1.
„Rokko, tust du mir bitte einen Gefallen? Könntest du deinem Vater die Zeitung vorlesen? Wenn ich das mache, dann wird er immer so unruhig. Er sagt dann immer, dass du das viel besser kannst und wenn du gerade da bist…" – „Gerne, Mama. Hat Papa heute schon gegessen?" – „Ja, aber nicht ohne das übliche Prozedere. Manchmal glaube ich, er isst nicht, weil er sich selbst aufgegeben hat", seufzte Melanie. „Nun sag doch nicht so etwas Furchtbares, Mama. Vielleicht hatte er einfach keinen Hunger. Komm, gib mir mal die Zeitung, dann lese ich ihm vor", erwiderte Rokko. „Ach, ich weiß gar nicht, was ich ohne dich machen würde, Rokko." Der Angesprochene legte den Kopf schief. „Ich sag's dir: Dann würdest du ihm vorlesen", grinste er seine Mutter an.
„Tja, Papa, in dieser Zeitung fehlt schon wieder die Klatschkolumne und der Wirtschaftsteil. Keine Ahnung, was Mama damit gemacht hat", wunderte Rokko sich einige Zeit später. In letzter Zeit hatten diese Teile der Zeitung auffällig oft gefehlt, wenn Rokko seinem Vater vorlesen sollte. „Liiii-sa", brachte Henning Kowalski schwerfällig hervor. „Lisa? Mama hat die halbe Zeitung Lisa gegeben?" Rokko grübelte – es war ihm neu, dass seine Mutter eine Freundin hatte, die Lisa hieß. Den Gedanken an seine Ex-Verlobte schob er gleich als Unfug beiseite. „Nei-ein", erwiderte Henning gequält. „Verlobt." Rokko zog die Stirn kraus. „Du meinst, die Frau, mit der ich mal verlobt war, ist in der Klatschspalte?" Henning nickte angestrengt. „Und warum fehlt dann der Wirtschaftsteil?" Wieder dachte Rokko nach. „Es hat mit Lisa und Kerima zu tun?" – „Ja-a", antwortete Henning. „Und wenn Mama dir die Zeitung vorliest, dann liest sie dir die Abschnitte über Lisa und Kerima auch vor?", schlussfolgerte Rokko. „Wird wohl der ganz normale Kerima-Wahnsinn sein – Aktien im Sinkflug, die Mehrheitseignerin im Pelz auf seine Tierschutzveranstaltung… so was eben."
„Ja, Paulchen, ich weiß, dass es fies wehtut, wenn man an den Kronjuwelen wund ist, aber ich muss das jetzt eincremen, dann wird es besser. Das kühlt ein bisschen und… boah, wer hat dir denn nur beigebracht, so zu brüllen?" Routiniert hantierte David mit den Baby-Utensilien, puderte, cremte und wickelte seinen Sohn. „Na komm mal hoch", redete er auf das Baby ein. „Sieh mal, das ist der Park. Da gehen wir gleich spazieren. Nicht jedes Baby hat es so gut wie du und hat einen eigenen Park zu seiner Villa", scherzte David aus dem Fenster sehend. „Ich weiß, dir fehlt deine Mama. Mir fehlt sie auch. Aber nachher gehen wir ins Krankenhaus und besuchen sie. Du weißt doch, dass sie sich immer freut, wenn wir kommen. Okay, sie kann es jetzt nicht so richtig zeigen, aber sie kann fühlen, dass du da bist und vielleicht hört sie dich ja auch. Ach was, natürlich hört sie dich – so wie du brüllst", lachte David und sah seinen kleinen Sohn an. „Aber keine Angst, Paulchen, du kriegst deine Mama schon wieder."
Gedanken verloren saß Rokko vor seinem Laptop. Lisa lag also im Koma – seit sieben Wochen schon. Zugegeben, sein „Ich wünsche euch viel Glück" war mehr eine Floskel als ein ernst gemeinter Wunsch gewesen, aber das? Nein, das war unfair. Das hatte selbst die Frau, die ihn so verletzt hatte, nicht verdient. Vier oder fünf Mal schon hatte er das Telefon in der Hand gehabt und wollte bei den Plenskes oder Jürgen oder Hugo, sogar David anrufen. Doch was hätte er sagen sollen? Dass es ihm leid tat? Dass er helfen würde – so wie er es immer angeboten hatte, wenn das Schiff zu sinken drohte? Nein, das ging nicht. Rokko war sich nicht sicher, ob es nicht auch sein verletzter Stolz war, der ihn davon abhielt, wieder Kontakt nach Berlin aufzunehmen. Schließlich begnügte er sich damit, einen Artikel nach dem anderen zu googeln. Die glückliche Braut - de Bekanntgabe, dass Nachwuchs unterwegs war - die fröhliche Schwangere – Kerimas Erfolge der letzten Monate – die Frühgeburt – Davids erschöpftes Gesicht bei einer Erklärung zu Lisas Gesundheitszustand – das erste Bild des Babys. Nein, das hatte Rokko sich nicht angesehen, nicht so genau jedenfalls. Zu bedrückend war der Gedanke, dass dieses Baby auch seines hätte sein können… hätte sein sollen, wenn Lisa nicht… wenn sie nicht diese Entscheidung getroffen hätte – die richtige, wie Rokko nun fand. Nicht weil Lisa jetzt krank war, sondern weil sie David liebte und David sie liebte. Zwei liebende Menschen gehörten doch zusammen. Nur… warum hatte sie ihm nicht früher sagen können, dass sie ihn nicht heiraten wollte... konnte? Das hätte ihm den Schmerz nicht erspart, aber wenigstens den Schock, so verlassen zu werden. Das Klingeln des Telefons hielt Rokko davon ab, sich weiter mit der Frage zu beschäftigen, was denn nun mit Lisa war und ob er es sich wirklich antun sollte, sich um sie zu sorgen. Geistesabwesend griff er nach dem Hörer und lauschte hinein. „Oh ja, natürlich. Selbstverständlich soll Lars das Wochenende bei mir verbringen. Ich habe nur ein paar Termine durcheinander gebracht. Ich bin schon auf dem Weg, um ihn abzuholen." Ärgerlich knallte Rokko den Hörer auf die Gabel – jetzt hatte es die Kerima-Mischpoke doch tatsächlich geschafft, ihn von den wirklich wichtigen Dingen des Lebens abzuhalten.
„Hallo Lisa, mein Schatz. Da sind wir. Wie geht es dir heute?", sprach David mit seiner Frau. Sie lag in ihrem Krankenhausbett und es sah aus, als würde sie nur schlafen. Im Laufe der Wochen hatte David gelernt, die Geräte um sie herum auszublenden. „Sieh dir mal unseren Sohn an. Er wird jeden Tag größer und kräftiger." David zog das Tragetuch ein wenig zur Seite, so dass der Blick auf Paul frei wurde. Mit großen Augen sah sich das Baby in Lisas Krankenzimmer um. Es waren Momente wie dieser, in denen David sich ganz sicher war, dass Paul genau verstand, was um ihn herum geschah. Er spürte, wie das Baby auf seiner Brust zu strampeln begann. „Du willst zu deiner Mama, nicht?" Traurig lächelnd hob David das Kind aus dem Tragetuch und legte es Lisa auf die Brust. „Kannst du fühlen, wie er immer schwerer wird, mein Schatz?", fragte er Lisa, während er sich einen Stuhl heranzog. „Du musst bald aufwachen, sonst verpasst du alle wichtigen Ereignisse in Paulchens Leben." David griff nach der Hand seiner Frau und wollte sie eigentlich auf den Rücken seines Sohnes legen, doch er hielt einen Moment inne. „Du bist ja ganz kalt, mein Schatz. Wieso deckt dir niemand die Hände zu?" Vorsichtig rieb David die Hand seiner Frau, um sie zu wärmen, als er spürte, wie Lisas Finger sich bewegten. Reines Wunschdenken, dachte er bei sich. Oder Muskelkontraktionen. Doch dann ein Druck. Lisas Hand drückte seine! Quälend langsam schlug sie die Augen auf. „Schwester!", rief David und drückte den Knopf, der das Krankenhauspersonal darüber informierte, dass es gebraucht wurde. „Schwester schnell! Meine Frau wacht auf!"
