Es war ungewohnt für Draco so früh aus dem Haus zu gehen, er hatte eine Ewigkeit keinen geregelten Tagesablauf mehr gehabt und erst recht war es seltsam, nun zur Arbeit zu gehen. Doch zum ersten Mal seit langer Zeit verspürte er ein gewisses Hochgefühl und genoss es, den ganzen Weg bis hinunter zu der alten Druckerei mit den leeren Schaufenstern.

Draco war nie so früh im Zaubereiministerium gewesen und er war überwältigt, von den Menschenmassen, die sich früh morgens durch das Atrium wälzte. Es war gar kein so schlechtes Gefühl einfach in der Masse unterzutauchen und sich Treiben zu lassen. Als sei man einer von ihnen, mit den Sorgen eines Durchschnittsmenschen und dem grauen Alltag, der zum Menschsein dazu gehörte.

Die Fahrstühle waren regelrecht überfüllt und Draco musste sich in den Letzten richtiggehend hinein quetschen, sonst würde er zu spät kommen. Erst als er im zweiten Stockwerk angekommen war, wurde es ruhiger und mit leichten Schritten ging Draco hinüber in sein zukünftiges Büro. Das klang eigentlich ganz gut.

Er klopfte und das blonde Mädchen vom letzten Mal öffnete die Türe. An sie hatte er gar nicht mehr gedacht und es war ihm ein wenig unangenehm sie wiederzusehen. Ihr schien es nicht anders zu gehen, denn sie murmelte: „Guten Morgen." und schaute zu Boden.

„Morgen." gab Draco zurück und trat ein.

Arty Binks schien noch nicht da zu sein, denn sein Schreibtisch war leer und sein Umhang hing nicht an der Garderobe.

Somit fiel es Draco zu, die unangenehme Zeit zu überbrücken. Wann hatte er zuletzt einfach nur geplaudert? Das schien Lichtjahre entfernt zu sein.

„Bist du unser neuer Lehrling?" fragte sie schließlich.

„Ja." Draco nickte.

Wieder Stille. Sie schien wirklich nicht daran interessiert, mit ihm zu sprechen, aber sie schien ebenfalls zu höflich zu sein, um das auch wirklich durchzuziehen.

„Wie heißt du?" fragte er nach einer Weile.

„Goldikova."

„Du willst mich doch auf den Arm nehmen." entfuhr es ihm. Kein Mensch hieß Goldikova.

Sie lächelte zum ersten Mal an diesem Morgen. „Doch wirklich."

Draco fragte sich immer noch, ob sie ihn nicht wirklich anlog. Der Name war abstrus, selbst an Zauberermaßstäben gemessen.

Die Tür schwang auf und Arty trat ein, die Wangen fröhlich gerötet und gut gelaunt, so wie Draco ihn kennengelernt hatte. Er schüttelte überschwänglich seine Hand und nahm dann unter lautem Gähnen hinter seinem Schreibtisch Platz.

„Es freut mich zutiefst, dass Sie sich für unsere Abteilung entschieden haben, Mr. Malfoy. Verzeihen Sie mir bitte..." Er gähnte noch einmal ausgiebig. „Ich hatte eine anstrengende Nacht, wir mussten bei einem Familienstreit eingreifen und das hat lange gedauert."

Binks schwenkte seinen Zauberstab und hinter Draco und Goldikova erschienen zwei Stühle wie aus dem Nichts, auf denen sie schließlich Platz nahmen.

„Miss Dayville haben Sie sicher schon kennengelernt?" begann Binks erneut.

Draco nickte nur und scheinbar hatte Binks auch gar nicht mehr hören wollen, denn er schwatzte munter weiter.

„Ich würde Ihnen gleich gerne einen Überblick über Ihre Ausbildungsinhalte geben, doch wir sind so unterbesetzt, dass ich Sie heute Vormittag alleine lassen muss. Es sind drei Meldungen über Hehlerei mit schwarzmagischer Ware eingetroffen und die von der Abteilung für den Missbrauch von Muggelartefakten sind der Meinung es wäre nicht ihre Aufgabe, da es sich hierbei nicht um Muggelartefakte handelt, sondern um offensichtlich schwarzmagische Gegenstände. Sie werden feststellen, Draco, dass man so etwas hier immer wieder erlebt."

Er wischte sich mit einem Taschentuch über die Stirn und sah die Beiden an.

„Goldikova, wären Sie so nett unseren Neuling ein wenig herum zu führen?

Das Mädchen neben ihm nickte leicht und Binks schien erleichtert. „Damit nehmen Sie mir viel Arbeit ab. Bitte, geben Sie Mr. Malfoy auch seinen Stundenplan, damit alles seinen gewohnten Gang gehen kann."

Draco mochte es nicht, wenn man über seinen Kopf hinweg Dinge entschied, als wäre er gar nicht im Raum, aber er fand eine ausdruckslose Miene angemessener, als wilden Protest und schwieg, auch wenn ihm eine passende Antwort auf der Zunge lag.

„Das wäre dann erst einmal Alles. Wir treffen uns nach dem Mittagessen wieder hier."

Beide nickten und sahen zu, wie Binks das Büro genau so schnell verließ, wie er gekommen war.

Draco wandte sich erneut Goldikova zu, die ihre Schuhspitzen nun prüfend betrachtete. Er schien ihre Ablehnung beinahe greifen zu können. Ein widerwärtiges Gefühl. Was hatte das Mädchen gegen ihn?

„Hast du ein Problem mit mir?" fragte er ein wenig zu schroff, aber er war es so furchtbar leid, dass ihn alle wie einen aussätzigen behandelten, dass alle Voldemort über seine Schulter sahen, dass alle nur Slytherins Rasse in ihm erkannten.

„Nein." murmelte sie in einem Tonfall, der das Gegenteil besagte.

„Aha." schnappte er. „Und warum kannst du mich nicht ansehen?"

„Du bist ganz schön unverschämt für deinen ersten Tag."

„Du auch."

„Hm..." machte sie und wiegte den Kopf von Schulter zu Schulter. Am liebsten hätte er sie geschüttelt.

„Vergiss es einfach. Lass uns bitte diesen Rundgang so schnell wie Möglich beenden." sagte er schließlich, weil er genug davon hatte.

..::~::..

Es dämmerte schon, als Draco das Zaubereiministerium verließ, denn er war lange geblieben und war einfach nur durch die vielen Gänge gelaufen, um sich umzusehen. Er fand es unheimlich beruhigend dort, auch wenn er keine Ahnung hatte warum, aber allein die Anwesenheit dort tat ihm gut. So hatte er es schon als kleiner Junge empfunden und so war es auch geblieben. Er beschloss einen kleinen Umweg durch die Hinterhöfe zu nehmen, denn er fühlte sich seltsam. Seltsam war das einzige Wort, das passte.

An der kleinen Bushaltestelle gegenüber, sah er Goldikova stehen und einer Eingebung folgend, machte er sich auf, um noch einmal mit ihr zu reden, auch wenn sie ihm ziemlich unmissverständlich klar gemacht hatte, dass sie außerhalb ihres Arbeitsbereiches kein Wort mit ihm sprechen würde.

„Hallo." sagte er und trat unter das Dach.

Sie schaute an ihm vorbei und erwiderte den Gruß nicht. Sie hat es tatsächlich genau so gemeint, schoss es ihm durch den Kopf.

Dieses Mal wurde er lauter. „Hallo!"

Sie seufzte und verdrehte die Augen.

„Ich habe dich schon gehört. Kannst du denn nie Ruhe geben?"

„Erst denn, wenn du mir sagst, was ich dir persönlich getan habe, dass du dich so benimmst. Im Idealfall müssen wir noch eine ganze Weile miteinander auskommen."

„Ja." sagte sie nachdenklich.

„Also? Wo ist das Problem?"

„Du bist das Problem." Ihre Stimme klang nun entschieden genervt.

„Aha? Wir nähern uns also dem Kern der Sache? Und was habe ich in den fünf Minuten falsch gemacht, die wir uns zuvor begegnet sind?" Langsam wurde Draco zornig. Er wusste, dass sie nichts dafür konnte, doch es hatte ihn noch nie so sehr verletzt wie jetzt. Ein fremdes Mädchen, dass er nie zuvor gesehen hatte, fürchtete sich vor ihm, weil er ein Malfoy war. Sie kannte ihn nicht einmal, aber es reichte ihr, dass er da war.

„Nichts, aber..." sie schien in Erklärungsnot geraten zu sein und er sah es mit Genugtuung.

„Dann sehe ich kein Problem, wenn da Nichts ist. Und dennoch scheint Eins da zu sein. Also?"

Sie sah ihm nun das erste Mal in die Augen, seitdem sie das Büro verlassen hatten. „Ich möchte mit so Leuten wie dir nichts zu tun haben."

„Mit so Leuten wie mir?" hakte Draco nach.

„Nachdem... du-weißt-schon-wer gestürzt ist, da gibt es immer noch genügend Todesser auf freiem Fuß. Und auch wenn sich der Wolf weiß anmalt, damit er in der Schafsherde nicht auffällt, so bleibt er dennoch ein Wolf, nicht wahr?"

Meinte sie damit ihn? Draco schüttelte traurig den Kopf. „Dinge in Schwarz und Weiß zu sehen, bringt einen leider nicht sehr weit. Aber wenn das Ihre Sichtweise ist, dann werde ich sie respektieren. Gute Nacht, Miss Dayville."

Er wandte ihr den Rücken zu und überquerte die Straße, hinüber zu der Gasse, die ihn zu seiner Wohnung führte. Dort drinnen war es kühl und Dunkel und Draco tat die Stille gut. Sein Atem ging schwer, es hatte ihn viel mehr aufgeregt, was sie gesagt und getan hatte, als die meisten Dinge in letzter Zeit. Woher nahm sie sich das Recht, über ihn ein Urteil abgeben zu können. War er nicht uneigennützig freundlich zu ihr gewesen und hatte wie ein echter Gentleman über ihre Tränen hinweg gesehen? Und hatte sie ihn gerade als Todesser bezichtigt? Sie hatte damit zwar Recht, aber sie lag gleichzeitig auch so grundlegend falsch, dass Draco sie am liebsten ausgelacht hätte. Wenn alles nur so wunderbar einfach gewesen wäre.

Am liebsten wäre er noch einmal zurück gegangen, um ihr ins Gesicht zu sagen, was er von solchen Menschen wie ihr hielt, die blöde die Meinung der Mehrheit nachplapperten, doch vermutlich war ihr Bus schon längst weg und überhaupt. Es war nicht mehr seine Aufgabe auf sie zuzugehen und es hatte vermutlich sowieso keinen Sinn.

In einem der Hinterhöfe jaulte ein Hund, schrill und misstönend und Draco ging schnellen Schrittes voran, um endlich nach Hause zu kommen. Etwas hinter ihm hechelte. Leinten die Besitzer ihre blöden Köter eigentlich nie an? Das Jaulen kam näher und ein zweiter Hund stimmte mit ein.

Draco beschleunigte seinen Schritt und fühlte nach seinem Zauberstab, den er in der Manteltasche trug. Er hörte das Kratzen langer Krallen auf Beton, doch Draco zwang sich dazu, sich nicht umzudrehen. Aus den Lattenzäunen zu seiner Rechten glühte ein paar gelbe Augen, die ihn feindselig musterten.