So nah
Kapitel 4
Dem Tod so nah
Morna fühlte, wie die dicken Tränen zugleich ihre Wangen herunter rollten, bevor sie überhaupt realisieren konnte, was sie dort erblickte. Doch kein Schluchzen entwich ihrer Kehle. Sie war vollkommen verstummt. Er war einfach fort. An der Stelle, an der ihr geliebter Vater bis eben noch gestanden hatte, lag nun ein geschmolzener, schwarzer Haufen, aus Metall und verbranntem Fleisch, dessen Asche bereits vom Wind davon getragen wollte nicht näher treten, doch ihre Füße setzten sich von ganz allein in Bewegung. Sie wollte nicht hinsehen, doch konnte sie die Augen nicht schließen. Ein Zittern durchfuhr ihren Körper und trotz der Hitze ihrer Umgebung fühlte sich alles nur so endlos kalt an. Die Sekunden verstrichen und fühlte sich wie ein ganzes Leben an. Dies war kein Albtraum. Es war echt. Es war wirklich passiert. Ihr Vater war tot. Verbrannt in den Flammen dieses Drachen. Sie hatten sich nicht einmal voneinander verabschieden können. Und dann brach alles in der Zwergin zusammen. Ihre ganze Welt. Ihr ganzes Leben.
„Vater!", schrie das kleine Mädchen entsetzt und wollte zu ihm stürzen.
Doch Thorin packte sie in der Körpermitte und hielt Morna zurück.
„Nicht hinsehen.", hörte sie seine Stimme ganz dicht an ihrem Ohr.
Morna kämpfte gegen seinen festen Griff an, schlug mit den Fäusten auf seine Schulter ein, doch ließ er das Mädchen nicht los. Sie würde es nicht ertragen und hatte bereits zu viel gesehen. Ohrenbetäubendes Geschrei setzte in der Halle ein. Ganz gleich ob Männer oder Frauen, alle liefen wild durcheinander. Versuchten vor dem Drachen zu fliehen, welcher unbarmherzig ihre Heimat in Flammen setzte. Einige kauerten sich in Ecken zusammen, sahen keine Möglichkeit zur Flucht und flehten, es möge aufhören. Man hörte das Zersplittern von Glas, als einige Fenster zerstört wurden und auf die Personen fielen, die vor wenigen Augenblicken noch getanzt und gelacht hatten. Die vor wenigen Augenblicken noch gelebt hatten. Nun lagen sie alle bewegungslos auf dem Boden. Von manchen war nicht mehr viel zu erkennen, außer verbrannter Kleidung und Haut. Und wieder andere, waren umgeben von Blut. So viel Blut. Vollkommen starr vor Angst und entsetzt aufgrund dieser Grausamkeit die das wohl behütete Kind niemals zuvor mit ansehen musste, konnte das kleine Mädchen nichts anderes tun, als die Szenerie zu beobachten. Doch sie wollte das nicht. Wollte nicht dorthin sehen, wo so viele Menschen starben. Aber ihr Körper versagte ihr den Dienst. Nicht einmal das Gesicht abwenden, konnte Morna.
Obwohl sie doch so schnell fortrennen sollte, wie sie nur konnte. Um sich selbst zu retten. Ihr Atem ging langsam und stoßweise, als würde ihr Herz das nicht ertragen können. Bei jedem lauten Knall und jeder neuen Feuerwelle, schrieen die noch Lebenden nur lauter und Angst erfüllter auf. Bettelten um Gnade, welche ihnen nicht gewehrt wurde. Das Mädchen konnte die Furcht in dieser Halle praktisch greifen. Wie ein dunkles Leichentuch legte es sich über ihr Bewusstsein. Die Schultern hängen lassen, schien aus Mornas Körper ebenfalls jegliches Leben zu entweichen. Sie fühlte sich so hilflos. So machtlos und bewegungsunfähig. Sie musste hier weg, dass wusste die kleine Zwergin. Sonst würde sie auch sterben. Das Leben, dass sie einst geführt hatte, war nun zerstört worden. Verbrannt in den Flammen dieses Drachen. Aber keinen einzigen Schritt konnte das Mädchen machen. Keinen einzigen tiefen Atemzug nehmen. Sie fühlte sich innerlich so leer. Sie fühlte sich bereits tot. Erst als knapp hinter ihnen erneute Flammen aufstiegen, fühlte das kleine Mädchen einen Ruck durch ihren Körper gehen. Thorin hatte sie auf seinen Arm gehoben und eilte gemeinsam mit Balin die Stufen zur Halle herunter. Gegen ihren Willen, drehte das Mädchen ihr Gesicht zu dem Prinzen und blicke ihn direkt an.
Er nahm davon keinerlei Notiz, schien Thorin zu sehr damit beschäftigt zu sein, seine restliche Familie ausfindig zu machen und nicht die Steinstufen hinunter zu fallen. Doch in all dem Stimmengewirr und den unzähligen Zwergen, die durcheinander liefen, konnte er seine Angehörigen nirgendwo sehen.
„Was sollen wir tun, Thorin?", fragte Balin und selbst in seiner Stimme, konnte man die Verzweiflung deutlich hören.
Niemand, schien auf den Angriff eines Drachen wirklich vorbereitet gewesen zu sein. Alle, selbst die fähigsten Männer wirkten in diesem Moment vollkommen überfordert und verunsichert. Morna bemerkte gerade noch aus dem Augenwinkel, wie Kycina und ihre Tochter versuchten zu fliehen. Erleichtert stellte das Mädchen fest, dass den beiden nichts Schlimmes geschehen war. Morna etwas höher auf seinen Arm schiebend, blickte Thorin durch die Halle. Ihr zusätzliche Gewicht ermüdete ihn zusehend, doch er würde das Mädchen nicht auf die Füße stellen. Sie schien noch immer vollkommen starr vor Angst und Trauer um ihren Vater. Der wichtigstes Person in ihrem Leben. Hatte das Kind erst vor ein paar Jahren ihre Mutter verloren, war sie nun eine Waise. Thorin würde niemals mehr den verstörten und ausdruckslosen Schein in ihren Augen vergessen, als sie auf dem Wehrgang gestanden hatten.
Umgeben von Flammen, welche so rot waren, wie ihr Haar. Als Morna bewusst wurde, dass sie alles verloren hatte. Sie tippte ihm zaghaft auf die Schulter, doch der Zwerg reagierte gar nicht. Irgendwie musste sie ihm doch zeigen, wo seine Schwester und seine Mutter sich aufhielten. Dafür musste Thorin sie schon anblicken. Doch kein Wort, nicht einmal der leiseste Ton wollte aus ihrem Mund kommen. Sachte nahm Morna sein Gesicht in die Hände und drehte es in ihre Richtung. Woher sie den Mut nahm, des Prinzen Antlitz überhaupt zu berühren, wusste sie nicht. Ein zurückhaltendes Lächeln bildete sich auf den Lippen des jungen Mädchens, als sich ihre Augen trafen, bevor sie mit dem Finger auf die andere Seite der Halle deutete, wo Dís mit ihrer Mutter Schutz gesucht hatte. Ihrem Blick folgend, erkannte Thorin einen Teil seiner Familie in einiger Entfernung. Unendlich dankbar dafür, dass sie wohlauf zu sein schienen, wandte er sich an Balin.
„Versammle jede Wache und jeden kampffähigen Mann in der Halle. Wir müssen den Erebor verteidigen. Der Drache darf das Haupttor nicht durchbrechen, sonst sind wir alle verloren."
Kaum waren die Worte ausgesprochen, drängte sich der Thronfolger mit dem Mädchen auf dem Arm durch die Menge, um seine Liebsten zu erreichen. Sie hatten keine Zeit zu verlieren. Die Frauen und Kinder mussten so schnell es nur möglich war in Sicherheit gebracht werden und dann würde er sich dem Drachen stellen.
„Mutter sieh nur, da ist Thorin!", rief Dís erfreut aus und war ihrem Bruder einige Schritte entgegen gelaufen.
Jetzt würde alles wieder gut werden. Sie waren wieder vereint und würden gemeinsam einen Weg hier raus finden. Diesen schrecklichen Ort verlassen, der einst ihre Heimat gewesen war. Doch davon war nicht mehr als Schutt und Asche übrig. Erleichtert ihn gesund vorzufinden, nahm Kycina das Gesicht ihres Sohnes in die Hände und strich sachte über seine Stirn. Immer wieder begutachtete sie ihn von Kopf bis Fuß um sicherzustellen, dass er nicht verletzt war. Betastete seine Schultern und Arme und strich über seine Brust. Doch weder Blut, noch Verbrennungen waren ausfindig zu machen, wofür die künftige Königin unendlich dankbar war.
„Wo ist Frerin? Wart ihr nicht zusammen auf dem Wehrgang?"
Thorins Miene wurde verschlossener und seine Augen blickte für den Bruchteil einer Sekunde zu Boden. Eine Geste, welche Kycina nur zu vertraut war. Ihrem Sohn fiel es schwer, ihr die Wahrheit zu sagen und er wand sich innerlich gegen ihre Frage. Doch wie so oft fing sie seinen Blick ein und zwang Thorin ihr zu antworten.
„Nein, er war auf der anderen Seite, ich weiß nicht, was mit ihm geschehen ist."
Thorin spürte, wie sich seine Mutter besorgt anspannte und ihr Blick hektisch durch die Menge glitt, in der Hoffnung, sie könnte ihren Sohn irgendwo entdecken. Doch es waren einfach zu viele Zwerge, die durcheinander liefen und sie bewegten sich so schnell, dass mancher eher an ihr vorbeigerannt war, noch ehe Kycina ihn richtig erkennen konnte. Thorin machte sich innerlich selbst Vorwürfe, als er die Sorge seiner Mutter erkannte. Er hätte seinen Bruder niemals allein hinauf schicken dürfen. Frerin hätte bei ihnen bleiben sollen. Doch dies war nicht der richtige Zeitpunkt für derartige Überlegungen.
„Du musst mit den Frauen sofort den Erebor verlassen.", sprach Thorin auf seine Mutter ein und versuchte ihre Aufmerksamkeit zurück zu gewinnen.
Doch sie blickte ihren Ältesten nicht einmal an, so sehr war sie damit beschäftigt, Frerin ausfindig zu machen.
„Du bist für all diejenigen verantwortlich, die nicht kämpfen können, Mutter. Du musst sie nach draußen führen. Dass ist deine Pflicht."
„Was ist mit Frerin? Ich muss doch..."
„Nein. Ich werde nach ihm suchen. Dies ist kein Ort für gedankenlose Taten."
„Aber..."
Verzweiflung ergriff die Zwergin. Sie konnte doch nicht einfach gehen, während ihr jüngster Sohn verschwunden war. Ihm konnte sonst etwas zugestoßen sein.
Er könnte mit Verbrennungen irgendwo liegen und auf ihre Hilfe hoffen. Er könnte schwer verwundet,dem Tode nahe sein, und war nun gänzlich allein. Nein, ihr Herz würde es nicht ertragen, ihren Sohn derartig im Stich zu lassen.
„Mutter, bitte."
Thorins Tonfall war sanft, wenn auch unnachgiebig und er ergriff ihre Schultern.
„Ich will mir nicht auch noch Sorgen um euch machen müssen. Nimm Dís und Morna und brecht sofort auf. Alles andere wäre töricht."
Ihren Blick mit dem seinen suchend, wusste Kycina, dass er recht hatte. Thorin würde seinen Bruder finden, ob tot oder lebendig. Und er würde einen Weg zu ihnen zurück finden.
Fortsetzung folgt...
