Kapitel 4: Schulden begleichen, Teil I

Europäischer Luftraum – Samstag, 10:40pm

Mycroft Holmes klappte den Aktendeckel zu und legte die Unterlagen zur Seite. Er schloss kurz die Augen und rieb sich die Schläfen. Es war spät und das Lesen der vielen Akten hatte ihm Kopf schmerzen bereitet. Es wurde Zeit, dass er mal wieder eine Nacht vernünftig schlief. Er war zwar ein Holmes, aber im Gegensatz zu seinem kleinen Bruder benötigte sein Körper ein normales Maß an Ruhezeiten.

Anthea hatte einige Male versucht, ihn von einem handlichen Tablet zu überzeugen, um seine Akten zukünftig nur noch elektronisch durchgehen zu können. Aber Mycroft war überzeugt, dass das stundenlange Starren auf ein beleuchtetes Display seine Kopfschmerzen nur noch schlimmer machen würde. Außerdem bevorzugte er Papier. Er hatte nichts gegen Technik – ganz im Gegenteil, um seine Interessen durchzusetzen bediente er sich ihrer nur zu gerne. Genau deswegen wusste Mycroft aber auch um die Schwächen moderner Kommunikationsmethoden. Digitale Informationen konnten viel zu leicht vervielfältigt, manipuliert, weitergegeben oder gestohlen werden, wie der Fall der Bruce-Partington-Pläne vor einiger Zeit deutlich gezeigt hatte. Deswegen bewahrte Mycroft auf seinem Laptop und Telefon nur die allernotwendigsten Informationen auf und zog die Papierakten vor, von denen es in der Regel nur einige wenigen Exemplare gab - jedes individuell mit Wasserzeichen und Signatur markiert.

„Mr. Holmes?"

Er blickte auf und nickte der Flugbegleiterin freundlich zu.

„Der Landeanflug wird in etwa 20 Minuten beginnen. Darf ich Ihnen noch etwas zu trinken bringen?"

„Nein danke, Miss Adams."

Die junge Frau entfernte sich genauso leise wie sie gekommen war und schloss den schweren Vorhang, der die Passagierkabine vom Servicebereich des kleinen Privatflugzeugs trennte.

Mycroft blickte aus dem Fenster in die schwarze Nacht. Sein Gesicht spiegelte sich in der Scheibe und er stellte fest, dass er ebenso müde aussah, wie er sich fühlte. Es wird Zeit, dass das Kapitel Moriarty endlich ein Ende hat, dachte er.

Sherlocks Nachricht, dass er den letzten Scharfschützen erneut aufgespürt hatte, kam vor wenigen Tagen. Mittlerweile hatte er seinen genauen Aufenthaltsort lokalisiert und ermittelt, was Rakos vorhatte. Die Gelegenheit zum Zugriff stand unmittelbar bevor. Mycrofts persönliche Anwesenheit war eigentlich nicht von Nöten. Bereits in der Vergangenheit hatten seine Leute alles im Griff gehabt. Lediglich einmal im vergangen Jahr, als Sherlock in Spanien bei einer Schießerei verletzt wurde, hatte Mycroft persönlich eingegriffen und dafür gesorgt, dass sein Bruder die notwendige Hilfe bekam, ohne das seine Identität aufgedeckt wurde. Diesmal war er unterwegs, um seinen Bruder nach Hause zu holen.

Mycroft begann erneut damit, sich die Schläfen zu massieren als er an das vergangene Jahr und an die Ereignisse zurück dachte, die letztendlich zu Sherlocks Exil führten. Das Unheil hatte mit Moriartys Gefangennahme begonnen und mit Mycrofts Versuch, ihm ein Geheimnis zu entlocken, von dem er später erfuhr, dass es gar nicht existierte. Er hätte Moriarty niemals laufen lassen dürfen. Aber er war sich damals sicher gewesen, dass er die Situation unter Kontrolle hatte und er früher oder später sowohl an den Computer-Code gelangen und danach Moriarty endgültig dingfest machen würde. Er hatte den Mann unterschätzt, seine Skrupellosigkeit und vor allem seine Besessenheit gegenüber Sherlock. Er, Mycroft Holmes, hatte einen Fehler gemacht und – in dem Punkt waren sich die beiden Holmes-Brüder sehr ähnlich – Mycroft hasste es Fehler zu machen. Nur bestand der Fehler nicht bloß darin, Moriarty unterschätzt zu haben. Mycroft hatte zudem versucht, die Situation alleine unter Kontrolle zu bringen, ohne mit Sherlock darüber zu reden, was sich zwischen ihm und Moriarty abgespielt hatte. Moriarty war ihrer beider Fehler. Auch Sherlock hatte seinen Plan erst durchschaut, hatte erst begriffen, wie weit Moriarty bereit war zu gehen, als es fast zu spät war. Mycroft und Sherlock hatten beide geglaubt, alleine mit ihm fertig zu werden, weil ihr Stolz zu groß war, einander um Hilfe zu bitten. Und bezahlen für unsere Arroganz mussten andere, dachte Mycroft bitter.

Mycroft tat, was er tun konnte, um seinen Fehler wieder gut zu machen Er entzog Moriartys Netz die finanziellen Grundlagen, fror Konten ein, ließ Mitwisser verhaften und verhören. Die Informationen, die er so im Hintergrund sammelte gab er zum einen an Sherlock weiter um den inneren Kreis von Moriartys Netzwerk zerstörte. Zum anderen versuchte Mycroft unauffällig die Untersuchungen von New Scotland Yard zu unterstützen, um den Ruf seines Bruders wieder herzustellen.

Zudem war da noch die persönliche und nicht minder schwere Aufgabe, dafür zu sorgen, dass es Sherlocks Freunden gut ging – so gut es möglich war. Johns Ablehnung gegenüber Mycroft hatte diese Aufgabe nicht gerade einfach gemacht. Die gute Mrs. Hudson war leichter bereit zu verzeihen, ebenso DI Lestrade, der für jeden Hinweis bei seinen Ermittlungen dankbar war. Aber John Watson war eine harte Nuss gewesen. Erst seit kurzem, sprachen er und Mycroft wieder miteinander. Die Stimmung zwischen den beiden Männern war stets angespannt, Wut und Enttäuschung saßen noch immer tief. Mycroft war sich nicht sicher, ob das jemals wieder anders werden würde. Zu seiner eigenen Überraschung empfand er dabei etwas wie Bedauern.

Das letzte Jahr hatte viele Emotionen frei gesetzt, nicht nur bei jenen, die zurückgeblieben waren, sondern auch bei Mycroft und Sherlock selber. Mycroft hatte seinem Bruder einmal gesagt, Mitgefühl brächte keinen Vorteil. Aber er hatte in den vergangenen Monaten etwas gelernt. Ohne die Menschen, die ihm etwas bedeuteten und um die er sich sorgte, war Sherlock nicht vollständig.