Kapitel 3

Ich machte rasch einen Brief an meine Eltern an Daphnes Eule fest und ließ sie fliegen. Es war eiskalt und nass draußen, einer dieser Tage, die so grau waren, dass man eigentlich gar nicht raus möchte.

Ich fröstelte in meinem dicken Pullover, das Stroh knirschte fast gefroren unter meinen Füßen und der Wind strömte erbarmungslos durch die Löcher, durch die die Eulen ein und ausflogen. Es war schon fast 21 Uhr, weswegen ich mich wirklich beeilen sollte. Gerade, als ich die Tür aufziehen wollte, ging sie auf und Rose trat ein. Ich lächelte sie an.

„Hi."

Rose blieb stehen und schüttelte den Kopf, als müsse sie erst ihre Gedanken abschütteln. „Oh, hey Astoria. Was machst du hier?"

„Brief an meine Eltern abschicken", erwiderte ich und beäugte sie von der Seite. Was sollte ich schon hier wollen? Picknicken?

Rose ging zu einer kleinen Eule, die mit geschlossenen Augen auf einer Stange saß und döste und befestigte einen kleinen blauen Zettel am Bein. Sie machte sich gar nicht die Mühe, die Eule aufzuwecken, sondern ging schnurstracks zur Tür.

„Hey, warte", rief ich und folgte ihr in die Wärme.

Rose blieb stehen und wandte sich um. „Was gibt's?"

„Ich wollte nur mit dir zusammengehen. Wir haben ja den gleichen Weg."

„Achso, du hast auf mich gewartet?" Sie sprach es so aus, als wäre diese Idee total absurd. Wie kam man denn darauf, auf sie zu warten?

„Siehst du hier sonst jemanden?", fragte ich grinsend.

Sie grinste zurück. „Da hast du auch wieder Recht. Wie geht's so?"

Ich zuckte mit den Schultern. „Ganz gut soweit. Mich beunruhigt Black so ein bisschen."

„Um den würde ich mir echt keine Sorgen machen,Tori", meinte Rose, während wir die Treppen hinunterstiegen.

„Wie meinst du das?" Ich blieb stehen, um nicht in die Tiefe zu stürzen. Rose machte es mir nach.

„Ich glaube nicht, dass er es auf uns abgesehen hat. Außerdem war er klar genug, um aus Askaban auszubrechen. Er kann gar nicht so verrückt sein."

Ich starrte sie an. Ungläubig. „Auf den Bildern sah er aber ziemlich-"

„Bilder lügen, Astoria. Menschen lügen. Lügen ist das Einfachste der Welt. Wir führen unsere Mitmenschen die ganze Zeit an der Nase herum. Oder sagst du jedem Menschen nicht auch, dass es dir gut geht, obwohl „gut" niemals irgendeinen Gemütszustand beschreiben könnte?"

„Das ist doch nur eine Floskel", sagte ich.

Rose zuckte mit den Schultern. „Macht es das wahrer? Stell dir doch nur vor, was für ein Ort die Welt wäre, wenn niemand lügen würde. Wir würden zugrunde gehen und Vertrauen würde nicht mehr existieren, weil jeder die Wahrheit kennt."

Ich hüpfte über einen Absatz und schaffte es gerade noch so auf die Plattform. „Würde nicht eher Vertrauen herrschen, weil man weiß, das jemand unmöglich lügt?"

Rose schüttelte den Kopf. „Nur weil man nicht lügt, muss man nicht unbedingt ehrlich sein."

„Das versteh ich nicht", sagte ich verwirrt.

„Vielleicht wirst du das irgendwann", erwiderte sie achselzuckend. Ihr Blick wanderte wieder in die Ferne, was mir einen unbehaglichen Schauer über den Rücken jagte.

Wir durchquerten die Eingangshalle und liefen in den Keller des Schlosses.

„Hast du schon von den Dementoren beim Quidditchspiel gehört?", fragte ich. Ich hatte es erst vor ein paar Stunden erfahren, da ich selbst nicht zugeschaut hatte.

Rose nickte. „Gerade nochmal gut ausgegangen. Diese Dementoren sollten nicht hier herumspazieren."

„Ganz meine Meinung", nickte ich. Wir betraten den Gemeinschaftsraum.

„Hast du eigentlich schon Snapes Aufsatz geschrieben?", fuhr Rose plötzlich in fröhlichem Tonfall unser Gespräch fort, als hätten wir uns nie über etwas anderes unterhalten.

„Nein", sagte ich etwas perplex. „Es ist fast unmöglich, die Infos zusammenzutragen."

„Dann musst du wahrscheinlich bei Salazars Sammlung nachgucken. Da findet man wirklich interessante Dinge."

„Verätzen die Bücher einem nicht die Hände?"

„Das ist ein Märchen", winkte Rose ab. „Damit die Schüler abgeschreckt sind. Man muss schon bereit sein für die Magie, die da drin steht."

Rose winkte einem Jungen im Raum zu und wünschte mir eine gute Nacht. Ich blieb ein bisschen verwirrt stehen. Sie war ein sonderbares Mädchen. Aber sie schien irgendwie trotzdem immer zu wissen scheinen, was sie da tat. Im Nachhinein betrachtet glaube ich, sie war schlauer als wir alle und ahnte schon lange vorher, was wir alle erst Jahre später erfuhren. Niemand würde Rose je richtig verstehen. Aber sie war wohl die, die ich am ehesten als meine beste Freundin bezeichnete.

x

Weihnachten stellte für mich einen schrecklichen Horror dar. Heiligabend war da aber noch nicht mal so schlimm, im Gegenteil. Aber der Tag, von dem ich rede, ist der zweite Weihnachtstag. An diesem Tag pflegten meine Eltern, einen Empfang zu veranstalten, zu dem sie alle ihre Freunde einluden. Ich wurde gezwungen, ein hübsches Kleid zu tragen und meine Haare ordentlich herzurichten, ich musste mich mit praktisch Fremden unterhalten und „unseren Namen in Ehren halten." Denn dazu dienten diese ganzen Festlichkeiten, Beziehungen zu Leuten zu erfrischen, die man vielleicht noch brauchte und die einem halfen, seine gesellschaftliche Position zu halten. Ich fand sie grässlich.

Mutter stand hinter mir am Spiegel und zupfte an meinen Locken herum, die, wie sie fand, mal wider schrecklich fielen. Sie zwirbelte mit ihrem Zauberstab einzelne Strähnen auf und versuchte, sie zu glätten. Vergeblich. Sie seufzte. „Zieh dich an, Astoria. Die Gäste kommen in einer Viertelstunde."

Ich nickte. „Ja, Mutter."

Das Kleid lag fein säuberlich gefaltet auf dem Bett, wo unsere Hauselfin Tamra es abgelegt hatte. Sie selbst stand aufrecht daneben, weil Mutter ihr noch nicht die Erlaubnis gegeben hatte, zu gehen. Ich lächelte ihr zu. Sie lächelte zurück. Tamra war schon immer mein Liebling gewesen und weitaus netter als mancher Mensch in diesem Haus.

„Hilfst du mir bitte beim Kleid zumachen?" Ich sah sie bittend an. Sie nickte lächelnd. Ich kniete nieder und ihre kleinen Hände griffen nach dem Reißverschluss und zogen ihn hoch.

„Sie sehen wunderschön aus, Miss Astoria", quiekte sie aufgeregt.

Ich lächelte dankbar. „Vielen Dank, Tamra. Wenn du willst, darfst du gehen."

„Ist es Tamra erlaubt, Miss Astoria eine Frage zu stellen?" Sie rang die Hände.

„Natürlich, Tamra."

„Darf Tamra Ihnen die Haare herrichten, Miss Astoria?"

Ich lachte laut. Sie wirkte ein wenig beleidigt. „Doch, doch Tamra, verstehe es nicht falsch. Du darfst natürlich, aber ich denke, meine Haare sind ein hoffnungsloser Fall."

„Nein, das sind sie freilich nicht, Miss Astoria", sagte Tamra überzeugt. Ich überließ mich ihren geschickten Händen, die viel sanfter waren als Mutters und mein Haar betasteten, als wäre es irgendetwas Kostbares. Als Tamra schließlich zurücktrat, blickte ich in den Spiegel und staunte nicht schlecht. Mein Haar war halboffen. An einer Seite waren hübsche Blumen eingeflochten, die perfekt zu meinem Kleid passten. Ich schnappte nach Luft. „Tamra, ich bin beeindruckt."

„Kein hoffnungsloser Fall, Miss Astoria, Tamra sagte es doch. Oh nein, tut Tamra leid, sie wollte nicht besserwisserisch sein." Sie sah mich mit großen Augen an und streckte ihre Hand nach einem Kerzenleuchter aus.

„Nicht hauen! Das warst du nicht, Tamra", sagte ich besänftigend. „Du darfst jetzt gehen, wenn du willst."

Sie nickte bedrückt und verschwand mit einem leisen Knall. Ich seufzte. Ich hatte ihr schon tausendmal gesagt, dass sie bei mir alles sagen konnte, was sie wollte. Ich würde sie nicht bestrafen, aber sie hörte nicht auf mich.

Ein lautes Klingeln hallte durchs ganze Haus. Ich sprang auf und stolperte mit den hochhackigen Schuhen die Treppen hinunter. Es war ein ziemlicher Balanceakt und Mutter funkelte mich wütend an, als ich zu spät kam. Sie hatte gewollt, dass wir uns als ganze Familie präsentierten. Ich lächelte entschuldigend und reihte mich ein.

Ein Hauself, der einen selbstgenähten Minianzug trug, führte unsere ersten Gäste, die Malfoys, in die Eingangshalle. Wir begrüßten sie höflich, machten Komplimente und begleiteten sie in den großen Saal. Er war groß und pompös mit seinen deckenhohen Fenstern und den glitzernden Kronleuchtern, jedoch lange nicht so schön wie die Große Halle. Um eine quadratische freie Fläche waren runde, gedeckte Tische gruppiert.

Mutter, Vater, Narzissa und Lucius setzten sich an einen von ihnen und betrieben höfliche Konversation, während Daphne und Draco sich einen anderen Tisch suchten. Draco sollte heute offiziell Daphnes Date sein, zumindest war es so abgesprochen.

Ich sah mich verloren um. Zu wem sollte ich gehen? Würde Daphne mich bei sich sitzen lassen? Ich beschloss, dass es einen Versuch wert war und ging zu ihnen. Daphne blickte mich kurz an, als ich ich hinsetzte, sagte aber nichts. Mutter hatte zu ihr gesagt, heute nett zu mir zu sein, da unsere Familie als perfekt gelten sollte, alle hatten sich lieb. Ziemlich dämlich, wie ich fand.

Wir redeten über die Schule, oberflächlicher Smalltalk, und Draco überraschte mich mit seiner Nettigkeit. Weder er noch Daphne ließen eine fiese Bemerkung über mich fallen. Irgendwie kamen wir auf das Thema Black.

„Wie kommst du eigentlich darauf, dass er ungefährlich ist?", fragte ich Draco neugierig.

Daphne warf mir einen giftigen Blick zu. Doch zu meiner Überraschung antwortete er ehrlich.

„Ich weiß nicht, es war mehr so ein Bauchgefühl... Klingt dämlich, ich weiß ja."

Ich schüttelte den Kopf. „Überhaupt nicht. Das Bauchgefühl täuscht einen nur selten. Ich finde es großartig, dass du darauf hörst."

„Astoria", zischte Daphne mahnend. Ich wusste nicht, was ich Falsches gesagt hatte. „Entschuldigst du uns kurz, Draco? Astoria muss mir mal eben die Frisur richten."

Draco nickte ein wenig verdattert.

Ich folgte Daphne in eines unserer unzähligen Badezimmer, wo sie mich gegen die Wand drückte.

„Wenn du nochmal mit Draco flirtest, dann..." Sie hob die Faust. Ich starrte sie an.

„Ich habe nicht..."

Sie unterbrach mich. „Er gehört mir, verstanden? Mir!" Sie ließ mich los und stürmte davon. Ich blickte ihr verwirrt hinterher. Was hatte sie denn heute?

x

Nachdem alle Gäste standesgemäß empfangen waren, glitt ich von einer Konversation in die nächste. Mutter hatte mir gesagt, mit besonders vielen zu sprechen und uns Vorteile zu sichern. Ein paar schmeichelnde Worte hier, ein paar schleimende Worte da. Ich hasste es.

Und so verbrachte ich meine Zeit damit, Menschen, die ich nur einmal im Jahr sah, über ihre Arbeit oder ihre Kinder schwafeln zu hören. Ich versuchte, möglichst interessiert zu wirken, zu nicken, wenn es angebracht war und zustimmende Laute von mir zu geben. Daphne schien in dieser Aufgabe voll aufzugehen, sie lachte lautstark und brachte die Leute zum Lachen, wohingegen ich höchstens ein müdes Lächeln herbeiführte. Es war so frustrierend.

Ich wandte mich lächelnd von meinen derzeitigen Gesprächspartnern ab, mein Kopf schwirrte vor Informationen und Lebenseinzelheiten von fremden Personen. Ein altes Ehepaar in meiner Nähe lenkte meine Aufmerksamkeit auf sich. Ich ging auf sie zu und lächelte freundlich, meine Mundwinkel schmerzten schon höllisch. „Guten Abend, ich freue mich so, Sie heute begrüßen zu dürfen."

Die Frau lächelte. „Ach schau mal, die kleine Daphne. Groß bist du geworden, aber warst du nicht mal dünner? Hast du deine Haare gefärbt? Oh Merlin, diese Augen, wie sich Augenfarben doch verändern, nicht wahr, Herbie?"

Der Mann grummelte etwas unverständliches.

„Entschuldigen Sie, Ma'am, aber ich glaube, Sie verwechseln mich. Ich bin Astoria, Daphnes jüngere Schwester."

Die Frau kniff ihre Augen zusammen und trat näher. „Ja aber natürlich! Astoria, du bist ja so wahnsinnig groß geworden!"

Ich unterdrückte eine Augenverdrehen. „Vielen Dank. Wie geht es ihren Kindern?"

Die Frau schluchzte laut auf. Oh Mist, verbockt. Das war der Grund, warum ich prinzipiell niemals nach Kindern fragte, aber mein Gehirn war schon so durchweicht, dass ich gar nicht mehr denken konnte.

„Komm, Dory, wir gehen." Der Mann, Herbie, griff nach Dorys Arm und zog sie von mir weg, aber nicht, ohne mir einen vernichtenden Blick zuzuwerfen.

Ich strich mir mit der Hand über die Stirn, mit den Nerven total am Ende. Hatte Mutter es bemerkt? Ich atmete auf, hatte sie nicht. Glück gehabt. Mit den Nerven am Ende beschloss ich, eine Pause einzulegen.

Die Hauselfen, die herumschwirrten und jedem Gast ein Glas Wein reichten, wenn der vorherige leer war, baten uns zu Tisch. Mutter entdeckte mich und zerrte mich hinter sich her auf einen Tisch zu, an dem schon Lucius und Narzissa Malfoy saßen. Ich blickte nach hinten zu Daphne, die sich einen Tisch mit ihren Freunden teilte. Warum durfte ich dann nicht auch? Ich protestierte aber nicht, weil Mutter sonst hundertprozentig wütend werden würde und mich am nächsten Tag eine saftige Strafe erwartete, weil ich „aufsässig geworden" war.

Die Zabinis und Rose setzten sich zu uns, Mr und Mrs Parkinson folgten. Ich redete mit Rose, während sich die Erwachsenen über langweilige Themen aus dem Ministerium unterhielten. Über die Vorkommnisse in Hogwarts sagten sie nichts.

Das Essen war köstlich, die Hauselfen, die dafür stundenlang in der Küche gestanden hatten, hatten sich mal wieder übertroffen. Ich wollte einem vorbeieilenden Elfen schon meinen Lob aussprechen, ließ es aber, da mich die meisten wohl komisch angucken würden. Nett sein zu Hauselfen war für sie undenkbar.

Ich freute mich, als Mutter und die anderen aufstanden, um Tanzen zu gehen. Das Streicherquartett, extra engagiert, spielte einen langsamen Walzer.

Rose hatte wieder ihren allgegenwärtigen Zeichenblock herausgeholt und kritzelte wild darauf herum. „Halt mal still, ich will deine schöne Frisur malen."

„Klar", entgegnete ich. Ich war ihre dauernden Zeichnungen schon gewohnt. Sie konnte wirklich gut malen. Keine Ahnung, wie lange sie brauchte, aber sie riss ziemlich schnell das Blatt aus ihrem Block und reichte es mir.

„Hier, kannst du behalten." Sie lächelte.

Ich betrachtete ihre Zeichnung und staunte nicht schnell. In wenigen Minuten hatte sie es geschafft sowohl mein Gesicht mit allen Einzelheiten als auch meine aufwendige Frisur zu Papier zu bringen. „Wow, Rose. Du übertriffst dich immer selbst."

„Danke." Sie grinste. „Aber es ist echt keine große Sache."

„Ich krieg ja noch nicht mal einen ordentlichen Kreis hin", entgegnete ich.

Sie lachte. „Übung macht den Meister. Ich geh mal Theo suchen." Mit diesen Worten stand sie auf und verschwand in der wogenden Menge. Ich schüttelte den Kopf. Versteh einer dieses Mädchen. Na ja, wenn sie wollte, dass ich Theo kennenlernte, würde das auch passieren.

Ich beobachtete, wie Mutter und Vater sich mit den Macnairs unterhielten. Sie schienen über irgendetwas zu verhandeln. Seltsam, sonst hatten sie nicht viel mit den Macnairs zu tun. Ich überlegte, ob ich mich annähern sollte, entschied mich aber dagegen. Stattdessen blieb ich am Tisch sitzen, allein. Mein Blick schweifte durch den Saal. Leute, die tanzten, sich unterhielten, alles gesittet und im Rahmen. Mir war so schrecklich langweilig. Wo bei Salazar war Rose?

Meine Augen blieben an Draco, Daphne und den anderen hängen. Draco nippte an einem Glas Elfenwein, den er von einem Tisch stibitzt hatte. Es war eigentlich verboten, den Wein zu trinken, der uns erst mit 17 vergönnt war. Er hatte ein selbstgefälliges, dracotypisches Grinsen auf dem Gesicht und den Arm um Pansys Schultern geschlungen, der das ziemlich zu gefallen schien. Daphne starrte die beiden finster an, während Blaise Daphne anstarrte. Plötzlich erhob sich Draco und streckte seine Hand mit der Handfläche nach oben aus. Er fragte Daphne irgendetwas und sie nickte. Die beiden liefen auf die Tanzfläche zu, gefolgt von Pansys wütenden Blicken. Draco schien ziemlich gerne mit den Mädchen zu spielen.

Ich klopfte gelangweilt einen Rhythmus auf meinen Oberschenkeln und schreckte hoch, als mich jemand ansprach.

„Darf ich dich um diesen Tanz bitten?"

Ich sah hoch in ein äußerst attraktives Gesicht. Der Junge war mindestens 5 Jahre älter als ich und hatte so einen schmierigen Gesichtsausdruck, dass mir fast schlecht wurde. Ich war drauf und dran, abzulehnen, als ich mich an Mutters Forderung erinnerte. Erfülle unseren Gästen jeden Wunsch.

Ich nickte und ergriff seine starke Hand. Er führte mich auf die Tanzfläche und schlang seinen Arm um meine Hüfte. Ich legte vorsichtig meine Hand auf seine Schulter.

„Ich heiße übrigens Carlton." Er grinste und wirbelte mich in einer Drehung umher. Mir wurde schwindelig.

„Ich... bin...Astoria", nuschelte ich.

Er lachte. „Weiß ich doch. Du siehst toll aus heute Abend."

Ich spürte die Röte in mir hoch kriechen. „Ähm danke sehr. Du siehst auch nicht übel aus."

Im Laufe unseres Tanzes erfuhr ich etwas mehr über ihn. Sein voller Name war Carlton Paul Macnair und er war 16. Er war im sechsten Jahr und sein Lieblingsfach war die Mittagspause.

Als er seinen Nachnamen erwähnte, wurde mir klar, dass wahrscheinlich Mutter hinter diesem Tanz steckte. Deswegen war ich auch ganz erpicht darauf, ihn schnellstmöglich zu beenden. Doch er ließ mich nicht, wollte mehr über mich erfahren. Ich ratterte ein paar Fakten herunter, während er mich herumwirbelte. Das Lied endete schließlich. Merlin sei Dank. Dieser Carlton hatte etwas ganz und gar Unsympathisches an sich.

Der Abend neigte sich glücklicherweise dem Ende zu. Viele Leute waren angeschickert und besonders gut drauf, sogar Mutter lachte befreit und auch Vater wirkte nicht mehr so steif.

Daphne, Draco, Pansy und die anderen waren ebenfalls betrunken, was Mutter gar nicht gefiel. Daphne lachte schrill über alles, Draco war noch prahlerischer als sonst, Crabbe und Goyle grinsten noch dümmer und Pansy tanzte ganz allein im Kreis.

Mutter schickte Daphne ins Bett und die anderen zu ihren Eltern. Der Saal leerte sich und schließlich waren alle Leute verschwunden außer den Malfoys. Mutter, Vater, Narzissa und Lucius gingen in unser Kaminzimmer, um noch einmal anzustoßen, während Draco und ich im Saal blieben.

Er lehnte lässig an der Wand, ein Weinglas in der Hand, und winkte mich zu sich rüber. Mit weichen Knien ging ich auf ihn zu.

„Astoria, oder?", sagte er mit schleppender Stimme. „Du siehst heute hübsch aus."

Mein Herz machte einen großen Satz.

„Schade, dass du erst elf bist." Er hickste und beugte sich vor. Sein Alkoholatem strich mir über das Gesicht. „Sonst würde ich dich jetzt küssen. Du kannst es bestimmt besser als Pansy..."

„Draco..." Ich wich ein wenig zurück. „Vielleicht solltest du ins Bett..."

„Sag mir nicht, was ich zu tun habe", knurrte er.

Ich starrte ihn an. Dann wandte ich mich um und ging.

„Hey, Estella, warte..."

„Ich heiße Astoria", murmelte ich, als ich aus dem Saal ging.