Kapitel 4

Beckett hob ihren Kaffeebecher an ihre Lippen, während sie die Information begutachtete, die Ryan an diesem Morgen als erstes an das Mordfallbrett geheftet hatte.

„Die Kreditkarte wurde hier benutzt…" Er deutete auf die Straßenkarte an der Tafel, die auf einen Standort in Queens hinwies, „… und das hat die Verkehrsüberwachung eingefangen." Er hielt ein Foto hoch. Körnig in schwarz-weiß, war das Bild dennoch klar.

Beckett trank noch einen Schluck Kaffee und genoss die letzte Koffeinzuteilung des Tages. Nach diesem Kaffee würde sie zu Koffeinfreiem wechseln. „Nun, das ist nicht Carl Aston", sagte sie.

„Was macht Emma mit Carls Kreditkarte?", fragte Ryan, während Castle das Führerscheinfoto der blauhaarigen Bibliothekarin auf dem Mordfallbrett anstarrte.

„Eine geheime Affäre?", spekulierte er.

„Vielleicht", sagte Beckett, aber sie runzelte die Stirn und schüttelte den Kopf.

„Es könnte aber trotzdem passen?", fragte Ryan. „Wenn Carl Johnson tötete..."

„Aber warum? Ich meine, wenn Emma eine Affäre mit Carl hatte und Jemima in einer geheimen Beziehung mit jemand anderem stand, würde Carl die Sache mit Jemima nicht einfach beenden?"

„Und wieder schließt sich der Kreis bei Jemima", sinnierte Castle.

„In der Tat", stimmte Beckett zu. „Aber wenn - und zu diesem Zeitpunkt ist es ein ziemlich großes wenn - sie unser Mörder ist, bleibt immer noch ungeklärt, wo Carl Aston ist oder warum Emma seine Kreditkarte hat."


„Kaffee?", fragte Castle und reichte ihr eine Tasse über den Tisch.

„Wenn er nur mit Koffein wäre..." Beckett griff trotzdem danach, aber er konnte fühlen wie seine Mundwinkel nach unten fielen.

Natürlich wollte sie normalen Kaffee. Wenn sie sich Sorgen um ihre Identität machte, würde es Sinn machen, dass sie aus der aktuellen Routine ausbrechen und die Dinge ein wenig aufmischen wollte, anstelle der konservativen Herangehensweise, die sie in ihr Leben eingeführt hatte, seit dieser kleine Teststreifen zwei Linien zeigte. „Es tut mir leid. Ich dachte, du hattest schon einen und..."

Sie schüttelte den Kopf und unterbrach ihn. „Entkoffeiniert ist in Ordnung", sagte sie und er nickte, schob die Gedanken zurück und reichte ihr den Becher. „Und vielleicht können wir früh zum Mittag gehen, hier mal für eine Weile rauskommen?" Sie deutete auf ihren Schreibtisch. „Ich schwimme hier im Papierkram, ein Tapetenwechsel wäre schön."

„Vielleicht dieses französische Restaurant?", schlug Castle vor. Er sank auf die Couch gegenüber und führte seinen eigenen Kaffee an seine Lippen.

„Vielleicht." Beckett rümpfte die Nase. „Aber ich denke, das Baby will nur einen Burger."

„Das Baby, was?" Er grinste. Soweit schien Beckett heute Morgen viel glücklicher zu sein als letzte Nacht. Sie war mit einer Leichtigkeit in ihrem Schritt ins Revier gekommen, die ihr in den letzten Tagen gefehlt hatte und sie hatte die Jungs tatsächlich angelächelt, als sie sie heute Morgen am Mordfallbrett begrüßt hatte.

Ein Lächeln tanzte auf ihren Lippen. „Und ein Erdbeermilchshake."

„Dann kann ich ja genauso weitermachen wie ich anfangen habe und diesem Baby alles geben, was sie will", stimmte er zu.

„Ich habe keinen Zweifel, dass sie ein Papakind sein wird." Beckett fuhr sich mit der Hand über den Bauch. „Sie tritt. Sie mag die Idee von Remy's."

Castle starrte seine Frau an, von ihrer Ausstrahlung verzaubert. Siebenunddreißig Wochen schwanger und sie war erstaunlich. Wenn andere Leute in ihrer Position sich längst verabschiedet hätten - sie konnten es sich sicherlich auch leisten -, war sie beharrlich mit ihrer Hingabe zum Job und welche Melancholie sie auch immer gestern befallen hatte, schien verflogen zu sein.

Ein Klopfen an der Tür erregte ihre Aufmerksamkeit und beide drehten ihre Köpfe, als Esposito eintrat, auf sein Handy konzentriert. „Ryan hat mir gerade etwas geschickt", sagte er. „Finanzunterlagen."

„Von Carl Aston?", fragte Beckett, aber Espo schüttelte den Kopf.

„Die von der Bibliothek."


„Also, was sehen wir uns hier an?", fragte Beckett, als sie ihre Augen auf die Papiere, die vor ihr lagen, richtete.

„Wir haben Emmas und Carls Finanzunterlagen gründlich durchgearbeitet und nichts sah verkehrt aus..."

„Außer, dass Emma letzte Nacht Carls Kreditkarte benutzt hat", stellte Esposito klar und Ryan nickte.

„Abgesehen davon. Also haben wir uns Jemimas Finanzen angeschaut, alles gut, nichts Außergewöhnliches, aber was haben sie alle gemeinsam?"

„Die Bibliothek", sagte Castle.

„Genau. Als Manager hat Carl eine Kreditkarte für seine Filiale. Das meiste sind Nebenkosten. Für die Datenbestände und die großen Buchkäufe haben sie bevorzugte Lieferanten, das sind geprüfte Abläufe, aber wenn sie eine Autorenlesung oder sowas haben, benutzen sie die Kreditkarte um Erfrischungen zu kaufen."

„Aber ich vermute mal, nicht achthundert Dollar bei Saks an einem Tag und dreißig Dollar bei Sephora am nächsten", sagte Beckett.

Esposito grinste. „Nee. Aber weißt du, wer bei Saks und Sephora einkaufen geht?"

„Emma Miller", sagten Beckett und Castle unisono.


„Was mache ich wieder hier?", fragte Emma, als Beckett den Verhörraum betrat.

Beckett rutschte auf ihren Sitz - vielleicht weniger anmutig als in der Vergangenheit, aber solange sie noch arbeitete, gab es keinen Grund, den Jungs den ganzen Spaß zu überlassen - bevor sie mit einer Gegenfrage antwortete. „Sie haben eine Menge Kreditkartenschulden, nicht wahr, Emma?"

Die Frau gegenüber erblasste unter ihrem Make-up, aber sie hielt ihrem Blick stand. „Und? Viele Leute haben Kreditkartenschulden."

„Es ist schwer, zurechtzukommen", stimmte Beckett zu. „New York City ist teuer. Ich meine, Ihre Miete macht bestimmt zwei Drittel Ihres Einkommens aus? Nicht wie Ohio. In Ohio hatten Sie eine ganze Wohnung für sich und viel verfügbares Einkommen, nicht wahr?. Hier haben Sie zwei Mitbewohner und arbeiten immer wahnsinnig lange. Und wofür das alles?"

„Ich liebe meinen Job", konterte Emma und hob trotzig ihr Kinn.

„Ganz zu schweigen von den Studienkrediten", fuhr Beckett fort und Emma nickte vorsichtig.

„Richtig…"

„Also sagen Sie mal, Emma, mit all Ihren Ausgaben, wie können Sie sich da die Extras leisten?" Emma funkelte sie an und Beckett lächelte zurück. Die Frau verhielt sich bereits defensiv und das bedeutete normalerweise, dass sie einem Geständnis einen Schritt näher gekommen war.

„Was für Extras?", fragte sie, ihre Stimme brach jetzt, ihr Selbstvertrauen war verschwunden.

„Zum einen Ihre Garderobe", sagte Beckett und schob eine Rechnung mit Einzelposten über den Tisch. „Make-up, zum anderen. Schuhe, natürlich." Beim letzten Punkt runzelte sie die Stirn, die Erinnerung daran, Kriminelle in sehr hohen Absätzen herunterzurennen, war genau das - eine Erinnerung. Schwangerschaft und High Heels vertrugen sich nicht ganz so gut, wie sie gehofft hatte.

„Ich sollte Filialleiterin werden!" Emma explodierte auf einmal, sie zitterte, als die Wut durch ihren Körper rollte. „Das war der ganze Grund, warum ich in die Stadt gezogen bin. Ich wollte einen Neuanfang, nach der… Sache in Ohio."

„Die Sache, bei der Sie Ihren Kollegen angegriffen haben?"

„Wissen Sie, was?", blaffte Emma. „Es steht in keinem der Berichte, aber er hat damit angefangen. Er hat mich angemacht, tagein, tagaus, hat ein Nein nicht als Antwort akzeptiert. Ja, es ist richtig, ich habe ihn angegriffen. Habe ihm eine Enzyklopädie in sein Gesicht geknallt, als er versuchte mich zu begrabschen."

Beckett blinzelte. In der Tat war nichts davon in irgendwelchen Berichten gewesen.

„Also ja, ich wollte einen Neuanfang. Und meine Freundin aus der Schule sagte, sie könne mir einen Job als Managerin der Grand Central-Filiale besorgen, aber sie war nicht die einzige in der Bewerbungskommission, also landete ich als Bibliothekarin in der Mid-Manhattan-Filiale, was in Ordnung war, außer dem Gehalt..." Sie seufzte und vergrub ihr Gesicht in ihren Händen. „Ich bekam es einfach nicht hin, dass es funktionierte. Und ich hatte Zugriff auf alle Kreditkarten der Bibliothek, also... Sie haben mich erwischt. Ich habe schlechte Entscheidungen getroffen und Geld von der Bibliothek gestohlen."

„Und Carls persönliche Karte? Warum hatten Sie die?"

„Er hatte seine Brieftasche in der Kantine liegengelassen, als er vor zwei Tagen für ein Meeting in unserer Filiale war." Sie schüttelte den Kopf. „Es war dumm. Ich wollte mich dafür an ihm rächen, dass ich den Job nicht bekommen habe, den ich haben sollte."

„Okay, ich denke, ich verstehe das, Emma", sagte Beckett und rollte ihre Schultern in einem vergeblichen Versuch, es sich bequemer zu machen. „Aber Sie müssen mir noch eine Sache erklären. Sie haben die Bibliothek bestohlen - über Carls Arbeitskonto - und Sie haben Carl selbst bestohlen. Wie ist Johnson mit allem verknüpft? Hat er es herausgefunden? Haben Sie ihn deswegen umgebracht?"

„Johnson?" Emma starrte Beckett mit verblüfftem Gesichtsausdruck an. „Ich habe Geld gestohlen, ja, aber ich habe Johnson mit Sicherheit nicht getötet!"