesser gefangen zu haben. Und du hast Voldemort besiegt. Warum sollte er dich hassen?"
Harry neigte seinen Kopf.
"Ja, warum? Ich habe nicht den blassesten Schimmer. Aber er tut es, glaub' mir.", sagte er und setzte sich ebenfalls.
„Warum hast du Dumbledore nicht die Wahrheit gesagt? Jetzt denkt er, dass du den Cruciatus Fluch tatsächlich benutzt hast."
„Er hätte mir wohl kaum geglaubt. Hätte ich ihm anbieten sollen Veritaserum zu nehmen? Es ist nicht so schlimm. Von nun an werde ich auf der Hut sein."
„Ich kann es einfach nicht glauben.", sagte Ginny.
„Und ich dachte, er sei nett."
Die Empörung in Ginnys Stimme ließ Wärme in ihm aufsteigen. Dankbarkeit. Er beugte sich zu ihr herunter und küsste sie sanft. Ginny erwiderte seinen Kuss, doch schob ihn dann von sich. Fragend sah er in ihr ernstes Gesicht.
„Du wirst auf dich aufpassen, ja? Ich will nicht, dass du von der Schule verwiesen wirst."
„Mach dir keine Sorgen. Skirrow kann mir nichts tun. Wenn ich Voldemort überlebt habe, werde ich dieses Schuljahr zweifelslos auch überleben."
Ginny lachte, aber es erreichte ihre Augen nicht ganz.
„Nicht schlecht übrigens, Harry, sich gleich an deinem zweiten Tag ein Nachsitzen einzuhandeln. Weißt du schon, was du machen musst?"
„Nein, aber ich werde es sicherlich bald erfahren. Mein Vater wird begeistert sein, wenn ich ihm das erzähle. Nach dem zu urteilen, was er mir von seiner Schulzeit erzählt hat, mussten er und seine Freunde ziemlich häufig nachsitzen. Einmal haben sie es sogar geschafft sich ein Nachsitzen knapp eine Stunde nach ihrer Ankunft einzuhandeln. Aber sie haben schnell gelernt keine Beweise für ihre Streiche zurückzulassen."
„Das erinnert mich an Fred und George. Aber ich denke nicht, dass sie es je am Tage ihrer Ankunft geschafft haben ein Nachsitzen aufgebrummt zu bekommen."
„Was haben sie denn getan?"
Harry lächelte und für einen Moment sehnte er sich zu seiner Überraschung nach Godric's Hollow zurück. Das Leben in Godric's Hollow war ihm am Anfang schwergefallen. Es hatte seine Zeit gebraucht bis er sich in der Gegenwart seines Vaters und dessen zwei Freunde so weit gehen hatte lassen, dass er auch etwas von sich erzählt hatte und seine Gefühle zeigte und nicht verbarg.
Erst jetzt, im Nachhinein, erkannte er plötzlich, dass er es unbewusst mehr und mehr zu schätzen gelernt hatte wieder eine Familie zu haben. Und nicht nur sein Vater gehörte dazu, auch Sirius, der dafür gesorgt hatte, dass sie Quidditch spielten. Zwar waren die Spiele seltener geworden, nachdem das Ministerium seinem Vater und Sirius eine Anstellung im Ministerium angeboten hatte und die beiden akzeptiert hatten, aber in den Abendstunden hatte Sirius immer versucht sie zu einen Spiel zu überreden, seine eigene Müdigkeit nach Stunden im Ministerium ignorierend. In gewisser Weise war Sirius stets bedacht darauf gewesen ihn und James zusammenzubringen.
Remus hingegen, dessen Charakter so völlig im Gegensatz stand zu Sirius' Temperament und Überschwang, war ihm gegenüber am Anfang vorsichtig gewesen. Harry hatte erst am nächsten Vollmond begriffen, wovor Remus sich fürchtete. Als Harry Remus die folgenden Tage nicht anders behandelt hatte, als zuvor, hatte sich auch ihre Beziehung entspannt und Remus und er hatten sich Gesellschaft geleistet in den Stunden, in denen James und Sirius im Ministerium gearbeitet hatten.
Ginnys Hand auf seinem Arm brachte Harry wieder in die Gegenwart zurück.
„Nun ja, während Sirius und Remus für irgendeine Ablenkung sorgten, streifte mein Vater seinen Unsichtbarkeitsumhang über, stahl den Sprechenden Hut und vertauschte ihn mit einem alten Hut, der jeden beleidigte, der ihn auf den Kopf setzte und der allerhand Unsinn von sich gab."
Sich einige weitere Geschichten über die Taten der Zwillinge und der Herumtreiber erzählend, verging die Zeit rasch. Als ihr Gelächter abklang und die Sonne hinter einigen Wolken verschwunden war, wandte sich Ginny an Harry und fragte:
„Zeigst du mir jetzt den geheimen Garten, den du gefunden hast?"
„Natürlich, komm."
Ginnys Hand in seine nehmend, zog er sie in Richtung des Schlosses. Er bemerkte, dass mehrere Augenpaare ihnen folgten, aber ein Blick von ihm bewegte alle Schüler dazu ihre Köpfe abzuwenden. Er lächelte spöttisch. Als sie endlich vor dem Portrait standen, zischte er leise und führte Ginny in die Kammer, die er gefunden hatte.
Neugierig schaute sich Ginny um. Sie war beeindruckt, als sie die Sessel, die verschiedenen Bücherregale, die Tische und die Teppiche sah. Durch eine halbgeöffnete Tür konnte sie in einem angrenzenden Raum ein gemütliches Bett sehen, welches halb von einem schwarzen Vorhang verdeckt wurde.
„Hast du das alles gemacht?"
Harry nickte.
Ehrfürchtig sah Ginny ihn an.
„Dann musst du gestern ziemlich müde gewesen sein."
„Oh, ich war es. Aber denkst du nicht, dass es das wert gewesen ist? Hier wird uns niemand stören. Für unser Training ist es einfach perfekt. Und ich muss nicht im Schlafsaal schlafen. Aber nun komm, ich zeige dir den Garten."
Doch Ginny rührte sich nicht.
„Aber warum sind die meisten Sachen schwarz? Es sieht alles so düster aus.", sagte sie und erinnerte sich an Harrys Räume in Voldemorts Hauptquartier.
„Sag' mir jetzt bloß nicht, dass schwarz deine Lieblingsfarbe ist."
Harry schüttelte den Kopf.
„Nein, eigentlich nicht.", sagte er und sich umsehend, lachte er plötzlich auf.
„Wahrscheinlich Gewohnheit. Aber du kannst mir ja helfen, alles ein wenig bunter zu machen, wenn du es zu düster findest."
Ginny nickte lächelnd und während sie Harry in den Garten folgte, dachte sie schon darüber nach, welche Farben am schönsten aussehen würden. Sobald sie jedoch in den Garten trat, vergaß sie Harrys dunkle Inneneinrichtung vorerst. Ihr Blick schweifte über die Blumen und fiel auf Harrys Phönix, der auf einem der kleineren Bäume saß. Leise trillernd, flog er zu ihnen und landete auf Harrys ausgetrecktem Arm.
Ginny hob die Hand und streichelte über die samtenen schimmernden Federn. Sie setzten sich auf die Bank und sich gegen Harry lehnend und immer noch Rainbow streichelnd, fühlte sie einen seltsamen Frieden in sich.
„Wollen wir nachher mit dem Training beginnen?", fragte Harry und legte einen Arm um ihre Schulter
Nach einem leichten Zögern, sagte sie:
„Nicht heute. Morgen, ja? Es ist nur gerade so schön hier."
„Wie du willst. Aber wirst du mir von deinem Traum erzählen, der dich nicht hat schlafen lassen?"
Ginny erstarrte. Auf die schimmernden Federn schauend, flüsterte sie:
„Bitte, Harry. Ich möchte nicht darüber reden. Es war einfach ein schlechter Traum, nichts weiter."
Harry schwieg für eine Weile. Dann verstärkte er seinen Griff und drückte einen Kuss gegen ihre Schläfe.
„Du bist in Sicherheit, Ginny. Es ist vorbei."
„Ja.", sagte sie, erleichtert, dass Harry die Angelegenheit auf sich beruhen ließ und müde von ihrem Mangel an Schlaf in der vergangenen Nacht, lehnte sie ihren Kopf gegen Harrys Schulter und schloss die Augen. Die Wärme des Phönixes gab ihr ein Gefühl der Geborgenheit und doch schien tief in ihr eine Spur von Kälte zu verweilen.
