Hallo Ihr Lieben,
kurz vor Jahreswechsel habe ich noch ein nachträgliches Weihnachtsgeschenk für euch und den letzten Part dieser Triologie endlich fertig gestellt. Leider hat es länger gedauert, als geplant, dafür ist Part III aber auch ziemlich big geworden!
Mein Dank gilt mal wieder besonders meinen fleißigen Reviewern, die sich trotz längerer Pause nicht haben davon abbringen lassen, meine Story weiter zu verfolgen: Devilsnight, oAmyBlacko, Schattentaenzerin, lamia, lealau –knuddel-, Night of Shadows, Callisto und Little Whisper – auchknuddel-!
DANKE!!!!!!!!!!!!!
Part III
Yes I've done my evil
I've done my good
You
We've had our share of misfortune
We've had our blues
SongtexteSongtextWe keep
forgetting baby You are the one
The others too
There is no one who can take
that away
LyricsFrom me and
you
And there's no regrets at all
(Him – You are the one)
…in meiner Nacht!
Ich wachte genauso auf wie die letzten Tage, mit Kopfschmerzen und steifem Rücken. Diese verflixte Couch war definitiv zu klein für mich. Fast hätte ich gelacht, meine Güte, ich hatte schon auf Schlimmerem geschlafen, als auf einer zu klein geratenen Couch. Ich gähnte und versuchte vorsichtig mich zu strecken. Mir war unglaublich kalt… was kein Wunder war, wie ich Sekunden später feststellte, ich hatte die Wolldecke mal wieder gen Boden befördert. Verlegen bemerkte ich, dass ich noch immer Dracos Pulli umklammert hielt und schob ihn schnellstens unter mein Kopfkissen.
Das nächste was ich sah, war eines dieser Bilder, die sich unausweichlich in mein Gedächtnis einbrannten. Seit langem endlich einmal ein gutes Bild, so unglaublich schön und unschuldig… Draco war offensichtlich irgendwann in der Nacht herübergekommen und hatte sich samt der großen Federdecke in meinem Sessel zusammengerollt.
Ich kam mir sagenhaft dämlich vor, als ich tatsächlich schlucken musste. Ob ich es mir eingestehen wollte oder nicht, ich vermisste seine Nähe mehr als mir lieb war. Er musste noch nicht einmal mit mir reden, oder mich ansehen… Hauptsache er war einfach da. Ich kann mich nicht erinnern, dass mir so etwas jemals mit einem anderen Menschen passiert wäre. Selbst als ich mit Ginny zusammen war … ich kann wohl mit Fug und Recht behaupten, dass sie meine erste große Liebe war… nein, selbst bei ihr nicht. Ihre Nähe hatte ich immer genossen, aber niemals hatte es eine solche Leere hinterlassen, wenn sie einmal nicht bei mir war. Bei Draco war eben alles anders…
Bilder von Askaban stiegen vor meinem geistigen Auge auf. Dracos helles Haar, das trotz des Schmutzes und der Düsternis in unserer Gruft noch immer zu leuchten schien.
Heute weiß ich, dass sich mein Leben von dem Moment an geändert hat, als Lucius ihn in meine Zelle werfen ließ. Vielleicht noch nicht einmal mein Leben. Vielleicht habe nur ich mich verändert… ich kann sogar die Sekunde genau benennen. Es war jener Wimpernschlag der Zeit, als seine Kapuze verrutschte und ich ihn nur an seinem Haar erkannte. Ich bin weiß der Himmel niemand, der auf Äußerlichkeiten besonders viel Wert legt… trotzdem hat es mich immer fasziniert, wie ein Mensch derart helles Haar haben kann. Es war nicht einfach blond, nicht einfach hell, es war irgendwie… silbern… und in jenem Moment in Askaban war es wie ein Leuchtfeuer… einige silberne Strähnen gefangenen Mondlichtes, die sich in meine eigene dunkle Welt verirrt hatten.
Ich habe ihm nie von diesem Moment erzählt, meine Gedanken niemals in Worte gefasst, doch immer, wenn es am schwärzesten war in Askaban… oder in meinem Herzen… immer dann brachte ein für mich unerklärlicher Schein Dracos Haar zum Leuchten. Nur einen Herzschlag lang, nur gerade lang genug, dass ich mich fragen konnte, ob ich aufgrund des immer vorhandenen Durstes halluzinierte… Tatsache ist, dass es mich hoffen ließ, dass es vielleicht doch noch irgendwo ein Weiterleben für mich geben könnte… dass diese unwirklichen Sekunden eine Art Wegweiser für mich sein sollten. Eine vollkommen idiotische Idee, vielleicht habe ich dieses Gefühl gerade deshalb immer unausgesprochen gelassen. Vielleicht aber schwieg ich einfach nur aus der Angst heraus, er könnte mich auslachen, könnte mich wieder so ansehen wie er es in Hogwarts getan hat. Voller Hohn und … ja… Verachtung. Das war es, was ich nicht hätte ertragen können und noch heute habe ich Angst davor, dass ich eines Morgens aufwache nur um festzustellen, dass ich in meinem Schlafsaal in Hogwarts liege und er mich wieder hasst.
Doch schon im nächsten Moment wurde mir klar, wie weit entfernt dieses Leben war… Es klingt schon sehr plakativ, wenn ich nun behaupte, dass das einzig Gute an diesem Krieg war, dass ich Draco gefunden habe. Ich kann es niemandem verdenken, der mich bei dieser Aussage für einen etwas verwirrten Kriegsveteranen hält, vermutlich würde ich nicht anders reagieren, wenn… ja, wenn… wenn ich eben nicht Harry Potter wäre…
ich saß einige Minuten einfach nur still da und beobachtete Draco beim Schlafen. Er war ein ganzes Stück größer als ich und hatte es trotzdem irgendwie geschafft, sich in dem Sessel zusammenzurollen. Mir war die Couch schon zu klein! Seine sonst so ordentlichen Haare waren ein einziges Durcheinander und hingen ihm in die Stirn. Tagsüber bekam ich ihn so jedenfalls nicht zu Gesicht. Erstaunlicherweise hatte er einen Teil seiner früheren Eitelkeit wieder entdeckt, sobald er sich morgens regelmäßig in einem Spiegel betrachten musste… wie oft hatte ich mich mit Ron schon darüber amüsiert? Und wie oft hatte ich ihn damit aufgezogen? Merkwürdigerweise reagierte Draco auf meine Sticheleien gänzlich anders, als ich es von ihm erwartet hätte. Er warf mir dann nur einen Blick durch den Spiegel zu und grinste mich so offen und herausfordernd an, dass ich bei jedem einzelnen Mal weiche Knie bekam. Bis heute weiß ich nicht, was er mir antwortete. Spätestens bei seinem Lächeln setzte meine Hirntätigkeit in gründlicher Vollständigkeit aus. Selten genug waren die Momente ja, in denen Draco so offen war…
Das Lächeln gefror auf meinen Lippen, als mir wieder in Erinnerung trat, wieso ich seit einigen Nächten die unbequeme Couch belagern durfte. Ich ließ Draco schlafen und schlich mich so leise wie möglich aus dem Zimmer.
Selbst die kühle Dusche konnte meine Lebensgeister nicht wirklich wecken, zu genau hatte ich noch Dracos entsetzen Blick vor mir, nach jenem Abend bei Hermine und Ron. Irgendwie hatte ich ja geahnt, dass er so reagieren würde, wer würde das nicht, bei allem, was Draco hatte durchmachen müssen? Ich schalt mich selbst einen Narren. Wann war ich eigentlich auf die völlig hirnrissige Idee gekommen, dass er auf Männer im Allgemeinen und mich im Besonderen stehen könnte? Hatte ich in Hogwarts nicht mehr als einmal erfahren, wie er zu mir stand? Hatte ich nicht mehr als einmal miterlebt, wie häufig er seine Liebeleien wechselte? Wie oft er Mädchenherzen brach?
Sicher, unsere Einstellung zueinander hatte sich geändert. Zweifellos. Aber wie hatte ich auch nur im Entferntesten denken können, dass Draco sich von Grund auf und völlig ändern würde? Dass er mich würde lieben können?
Minutenlang presste ich meine Stirn an die kalten Fliesen, ließ mir das eisige Wasser den Rücken hinunterlaufen, bis meine Zähne anfingen zu klappern. Mir war nur zu deutlich bewusst, dass ich eine Entscheidung treffen musste. Eigentlich war es keine wirkliche Entscheidung, ich wusste längst, was für uns beide der einzige Weg sein konnte… er gefiel mir nicht.
Es war nicht das, was ich wollte…
Ich rubbelte mich fester trocken als nötig gewesen wäre, meine Haut bekam eine ungesunde rote Färbung, doch es störte mich nicht. Ich hatte Draco niemals wehtun wollen und schon gar nicht, hatte ich ihn an seine Erlebnisse in Askaban erinnern wollen. Himmel noch eins, ich wusste ganz genau, was selbst sein eigener Vater mit ihm angestellt hatte und doch hatte ich Idiot meine Klappe nicht halten können.
Das Handtuch landete mit unterdrückter Wut in der Ecke. Worüber ich mehr wütend war, das, was diese Schweine ihm angetan hatten oder über meine eigene Dummheit, wusste ich nicht zu sagen. Meine Entscheidung, die eigentlich keine war, fiel, während ich in meine Klamotten schlüpfte.
Wenn ich Draco nicht verlieren wollte, durfte ich ihm auf gar keinen Fall noch einmal in irgendeiner Weise zu nahe kommen. Das war ich ihm schuldig. Er war oft genug stark für mich gewesen, jetzt war ich an der Reihe ihm die Sicherheit zu geben, die er brauchte und die er ohne Zweifel mehr als verdiente. Auch wenn es mich meine ganze Kraft kosten würde, ich würde ihm ein guter Freund sein. Nicht mehr und nicht weniger. Was hätte ich sonst tun sollen? Verlieren wollte, konnte ich ihn nicht…
Was soll ich sagen, ich hielt mich in den nächsten Wochen eisern an mein mir selbst gegebenes Versprechen. Ich verlor kein einziges Wort mehr darüber, was Hermine angedeutet hatte, kein Wort darüber, wie gern ich in seiner Nähe war, wie sehr ich ihn in den Nächten allein im Wohnzimmer vermisst hatte. Nicht eine Silbe darüber, dass es mich wahnsinnig machte, wenn ich durch einen seiner Alpträume geweckt wurde und mich nicht traute, ihn richtig anzufassen.
Ich kann nicht sagen, dass diese Zeit für mich einfach gewesen wäre. Mit Sicherheit nicht. Doch lieber wollte ich ihn so bei mir haben, als zu riskieren ihn zu verlieren. Zu oft hatte ich diejenigen die ich liebte verloren, zu viele die mir am Herzen lagen hatte ich sterben sehen… und wie viele mehr hatte ich an den zurückgebliebenen Traumen des Krieges zerbrechen sehen? Zählen konnte ich sie längst nicht mehr. Ihre Gesichter verliefen in meinen Träumen ineinander, wurden zu einer undurchschaubaren Masse aus Augen, welche mich vorwurfsvoll anstarrten, Mündern, die mich anschrieen. Das einzig Beständige in diesen Alpträumen, wenn ich wieder einmal nahe daran war, mich selbst zu verlieren, war Draco.
Seine klaren grauen Augen strahlten durch die Masse der wirbelnden Gesichter, er war der Strohhalm an den ich mich immer wieder klammerte um mich nicht selbst zu verlieren. Und er hatte keine Ahnung, wie sehr ich ihn brauchte…
Einige Male hatte ich das Gefühl, Draco wolle das Thema anschneiden… ich erkannte es an der Art, wie sich seine Augen plötzlich verdunkelten und er diese hochnäsige Maske von früher aufsetzte. Doch… er sagte nie etwas… und so beließ auch ich es dabei. Wir fanden nach einigen Wochen fast zu unserer früheren Vertrautheit zurück… ich durfte wieder im Schlafzimmer schlafen, er verließ nicht mehr fluchtartig den Raum, wenn ich ihn im Schlaf umarmte…
Trotzdem war es nicht mehr wie vorher…, wir spürten wohl beide, dass immer eine Art Spannung zwischen uns lag. Wir waren beide so sehr darauf bedacht, dem anderen nicht in irgendeiner Weise oder durch eine unbedachte Geste oder ein unüberlegtes Wort zu nahe zu treten, dass selbst die einfachsten Unterhaltungen nur noch in angespannter Atmosphäre verliefen.
Vielleicht wäre es immer so weiter gegangen, ich weiß es nicht. Tatsache ist, ich hätte mit Sicherheit niemals etwas zu ihm gesagt wenn… ja… wenn uns das Ministerium nicht einen gehörigen Strich durch die Rechnung gemacht hätte.
Ich hatte eine fürchterliche Nacht hinter mir, mit mehr als realistischen Träumen und war schon früh auf. Bevor Draco auch nur die Augen aufschlug, war ich schon bei meiner zweiten Kanne Kaffee angelangt und fühlte mich noch immer, als hätte Fluffy mich als Kaugummi benutzt. Es wunderte mich, als es an der Tür klingelte, es war immerhin noch nicht einmal 8 Uhr. Eine ungute Vorahnung beschlich mich, warum konnte ich nicht einmal sagen…
Meine Vorahnung bestätigte sich und innerhalb von 30 Sekunden, nachdem ich die Tür geöffnet hatte, brach zuerst meine und dann ganz besonders Dracos mühsam aufgebaute Welt in sich zusammen.
Mindestens 10 Auroren, von denen ich nicht einen einzigen kannte, stürmten in die Wohnung, ich wurde festgehalten und die Männer stürzten ins Schlafzimmer. Sekunden später konnte ich Geschrei hören und meine Knie begannen haltlos zu zittern. Ich wehrte mich heftiger, doch die zwei Auroren, die mich noch immer hielten waren kräftig. Ich solle mich beruhigen, sie hätten einen Haftbefehl für Draco, weil er ein Todesser sei!
Beinahe hätte ich hysterisch angefangen zu lachen. Sollte das ein übler Scherz sein? Es war dank der Presse doch hinreichend in der Zaubererwelt verbreitet worden, was Draco wiederfahren war. In widerwärtigen Details war breit getreten worden, was wir alle und Draco insbesondere in Askaban zu erdulden hatten.
Man schleppte Draco an mir vorbei… ein einziger Blick in seine Augen genügte um mir endgültig den Boden unter den Füßen wegzuziehen.
Askaban hatte ihn wieder.
Es ging alles so verflucht schnell. Ebenso rasch, wie sie gekommen waren, waren die Auroren auch wieder verschwunden. Und mit ihnen Draco. Ich war wie erstarrt, eiskalte Panik legte sich um mein Herz und lähmte meinen Geist. Draco war fort. Warum hatte er mich allein gelassen?
Hermine fand mich Stunden später.
Ich hockte noch immer im Schlafanzug auf den Dielen, die Arme um die Knie geschlungen, zitterte ich stumm vor mich hin. Hermine musste mich mehrmals ansprechen, bevor ich überhaupt auf sie reagierte. Sie fragte was passiert sei. Ich konnte es ihr nicht sagen. Ich starrte nur in ihre aufgerissenen braunen Augen und presste die Lippen aufeinander. Mein Grauen war zurück, ich war wieder allein in der Dunkelheit, um mich herum nichts als Kälte und Einsamkeit…
Hermine fragte nach Draco… das brachte mich nur noch mehr aus der Fassung, und ich kauerte mich noch enger zusammen. Was muss das für ein hübsches Bild abgegeben haben! Der große Harry Potter hockt als barfußes zitterndes Häufchen Elend in seiner eigenen Wohnung und schafft es nicht, einen einzigen anständigen Satz zusammenzubringen!
Ich bekam nicht mit, wie sie die Wohnung nach Draco durchsuchte, ebenso wenig, wie ich mitbekam, dass sie den Haftbefehl auf dem Küchentisch fand. Sie holte Ron zur Hilfe und gemeinsam schafften sie es, mir zumindest etwas Vernünftigeres als meinen Pyjama anzuziehen.
Und Ron? Tja, Ron tat etwas, was wirklich nur ein guter Freund für einen tun kann. Während Hermine damit beschäftigt war, meine nötigsten Sachen zusammenzupacken, damit ich die nächsten Tage bei ihr und Ron verbringen könnte, ohrfeigte Ron mich. Eine einfache ordentliche und ziemlich schmerzhafte Ohrfeige. Ein harter Schlag ins Gesicht, der mich in die Realität zurückholte. Askaban verschwand in nebliger Erinnerung und ich fand mich in meiner Küche sitzend wieder. Allein. Allein mit Ron und Hermine.
Hermine kam mit meiner Reisetasche herein, auf meiner Wange blühten Rons fünf Finger in kräftigen Rottönen. Hermine kreischte geschockt auf, fragte Ron entsetzt, was er getan habe und Ron… der antwortete ganz praktisch, er habe getan, was nötig gewesen sei.
Und er hatte Recht. Ich hielt mich nicht weiter damit auf, die aufkeimende Streiterei der beiden zu beachten und griff nach dem Haftbefehl. Einem einfachen Stück Papier, nicht einmal von besonders guter Qualität, welches Dracos Schicksal enthalten sollte. Ich überflog die juristischen Floskeln, ich hätte sie sowieso nicht verstanden. Unterschrieben hatte der Minister für Zauberei höchstpersönlich.
Hermine und Ron folgten mir erschrocken, als ich Richtung Kamin stürmte. Ich schmiss das Flohpulver derart heftig in die erkaltete Asche, dass eine graue Wolke sich auf den Teppich ergoss. Es war mir egal.
Bei meinem ersten Besuch im Ministerium versuchte ich noch angestrengt ein Mindestmaß der erforderlichen Höflichkeit zu wahren. Allerdings hielt meine Beherrschung genau so lange an, bis mir eine genervt wirkende Vorzimmerdame erklärte, dass der Herr Minister nicht im Haus sei und für mich frühestens in einem Monat ein Termin frei sei. Nun ja, die arme Frau konnte ja nicht wissen, mit wem sie sich da anlegte, oder wie weit ich bereit war zu gehen. Eigentlich wusste ich selbst nicht so genau, was ich bereit war zu tun. Alles, woran ich denken konnte, war die grenzenlose Panik in Dracos Blick, als sie ihn an mir vorbeischleppten.
Mit Hermines Hilfe schaffte ich es, mich drei weitere Tage zu gedulden. Drei weitere Tage, in denen ich weder wusste, wo Draco war, noch wie es ihm ging. Man hatte mir einen Eiltermin beim Minister verschafft und Hermine war der Meinung, dass hier der zivilisierte Weg der Verständigung der beste sei. Was für mich soviel hieß wie, ich solle gefälligst die Füße stillhalten bis ich zum Minister vorgelassen wurde.
Ich schlief schlecht bis gar nicht in diesen Nächten. Die Alpträume aus Askaban holten mich ein weiteres Mal ein, mit jeder Nacht realistischer als zuvor. Schließlich sah ich Draco in meinen Träumen. Er war allein. Und er gab mir die Schuld daran. Ich konnte es in seinem Blick sehen. Wie er mich anschaute, voller Verachtung und was das schlimmste war… voller Enttäuschung. Ich fuhr mit einem Schrei aus dem Bett auf, war sofort hellwach, obwohl es draußen gerade einmal zu dämmern begann. Alles, was ich denken konnte war, dass er Recht hatte. Ich hatte Draco im Stich gelassen. Anstatt mich mehr zu bemühen nach ihm zu suchen, hatte ich einfach die Hände in den Schoß gelegt und abgewartet!
Ich erwischte den Minister bei seinem Frühstück, es war kein Problem herauszubekommen, wo er wohnte. Solche kleinen Tricks lernte man in Kriegszeiten ziemlich schnell.
Ebenso wenig war es ein Problem in sein gesichertes Heim einzudringen, seine Frau – noch im Bademantel – schrie sich die Seele aus dem Leib, als ich seelenruhig in ihre Küche spazierte.
Der Minister – ich kann mich nicht mal an seinen Namen erinnern -, war ein kleiner untersetzter Mann, dessen Geheimratsecken gerade anfingen auf den restlichen Schädel überzugreifen. Er starrte mich mit großen Augen an. Natürlich wusste er, wer ich war. Und natürlich wusste er auch, weswegen ich gekommen war. Er versuchte mir mit allerlei juristischen, politischen, ethischen und idiotischen Floskeln zu erklären, dass er mir nicht sagen dürfte, wo Draco sei.
Ich hörte mir diese leeren Worte an und jede einzelne seiner verlogenen Silben entfachten meine Wut. Wie konnte dieser fettwanstige Kerl vor mir behaupten, Draco sei eine Gefahr für die allgemeine Sicherheit?
Ich bin nicht stolz darauf, was ich getan habe um den Minister schließlich dazu zu bekommen mir zu sagen, wo ich Draco finde.
Wirklich nicht.
Aber im Nachhinein gesehen war es die richtige Entscheidung ihm den Cruciatus-Fluch aufzuhalsen. Männer wie er redeten doch immer davon, dass man manchmal mit diplomatischen Mitteln nicht weiter käme. Männer wie er waren es, die uns in den Krieg geschickt hatten, die uns unserer Jugend, unseres Lebens beraubt hatten, um selbst in gut geschützten Bunkern abzuwarten welche Seite den Krieg gewinnen würde.
Wie ich erwartet hatte, hielt er noch nicht einmal eine Minute unter dem Cruciatus aus, bevor er anfing zu winseln. Erbärmliches Getier… kaum hatte ich den Fluch aufgehoben betete er mir auch schon alles herunter, was ich wissen wollte… Im Hinausgehen besaß er tatsächlich noch die Frechheit, mir zu drohen!
Er würde mich verhaften lassen, dafür, dass ich einen Unverzeihlichen benutzt hätte. Guter Himmel, ich weiß bis heute nicht, wie ich es geschafft habe ihn nicht lauthals auszulachen. Da lag der Minister der Zauberei auf seinem Küchenboden, den fetten Wanst an die kühlen Fliesen gedrückt, Angstschweiß stank aus jeder einzelnen seiner Poren. Und dieses Gewürm wollte mir drohen? Ich lächelte ihn nur kalt an und erkundigte mich ruhig, womit er gedenke mir Einhalt zu gebieten. Ich hatte Voldemort überlebt. Ich hatte Lucius Malfoy überlebt. Und ich hatte Askaban mit all seiner Grausamkeit, mit all seinen Dementoren überlebt… Wovor sollte ich noch Angst haben? Dass es etwas gab, vor dem ich noch Angst, ja sogar mehr Angst als jemals zuvor hatte, band ich ihm nicht auf die Nase. Ebenso wenig wie ich ihm sagte, dass er auf dem besten Wege war, diese Angst wahr werden zu lassen…
Der Minister antwortete mir nicht. Er starrte mich nur aus seinen geröteten Krötenaugen an. Ich ging ohne ein weiteres Wort.
Ich benachrichtigte weder Ron noch Hermine, sondern apparierte direkt zu dem Ort, den der Minister mir genannt hatte. Schließlich kannte ich den Ort nur zu gut… immerhin war ich hier 7 Jahre meines Lebens zur Schule gegangen…
Hogwarts.
Ich stand vor den riesigen Toren und blickte auf die entfernten Zinnen empor. Fast meinte ich, Seidenschnabel mit Sirius auf dem Rücken um die Türme schweben zu sehen… oder mich selbst, während ich bei dem Trimagischen Turnier versuchte den Hornschwanz abzuhängen.
Verblassende Erinnerungsfetzen aus einem fremden Leben…
Der Wind strich mir überraschend kühl durch die Haare, als ich die letzten Meter auf die Portale zuging.
Hogwarts war das neue Askaban…
Hätte ich nicht mehr als einmal selbst erlebt, zu welcher Perversion Lucius Malfoy fähig war, hätte mich dieser Umstand eventuell überrascht. Aber nein, eigentlich auch wieder nicht. Lucius hatte Hogwarts immer verabscheut, ebenso wie er die Lehrer verabscheute und ich denke, die Schüler auch. Sobald er konnte hatte er Hogwarts also zu neuen Ehren erhoben… eine Schule mit tausendjähriger Geschichte zum Ort der Einsamkeit und Qual degradiert… Bemerkenswert war wohl einzig, dass der Minister es nicht für nötig hielt nach Lucius Tod den altehrwürdigen Bau wieder seiner eigentlichen Bestimmung zuzuführen… ich durfte gar nicht daran denken, was Dumbledore wohl zu diesem Affront zu sagen hätte…
Zwei Wachen öffneten mir die Tür – zu meiner Überraschung waren es weder zwielichtige Gestalten in langen Kutten, noch Dementoren oder sonstige Knechte der Dunkelheit. Es waren Auroren, einer davon höchstens ein paar Jahre älter als ich.
Mit beinahe stoischer Geduld ertrug ich die Formalitäten, die Aufnahme meiner Personalien und der Grund meines Besuches. Ich verbiss mir ein spöttisches Grinsen, als sich die Wachen verwundert darüber zeigten, dass ich keinen Zauberstab bei mir trug. Ich lächelte nur und nannte meinen Namen. Der Harry Potter von heute benötigte keinen Zauberstab mehr… es reichte, wenn man mich genug reizte…
Problemlos wurde ich zum Besuchertrakt geführt. Eigentlich müsste ich sagen, man brachte mich in die große Halle. Mein Herz wurde schwer, als sich die großen Flügeltüren vor mir öffneten. Nichts war mehr zu sehen von der phantasievollen Dekoration, der sich dem Wetter anpassenden Decke oder gar den Haustischen… Geblieben war ein riesiger leerer Saal, in dessen Ecken vereinzelte Tische wie liegen gelassenes Spielzeug herumstanden.
Himmel, wie viele wundervolle Stunden hatte ich in diesen Mauern verbracht? Wie oft hatte unser heiteres Gelächter die Flure erfüllt… ja, selbst die vergossenen Tränen schienen heute zu einer besseren Welt zu gehören. Einer Welt, die für immer verschwunden war…
Schritte hallten durch den hohen Saal, ein gleichmäßiges Stakkato in der lastenden Stille. Instinktiv wand ich den Kopf, suchend nach dem unpassenden Geräusch, welches mich aus meinen Erinnerungen zwang.
Mir fehlen noch immer die Worte um zu beschreiben, was in jenem Moment in mir vorging. Keine Floskel, kein Wort, keine Silbe ist stark genug um das Gefühl auszudrücken, welches mich so unvorbereitet und mit aller Wucht traf. Ich sah die Wachen nicht, welche Draco flankierten… ebenso wenig wie ich sah, dass seine Hände auf seinem Rücken gebannt waren… alles was ich sah waren seine Augen.
Ich wusste, wie silbrig diese klaren Augen glänzen konnten, wenn er lächelte… wusste, wie neblig sie sich zuzogen, wenn er in Gedanken war… und ich hatte mit ansehen müssen, wie sich dieses wundervolle klare Grau zu einer dunklen Sturmfront verdüsterte wenn er litt… Wie oft hatte ich dieses trübe Schauspiel in Askaban beobachten können? Wie oft hatte ich mir seitdem gewünscht, dieses quälende Grau nie wieder sehen zu müssen?
Doch hier war es wieder.
Dracos Blick war leer… ich wusste, wie sehr er litt…
Eine Welle der Schuld brach über mir zusammen, umfasste mein Herz und spülte das Entsetzen über Dracos Blick hinweg. Er brauchte nichts zu sagen… ich wusste, dass er mir die Schuld gab…
Und er hatte Recht. Merlin, er hatte Recht! Wieso war ich nicht früher hier aufgetaucht? Wieso hatte ich auf Hermine gehört? Wieso war ich nicht fähig gewesen die Auroren aufzuhalten, als sie in meine Wohnung stürmten? Wieso war ich ihnen nicht gefolgt? Wieso hatte ich ihn allein gelassen?
Allein gelassen in dieser furchtbaren Düsterkeit, die sein Blick widerspiegelte…
Die Wachen brachten ihn zu einem Stuhl… ohne ihr Zutun ließ Draco sich einfach fallen. Die Wachen warfen mir einen letzten Blick zu und zogen sich etwas zurück, eine merkwürdig taktvolle Geste, die mir irgendwie fehl am Platz erschien.
Ebenso, wie ich mir fehl am Platz vorkam. Ich stand noch immer. Schaute auf Dracos gesenkten Kopf hinunter und wusste nicht, was ich tun sollte. Alles in mir schrie danach mich ihm um den Hals zu werfen, ihn anzuflehen mir meine Unfähigkeit ihm zu helfen zu vergeben…
Ich wollte seinen Namen aussprechen… ihn dazu bringen, mich anzusehen… Die stummen Vorwürfe in seinem Blick waren noch immer besser als dass er mich ignorierte…. Doch ich bekam nicht viel mehr als ein raues Krächzen heraus, welches er unmöglich verstanden haben konnte. Trotzdem zuckte er wie unter einem Hieb zusammen.
Was hatte ich erwartet? Ich ließ ihn tagelang hier allein… hatte ich wirklich erwartet, dass er sich mir um den Hals warf aus lauter Wiedersehensfreude? Man sollte nicht annehmen, dass ich noch zu solch idiotischen Hoffnungen fähig wäre… trotzdem war diese Vorstellung alles, was ich wirklich wollte…
Stumm sank ich auf den Stuhl ihm gegenüber nieder. Die zerkratzte Tischplatte als personifizierte Sperre zwischen uns… eine Barriere, die schon viel länger da war, auch wenn keiner von uns sie hatte sehen wollen.
Ich hatte ihm so viel zu sagen… mein Herz schrie danach ihm zu sagen, wie sehr ich in vermisste… wie sehr ich ihn brauchte… Himmel, wie sehr ich ihn wollte…
Selbst hier, selbst in seiner tristen Gefangenenkleidung war Draco alles, was ich jemals an einem Mann begehrt hatte. Die wenigen Tage, welche er nun hier war, hatten gereicht, seine Wangen einfallen zu lassen. Dunkle Schatten lagen unter seinen Augen und er war viel zu blass. Sein silberblondes Haar leuchtete in der dämmrigen Halle und wieder einmal fragte ich mich, wie das sein konnte. Hier war keine Lichtquelle außer den hohen mit beinahe undurchsichtigen Gardinen zugezogenen Fenstern… dennoch schien Dracos Haar zu leuchten… mein ganz persönliches Leuchtfeuer wann immer sich ein weiterer Abgrund vor mir auftat. Vielleicht war es wieder dieser Gedanke daran, wie oft mich der Anblick dieser feinen silbernen Strähnen in Askaban hatte überleben lassen, der es mir endlich ermöglichte etwas zu sagen.
Bitte verzeih mir…
Mehr brachte ich beim besten Willen nicht heraus und ich glaube nicht, dass meine Stimme sich besonders beeindruckend angehört haben konnte. Ich klang genauso elend, wie ich mich fühlte.
Dennoch ruckte Dracos Kopf so plötzlich hoch, dass diesmal ich es war, der erschrocken zusammenzuckte.
WAS?
Ich schluckte schwer an dem Knoten, der sich in meiner Kehle manifestierte. Doch ich hatte diese Schuldgefühle ohne Frage mehr als verdient und Draco hatte jedes Recht mir meine Unfähigkeit vor Augen zu halten. Sein Blick konnte ich in diesem Moment dennoch nicht deuten… er sah mich irgendwie fragend an… misstrauisch vielleicht…
Meine zweite Bitte um Vergebung war nicht viel lauter als die erste… Peinlich berührt bemerkte ich, wie sehr meine Hände zitterten und verschlang die Finger ineinander. So sehr ich es auch in diesem Moment gerne geleugnet hätte, so deutlich wurde mir in diesem Augenblick bewusst, wie kaputt ich tatsächlich war. Zuviel war mir abverlangt worden in der Zeit des Krieges… in der Zeit in Askaban… und mir wurde nur allzu deutlich bewusst, dass ich einfach nicht mehr konnte… ich wollte nicht mehr allein sein… ich wollte auch nicht mehr stark sein… alles was ich wollte, war Draco und unsere vermeintliche kleine heile Welt zurück. Ohne Auroren, die ihn plötzlich von mir wegzerrten… ohne irgendwelche unsinnigen Befragungen des Ministeriums… ohne Muggel… ohne Zauberer… eigentlich hätte es mir völlig gereicht, mit Draco allein irgendwo in der Abgeschiedenheit zu sein. Nur wir zwei und das bisschen Frieden, welches wir uns doch nun wirklich verdient hatten…
Draco schwieg weiterhin, blickte mich nur mit diesem undeutbaren Ausdruck an. Das Bedürfnis ihm alles zu erzählen war unerwartet und übermächtig. Ohne weiter darüber nachzudenken sprudelte alles aus mir heraus, was in den vergangenen Tagen vorgefallen war… alles… auch das, was ich ihm nie hatte sagen wollen…
Ich erinnere mich nicht mehr genau an den Moment, als mir klar wurde, dass Draco wohl schon seit einiger Zeit vergebens versuchte meinen Redefluss zu unterbrechen. An die unendliche Verwirrung und an die Scham, die ich in diesem Moment empfand, kann ich mich jedoch noch sehr gut erinnern… und ich werde wohl heute noch verlegen bei diesen Gedanken.
Harry…
Wie oft hatte er meinen Namen nun schon ausgesprochen um meine Aufmerksamkeit zu erlangen? Er wusste es selber nicht. Später erzählte er mir, dass er in diesem Moment tatsächlich an meiner geistigen Gesundheit zweifelte. Nun, das kann ich ihm wohl kaum verdenken, oder? Er war schließlich derjenige, der wieder hinter Gittern saß und ich kam hierher und heulte mich in einer Welle des Selbstmitleides bei ihm aus. Prof. Snape wäre wohl mächtig stolz darauf gewesen, dass seine Einschätzung meiner Person nicht ganz so weit hergeholt war…
Draco fragte mich, warum ich mich entschuldigte. Ich starrte ihn, mitten im Redefluss gestoppt, einige geschlagene Minuten lang an und wusste nicht, was ich darauf antworten sollte. Hatte er mir nicht zugehört? Ich war schon kurz davor mit meinen Erklärungen ein weiteres Mal zu beginnen, als in die beiden Wachen wieder Leben kam. Ich hatte die Anwesenheit der zwei Männer schon vergessen…
Draco nicht. Als die Wachen plötzlich rechts und links neben ihm auftauchten, ohne jede Gefühlsregung mitteilten, dass die Besuchszeit vorüber sei, war es vorbei mit seiner Ruhe. Ich konnte es in seinem Blick sehen, noch bevor eine einzige Silbe seine Lippen verlassen hatte. Er wehrte sich gegen die harten Griffe der Männer, kam meinem Gesicht so nahe, dass sich unsere Nasenspitzen fast berührten…
Ich spürte seinen warmen Atem auf der Haut… seine Worte setzten mir mehr zu, als alles andere… nur sechs kleine Worte und sie schmerzten mich mehr als jeder Cruciatus, den ich hatte erdulden müssen. Sechs kleine Worte machten die Verzweiflung fassbar, welche ich längst in Dracos Blick erkannte hatte.
Lass mich nicht wieder allein…
Ich starrte ihn an, für einige kostbare Sekunden zu beschämt um mich irgendwie rühren zu können. Das nächste Mal, lag blanke Panik in seiner Stimme…
Lass mich nicht wieder allein… bitte… auch wenn du mir niemals verzeihen kannst, was ich getan habe. Bitte… Harry…
Was folgte war ein weiterer Blackout meinerseits… ich merkte nicht einmal bewusst, dass ich aufsprang, mein Stuhl landete scheppernd einige Meter hinter mir. Ich muss geschrieen haben, wie mir Draco später berichtete, bevor ich die Wachen angriff. Merlin, die Männer konnten ja nichts für ihren Job… und ich konnte nichts dafür, dass sie sich mir entgegenstellten…
Getötet habe ich sie nicht, auch wenn wohl nicht mehr allzu viel dazu fehlte. Sie verbrachten Wochen in St. Mungos und soweit ich weiß, hat der Minister sie anschließend vom Dienst freigestellt. Wie gesagt, ich erinnere mich an nichts davon, weder, dass ich sie angegriffen habe, noch, wie ich eigentlich wieder aus Hogwarts herausgekommen bin.
Das erste, woran ich mich wieder erinnere, war der kühle Wind vor den großen Toren von Hogwarts. Und dass ich nicht alleine war. Dracos klare graue Augen tauchten in meinem Blickfeld auf… ich hörte seine Stimme wie durch eine Watteschicht… was sagte er denn da… danke? Was sollte denn dieser Blödsinn? Wofür sollte er sich schon bei mir bedanken? Dafür, dass ich ihn in einem weiteren Gefängnis allein gelassen hatte?
Eine leichte Berührung an meiner rechten Hand brachte mich endgültig in die Realität zurück.
Draco stand vor Kälte zitternd in seiner dünnen Häftlingskleidung vor mir, eisige Windfinger wirbelten sein Haar durcheinander und röteten seine blassen Wangen. Verwundert ließ ich den Blick zu meiner Hand gleiten. Es waren Dracos eiskalte Finger, welche die meinigen so vorsichtig umfassten, als hätte er Angst sie mir zu brechen.
Nur diese winzige unschuldige Berührung brachte alle meine guten Vorsätze ins Wanken. Zu lange kämpfte ich schon mit mir, zu lange drängte ich die Gefühle zurück, welche Draco in mir auslöste.
In einer einzigen Bewegung schlang ich beide Arme um seinen Hals und zerrte ihn an mich. Mein Herz raste… eine warme Schwere machte sich in meinem Magen breit, als ich ihn endlich in den Armen hielt. Draco machte einen überraschten Laut und zu meiner größten Verwunderung wehrte er sich nicht… ich vergrub mein Gesicht an seinem Hals, traute mich nicht, mich zu bewegen… etwas zu sagen oder überhaupt zu atmen, nur aus Angst, er würde sich mir entziehen… doch das tat er nicht. Nach einiger Zeit meinte ich seine Arme um meine Hüften zu fühlen… nur ganz leicht… nicht fordernd… er wollte mir keine Hoffnungen machen… das wusste ich… und trotzdem… für den Moment bestand meine Welt nur aus seinen leisen Atemzügen, aus seinem Geruch und seiner Wärme…
Wahrscheinlich hätte ich noch Stunden so dastehen können, wenn nicht entfernte Rufe mich daran erinnerten, dass den restlichen Auroren mittlerweile aufgefallen sein dürfte, dass ihnen ein Insasse abhanden gekommen war.
Dennoch löste ich die Umarmung nicht, sondern apparierte direkt in unsere Wohnung.
Vielleicht war es der Sog des Apparierens, vielleicht aber auch die Tatsache, dass Draco sich an mich lehnte, jedenfalls schaltete sich mein Verstand tatsächlich wieder ein. Langsam löste ich meine Arme von Draco… meine Verunsicherung musste er mir angesehen haben, denn er brachte plötzlich tatsächlich ein winziges Lächeln zustande. Eigentlich war es kein richtiges Lächeln. Es war nur ein leichtes Zucken seiner Mundwinkel und doch reichte es aus, mich erröten zu lassen.
Er murmelte leise etwas davon, dass er dringend eine Dusche bräuchte und verschwand vielleicht etwas zu schnell im Badezimmer. Ich denke, das war wirklich das allererste Mal, dass ich dankbar dafür war, ihm einige Zeit nicht in die Augen sehen zu müssen.
Hatte ich nicht mir selbst und ihm versprochen, dass ich ihm nie wieder zu nahe kommen würde? Dass ich ihn nie wieder mit meinen Gefühlen bedrängen würde? Himmel, wie wenig war dieses Versprechen wert…
Ich brauchte einige Tage um meine chaotische Gefühlswelt wenigstens soweit wieder in den Griff zu bekommen, dass ich nicht jedes Mal, wenn ich Draco nur ansah vor Scham im Boden hätte versinken mögen.
Draco machte es mir so leicht wie nur irgend möglich. Er sprach mich nicht darauf an, was da in Hogwarts aus mir herausgebrochen war… allerdings wich er mir auch nicht aus... eine Reaktion, die ich durchaus befürchtet, ja fast erwartet hatte. Verstanden hätte ich es… er hatte mir schließlich mehr als deutlich zu verstehen gegeben, dass er mir nicht geben konnte, was ich so sehr begehrte…
Eine Frage jedoch brannte mir noch immer auf der Seele… was hatte er gemeint, als er mich bat ihm zu verzeihen? Ich hatte nichts, was ich ihm verzeihen könnte… dennoch traute ich mich zu dieser Zeit noch nicht, ihn darauf anzusprechen… vielleicht weil ich einfach Angst hatte, dass es unseren zerbrechlichen Frieden ein weiteres Mal gestört hätte.
Draco kam von selbst auf dieses Thema zurück… eine Ewigkeit später, als ich meine Frage schon fast wieder vergessen hatte… doch dazu später.
Das Ministerium hielt seltsamerweise die Füße still. Wir sahen und hörten weder etwas von Auroren, noch vom Minister selbst. Draco war diese Ruhe unheimlich und ich ahnte, dass er einen weiteren Überraschungsangriff erwartete, genauso wie ich mir sicher war, dass es dieser Minister nicht wagen würde, sich mir noch einmal in den Weg zu stellen… jedenfalls hoffte ich das für ihn… der Vorfall mit den Wachen in Hogwarts hatte mir ein weiteres Mal klar gemacht, dass ich selbst nicht wusste, zu was ich fähig war. Alles sah danach aus, als hätte Albus Dumbledore tatsächlich Recht mit seiner Behauptung gehabt, meine größte Stärke sei die Fähigkeit für diejenigen zu kämpfen die mir wichtig waren. Und wenn nicht Draco, wer hätte mir wichtiger sein können?
Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet mein Erzfeind aus Kindertagen einmal zum Mittelpunkt meines Seins avancieren würde? Nun, ich jedenfalls nicht…
Ich kann nicht sagen, dass uns der Alltag irgendwann wieder einholte. Wir hatten nicht einmal einen richtigen Alltag, doch sowohl Draco als auch ich spürten, dass wir an einer Wegkreuzung angekommen waren und uns nun für eine Richtung entscheiden mussten.
Ein weiteres Mal war es Draco, der tat, was getan werden musste, während ich mich noch immer wie gelähmt hinter dem täglichen Status quo verschanzte. Er überraschte mich… ich muss unwillkürlich grinsen… nein, überraschen war wohl nicht das richtige Wort… sagen wir, er überrumpelte mich und ließ mir einfach keine Zeit zum Nachdenken.
Der Tag hatte eigentlich ganz normal begonnen, was soviel bedeutete, wie ich war für das Frühstück zuständig, während Draco sich mal wieder nicht aus den Federn bequemen konnte. Wir frühstückten und verbrachten den restlichen Vormittag getrennt. Draco verschwand in irgendeiner Muggelbibliothek, eine Tatsache, die ich selbst nach so langer Zeit einfach nicht begreifen kann, um verstaubte Schmöker über Alchimisten zu wälzen. Ich verbrachte dagegen die Zeit auf dem Besen. Und zwar im Garten hinter Rons Haus. Es war schön, wieder einmal etwas zu tun, was mir früher solche Freude bereitet hatte. Und auch, wenn ich nicht wirklich damit gerechnet hatte, stellte ich fest, dass es mir noch immer gefiel auf dem Besen durch die Luft zu sausen… beinahe schwerelos… dieses Gefühl kam wohl am nächsten an die vielbesungene Freiheit heran. Welches Tier könnte sich freier fühlen als ein Vogel? Nicht gebunden an steinige schwierige Wege… sich nicht aufhalten lassend von Ozeanen, Bergen, Wäldern oder Wüsten… konnte es mehr Freiheit geben?
Weder Ron noch ich bemerkten, wie schnell die Zeit verflog, erst als Hermine aus dem Fenster schaute und mich mit magisch verstärkter Stimme fragte, ob ich zum Mittagessen bleiben würde, wurde mir klar, dass wir schon etliche Stunden in der Luft verbracht hatten. Tatsächlich zitterten mir die Beine von der ungewohnten Haltung, als ich mich, etwas aus der Übung gekommen, nicht ganz so elegant wie beabsichtigt vom Besen schwang.
Ich lehnte die Einladung dankend ab, Draco war mit kochen dran und ich wollte ihn nicht enttäuschen. Ron sah verlegen weg, als Dracos Name fiel und mir wurde die Schlucht zwischen uns plötzlich bitter bewusst. Ich erkundigte mich ob Ron nicht später am Abend vorbeikommen wollte… so wie in alten Zeiten, wenn wir die Abende bei Zaubererschach oder Snape explodiert verbracht hatten. Seine Antwort war ein ziemlich klares Jein… die Enttäuschung über seine Antwort war größer als ich erwartet hatte, aber was konnte ich tun? Mehr als Ron anzubieten wieder mehr Teil meines Lebens zu sein konnte ich nicht… und um ehrlich zu sein, wollte ich es auch nicht… ich wollte mich nicht dafür rechtfertigen müssen, dass ich mit Draco zusammen lebte… und erst recht wollte ich mich nicht für meine Gefühle rechtfertigen müssen…
So war ich trotz allem recht bedrückt, als ich in unsere Wohnung zurückkehrte. Aus der Küche kam mir das übliche Geklapper von Kochtöpfen entgegen, welches Draco jedes Mal veranstaltete. Man sollte meinen, er mache den Krach extra, damit ich auch ja registrierte, dass er niedere Hausarbeit erledigte. Dabei konnte er mittlerweile ganz gut kochen… von seiner leicht perversen Angewohnheit in alle möglichen und unmöglichen Gericht Zimt zu streuen, mal abgesehen…
Wir aßen schweigend, offenbar hatte auch Draco heute keinen sehr gesprächigen Tag. Und wir aßen langsam… stocherten mehr im Essen herum, als wirklich etwas zu uns zu nehmen… Das Schweigen zwischen uns war eigentlich nie unangenehm und so war es auch an diesem Tag. Wir kannten einander inzwischen gut genug und manchmal reichte es einfach auch einmal nichts zu sagen.
Nach beinahe zwei Stunden, wie ich mit einem erstaunten Blick auf meine Uhr festgestellt hatte, gab ich es auf und legte mein Besteck zurück auf den Teller. Die Sache mit Ron belastete mich doch mehr als mir lieb war. Früher hatte ich ihm alles sagen könne und ich bedauerte, dass ich gerade mit ihm nicht über das wichtigste in meinem Leben reden konnte. Draco. Sicher, Hermine würde mir jederzeit zuhören… aber dasselbe war das nicht. Ich hatte nie etwas vor Ron wirklich verschweigen müssen und eigentlich bräuchte ich gerade in meiner jetzigen Situation jemandem… auch wenn ich von Herzen bezweifelte, dass ich meine Gefühle jemals würde in Worte fassen können.
Draco stand auf und trug unsere Teller zur Spüle, ich folgte ihm mit den Gläsern, war in Gedanken aber eigentlich immer noch bei Ron. Oder vielmehr bei dem Problem, wie ich Ron klar machen könnte, dass sich trotz meiner Gefühle für Draco nichts zwischen uns ändern musste…
Und dann… tja… da wartet man solange auf den einen Moment, in dem etwas ganz bestimmtes passiert und dann, wenn es tatsächlich passiert, ist man so völlig überrumpelt, dass man zu überhaupt keiner vernünftigen Reaktion fähig ist. Ich hatte die Gläser gerade abgestellt, als Draco unvorhergesehen einen Schritt rückwärts machte und mir praktisch in die Arme lief. Seine plötzliche Nähe schickte Stromstöße durch meinen Körper und ich versuchte instinktiv ihm auszuweichen, wusste ich doch, wie empfindlich er in dieser Hinsicht sein konnte.
Er drehte sich nicht zu mir herum… seine Worte waren so leise, dass ich mir nicht sicher war, ob ich sie wirklich gehört hatte. Mit fast tonloser Stimme bat er mich ihm nicht auszuweichen…
Ich starrte sekundenlang seinen Rücken an… er hielt den Kopf gesenkt… da war er wieder… jener Lichtschein, den ich mir nie erklären konnte. Sicher, in diesem Moment war es eindeutig die spätnachmittägliche Sonne, die durch das Küchenfenster hineinschien und trotzdem…
Dracos Stimme riss mich aus meinen Gedanken, er klang enttäuscht, als er sagte, ich müsse natürlich nicht, wenn ich nicht wollte… einen Moment lang war ich verwirrt, bis mir mit aller Macht wieder in den Sinn kam, um was er mich gebeten hatte. Ich stammelte irgendwelchen Blödsinn von wegen, dass ich ihm doch versprochen hätte, ihn nicht zu bedrängen oder so etwas in der Art… jedenfalls glaube ich, dass ich so etwas gesagt habe. Erinnern kann ich mich nicht wirklich, denn allein die Vorstellung, dass Draco es tatsächlich zulassen sollte, dass ich ihm so nahe kam, schickte meinen Verstand in Urlaub.
Endlich hob er den Kopf, wandte sich halb zu mir um und suchte meinen Blick. In seinen silbernen Augen fand ich dieselbe Verwirrung, die ich empfand… und… den Hauch einer Sehnsucht, die mir das Blut in den Adern stocken ließ. Diese Ahnung… dieses kurze Aufblitzen eines mir nur allzu bekannten Gefühls war es, was mich wieder zurück in die Realität, in meinen Körper katapultierte.
Langsam trat ich einen Schritt auf Draco zu… dann noch einen,,, bis ich ihn fast berührte. Ich wünschte mir in diesem unerwarteten Augenblick nichts mehr, als dass die Zeit stehen bleiben möge. Draco roch noch immer nach dem Duschgel, welches er heute morgen benutzt hatte… mein Atem streifte seinen Nacken und ich sah, wie sich die feinen Härchen aufrichteten. Mir zitterten die Knie wie selten zuvor.
Es war eine merkwürdige Situation. Ich hätte gerne etwas gesagt… oder auch nicht… ich wusste sowieso nicht, was ich hätte sagen wollen… vielleicht war es nur die Hilflosigkeit… die Ungewissheit, was genau Draco nun von mir erwartete…
Er erwartete überhaupt nichts von mir.
Stattdessen lehnte Draco sich einfach zurück… mehr als ein paar Millimeter waren nicht notwendig… gegen meinen Willen schloss ich die Augen, fühlte die Wärme seines Körpers mit jeder Faser meines Seins…
Das bisschen, was Draco größer war als ich, brachte mich nun doch in arge Bedrängnis und ich war hin- und hergerissen zwischen der Sehnsucht seiner Nähe nachzugeben und der panischen Angst, er könnte bemerken, wie sehr mich dieser Moment erregte.
Dracos Stimme war noch leise und beherrscht, als er sprach… doch, dass sein Herz ebenso raste wie meines konnte ich fühlen…
Er fragte mich, ob wir nicht von hier weggehen könnten…
Wir…
Was für ein wundervolles Wort. Ich atmete langsam ein, gestattete mir, meine Wange kaum merklich gegen die weiche Haut seines Nackens zu lehnen. Dracos Atem stockte und ich schickte ein Stoßgebet gen Himmel, dass diese Berührung nicht zu intim sei… keine neue Panikattacke heraufbeschwören würde.
Irgendwer schien mein Gebet erhört zu haben, denn Draco wich mir noch immer nicht aus. Lediglich sein Atem beschleunigte sich und trieb mich an den Rand meiner Selbstbeherrschung. Meine Fingerspitzen kribbelten… wie gerne hätte ich ihn näher an mich gezogen…
Eigentlich war es nichts neues, schließlich verbrachten wir die Nächte in fast derselben Position… doch das hier… war etwas völlig anderes… im Schutze der Dunkelheit waren wir beide viel zu sehr mit den Erinnerungen an Askaban beschäftigt um die Spannung zwischen uns wirklich wahrzunehmen. Hier, in der sonnenerhellten Küche war es etwas vollkommen anderes…
Harry?
Dracos Stimme war dunkler als noch Minuten zuvor und brachte mich meiner persönlichen Hölle aus Sehnsucht und Verlangen gefährlich nahe.
Ich erinnerte mich dumpf, dass er mich etwas gefragt haben musste, wusste aber beim besten Willen nicht mehr, was. Ich musste mich räuspern, bevor ich ihm antworten konnte und konnte doch nicht verhindern, dass meine Stimme viel zu rau klang.
Draco drehte sich um und mir schoss die Schamesröte ins Gesicht. Merlin, er musste mich wirklich für eine erbarmungswürdige Kreatur halten, die ihre niedersten Instinkte nicht unter Kontrolle hatte…
Ich hielt den Blick gesenkt und gestand schuldbewusst, dass ich seine Frage nicht mitbekommen hatte. Täuschte ich mich, oder schwang tatsächlich ein Hauch von Belustigung mit, als er seine Frage wiederholte.
Er wollte weg von hier… endlich hatte ich meinen Körper genug unter Kontrolle um ihn ansehen zu können und war doch überrascht, dass ein winziges Lächeln auf seinen Lippen lag. Wohin, brachte ich noch immer etwas verlegen heraus. Draco zuckte mit den Schultern, es sei ihm egal, Hauptsache weg von hier… weg von den Zauberern, weg von den Muggeln… weg von der Enge einer Großstadt.
Wenn ich mich richtig erinnere, habe ich einfach nur genickt, denn meiner Stimme traute ich noch immer nicht. Noch immer war Draco mir viel zu nah… konnte ich jede noch so kleine Bewegung seiner Lippen, seiner Augen viel zu deutlich sehen. Himmel, was machte dieser Mann nur mit mir?
Dracos Lächeln verschwand.
Das brachte endlich meinen Verstand zurück und ich verpasste mir eine mentale Ohrfeige. Egal, wohin er auch wollte, ich hatte nichts dagegen, die einzigen, an denen mir wirklich etwas lag, waren Ron und Hermine und die konnten wir jederzeit besuchen, ganz egal, wo wir uns gerade aufhielten. Soweit ich es beurteilen konnte, hatte ich auch meine Stimme wieder unter Kontrolle…
Draco kam zu keiner Antwort mehr, denn der Kamin im Salon begann ohrenbetäubend zu röhren und im nächsten Moment hörte ich ein vertrautes Husten. Überrascht zog ich die Augenbrauen hoch.
Ron?
Tatsächlich kam mein russgeschwärzter Freund umgeben von einer Aschewolke erstaunlichen Ausmaßes zur Küchentür herein. Er stockte, als er Draco und mich sah, erkundigte sich mit merkwürdiger Stimme, ob er gerade störe. Ich grinste und verneinte, freute mich viel zu sehr darüber, dass mein bester Freund diesen Schritt auf mich zu getan hatte, um Dracos leises „Ja, du störst…" zu hören.
Heute könnte ich mir derart in den Allerwertesten beißen… ich habe mich oft gefragt, was wohl passiert wäre, wenn Ron nicht in diesem Moment in unserer Küche aufgetaucht wäre. Nun, es ist müßig darüber nachzudenken, verpasste Gelegenheiten kommen nicht zurück.
Draco ging früh zu Bett an diesem Abend.
Und ich? Ich verbrachte den Abend so, wie ich es lange Zeit hatte missen müssen. Mit einer Partie Zaubererschach und meinem besten Freund. Rons anfängliche Reserviertheit verschwand nach der zweiten Flasche Butterbier. Unbeschwert wie lange nicht mehr, konnten wir uns an alte Hogwarts-Abenteuer erinnern und ein paar kostbare Stunden so tun, als hätte der Krieg, als hätte Askaban nie existiert.
Draco schlief schon, als ich im Morgengrauen endlich ins Bett schlüpfte. Ich mochte es, wenn er vor mir schlafen ging, was selten genug vorkam, denn wenn ich dann ins Bett kam, roch einfach alles nach ihm und unser Bett empfing mich mit seiner Wärme. Gut, heute weiß ich, dass er nicht schlief, vielmehr die ganze Nacht kein Auge zubekommen hatte, weil er mit einer Entscheidung rang, welche er doch längst getroffen hatte. An jenem frühen Morgen wusste dies natürlich keiner von uns.
So vorsichtig wie möglich kroch ich zu Draco unter die Decke um ihn nicht zu stören. Ebenso vorsichtig rutschte ich so nah an ihn heran, wie ich es mich traute, mein Arm legte sich zaghaft um seine Taille… ich war viel zu müde um zu bemerken, dass sein Atem kurz stockte. Zufrieden mummelte ich mich in die Decke und war wohl ziemlich schnell eingeschlafen. Etwas, was Draco übrigens überhaupt nicht gefiel, er zog mich noch Monate später damit auf… und genauso ärgerte ich mich noch Monate später, dass ich nicht wach geblieben war…
Dieser viel zu kurzen Nacht, folgte ein untypischer Morgen… Oder vielmehr Mittag. Ich erwachte von hellen Sonnenstrahlen, die mir direkt in die Augen schienen und jeden Versuch, vielleicht doch noch einmal einzuschlummern zunichte machten. Draco war schon aufgestanden, seine Seite des Bettes war kühl… ich bedauerte diesen Umstand, denn es war schön morgens neben ihm aufzuwachen, ihn einige Zeit beim Schlafen zu betrachten, bevor ich mich ans Frühstück servieren machte. Es klingt für Außenstehende vielleicht merkwürdig, oder übertrieben, oder kitschig, was weiß ich… Tatsache ist, wenn man die Hölle des Krieges hinter sich gelassen hat, von den wiederkehrende Alpträumen und Panikattacken mal abgesehen, sind es die kleinen Dinge, die einen immer wieder faszinieren. Ich lege keinerlei Wert auf irgendwelche teuren Statussymbole, obwohl ich sie mir durchaus leisten könnte… doch was sollte mir ein teurer Wagen oder exklusiver Schmuck geben? Diese Dinge sind für mich einfach nur Sachen, nichts, womit ich meine Zeit verschwenden möchte.
Die Dinge jedoch, die man vielleicht erst auf den zweiten oder dritten Blick wahrnimmt, schaffen es, mich in ihren Bann zu ziehen. Ich kann beispielsweise stundenlang einem Schmetterling dabei zusehen, wie er auf einer Blüte herumklettert, die filigranen Beinchen bewundern, die den viel zu großen Körper technisch gesehen überhaupt nicht tragen dürften. Oder die Tropfen kühlen Kondenswassers, die an einer Flasche Wein hinunterrinnen, wenn ich sie aus dem Kühlschrank hole… wie sich zuerst ein feiner Nebel auf der Flasche bildet, die Tröpfchen wie durch Zauberhand immer größer werden und schließlich als Tropfen an der Flasche hinunterwandern…
Mein Lieblingsbeobachtungsobjekt ist und bleibt aber Draco. Und am allerliebsten dann, wenn er es nicht bemerkt, was meistens nur in eben jenen Morgenstunden vorkommt, die ich vor ihm aufwache. Ich liebe die feinen Fältchen auf seiner Stirn, wenn er im Schlaf die Nase kräuselt… für einen Mann hat er bemerkenswert feine Züge… die etwas zu spitze Nase, die hohen Wangenknochen, die fein geschwungenen Lippen, die er ohne Zweifel Narcissa zu verdanken hat… trotz allem wirkt er alles andere als weiblich… und na ja – Merlin, ich werde wirklich rot, oder? – der Rest seines Körperbaus ist definitiv alles andere als weiblich! Von dem kleinen schmächtigen Jungen aus Hogwartszeiten ist nichts mehr übrig geblieben… der Krieg hat auch aus ihm einen Mann gemacht und ich muss neidlos anerkennen, dass Draco eigentlich kaum Training braucht um einen Körperbau wie eine griechische Muggelstatue zu haben. Ich habe ja den Verdacht, dass er heimlich trainiert, was er natürlich immer vehement abstreitet… aber gut, ich beginne abzuschweifen…
Meiner Lieblingsbetrachtung beraubt blieb mir also nichts anderes übrig als aufzustehen. Es war merkwürdig ruhig in der Wohnung und ich beschloss vorerst auf die Dusche zu verzichten. Nur in Pyjamahosen und barfuß tapste ich durch die Wohnung, doch von Draco war nirgends etwas zu sehen. Auf dem Küchentisch fand ich eine kurze Notiz von ihm, ich solle nicht mit dem Essen auf ihn warten, er hätte etwas zu erledigen. Das war typisch. Wenn ich wegging ohne es ihm persönlich sagen zu können, schrieb ich immerhin auf, wo ich war…
Um es kurz zu machen, ich bekam Draco die ganze Woche nicht viel zu Gesicht und es machte mich wahnsinnig. Ich begann mich zu fragen, wann ich was falsch gemacht hatte, auch wenn Draco auf meine Nachfrage mehrfach versicherte, dass alles in Ordnung sei und ich mich ein bisschen in Geduld üben solle. Meine Güte, jeder, der mich kennt weiß, dass Geduld nicht zu meinen Stärken zählt. Nur eine Winzigkeit hielt mich nach fünf langen Tagen davon ab, Draco Veritaserum in den Kaffee zu kippen. Das mir völlig fremde Leuchten in seinen Augen, wenn er mich mal wieder abwimmelte. So hatte ich ihn noch nie zuvor gesehen, das sonst so klare Grau seiner Augen wirkte plötzlich irgendwie silbern und verschlug mir regelrecht die Sprache.
Gegen Ende der Woche kam mir ein Gedanke, der mir praktisch den Boden unter den Füßen wegzog.
Was war, wenn er jemanden kennen gelernt hatte? War das möglich? Auf jeden Fall, immerhin hatte ich keine Ahnung, wohin er fast den ganzen Tag verschwand, nur um Abends mit diesem geheimnisvollen Glitzern in den Augen und einem zufriedenen Grinsen wieder aufzutauchen…
Ich war mir plötzlich sicher, dass Draco sich mit jemandem traf. Mit einem anderen Mann? Mit einer anderen Frau? Ich begann mir die wildesten Konstellationen auszumalen und litt jede Minute, in der ich nicht wusste, wo er steckte, wirkliche Qualen. Was sollte ich nur tun, wenn es wirklich so war? Wie sollte ich ohne ihn leben? Mit der Gewissheit, dass er in den Armen eines Anderen oder einer Anderen glücklicher war als bei mir?
Ich grübelte. Ich verfluchte ihn für seine verdammte Schweigsamkeit. Ich haderte mit mir selbst. Ich bemitleidete mich. Ich gab mir die Schuld.
Schließlich stellte ich mit erschreckender Klarheit fest, dass ich Draco nicht würde hassen können, selbst wenn er mich verlassen würde. Wenn ich nicht der Richtige für ihn war, welches Recht hatte ich, ihm sein Glück zu verweigern? Wenn er gehen wollte, würde ich ihn gehen lassen, auch wenn es für mich die Hölle wäre… kann man einen Menschen so lieben? Und… ist es nicht etwas krank, das Glück anderer über das eigene Wohlergehen zu stellen? Ich kam zu keiner befriedigenden Antwort. Auch heute noch nicht.
Nach dieser Woche voller Hoffnung und Zweifel, kam Draco am Samstag erst gegen Mitternacht zurück. Seine gute Stimmung fand ihr Pedant in meiner persönlichen geistigen Sturmfront. Ich hatte keine Lust mit ihm zu reden und verabschiedete mich ziemlich knapp, kaum, dass er den Salon betreten hatte. Ich wusste, dass er mir nachschaute und sich vermutlich fragte, was mit mir los sei. Es war mir egal. Auch wenn ich ihn nicht verletzten wollte, selbst mein Masochismus hatte seine Grenzen.
Eigentlich rechnete ich gar nicht damit, dass er mir sofort folgen würde. Doch genau das tat er. Ich zog mich demonstrativ vor ihm aus, etwas, was ich sonst tunlichst vermied, um ihn nicht in Verlegenheit zu bringen, stieg in meine Pyjamahose und kletterte ins Bett. Ebenso demonstrativ zog ich mir die Decke bis unter die Nasenspitze…
Normalerweise reichten diese deutlichen Winke mit dem Zaunpfahl aus, um Draco auf Abstand zu halten. Heute jedoch nicht. Zu meinem größten Erstaunen, was schon beinahe an Entsetzen grenzte, zog er sich den Pulli über den Kopf, entledigte sich seiner Schuhe und Jeans und verschwand erst dann im Bad.
Da lag ich nun. Wütend, traurig und restlos verwirrt.
Was sollte das denn? Nicht, dass ich etwas gegen den Anblick von Draco in engen Boxershorts gehabt hätte. Ganz im Gegenteil! Nur war es eben nicht das Verhalten, welches ich von ihm kannte.
Ich hörte die elektrische Zahnbürste laufen… hörte das Tapsen seiner nackten Füße auf den Badfliesen, als er zurück ins Schlafzimmer kam, diesmal ebenfalls in Pyjamahosen.
Wortlos kletterte er neben mir ins Bett und schlüpfte unter die Decke. Er stütze sich auf den Ellenbogen und ließ mich nicht aus den Augen. Noch so eine Angewohnheit, mit der er mich innerhalb von wenigen Minuten wahnsinnig machen konnte. Er sagte nichts. Betrachtete mich nur mit dieser typisch hochgezogenen Augenbraue und wartete. Merlin, wie sehr er mich immer an diesen Muggelschauspieler von Mr. Spock erinnerte, wenn er das tat. Und genau wie bei Mr. Spock hatte ich jedes Mal das Gefühl, Draco könne meine Gedanken lesen. Nun, wenn er es wirklich konnte, dürfte ihm an diesem Abend nicht gefallen, was er sah.
Allerdings war doch wieder ich es, der zuerst die Segel strich. Ziemlich entnervt fragte ich ihn, warum er mich wieder mit diesem Blick anschaute. Die Augenbraue wanderte noch weiter nach oben und er fragte völlig unschuldig welchen Blick ich denn meinte.
Soweit ich mich erinnern kann, habe ich nur mit einem entrüsteten Schnauben geantwortet, von dem ich hoffte, dass es verärgert klang. Zugleich kam ich mir unsäglich dämlich vor. Ich fasse es heute noch nicht, dass ich ihm tatsächlich eine solche Szene gemacht habe. Peinlich!
Irgendetwas in seiner Stimme ließ mich ihn dann doch ansehen. Die hochgezogene Augenbraue war verschwunden, statt dessen schaute er mich einfach nur ruhig an. Einige Strähnen seiner Haare waren ihm in die Stirn gefallen und ich musste all meine Selbstbeherrschung aufbringen um sie ihm nicht aus dem Gesicht zu streichen. Meine Wut war vergessen… oh ja, das kann Draco auch heute noch gut… er muss mich nur genauso anschauen. Ruhig und ernst und ich könnte nicht beschwören, dass ich mich in diesem Moment noch an meinen Namen erinnern würde!
Hab noch ein wenig Geduld, Harry… nur noch bis morgen…
Seine Stimme war ein bisschen rau… es reichte, um die Stimmung schlagartig umkippen zu lassen. Meine so intensiven Gefühle von noch vor einigen Sekunden wurden weggeschwemmt von einer Welle des Verlangens, welche mich derart unvorbereitet traf, dass ich zu schnell den Blick senkte und schlucken musste. Ich hörte meinen eigenen Herzschlag viel zu laut in meinen Ohren… Hitze breitete sich in jeder Faser meines Körpers aus… Verflucht, wieso hatte ich mich in Dracos Gegenwart auch nicht unter Kontrolle?
Zu meiner Selbstverteidigung muss ich sagen, dass selbst wenn ich bis zu dieser Sekunde noch die Ruhe selbst gewesen wäre, spätestens Dracos nächste Bewegung hätte mich so oder so aus der Bahn geworfen.
Er zupfte zaghaft an der Bettdecke, die mir noch immer bis an die Nasenspitze reichte um meine Aufmerksamkeit zurück zu kriegen. Ich hob zögernd den Blick und hoffte, dass meine Augen nicht allzu viel von dem Sturm in meinem Inneren verraten würden.
Ich hatte keine Ahnung, was mit ihm passiert war… so richtig begreifen kann ich es heute noch nicht, aber ich konnte sehen, dass er verändert war. Es war nichts, was ich mit Händen hätte greifen können oder auch nur in Worte fassen… es war eine Winzigkeit… eine vorüberhuschende Emotion in diesen unglaublichen Augen, die ich niemals zuvor bemerkt hatte.
Ein leises Lächeln glitt über seine Lippen bevor er sich ohne Vorwarnung zu mir hinunterbeugte. Obwohl ich sah, wie sein Gesicht sich meinem näherte, ohne Zögern und ohne Eile, war es wie ein elektrischer Schlag, als seine Lippen so zart über meinen Mund glitten, dass ich mir nicht sicher war, ob ich mir die Berührung nur eingebildet hatte.
Hab nur noch bis morgen Geduld…
Draco war mir noch immer so nah, dass ich seinen Atem als warmen Hauch auf der Wange fühlte, bevor er sich umdrehte und ebenfalls unter die Decke kroch.
Was soll ich sagen? Ich lag da wie gelähmt… traute mich nicht, mich zu bewegen, weil ich fürchtete aus einem Traum zu erwachen…
Nach einer Ewigkeit, wie mir schien, wurden Dracos Atemzüge gleichmäßiger und ich konnte mich noch immer nicht rühren. Hatte… hatte er mich wirklich gerade geküsst? Eine Welle einer fast schon vergessenen Emotion raste durch meine Adern, durch meine Nerven, durch mein gesamtes Sein… erfasste meine Gedanken und zog mich in einen nicht enden wollenden Strudel aus Fassungslosigkeit und… ja… reinem Glück. Ungläubig fuhr ich fast ängstlich mit der Zunge über meine Lippen, bildete mir ein, dass dort noch der Geschmack nach seiner Zahnpasta heftete…
Draco bekam von diesem Wirbelsturm meiner Gefühle nichts mit. Er schlief seelenruhig neben mir und erwartete, dass ich nach dieser Aktion auch nur ein Auge würde zutun können?
Tatsächlich musste ich irgendwann doch eingeschlafen sein… und so kitschig es klingen mag, ich bin mir sicher, dass ich ein dämliches Grinsen im Gesicht hatte.
Der nächste Morgen kam und ich erwachte, weil mich irgendetwas im Nacken kitzelte. Müde blinzelte ich auf meine Uhr neben dem Bett. Bei Merlins Bart, 6.30 Uhr, was für eine schändliche Zeit munter zu werden. Nach meinem zweiten Gähnen kam die Erinnerung an den gestrigen Abend zurück und meine Müdigkeit war mit einem Schlag vergessen. Endlich registrierte ich auch, dass es Dracos Atem war, der mich im Nacken kitzelte und mir eine Gänsehaut verschaffte. Ich blieb reglos liegen und versuchte mir darüber klar zu werden, ob ich den zarten Kuss nur geträumt hatte oder ob es wirklich passiert sein sollte…
Wie auch immer, an Schlaf war nun nicht mehr zu denken und ich war viel zu aufgewühlt, um auch nur noch eine Sekunde länger im Bett zu verbringen. Ich schälte mich vorsichtig aus Dracos Umarmung und verschwand im Bad. Eine kalte Dusche war wie so oft eine hervorragende Idee den Tag zu beginnen.
Nur mit einem Handtuch um die Hüften stand ich geraume Zeit später vor dem Spiegel, mal wieder in dem verzweifelten Versuch, meine Haare dazu zu bringen, wenigstens den Hauch einer Frisur anzunehmen, als ein sehr verschlafener Draco ins Bad kam.
Ich muss ihn dermaßen verdattert angestarrt haben, dass er mich fragte, ob ihm über Nacht ein zweiter Kopf gewachsen sei. Ich überging die Frage und erkundigte mich, ob er krank sei oder meine Uhr falsch ginge. Er grinste, fuhr sich mit beiden Händen durch die Haare und antwortete mir nur kryptisch, ich solle kein Frühstück machen, er hätte etwas mit mir vor.
Das hatte er auch. Allerdings wurde meine Geduld vorher noch an ihre neuesten Grenzen getrieben, während ich in der Küche unruhig hin und herlief und Draco sich mal wieder alle Zeit der Welt bei seiner Morgentoilette ließ.
Als er endlich, endlich fertig angezogen im Türrahmen erschien, brachte ich trotz meiner Aufgeregtheit nichts heraus… dabei waren mir eben noch tausende von Fragen im Kopf herumgeschwirrt… aus irgendeinem mir unerklärlichen Grund machte mir die Veränderung an ihm zu schaffen. Vielleicht lag es daran, dass er einen Teil seiner Selbstsicherheit aus Hogwarts-Zeiten zurückgefunden zu haben schien. Und um der Wahrheit die Ehre zu geben, genau diese Selbstsicherheit war es, weswegen ich mich damals ihm immer unterlegen gefühlt hatte. Oh, diese Aussage sei überraschend? Nein, nicht wirklich. Gezeigt habe ich es natürlich nie und mal ehrlich, neben seiner Selbstsicherheit war Dracos Arroganz aus Kindertagen doch ein guter Grund ihn zu hassen, oder? So kam ich nie in die Verlegenheit zugeben zu müssen, dass ich ihn um irgendetwas beneidete. Er machte es mir auch nicht allzu schwer ihn zu hassen… fange ich schon wieder an zu grinsen? Ich weiß, so sehr wie ich ihn damals gehasst habe, so sehr liebe ich ihn heute. Es gibt ein schönes Muggelsprichwort: Liebe und Hass liegen nah beieinander. Das kann ich nur bestätigen.
Aber gut, ich verliere mich schon wieder in Nebensächlichkeiten…
Draco schien an jenem Morgen jedenfalls nichts von meiner Unsicherheit zu bemerken, er war offensichtlich viel zu aufgekratzt dafür. Ein dermaßen jungenhaftes Grinsen huschte plötzlich über seine Züge, dass ich mich tatsächlich in Hogwarts-Zeiten zurückversetzt fühlte. Er fragte mich, ob ich bereit sei… ich warf ihm einen bösen Blick zu und antwortete, ich wisse ja nicht mal wofür. Er blieb mir weitere Erklärungen schuldig, nahm stattdessen wortlos meine Hand und apparierte.
Ich habe Seit-an-Seit-Apparieren noch nie gemocht, denn es bedeutete für mich zumeist, dass ich keine Ahnung hatte, wo ich rauskommen würde. Und so war es ja auch diesmal… ich umklammerte Dracos Hand fester als eigentlich nötig gewesen wäre…
Als sich meine Sicht nach der Ankunft klärte, blickte ich mich ziemlich verständnislos um. Wir standen offensichtlich in einem ziemlich gepflegten Garten, nur leider hatte ich keine Ahnung, wo oder besser, in wessen Garten ich mich befand.
Dracos Grinsen wurde breiter, als er mich beobachtete, wie ich mich umsah.
Ich fragte ihn, wo wir seien, er antwortete mit einer Gegenfrage. Ob es mir gefiele. Ich betrachtete meine Umgebung nun doch etwas genauer. Hohe offensichtlich magische Hecken, umsäumten eine großzügige Rasenfläche. Hier und da stand ein blühender Baum oder Strauch oder Blumenarragements… hier musste jemand einen ziemlich grünen Daumen haben… für den Bruchteil einer Sekunde dachte ich an Neville… wie sehr ihm diese Oase im Grünen gefallen hätte…
Ich wollte Dracos Überraschung nicht mit dunklen Erinnerungen zerstören, deshalb beeilte ich mich, jeden Gedanken an Neville so gut es ging zu verbannen. Für Trauer war später immer noch genug Zeit.
Der Garten war schon eine Augenweide, das Haus raubte einem buchstäblich den Atem. Von der gepflegten Rasenfläche erhob sich eine verwinkelte Steintreppe bis auf eine weitläufige Terrasse… obwohl die dunklen Steinmauern mich entfernt an Hogwarts erinnerten, war diese Assoziation auch das einzige, was das Häuschen mit dem riesigen Schulschloss gemeinsam hatte. Hier und da rankte wilder Wein über die rauen Steine, zog sich in dunkelgrünen Blätterkaskaden bis in den zweiten Stock hinauf um dort auf den schiefergrauen Schindeln in der Sonne zu glänzen.
Draco zog mich in Richtung des Hauses.
Von der Terrasse führten große Flügeltüren in ein außergewöhnliches Wohnzimmer. Ich weiß wirklich nicht, wie ich es anders beschreiben soll. Für ein normales Haus war der Grundriss recht verwinkelt und gerade das war der unleugbare Charme des Häuschens. Ich trat hinter Draco durch die Flügeltüren, rechts durchzog ein offener Küchenbereich die gesamte Breite… links konnte ich einen großen Kamin sehen, davor ein breites Sofa mit bordeauxfarbenem Bezug. Das waren auch schon die einzigen Möbel. Wenn hier tatsächlich jemand wohnte, dann bevorzugte er offensichtlich einen ziemlich spartanischen Einrichtungsstil.
Ich ließ eine Besichtigung des Erdgeschosses über mich ergehen, ohne wirklich zu begreifen, was Draco von mir wollte. Sicher, im Nachhinein gesehen, hätte es mir schon klar sein müssen, als er mich im Garten ansah… nun ja, manchmal brauche ich halt etwas länger… hüstel…
Dem Küchenbereich schloss sich eine Speisekammer an. Vom Wohnzimmer aus gelangte man durch eine große Flügeltür in den Flur, eine spektakuläre Treppe wand sich an zwei Seiten in den zweiten Stock zu einer offenen Galerie.
Bevor ich auch den 2. Stock bestaunen durfte, fragte ich Draco erneut, was wir hier wollten. Ich bereute meine Frage sofort, als ich sah, wie sich sein Blick verdüsterte. Er stellte recht ernüchtert fest, dass mir das Haus nicht gefiele. Was eigentlich überhaupt nicht stimmte, ich fand es toll… und noch toller hätte ich es wahrscheinlich gefunden, wenn ich in diesem Moment nicht so elend auf der langen Leitungen gestanden hätte.
So versicherte ich Draco eher halbherzig, dass mir durchaus gefiel, was ich sah. Sein Blick verdüsterte sich noch mehr und ich verpasste mir mal wieder eine mentale Ohrfeige. Ich griff erneut nach seiner Hand und trat einen Schritt näher an ihn heran, wie sehr ich es hasste, wenn ich Schuld daran war, ihm die Laune verdorben zu haben.
Er betrachtete sichtlich enttäuscht den dunklen Dielenboden und biss sich auf die Lippe.
Keine Ahnung, welcher Teufel mich in diesem Augenblick ritt, als sich einer meiner Arme, ohne jegliches Zutun meinerseits, um seine Taille legte… erschrocken stellte ich einen Augenblick später fest, dass ich ihn küsste… Fast ebenso sanft wie Draco in der letzten Nacht, nur der Hauch einer Berührung… und doch vergaß ich augenblicklich alles um mich herum… meine Welt bestand nur noch aus dem Gefühl seiner Lippen auf meinen, seines warmen Atems auf meiner Haut, der Wärme seines Körpers in meinem Arm…
Er erwiderte meine Zärtlichkeit nicht, ließ mich einen Moment gewähren… ich spürte, wie er sich verspannte und zog mich langsam zurück, wollte ihm nicht zeigen, wie sehr mich diese erneute Abweisung traf… umso überraschter war ich, als Draco mir unvermittelt eine Hand in den Nacken schob… eine Gänsehaut überlief mich, ließ mich wie unter einem kühlen Wasserstrahl erschauern…
Und dann küsste er mich… nicht vorsichtig… nicht zurückhaltend… die Intensität seines Kusses übertraf jegliches Gefühl, zu dem ich bisher fähig war. Ich bekam im wahrsten Sinne des Wortes weiche Knie, zog ihn noch ein wenig fester an mich, auch um mir selbst Halt zu geben.
Dieser erste Kuss, nicht eine andere Erinnerung ist mir heute noch so nah, so deutlich und so fühlbar im Gedächtnis geblieben. Wie sich Dracos Atem auf meiner Haut anfühlte, der sanfte Druck seiner Lippen, seine kühlen Finger in meinem Nacken und der leichte Geschmack nach Menthol, als ich mich endlich traute seinen Kuss zu erwidern.
Ich habe keine Ahnung, wie lange dieser Kuss wirklich gedauert hat… nach meinem Empfinden mussten Jahrhunderte vergangen sein… und wenn es nach mir gegangen wäre, hätte es mindestens so lange noch einmal dauern können.
Draco löste den Kuss, brachte gerade genug Abstand zwischen unsere Gesichter, dass er mir in die Augen schauen konnte. Egal, wie gut ich ihn inzwischen zu kennen glaubte, der Ausdruck in seinem Blick war mir unbekannt und ich hatte nicht die geringste Ahnung, wie ich ihn zu deuten hatte. Ein erstaunlich unverschämtes Grinsen huschte über seine Lippen, brachte das klare Grau seiner Augen zum Strahlen, bevor er mir leise zuraunte, dass hätte er schon lange tun wollen.
Mehr als ein zittriges Lächeln und ein trockenes Schlucken brachte ich nicht heraus. Und da war noch etwas. In seinem Blick lag eine Entschlossenheit… nein, Entschlossenheit war vielleicht nicht das richtige Wort… Stärke… Kraft… ja, das trifft es eher… eine Kraft, die mich an den alten Draco erinnerte. Jenen Draco der in Hogwarts regelmäßig von einem Fettnäpfchen ins nächste gestolpert war, jenen Draco, den ich mit Ron und Hermine oft als Feigling verspottet hatte… doch trotz dieser… nun ja… nennen wir es mal negativen Eigenschaften… hatte er immer die Kraft besessen sich mir wieder in den Weg zu stellen… mir wieder irgendwelche dummen Sprüche an den Kopf zu werfen… das war es, was den wahren Draco ausmachte… egal, was kam, egal, wie demütigend eine Situation für ihn auch war, er besaß immer die Kraft wieder aufzustehen und sich seinen Spöttern zu stellen. Eine Eigenschaft, die ich von mir nicht behaupten kann, Merlin, wie lange habe ich einen roten Kopf bekommen, wenn ich nur an den Kuss mit Cho Chang dachte? Mal ganz abgesehen davon, wie erniedrigend ich es empfand, wenn ich ihr tatsächlich über den Weg lief…
Dracos Grinsen vertiefte sich zu einem echten Lächeln, als er mich völlig zusammenhanglos fragte, ob ich Hunger hätte. Noch immer etwas neben mir stehend nickte ich, obwohl ich nicht behaupten könnte, dass ich mich wirklich an seine Frage erinnern konnte.
Er zog mich an der Hand zurück durch das Wohnzimmer auf die Terrasse. Aus dem nichts war ein Tisch erschienen, voll beladen mit allem, was zu einem wirklich dekadenten Frühstück gehörte.
Die Frage, wo dieses Arrangement plötzlich hergekommen war erübrigte sich. Neben dem Tisch stand die mit Sicherheit älteste Hauselfe, die ich jemals gesehen hatte. Unter einem wahren Wust an faltiger Haut blickten mich zwei große Elfenaugen neugierig an… das Gewackel der großen Ohren erinnerte mich schmerzlich an Dobby, der zusammen mit den anderen Hauselfen von Hogwarts ein unrühmliches Ende in einem Flammenbombardement der Todesser gefunden hatte.
Zu meinem Erstaunen sprach mich die kleine Elfe nicht direkt an, statt dessen verzog sich ihr faltiges Gesicht und ließ ein breites Lächeln erkennen, während sie eine Verbeugung vor Draco andeutete. Ich weiß noch genau, dass ich dachte, dass Hermine durchdrehen würde, wenn sie solch eine Szene jemals mit eigenen Augen sehen sollte… dann erst fiel mir auf, dass die kleine Elfe ein sauberes Kleidchen aus einem dunklen Stoff trug… es wirkte seltsam fehl am Platze, wie eine Babypuppe, welche man in Erwachsenenkleider steckte…
Draco stellte mir Twinkles vor. Überrascht wanderte mein Blick von der Elfe zu ihm. Er deutete mir mich zu setzen. Während des Frühstücks erfuhr ich dann, dass Twinkles ebenso wie Dobby für die Malfoys gearbeitet hatte… als ich Dobby befreite, warf Lucius alle Elfen in seinem Haus hinaus um sie durch ergebenere Diener zu ersetzen. Twinkles mochte Draco, das war nicht zu übersehen, sobald seine Tasse leer war, erschien sie lautlos, schenkte nach und verschwand ebenso lautlos.
Wir waren schon fast fertig mit Essen, ich hielt gerade die letzte Hälfte meines Marmeladenbrötchens in der Hand, als Draco es ein weiteres Mal schafft mich völlig aus der Fassung zu bringen.
Schlaf mit mir…
Mir fiel im wahrsten Sinne des Wortes die Kinnlade herunter. Und seien wir mal ganz ehrlich, in diesem Augenblick habe ich mit Sicherheit nicht sonderlich intelligent gewirkt, wie ich da saß, mit offenem Mund und der Marmelade, die mir von meinem Brötchen langsam auf die Jeans tropfte.
Ich starrte Draco eine geschlagene Minute nur an, mittlerweile hatte ich mehr Aufstrich auf meiner Jeans als auf meinem Brötchen, bevor ich es schaffte, den Mund wieder zu schließen. Tausend Gedanken rasten mir durch den Kopf, ohne, dass ich einen auch nur ansatzweise beenden konnte. Ich räusperte mich und brachte ein ziemlich quiekendes: Jetzt? heraus.
Draco besaß tatsächlich die Unverschämtheit mich unverfroren anzugrinsen und mir mitzuteilen, er wollte eigentlich erst fertig frühstücken.
Twinkles brachte mir eine Serviette und als ich nicht reagierte, begann sie mir die Marmelade von der Jeans zu wischen. Was die ganze Angelegenheit für mich noch peinlicher machte, schließlich war ich in Gedanken gerade damit beschäftigt mir vorzustellen, um was Draco mich da gerade gebeten hatte. Und da waren zwei Hände, die an meiner Jeans herumzupften nicht unbedingt hilfreich, wenn man einigermaßen zivilisiert bleiben wollte.
Ich spürte, wie mir die Hitze in die Wangen stieg und beseitigte den Fleck auf meiner Jeans so schnell wie meine zittrige Stimme es zuließ. Twinkles machte große Augen, als sie das Fehlen eines Zauberstabes bemerkte, doch ich hatte momentan wirklich andere Interessen, als einer Elfe zu erklären, dass ich keine magischen Hilfsmittel mehr bräuchte.
Dracos Blick ruhte noch immer auf mir, als ich meine Gesichtsfarbe endlich wieder unter Kontrolle hatte und mich traute aufzusehen.
Das war mein Ernst, Harry.
Ich schluckte abermals und war froh, dass ich saß. Trotz meiner Verblüffung und der Aussicht, dass ich vielleicht endlich das bekommen sollte, wonach ich mich schon so ewig sehnte… irgendetwas stimmte nicht… ein dunkler Schatten, der sich über unseren Köpfen zusammenbraute…
Warum?
Draco ließ sich Zeit mit der Antwort, trank statt dessen einen Schluck aus seiner Tasse. Er hielt sie mit beiden Händen fest. Ich war mir sicher, dass ich seine Hände hätte zittern sehen, wenn dem nicht so gewesen wäre.
Es ist Zeit…
Diese Antwort verwirrte mich mehr, als dass sie meine Frage klärte. Er muss meine Verwirrung gesehen haben, denn er warf mir ein entschuldigendes Lächeln zu und zuckte leicht mit den Schultern.
Ich weiß nicht, wie ich es anders sagen soll, Harry. Wie lange soll ich dich noch hinhalten? Ich sehe doch, wie schwer es dir fällt…
Ich unterbrach ihn. Meine Gefühle waren mein alleiniges Problem. Das Letzte, was ich wollte war, dass er sich zu irgendetwas verpflichtet fühlte. Himmel, er war es mir doch nicht schuldig etwas zu tun, dass er nicht ebenso wollte…
Wer sagt denn, dass ich es nicht will?
Draco hatte diesen kleinen Satz so leise gewispert, dass ich ihn kaum verstand. Wieder war es an mir verblüfft zu schweigen. Sollte ich mich tatsächlich so getäuscht haben? Hatte ich wirklich nicht gemerkt…? Nun offensichtlich nicht.
Es war eine merkwürdige Situation. Da saßen wir im hellen Sonnenschein, bis obenhin abgefüllt mit allerlei Leckereien und versuchten unsere intimsten Gefühle in Worte zu fassen… und das, wo wir beide nicht unbedingt zu der Gattung Zauberer gehörten, die ihr Herz auf der Zunge trugen.
Ich denke, an jenem Tag lernte ich Draco wirklich kennen.
Wir brauchten lange um einen wirklichen Einstieg in eine Unterhaltung zu finden und doch wussten wir beide, dass diese Unterhaltung notwendig war, wenn wir weiterhin zusammen sein wollten. Und das wollten wir. Zumindest das war uns relativ schnell klar.
Er kam auf die Zeit der Gefangennahme in Hogwarts zurück und sofort war das brennende Gefühl der Schuld in meinem Magen wieder da. Mit einem Handzeichen hielt er mich davon ab, ihn zu unterbrechen. Diese drei Tage in Hogwarts hatten ihm einmal mehr die Augen geöffnet. Es hatte ihn überrascht, wie sehr er mich vermisste und vielleicht sei ihm da erst wirklich klar geworden, dass er mir mehr Gefühle entgegenbrachte, als er sich einzugestehen bereit sei. Gleichzeitig begann er sich zu fragen, wie ausgerechnet ich mit jemandem wie ihm zusammen sein wollte. Wieso ich mich in den Feind, den Sohn des Mannes verlieben konnte, der ihn töten wollte.
Und endlich begriff ich auch, was er mit seiner Entschuldigung in Hogwarts gemeint hatte. Merlin, ich war beinahe erleichtert… wieder hielt er mich davon ab etwas zu sagen.
Draco versuchte seine Gefühle in Worte zu fassen… und ich beneidete ihn um seinen Mut. Er sprach davon, welche Erfahrungen er mit Mädchen hatte… eigentlich nur gute, was mich doch ziemlich ernüchterte, und wie schwer es ihm gefallen war sich einzugestehen, dass er trotz allem, was ihm durch die Todesser angetan wurde, fähig war, einen Mann zu lieben. Ich konnte nur trocken schlucken… Er lächelte, als er meinen Gesichtsausdruck sah und ich könnte schwören, dass er ein ganz klein wenig rot wurde.
Ich erzählte von Cho und was soll ich sagen, ich musste einfach mitlachen, als er in Gelächter ausbrach… Bei Ginny wurden wir beide wieder ernst. Er hatte selbst in Hogwarts schon mitbekommen, wie viel sie mir bedeutete und er verstand, dass es noch immer schmerzte an sie zu denken.
Dann, ohne große Vorwarnung begann er zu erzählen, wie es für ihn war, wenn die Todesser über ihn herfielen…
Trotz des strahlenden Tages wurde mir plötzlich eiskalt… eine Kälte, die sich bis in mein Herz, meine Seele zog… ich wusste, er wollte kein Mitleid und so musste ich so verflucht hilflos mit ansehen, wie sich seine Finger um die Tasse verkrampften, wenn es ihm besonders schwer fiel sich zu erinnern… wie Schatten durch seinen Blick zogen, wenn die Dämonen der Vergangenheit sich erneut erhoben… und, Merlin ist mein Zeuge, nie habe ich ihn mehr vergöttert als in diesem Moment.
Der Krieg hatte ihm alles genommen, bis hin zu seinem letzten bisschen Würde und Selbstbestimmung, und doch war er aus dieser ungleichen Schlacht als Sieger hervorgegangen. Er war am Ende gewesen und darüber hinaus und trotz allem war er nie liegengeblieben… er war am Ende derjenige, der überlebte…
Natürlich ließe sich diese Erkenntnis auf alle von uns anwenden, die Askaban überlebt hatten, doch in meinen Augen war Draco immer etwas Besonderes unter den Besonderen. Er hatte nicht nur gegen den Krieg ankämpfen müssen… er hatte nicht nur die Grausamkeit der Todesser erdulden müssen… er hatte gegen seine Familie kämpfen müssen, gegen seine Erziehung, gegen sein ganzes Leben…
Wie gut, dass er das jetzt nicht hören kann, er hasst es wirklich, wenn ich solche Dinge über ihn sage, ich denke, es ist ihm peinlich. Nein, eigentlich weiß ich es sogar…
Die Sonne versank schon hinter dem Horizont, als wir beide verstummten. Twinkles brachte uns Abendessen.
Wir aßen schweigend.
Die Erinnerungen lasteten noch schwer auf uns und die Geister der Vergangenheit brauchten länger als sonst um sich in ihre dunklen Ecken zurückzuziehen.
Das letzte Licht der Sonne war gerade hinter dem Horizont verschwunden, erste Sterne funkelten am wolkenlosen Nachthimmel, als Draco mich abermals fragte, wie mir das Haus gefiele. Verwundert wurde mir klar, dass wir schon den ganzen Tag hier verbracht hatten, ohne dass ich mir Gedanken darüber machen konnte, was es mit dem Haus auf sich hatte… Ich erwiderte dasselbe, was ich ihm schon am Vormittag gesagt hatte. Gut.
Dann ziehen wir also ein.
Es war keine Frage im eigentlichen Sinne und er erwartete auch keine Antwort von mir, also grinste ich nur und blickte wieder in den Sternenhimmel. Warum eigentlich nicht? Es war so friedlich hier… viel besser als in der Stadt.
An fast jede Einzelheit dieses Tages kann ich mich erinnern, aber nicht daran, wie wir wieder ins Wohnzimmer gingen… doch irgendwie mussten wir dort hingelangt sein, denn das nächste, woran ich mich in aller Deutlichkeit erinnere ist, dass ich auf der bordeuxfarbenen Couch saß und Draco küsste.
Mir schwirrte der Kopf von all den Geschehnissen in den letzten Stunden… eigentlich viel zu viel, was an einem Tag passiert war und so kam es eigentlich auch, wie es kommen musste. Unsere erste Nacht, in der wir wirklich zusammen sein wollten, wurde ein einziges Desaster…
Mal abgesehen davon, dass ich mehr als genug damit beschäftigt war, mich im Zaum zu halten, versuchte Draco mit der aufsteigenden Panik fertig zu werden. Es klappte nicht… natürlich, wie hätte es auch bei diesem plötzlichen Eiltempo? Jedenfalls schaffte ich es eben nicht mich lange genug zu beherrschen, dass es Draco ebenfalls Spaß gemacht hätte – bei Merlins Bart, ich werde wirklich rot – und beim zweiten Versuch war ich dermaßen angespannt, weil ich diesmal unbedingt alles richtig machen wollte, dass sich schlichtweg überhaupt nichts bei mir tat. Kurz gesagt, es war eine recht ernüchternde Erfahrung, welche damit endete, dass wir um kurz vor 3 in der Küche saßen und uns von Twinkles zwei riesige Portionen Eis servieren ließen.
Doch etwas Gutes hatte dieses Dilemma. Draco wusste nun endgültig, dass er mir vertrauen konnte… dass ich mit dieser neuen Situation ebenso überfordert war wie er und dass wir definitiv noch Zeit brauchen würden.
Heute stehe ich im Schlafzimmer und sehe nach unten in den beleuchteten Garten. Wie lange ist unsere erste Nacht nun her? Ziemlich genau zwei Jahre…
Seitdem hat sich vieles geändert. Wir sind in das Häuschen eingezogen und es war das Beste, was wir hatten machen können. Nirgendwo hatte ich mich jemals so zuhause gefühlt wie hier, selbst in Hogwarts nicht. Hier konnten Draco und ich einfach wir sein… hier gab es niemanden, der uns bewertete… der uns auslachte, weil wir sämtliche Schutzzauber heraufbeschworen hatten um unser kleines Häuschen in eine Festung zu verwandeln…
Und in eben jenem Garten, auf den ich gerade hinunterschaue haben wir schon so manchen lustigen Abend verbracht. Ron und Hermine sind sowieso regelmäßig hier, was meistens daran liegt, dass ihre Kinder von unserem neuen Pool überhaupt nicht genug bekommen können. Ich muss lachen, als ich daran denke, wie die zwei Lausbuben die arme Twinkles regelmäßig an den Rand eines Nervenzusammenbruches treiben, wenn sie wie die Derwische durch den Garten fegen.
Aber auch alle anderen, die mit uns aus Askaban geflohen sind, kommen regelmäßig hierher. Noch immer sind wir eine kleine eingeschworene Gemeinschaft, die zwar durch diverse Heiraten und diversen Kindersegen größer geworden ist, alles in allem habe ich aber noch immer das Gefühl, dass wir sozusagen eine Randgruppe der Zaubererschaft bilden. Die Überlebenden, wie furchtbar platt und wie furchtbar wahr.
Das ist auch der Grund, wieso sich alle grundsätzlich in unserem abgelegenen Häuschen treffen… Hier gibt es schlicht niemanden, der von unseren Alpträumen erfährt, die uns hin und wieder noch immer plagten… nein… hier können wir zur Ruhe kommen, uns die Zeit nehmen um so gut es eben geht über die Traumata des Krieges, über Askaban hinwegzukommen. Und mit jedem Tag den wir leben, wird es ein bisschen leichter.
Vergessen wird von uns wohl nie jemand… aber wir lernen damit zu leben… und wir kehren insofern in das Leben zurück, als dass wir wieder erfahren dürfen, dass es noch schöne Dinge gibt, für die es sich lohnt zu kämpfen… und heute ist so ein Tag der schönen Dinge, nicht wahr?
Die Tür geht auf. Draco steckt seinen Kopf hindurch und grinst mich unverschämt an.
„Was ist jetzt, Potter? Kommst du, oder hast du es dir anders überlegt?"
Ich grinse zurück und zupfe noch ein letztes Mal an meinem Festumhang. „Vergiss es, ich habe genau gesehen, wie du dem Kellner hinterhergeschaut hast!"
„He, noch darf ich das!" Draco hält mir die Tür auf.
Zugeben würde ich es nicht, doch ich bin tatsächlich aufgeregt, als er hinter mir die Treppe hinuntergeht. „Dann genieß die letzten Minuten deiner Freiheit!" kann ich mir nicht verkneifen zu sagen.
„Du hast Recht, meinst du, du kannst noch 10 Minuten warten, dann kann ich den Kellner…!"
Ich verpasse ihm einen recht unsanften Stoß mit dem Ellenbogen, bevor wir unten ankommen und besagter Kellner gerade an mir vorbeiläuft. Mit hochgezogenen Augenbrauen werfe ich ihm einen misstrauischen Blick hinterher. Draco bricht in schallendes Gelächter aus, was zur Folge hat, dass sich die Blicke sämtlicher Anwesenden auf uns richten. Aber gut, damit war zu rechnen.
„Nun denn, meine Herren, sind Sie soweit?" Minerva McGonagall hat nach all den Jahren noch immer diesen strengen lehrmeisterhaften Blick drauf und weiß ihn einzusetzen, wie ich gerade feststelle. Draco wirft mir ein verschwörerisches Grinsen zu. Meine Güte, wir sind einfach albern heute…
Alle sind da. Alle, die mit uns Askaban überlebt haben und zu Freunden geworden sind. Und mit ihnen deren Freunde und Ehepartner. Die Zukunft unserer kleinen Gemeinschaft krabbelt zu unseren Füßen auf unbeholfenen Beinchen umher… wieder einmal fällt mir auf, wie viele Kinder in den letzten Jahren geboren worden sind. Fast, als hätten wir uns darauf geeinigt, die Vergangenheit allein dadurch zu verdrängen, dass wir so vehement an der Zukunft arbeiten…
Nun, da werden Draco und ich nicht mithalten können. Ich muss unwillkürlich lachen, als ich mir vorstelle, wie Draco eine volle Windel wechselt…
Nein, Kinder werden wir keine bekommen können… aber eine andere Tradition werden auch wir befolgen. Es ist mir peinlich, dass ich einen Kloß im Hals habe, als ich Draco und Minerva zu einem kleinen Altar mitten auf unserer Terrasse folge.
Die Zeremonie ist kurz und einfach, so wie wir es beide wollen. Ich danke dem Himmel dafür, ansonsten hätte es durchaus sein können, dass ich wirklich noch losheule und diese Blöße will ich mir dann doch nicht geben. Versonnen betrachte ich nach einigen Minuten unsere ineinander verschlungenen Hände, an jeder Hand ein schlichter goldener Ring.
Als Draco mich endlich küsst ist dieser Tag perfekt. Der Anfang eines neuen Lebens…
Ein neues Leben, welches wir damit beginnen, unsere alten Namen abzulegen. Ich will nicht länger Harry Potter, der Retter der Zaubererwelt sein und dass Draco den Namen Malfoy nicht länger tragen will ist wohl mehr als verständlich.
Wir haben uns entschieden dieses neue Leben gemeinsam zu begehen… ebenso wie wir einen gemeinsamen neuen Namen haben.
Black.
In Gedenken an Sirius und Narcissa .
The End
Anmerkung: Narcissas Mädchenname ist Black.
Read and Revi
