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Kapitel 4
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Er gewöhnte sich daran, dass sie nett zu ihm waren. Und er war der Meinung, dass das überhaupt keine gute Idee war.
Eric war inzwischen seit drei Monaten im Haus der Taylors. Er hätte nie gedacht, dass er tatsächlich so lange dort bleiben würde. Aber die Tage und Wochen waren vergangen, und es sah nicht so aus, als müsste er bald wieder gehen.
Er wartete täglich auf das böse Erwachen, aber nichts geschah.
Sie waren alle nett und verständnisvoll und bis auf Jane drängte ihn niemand.
Warrick fragte ihn ab und an, ob er mit ihm was machen wollte – meistens wollte er Basketball spielen. In den ersten Wochen hatte Eric immer abgelehnt, und doch hatte Warrick immer wieder gefragt, so dass er irgendwann einfach genickt hatte und ihm nach draußen gefolgt war.
Sie hatten sogar angefangen sich über belanglose Sachen zu unterhalten.
Es war fast wie in der Schule.
Mit den Kindern dort konnte er sich beinahe normal unterhalten. Das war schon immer so gewesen. Die Schule war sein Zufluchtsort und er war jeden Tag dankbar gewesen, wenn er dorthin gehen konnte und dadurch nicht in der Nähe seiner Eltern war.
Auch jetzt ging er gerne in die Schule, hatte ein paar flüchtige Freunde gefunden, mit denen er die Pausen verbrachte, und genoss es, dass die Unterrichtsstunden und der Lernstoff ihn auf andere Gedanken brachte.
Und nun fühlte er sich mit Warrick beinahe wohl. Beinahe. Die Angst war immer da, dass der ältere Junge ihn irgendwann auf ernstere Themen ansprach.
Irgendwann, im Laufe der letzten beiden Wochen, hatte er beschlossen, dass er die Zeit hier einfach genießen würde, so lange sie andauerte. Er wurde nicht angeschrien, geschweige denn geschlagen – oder schlimmeres -, und bekam immer etwas zu Essen.
Er war sich noch immer nicht sicher, ob sich das nicht irgendwann noch ändern würde, aber wenn es so war, dann konnte er es sowieso nichts dagegen machen.
Nur dass sie so nett zu ihm waren, bereitete ihm immer noch Sorgen. Er wollte nicht, dass sie so nett waren, wollte sie nicht mögen. Der Schmerz würde nur größer sein, wenn sie ihn doch weg schickten oder anfingen ihn anders zu behandeln.
Und doch merkte er, wie er langsam sein Herz an diese Familie verlor. Es machte ihm Angst. Es machte ihn verletzlich.
Die Gefühle in seinem Inneren waren in ständigem Aufruhr. Er war hin und her gerissen von dem Gefühl der Sicherheit und der Angst, es könnte sich alles wieder ändern.
Und dann war da noch Jane.
Sie hatte vor Wochen aufgehört zu arbeiten und war seither immer da.
In der ersten Zeit war sie ständig in seiner Nähe gewesen, ohne allzu viel mit ihm zu reden. Irgendwann hatte sie angefangen, ihn in Gespräche zu verwickeln. Erst ganz harmlos, über das, was er gerne tat, über die Schule. Wenn er Nachts von seinen Alpträumen wach wurde, kam sie in sein Zimmer, setzte sich zu ihm und streichelte ihm über den Rücken und wartete schweigend, bis er wieder einschlief.
Sie fragte nicht wieder nach seinen Träumen.
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Aber irgendwann begann sie andere Fragen zu stellen. Nach dem Leben bei seinen Eltern. Auch alles erst ganz harmlos. Und schließlich wollte sie mehr wissen. Bohrte langsam, unaufhaltsam, geduldig nach, auch wenn er nicht antwortete.
Sie weckte unzählige Erinnerungen, die er am liebsten vergessen würde.
Sie erzählte von anderen Kindern, die schlimme Dinge erlebt hatten und denen sie in der Klinik geholfen hatte.
An einem Tag war er ausgerastet und hatte sie angeschrien. Hatte gefragt, warum sie dann nicht weiter dort arbeitete und den anderen half, statt ihre Zeit mit ihm zu verschwenden.
Sie war auf ihn zugekommen. Er konnte ihren Gesichtsausdruck nicht deuten können. Die Panik hatte ihn ohne Vorwarnung überrollt. Diesmal war er zu weit gegangen. Jetzt würde er ihr wahres Gesicht sehen. Als sie in seine Reichweite kam, hatte er sich geduckt, hatte den ersten Schlag erwartet.
Doch sie schlug nicht zu. Sie hatte ihn in ihre Arme gezogen und er hatte, von seinen Gefühlen und Ängsten überwältigt, angefangen zu schluchzen.
Er wusste nicht, wie lange er geweint hatte. Ihm war kaum bewusst, dass sie ihn festhielt, und das, wo er noch immer jede Berührung vermied. Irgendwann hatte er sich langsam beruhigt und eine bleierne Müdigkeit war über ihn bekommen. Und er hatte sich nicht gewehrt, als Jane ihn die Treppe hinaufgeführt hatte in sein Zimmer, wo sie ihn ins Bett legte und zudeckte. Beinahe sofort war er eingeschlafen, völlig erledigt von seinem Gefühlsausbruch.
Irgendwann wachte er kurz auf und sie saß auf einem Stuhl neben seinem Bett, ein Buch in der Hand. Beruhigt durch ihre Anwesenheit war er wieder ins Vergessen geglitten und kein Alptraum hatte seinen Schlaf gestört – jedenfalls keiner, an den er sich erinnern könnte.
Und nun rang er mit sich und seinen Gefühlen.
Erschreckt war ihm in den letzten Tagen bewusst geworden, dass er ihr vertraute. Sie würde ihm nicht weht tun – wie sie es gesagt hatte. Er wusste es. Aber es beruhigte ihn nicht.
Er unterdrückte den Drang mit ihr über seine Eltern zu reden und zu erzählen, was sie getan hatten. Er hatte Angst, dass sie ihn dann nicht mehr mochte. Er wünschte sich aber so sehr, dass sie ihn mochte. Er war zutiefst verwirrt.
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Sie gewann sein Vertrauen, langsam aber sicher – auch wenn er sich dagegen mit Händen und Füßen wehrte.
Jane war etwas überrascht, dass es so schnell ging.
Allerdings kam er auch ihr als Einzige näher. Ab und zu unternahm Eric etwas mit Warrick, der ihm altersmäßig am nächsten stand, aber so weit der Ältere ihr erzählt hatte, blieb die Beziehung dennoch oberflächlich.
Nicht das Eric ihr bisher etwas wesentliches erzählt hatte. Aber sie sah in seinen Augen, dass er es wollte. Und früher oder später würde er es deshalb auch tun.
Aber gegenüber Rick und den anderen Jungs verhielt er sich nach wie vor mehr als zurückhaltend. Außer bei den Mahlzeiten wich er ihnen so gut es ging aus. Und zumindest Horatio und Mac gaben sich nicht viel Mühe das zu ändern.
Sie machten den beiden keinen Vorwurf daraus. Dennoch wünschte sie sich, es wäre ein wenig anders.
Aber sie waren beide selten da. Die Arbeit als Polizist und der damit verbundenen Schichtdienst sorgte dafür, dass man sie an manchen Tagen gar nicht zu Gesicht bekam. Zudem war Horatio immer noch mit Dan – den sie immer noch nicht kennen gelernt hatten – involviert und Mac war inzwischen beinahe ein Jahr mit seiner Freundin Claire zusammen.
„Soll ich raten, was dir durch den Kopf geht?" unterbrach Rick ihre Gedanken.
Jane, die es sich, mit dem Rücken an ihren Mann gelehnt, auf der Couch gemütlich gemacht hatte drehte sich zu ihm um.
„Du brauchst doch nicht zu raten", meinte sie. „Ich bin sicher, du weißt es sowieso!"
„Eric", sagte er schlicht.
„Ich glaube, es wird nicht mehr lange dauern, bis er sich gestattet mir zu vertrauen", erklärte sie. „Und erstaunlicher weise ist es genau das, was mir Sorgen macht."
„Du meinst, weil du die Einzige bist, der er sich öffnet?"
„Ja", seufzte sie. „Er spricht kaum mit euch! Na ja, manchmal redet er mit Warrick, ab und an mit Nick, aber mit dir, Horatio oder Mac spricht er so gut wie gar nicht. Er bindet sich ausschließlich an mich, und ja, das macht mir große Sorgen. Es ist normal, dass er sich eine Hauptbezugsperson sucht, aber so sollte es nicht sein."
„Es ist schwer für ihn, jemanden zu trauen. Und ich denke, grade bei Männern. Ich glaube nicht, dass seine Mutter ihm aktiv wehgetan hat, es war eher der Vater. Es ist eine ganz normale Reaktion, dass er bei uns so reserviert und auch ängstlich reagiert."
„Ich weiß, Rick. Aber es beschäftigt mich."
„Du wärest nicht du, wenn es anders wäre", antwortete er. „Aber Jane, auch du brauchst ab und an mal eine Ruhepause! Du musst auch mal auf andere Gedanken kommen!"
„An was hättest du denn da gedacht, Mr. Taylor?" fragte sie mit einem schelmischen Grinsen.
Er lachte und gab ihr einen Kuss. Sie schmiegten sich aneinander und sahen sich in die Augen.
„So verführerisch das jetzt auch ist", sagte Rick. „Aber ich dachte eher daran, dass du mal eine Weile hier raus solltest. Wie wäre es mit einem Spaziergang?"
Jane lächelte ihren Mann an. „Ja, du hast Recht!" antwortete sie. „Das haben wir eine Weile nicht gemacht!"
„Gut", er gab ihr noch einen schnellen Kuss. „Ich gehe nach oben und sage Nick Bescheid, dass wir eine Weile weg sind. Horatio und Mac haben beide Dienst, richtig?"
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Nick nickte nur bestätigend und winkte, als sein Vater den Kopf in die Tür steckte und sagte, dass sie für eine Weile weg waren.
Da er wusste, dass Warrick und Eric um diese Zeit bereits schliefen, dauerte es nur wenige Sekunden, bis er sich wieder völlig auf seine Arbeit konzentrierte, die er in wenigen Tagen im College abgeben musste.
Er bekam schon nicht mehr mit, wie Rick lächelnd die Tür wieder schloss.
Das war die Art, wie er die Dinge anging, und warum seine Brüder ihn oft aufzogen. Er konzentrierte sich immer ganz auf eine Sache und bekam dann nichts anderes mehr mit. Warrick nutzte diese Eigenschaft auch des öfteren, um ihn ein wenig zu erschrecken, was meistens in einer gutmütigen, brüderlichen Kabbelei endete.
Ein Schrei riss Nick schließlich aus seiner Konzentration und er hob erschreckt den Kopf. Einen Moment brauchte er, um zu registrieren, was los war, bevor er aufstand und seine Zimmertür öffnete.
Ein weiterer Schrei erklang und er verzog das Gesicht, als ihm bewusst wurde, dass er aus Erics Zimmer kam.
Im nächsten Augenblick ging auch schon Warricks Tür auf und der jüngere stolperte verschlafen auf den Flur.
„Was ist los?" fragte Warrick, während er sich die Augen rieb, um vollends wach zu werden.
„Ich nehme an, dass Eric wieder Alpträume hat", antwortete Nick und zuckte zusammen, als der nächste Schrei erklang.
„Wo ist Mom?" fragte sein Bruder.
Nick verzog das Gesicht. „Sie sind spazieren gegangen!"
„Scheiße", entfuhr es Warrick und Nick konnte ihm nur zustimmen.
„Was machen wir jetzt?" fragte der jüngere weiter und Nick war klar, dass er sich alles andere als wohl in seiner Haut fühlte. Ihm ging es nicht anders. Bisher hatte sich ihre Mutter immer mit solchen Situationen auseinander gesetzt. Und er fühlte sich hilflos.
Normalerweise wachte Eric erst später in der Nacht mit Alpträumen auf, und Nick fragte sich, warum es ausgerechnet heute anders sein musste. Aber es half nichts, sie mussten etwas tun und so ging er langsam durch den Flur. Warrick folgte ihm.
Zögernd öffnete Nick die Tür zum Zimmer ihres neuen Pflegebruders.
Eric lag in seinem Bett und schlug um sich. Er schien fest gefangen in seinem Alptraum, seine Augen waren geschlossen. Dennoch konnte man die Panik auf seinem Gesicht sehen.
Die beiden Jungen näherten sich dem Bett und Nick rief Erics Namen, doch er reagierte nicht.
Schließlich überwand er sich und berührte den Kleinen sanft an der Schulter, schüttelte ihn leicht, um ihn aufzuwecken.
Nick sah den Schlag nicht kommen.
Ohne Vorwarnung schreckte Eric hoch und seine Faust traf Nick mitten im Gesicht. Schmerz explodierte dort und das Blut schoss aus seiner Nase.
Mit Tränen in den Augen zog Nick sich ein wenig zurück und beobachtete, wie Eric ihn aus erschreckten, großen Augen anstarrte. Es dauerte einen Moment bis er selber sich gefangen hatte und ihm bewusst wurde, was grade passiert war.
Der Ausdruck im Gesicht des Jungen ließ ihn seinen eigenen Schmerz kurzzeitig vergessen. Hier war ein verschrecktes Kind, das erst vor wenigen Monaten der Hölle entkommen war.
„Es ist alles in Ordnung, Eric!" sagte er, und seine Stimme hörte sich etwas seltsam an. Er war sich ziemlich sicher, dass die Nase gebrochen war. Aber darum konnte er sich später kümmern. Er hielt das kleine Handtuch, das Warrick ihm gereicht hatte, vorsichtig gegen das Gesicht gepresst, um die Blutung zu stoppen, und ging wieder ein Stück auf seinen Pflegebruder zu.
„Du hattest wieder einen Alptraum, ich wollte dich nur wecken", erklärte er und sein Magen zog sich zusammen, als Eric vor ihm zurückwich und sich zitternd an die Wand presste.
Als er noch ein Stück näher ging und sich auf das Bett setzen wollte, hob der Junge abwehrend die Arme, als hätte er Angst, er würde geschlagen.
Ratlos wich Nick wieder zurück und sah Warrick an. Dessen Blick wanderte von ihm zu Eric und wieder zurück und er schien genauso ratlos zu sein, wie er selber.
Nick wusste nicht, was er nun tun sollte. Er konnte Eric nicht alleine hier sitzen lassen, aber es schien nichts zu geben, was er tun konnte. Der Junge hatte Angst vor ihm.
Er hätte nicht sagen können, ob nur wenige Minuten oder längere zeit vergangen war, als man von unten den Schlüssel im Schloss hörte.
Erleichtert atmeten die beiden älteren Jungen auf.
„Ich hole sie gleich hoch!" sagte Warrick und weg war er.
Es dauerte nicht lange, bis er mit ihren Eltern im Schlepptau wieder kam.
„Was ist denn hier passiert?" fragte Rick, als er mit einem Blick den verschreckten Jungen auf dem Bett und seinen Sohn mit einem blutigen Tuch im Gesicht wahrnahm.
„Ich glaube, meine Nase ist gebrochen", sagte Nick und unterdrückte ein Stöhnen, als sein Vater zu ihm kam und das Handtuch wegnahm, um sein Gesicht anzusehen.
Aus den Augenwinkeln sah er, wie seine Mutter sich langsam dem Bett näherte und mit beruhigenden Worten auf Eric einredete.
Und zu aller Erstaunen, ließ sich der Junge, der vor jeder Berührung zurückschreckte, von Jane in die Arme nehmen und brach in Tränen aus.
„Komm, mein Sohn", lenkte sein Vater seine Aufmerksamkeit wieder auf ihn. „Wir fahren zum Krankenhaus! Deine Mutter kommt hier schon klar!"
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