Jinai: Kapitel Nummer Vier -gähn- wie versprochen -gähn- ich breche auch keine Versprechen -gähn- wie man sieht.
Raffael: Es ist… 4:21 und sie schreibt immer noch. Dementsprechend sieht sie auch aus.
Jinai: Möchtest du wieder in den Schrank? -gähn
Raffael: Im Moment bin ich mir nicht sicher, ob du nicht auf halbem Weg einschläfst.
Jinai: gähn Kannst du für mich übernehmen? -gähn
Raffael: Ausnahmsweise. Aber nur, weil du nicht mal mehr geradeaus schauen kannst!
Rated: T, wie immer… wobei ich mich frage, warum (schulternzuck)
Disclaimer: Wenn Jinai D. Gray-man besitzen würde, dann würde sie keine Fanfiction schreiben.
Die Zugreise war so lang wie die Fahrt mit dem Boot zum unterirdischen Eingang des Hauptquartiers unheimlich. Aber was konnte man anderes erwarten von einer Geheimorganisation, die sich „Schwarzer Orden" nannte? Schließlich legten sie am Steg an und Lavi war so freundlich, ihr aus dem Boot zu helfen, das immer noch schwankte, weil Kanda einfach vom Boot auf den Steg gesprungen war. Eigentlich hätte sie seine Hilfe nicht nötig gehabt, aber sie wollte nicht unhöflich sein, wenn der arme Kerl sich so offensichtlich bemühte, die Sache mit der Wette und dem Duell wieder gut zu machen. Auf dem Weg nach oben sprach keiner von ihnen ein Wort und als sie oben angekommen waren, konnte eine von ihnen kein Wort mehr sagen, denn ein Mann im weißen Kittel hatte Linali so fest in die Arme geschlossen, dass sie fast erstickt wäre, hätte er sie nicht wieder rechtzeitig losgelassen. Der heulende Mann stellte sich als Komui Li vor und, nachdem er sich davon überzeugt hatte, dass es seiner Linali-chan auch wirklich wirklich wirklich gut ging, fackelte er auch nicht lange, sondern schickte alle anwesenden Exorzisten gleich los an die verschiedensten Orte innerhalb des Gebäudes, zu den unterschiedlichsten Zwecken und Aufgaben, mit Ausnahme von Krory und Jinai. Den beiden, so sagte er, stand noch eine Begegnung mit Hevlaska bevor. Keiner der beiden konnte sich vorstellen, was er damit gemeint hatte, aber Jinai vermutete, dass diese Hevlaska testen würde, ob es sich bei ihrer Waffe um Innocence handelte oder nicht. Wie sie das allerdings anstellen wollte, war Jinai ein Rätsel.
Sie traten durch eine Tür in einen großen, dunklen Raum, zumindest taten Komui und Krory das, denn Komui bat sie, noch einen Moment vor der Tür zu warten. Ihr sollte es recht sein; seit ihrer Ankunft vor noch nicht einmal zehn Minuten hatte er sie von einem Raum zum anderen geschoben und hinter jeder Tür verbargen sich Werkzeuge und Instrumente, von denen Jinai am liebsten gar nicht erfahren hätte, wozu sie gut waren. Sie hatte sogar ihre Haare vor einer großen Schere retten müssen, mit der Komui auf einmal vor ihr gestanden hatte. Er hatte von den anderen erfahren, dass ihre Haare auch eine Waffe waren und wollte eine Vorführung und danach eine Haarprobe. Er stellte zu seinem großen Erstaunen fest, dass ihre Haare sich auch im geöffneten Zustand in einen Stachel verwandelten. Er hätte gerne noch mehr Tests gemacht, um zu sehen, ob das in jedem Zustand der Fall war, aber sie hatte es irgendwie geschafft, ihn davon abzuhalten, indem sie ihm hoch und heilig versichert hatte, dass sie das schon längst festgestellt hatte, ja, auch unter Wasser. Schließlich hatte sie die Menge der gewünschten Haarprobe auch noch auf ein einziges Haar reduzieren können, das sie sich dann ausriss und ihm überreichte. Ihr war eine kurze Pause nur recht. Nur zwei Minuten später wankte Krory bei der Tür heraus, noch blasser als sonst.
„Jinai, komm bitte hereii-hein." konnte sie Komuis vergnügte Stimme hören, der irgendwo im Dunkeln stand.
Sie warf einen letzten Blick auf den verstörten Krory, packte ihn schließlich am Arm und brachte ihn dazu, sich neben der Tür hinzusetzen, bevor er sich in seinem desorientierten Zustand noch verletzte. Sie hatte zur Bewahrung ihrer Nerven zwar in einigem Abstand zur Tür gewartet und dadurch nichts hören können, doch sie war sicher, dass Krory, wäre er geistig anwesend gewesen, jetzt hören können würde, wie sie das gleiche durchmachte, was ihm widerfahren war. Ihr graute vor dem, was sie erwarten würde, aber sie ging durch die Tür.
In keinem Kampf hatte ich bisher solchen Schiss, bis auf meinen ersten mit diesen Waffen, und mögen es noch so viele Akuma gewesen sein. Sie erkannte Komuis Gestalt und ging auf ihn zu. Genauer gesagt, wollte sie auf ihn zugehen, wäre da nicht auf einmal dieser leuchtend blaue Tentakel gewesen, der sie sanft um die Mitte gepackt und in die Luft gehoben hatte. Noch mehr Tentakel kamen auf sie zu, aber sie schaffte es, nicht aufzuschreien. Die Tentakel wickelten sich um sie und- stützten sie?
„Wie sieht es aus, Hevlaska? Ist sie eine Exorzistin?" Komuis Stimme klang seltsam gedämpft durch das Rauschen des Blutes in ihren Ohren.
Das riesige blaue Etwas vor ihr, das anscheinend nicht einmal Augen hatte und sie doch durchdringend anzustarren schien, legte seine Stirn an ihre und schwieg.
Komui wurde langsam ein wenig ungeduldig. Noch nie hatte es so lange gedauert, wenn Hevlaska sich einen neuen Exorzisten besah. Sie verharrte inzwischen schon drei volle Minuten in dieser Stirn-an-Stirn-Position mit dem Mädchen, ohne auch nur ein Wort zu sagen. Er hatte inzwischen seine Notizen über diese Jinai schon zweimal durchgelesen und alles, was er herausgefunden hatte, ließ auf eine Exorzistin schließen. Bis Hevlaska fertig ist, haben die Haarprobenergebnisse auf meinem Schreibtisch wahrscheinlich schon Staub angesetzt.
„Sie ist kein Akuma."
„Das wissen wir, sie war schließlich mit Allen Walker unterwegs. Das hätte er erkannt." Komui war leicht genervt. Drei Minuten und das ist alles? Er nahm einen Schluck von seinem Kaffee.
„Sie ist keine Exorzistin."
Er spuckte seinen Kaffee aus. „Was!?"
„Ich kann kein Innocence finden, aber… da ist etwas anderes. Etwas… Ähnliches. Es kann wie Innocence Akuma töten, aber… es erlöst sie nicht." Sie legte wieder ihre Stirn auf die des Mädchens. Auf einmal ging ein unwirkliches, blaues Leuchten von deren Körper aus und als Hevlaska den Kontakt abbrach, öffnete sich Jinais Mund und ein Strom des blauen Lichts kam heraus, der sich rasch in viele kleinere Lichtschnüre aufteilte, die gen Decke flogen und in der Ferne immer kleiner wurden, bis sie verschwanden.
Komui konnte ein Frösteln nicht unterdrücken. Das war kein angenehm weiches und warmes Licht gewesen, wie Hevlaska es ausstrahlte. Dieses Licht war kalt und… gräulich gewesen, ein geradezu unwirkliches Licht.
„Was war das?"
„Das waren Seelen. Als sie die Akuma tötete, hat sie die Seelen, die an sie gebunden waren, in sich aufgenommen und eingesperrt. Gemeinsam damit ging auch ein Teil der Akuma in sie über." Sie setzte Jinai neben Komui ab.
„Was willst du damit sagen?" Komui blickte verwirrt von Hevlaska zu Jinai und wieder zurück.
„Tötet sie ein Akuma, dann kann sie die anderen orten, ähnlich wie Allen Walker. Sie kann sie förmlich riechen. Diese Kraft kam mit dem ersten getöteten Akuma und ist seitdem geblieben. Das Gift in ihrem Stachel ist teilweise von Akumablut durchsetzt; es setzt sich zusammen aus einem Nervengift, einem Teil ihres… ‚Innocence' und Akumablut. Trifft sie ein Akuma, dann kann sie es kontrollieren oder mithilfe ihres ‚Innocence' töten. Sticht sie einen Menschen, kann sie ihn ebenfalls kontrollieren… oder töten, wie es ein Akumageschoss getan hätte."
Komui wurde blass. Er sah Jinai an, die ein eigentümliches Lächeln im Gesicht hatte. „Sieh einer an. Eine andere Form, aber erhalten geblieben. Wer hätte das gedacht." Komui wollte schon fragen, was sie damit gemeint hatte, bis er merkte, dass sie ihn gar nicht wahrgenommen hatte.
Er wandte sich wieder an Hevlaska. „Und du hast die Seelen jetzt befreit?"
„Ja mithilfe meines Innocence. Er funktioniert ähnlich wie bei einem Akuma. Das Innocence kann die Bindung zwischen Akuma-Maschine und Seele nur lösen, indem es die Maschine zerstört, aber bei ihr musste ich ein wenig Kraft von meinem Innocence durch ihren Körper fließen lassen. Damit habe ich alle Akuma-Teile, die sie in sich aufgenommen hat, zerstört und die Bindung zwischen ihnen und den Seelen zerstört. Danach gab es nichts mehr, was sie an ihren Körper band." Hevlaska wand sich an Jinai. „Du hast das schon öfters selbst gemacht, oder?"
Sie nickte. „Ich habe manchmal bei Vollmond ein Ritual durchgeführt, dass meinen Geist, meinen Körper und meine Seele reinigen sollte. Immer dann, wenn ich gemerkt habe, dass ich manchmal nicht mehr ich selbst war."
„Der Akuma-Anteil war zu groß geworden. Er hat versucht, Besitz von dir zu ergreifen. Hättest du nichts getan, wärst du wahrscheinlich selbst zu einem Akuma geworden. Außerdem wäre dein Gift für jeden anderen Menschen auf der Stelle tödlich geworden. Je mehr Akuma du tötest, desto höher ist die Menge an Akumablut in deinem Gift. Du hattest ungefähr vierzig Seelen in dir, also vierzig Akuma getötet. Nach dem, was ich erfahren habe, dürften hundert Akuma die Grenze sein. Danach tötet das Gift jeden, den du stichst, und wenn du auch noch so wenig injizierst, auf der Stelle. Bei hundertfünfzig wird es dem Akuma immer öfter gelingen, auch immer öfter die Kontrolle zu übernehmen. Bei zweihundert Akuma wirst du voraussichtlich selbst zum Akuma."
Beide, Komui und Jinai, waren blass geworden.
„Entschuldigung… Komui… war das der letzte Test?" Jinai sah ihn zögernd an.
Er nickte. „Ich muss nachdenken. In der Zwischenzeit hast du ein Zimmer hier im Hauptquartier… wenn du möchtest. Ich möchte mich später noch einmal mit dir unterhalten. Vielleicht trittst du ja unserem Verein bei." Es war ein schwacher Scherz, aber sie waren beide zu mitgenommen von dem, was sie gerade erfahren hatten.
Jinai nickte nur. „Ich werde darüber nachdenken, falls dein Angebot steht."
„Darüber muss ich ebenfalls noch nachdenken." Sie nickte wieder und ging Richtung Tür.
Als sie die Tür öffnete und hindurch trat, zuckte sie zusammen. Links von ihr standen Allen und Linali, rechts Lavi und Krory, alle leichenblass. Aber sie sah wahrscheinlich auch nicht besser aus.
„Linali, Komui hat gesagt, dass mir ein Zimmer zur Verfügung steht. Du als seine Schwester weißt wahrscheinlich, wo das ist oder?" Linali nickte nur. „Ich möchte mich ein wenig hinlegen."
Linali brachte immer noch kein Wort über die Lippen, sondern bedeutete ihr einfach nur, ihr zu folgen. Sie gingen mehrere Treppen hinauf, bis Linali schließlich vor einer Tür stehen blieb.
„Das ist dein Zimmer." Es war das erste Mal, das eine von ihnen etwas sagte.
„Danke", sagte Jinai einfach nur, ging hinein und schloss die Tür hinter sich. Dann ließ sie sich auf das Bett fallen und schloss die Augen. Sie dachte daran, wie sie sich jedes Mal fühlte, wenn sie einen der Männer berühren musste, denen sie Informationen aller Art entlockte, dachte daran, wie sie sich fühlte, wenn sie sie berührten und wie übel ihr dann wurde. Mehr als Berührungen zwischen den Händen war nie passiert, keine Küsse, nichts. Trotzdem fühlte sie sich jedes Mal schmutzig, fühlte jeden Millimeter Haut von ihr, den diese Männer berührten, am ganzen Körper, als wären diese Hände überall. Sie hatte sich schon oft übergeben müssen, wenn sie danach allein war, sogar, wenn sie nur daran dachte. Aber sie hatte sich noch nie so mies gefühlt wie jetzt, seit dem Moment, als sie gesehen hatte, wie sie alle für sie gestorben waren, um sie zu retten. Ihre Hände waren mit ihrem Blut besudelt.
Sie betrachtete ihre Hände. Nach diesem Vorfall hatte sie ihre Hände oft, lange und mit viel heißem Wasser und harten Bürsten gewaschen und sie hatte diese Angewohnheit beibehalten in den letzten sechs Monaten. Nein, keine Angewohnheit, einen Zwang. Inzwischen waren ihre Hände schon rau und rissig, die Haut an manchen Stellen aufgeplatzt. Die einzigen hellen Flecken, die zu sehen waren, waren die, an denen neue Haut nachgewachsen war, nachdem sie wieder einmal so lange und fest geschrubbt hatte, bis sie blutete.
Gedankenverloren fuhr sie eine der noch nicht verheilten Stellen mit dem Finger nach. Die Alpträume hatten nicht nachgelassen und wenn sie aufwachte, sah sie wieder das imaginäre Blut an ihren Händen. Sie wusste, dass sie es sich nur einbildete, aber sie konnte nichts dagegen machen. Sie musste es abwaschen. Und wieder. Und wieder. Jeden Tag aufs Neue, nur selten ließ sie es einmal aus, zwang sich, wegzusehen und sich zu sagen, dass da kein Blut wäre. Manchmal gelang es ihr und, wenn sie wieder hinsah, war das Blut verschwunden. Aber meistens war es noch da, wie eine Anklage, die Erinnerung an ihre Schuld. Auch jetzt sah sie es, aber sie widerstand dem Drang, es abzuwaschen.
Himmel, sie hatte ein ganzes Königreich auf dem Gewissen. Sie war ein furchtbarer Mensch, aber die Götter waren grausam.
Ich muss leben, muss zurück, mich dem Ganzen stellen und dann… ich würde die Götter verfluchen, würden sie mir dafür nicht noch Schlimmeres antun. Diese Welt hat es leicht. Sie haben keine Ahnung, wie erdrückend die Last des Schicksals sein kann. Ihr Gott verlangt von ihnen, für ihn zu kämpfen. Mein Preis ist viel höher.
Und dann schlief sie ein.
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„Eure Majestät, bitte beeilt Euch, ich flehe Euch an!"
„Ich kann euch doch nicht alleine lassen! Ich muss kämpfen, ich muss mich ihm stellen!"
„Es ist zu früh! Die Prophezeiung hat einen anderen Zeitpunkt dafür bestimmt! Ihr müsst Euch in Sicherheit bringen, wir werden ihn aufhalten!"
„Ich zweifle nicht an euren Fähigkeiten, aber er ist zu mächtig für euch! Ihr braucht meine Hilfe! Lasst mich bleiben, ich bitte euch!"
„Ihr wisst was passiert, wenn ihr die Prophezeiung missachtet! Unsere ganze Welt-„
„Er ist nicht mehr weit entfernt, wir müssen das Ritual jetzt beginnen."
„Gut, Bruder. Eure Majestät, bitte stellt Euch an Euren Platz. Wir müssen Euch jetzt wegschicken, aber wir werden Euch den Rückweg rechtzeitig öffnen-"
„Das könnt ihr nicht! Ihr werdet tot sein!!"
„Hört mir zu. Ihr seid meine Königin und unter anderen Umständen müsste ich Eure Befehle befolgen, aber hier geht es um Eure Sicherheit. Wir tun, was nötig ist, um Euch zu schützen und damit auch das Leben aller Menschen in Eurem Reich. Der Zeitpunkt ist noch nicht da, jede Konfrontation wäre eine Missachtung der Prophezeiung und das würden die Götter nicht zulassen. Und nun geht, Eure Majestät. Das ist ein Befehl."
Die sieben Priester begannen das Ritual, aufgestellt in einem Halbkreis um die Person, die verschwinden musste, Sprüche murmelnd in einer Sprache, die so alt war wie ihre Rasse selbst. Sie ignorierten den Kampflärm von draußen und konzentrierten sich nur auf den Ort, an den sie ihre Königin schicken wollten. Ein Portal öffnete sich und ihre Königin warf noch einen Blick zurück, dann trat sie hindurch. Ihre Gestalt verschwamm und als sie kaum noch zu erkennen war, wurde die Tür aus den Angeln gesprengt und herein kam ihr größter Feind.
„NEIN!!" Er hob seine Hände und versuchte den Zauber zu stoppen, doch es war zu spät. In dem Stadium, in dem der Zauber sich gerade befand, konnte er nicht mehr rückgängig gemacht werden. Wutentbrannt starrte er auf das sich auflösende Bildnis der Königin, dann auf die sieben Priester, die versuchten, den Pfad, den sie geöffnet hatten, aufrecht zu erhalten. Er war so kurz vor seinem Ziel gescheitert.
Die Königin versuchte angestrengt, noch etwas zu erkennen, doch ihr Blickfeld verschwamm. Sie konnte ihn vor Wut aufschreien hören, doch die Priester hatten sich allem Anschein nach nicht vom Fleck bewegt. Und dann war alles rot. Sie hörte Schreie und sah vereinzelte blaue Strahlen durch den Raum fliegen, aber es war nutzlos. Die Priester wurden ein Opfer seines Zorns. Ihr wurde schlecht, als sie nur noch rot sah. Sie schrie.
„NEIIIN!!"
Mit einem Ruck setzte Jinai sich auf. Ihr Atem ging heftig, ihr Puls schlug wie wild an ihrem Hals, ihr Herz schien sich aus ihrer Brust herausreißen zu wollen und das Blut rauschte in ihren Ohren. Es dauerte ein paar Minuten, bis sie sich wieder so weit beruhigt hatte, dass sie bemerkte, dass ihr Gewand und das Bettzeug unter ihr klitschnass waren.
Sie hob die Hände. Blut. Rasch stand sie von ihrem Bett auf und ging zum Waschbecken an der Wand, doch keinen Meter davon entfernt blieb sie stehen. Sie klemmte die Hände unter die Oberarme und sagte das Mantra auf, das ihr manchmal geholfen hatte.
„Ich konnte nichts tun, ich konnte nichts tun, ich konnte nichts tun, donde ugendo, donde ugendo, donde ugendo. Es war ihre Entscheidung und seine Schuld. Sie waren bereit, das Risiko einzugehen. Es war ihre Entscheidung, es war ihre Entscheidung, es war ihre Entscheidung, tamir batu em, tamir batu em, tamir batu em…"
Schließlich hatte sie sich so weit gefasst, dass sie sich traute, ihre Hände anzusehen. Kein Blut. Sie atmete erleichtert auf.
Wenigstens blieb es ihr diesmal erspart. Sie blickte aus dem Fenster. Draußen war es dunkel. Von der Uhr an der Wand konnte sie ablesen, dass es halb vier in der Früh war. Jinai seufzte. Wieder eine ruhelose Nacht. Aber wenigstens hatte sie jetzt Gelegenheit, über die ganze Sache mit diesen Exorzisten nachzudenken. Sie hörte immer noch Hevlaskas Stimme.
Als sie die Akuma tötete, hat sie die Seelen, die an sie gebunden waren, in sich aufgenommen und eingesperrt… Je mehr Akuma du tötest, desto höher ist die Menge an Akumablut in deinem Gift… Bei zweihundert Akuma wirst du voraussichtlich selbst zum Akuma…
Sie musste schlucken. So wie die Dinge liegen, bin ich eine Gefahr für alle in meiner Umgebung, ob Mensch oder Akuma. Ich kann nicht bleiben. Ich kann keine Exorzistin werden. Es ist nicht nur gefährlich, sondern auch unmöglich. Ich habe nur noch zwei Monate. Ich muss hier weg.
Zuvor musste sie aber ihre nass geschwitzten Kleider sauber bekommen. Sie zog sich aus und wusch sie im Waschbecken, danach nahm sie aus ihrer kleinen Tasche, die sie immer mit sich trug, ein Ersatzgewand. Sie zog das schwarze Hemd an, das ihr bis an die Knie reichte, und setzte sich im Schneidersitz auf das inzwischen wieder trockene Bett.
Jinai fuhr sich mit den Fingern durch ihre zerwühlten Haare. Sie nahm ihre Bürste aus der Tasche und befühlte ihre nassen Kleider, die sie neben dem Bett zum Trocknen aufgehängt hatte. Sie trockneten schnell, aber sie brauchten noch ein wenig Zeit. Und um vier Uhr war kein Mensch wach. Sie konnte sich also langsam und gründlich frisieren und ihre Haare in einen schönen Zopf flechten. Leider hatte sie ihr Haarband verloren, aber sie fand sicher früher oder später irgendwo ein neues.
Als sie fertig frisiert und ihre Kleider getrocknet waren, war es halb fünf. Sie zog ihre Kleider wieder an und packte die Bürste und das Hemd zurück in die Tasche. Dann schlich sie sich leise aus dem Zimmer.
Es war anstrengend, zu verhindern, von irgendjemandem gesehen zu werden. Wer hätte gedacht, dass so viele Menschen um diese Uhrzeit unterwegs sind? Aber schließlich fand sie einen Weg aus dem Wirrwarr von Gängen, das das Hauptquartier bildete, und konnte ungehindert ihren Weg nach unten fortsetzen. Ab und zu begegnete sie ein paar Findern, doch die konnte sie umgehen, sodass niemand sie bemerkte. Schließlich hatte sie auch den Weg nach draußen gefunden. Die Plattform, auf der sie stand, befand sich zwar ziemlich weit über dem Boden, aber sie konnte an der Fassade hinunterklettern. Jinai rutschte zwischendurch ein paar Mal ab und schlitterte ein, zwei Meter hinunter, aber sie fing sich jedes Mal wieder. Sie hatte zu viel durchgemacht, um sich jetzt von so einer blöden Fassade aufhalten zu lassen.
Als sie nur noch wenige Meter vom Boden entfernt war, sprang sie. Sicher landete sie und richtete sich auf. Der scharfe Wind, der schon den Abstieg für sie zur Gefahr gemacht hatte, blies ihr auch jetzt die inzwischen gelösten Haare ins Gesicht. Sie machte sich auf den Weg zur Klippe, von der aus sie wieder klettern würde müssen. Als sie nur noch wenige Schritte entfernt war, wurde ihr leichter ums Herz. Sie hatte zwar immer noch Probleme genug für drei, aber wenigstens musste sie sich um dieses keine Sorgen mehr machen.
„Was glaubst du eigentlich, was du da machst?"
Jinai fuhr herum. Sie hätte damit gerechnet, dass Lavi oder Linali versuchen würde, sie aufzuhalten, auch Allen hätte sie es zugetraut, aber das hätte sie sich nie vorstellen können. In ihren kühnsten Träumen nicht.
„Was willst du?" Sie versuchte seinen gelangweilten Ton nachzuahmen, ganz so, als ob sie nicht gerade dabei erwischt worden war, wie sie versuchte, abzuhauen.
„Ich habe dich zuerst gefragt." Kanda sah sie immer noch an, als ob es sich bei ihr um eine Eintrittskarte ins Museum handeln würde. Äußerst uninteressant.
„Ist das nicht offensichtlich? Ich habe mein Versprechen gehalten, also was soll ich noch hier?" Wenigstens konnte sie mit Kanda umgehen. Ihm ist es egal, ob ich hier bin oder nicht. Es interessiert ihn nicht, was ich mache.
„Und da musst du dich im Schutz der Dunkelheit aus dem Hauptquartier schleichen? Du verhältst dich, als ob du etwas geklaut hättest."
„Dir mag es egal sein, wenn ich verschwinde, aber deine Freunde" –bei diesem Wort verzog Kanda das Gesicht- „würden bestimmt versuchen, mich aufzuhalten. Wir können jeden Exorzisten brauchen. Waren das nicht Allens Worte? Egal, wie gefährlich ich für sie bin, sie würden nicht wollen, dass ich gehe. Also gehe ich nicht, ich verschwinde." Sie legte eine kleine Pause ein. „Jetzt ist eigentlich nur noch eine Frage offen: Wirst du versuchen, mich aufzuhalten?" Sie sah ihn an, als wüsste sie, dass er das nicht tun würde.
„Nein."
Wortlos drehte sie sich um und machte die zwei Schritte bis zum Rand. Auf einmal spürte sie einen scharfen Schmerz im Nacken, der sich wie ein Blitz in ihr Bewusstsein bohrte. Ihr wurde schwarz vor Augen und sie fiel.
Kanda konnte Jinai gerade noch am Kragen packen und von dem Abgrund zurückziehen, über dem sie einen Moment schwebte. Sie fiel gegen seine Brust, und er schob schnell sein katana in die Scheide zurück, weil er beide Arme brauchte, um sie davon abzuhalten, zur Seite zu kippen. Er hatte seinen Schwertgriff dazu benutzt, um sie bewusstlos zu schlagen, aber dabei kurz vergessen, wie nah an der Klippe sie stand.
Er nahm sie auf die Arme, um sie ins Innere des Gebäudes zurückzutragen. Ihre offenen Haare hatten sich auf seine Arme verteilt und die losen Strähnen schlugen ihm immer wieder ins Gesicht. Einer ihrer Arme hatte sich über ihre Körpermitte gelegt, der andere baumelte lose neben ihr herab.
Es war ihr linker Arm. Schlagartig fühlte er sich an ihr Duell erinnert, als sie seinen linken Arm gelähmt hatte. Er sah in ihr Gesicht. Es war dem seinen irgendwie ähnlich. Nicht, dass sie ihm ähnlich sah, das nicht. Aber trotzdem bestand eine gewisse Ähnlichkeit. Dann fiel es ihm auf. Genauso wie ihm fehlten ihr die feinen, in ihrem Alter fast noch unsichtbaren Fältchen, die man bekam, wenn man viel lachte. Lavi hatte sie, dass wusste er. Er glaubte, sie auch bei Linali gesehen zu haben. Kanda wollte nicht einmal daran denken, sich dass Gesicht von moyashi so genau angesehen zu haben, um so etwas wahrzunehmen. Aber so viel wie der grinste… Sicher hat er welche. Aber ihr fehlen sie. Dabei hab ich sie doch oft lächeln sehen, seit ich sie getroffen hab. Wieso sind sie dann nicht dort, wo sie sein sollten?
Schlagartig wurde ihm klar, dass er gerade ziemlich viel über ein Mädchen nachdachte, dass er nicht ausstehen konnte. Ein Mädchen, das sich zugegebenermaßen ziemlich angenehm in meinen Armen anfühlt. Kaum hatte er das gedacht, musste er den Impuls unterdrücken, sie sofort fallen zu lassen. Stattdessen hielt er sie fester.
Als er vor ihrer Zimmertür stand, musste er daran denken, wie knapp er einer Strafpredigt von Linali, Lavi und moyashi entgangen war. Als er gerade beim Essen saß, war Linali auf ihn zugekommen und hatte ihn gebeten, auf Jinai aufzupassen, da anscheinend ihre beiden Zimmer nur zwei Türen voneinander entfernt waren. Sie war ziemlich blass im Gesicht gewesen. Er hatte eigentlich vorgehabt, genau das nicht zu tun, aber irgendetwas war seltsam an Linali gewesen. Sie hatte sich dann ihm gegenüber hingesetzt und ihm im Flüsterton erklärt, dass Jinais Innocence eigentlich gar kein Innocence war und was es damit auf sich hatte. Also hatte er sich widerstrebend Linalis Wunsch gebeugt und sich deswegen, bevor er selbst schlafen und bevor er trainieren gegangen war, davon überzeugt, dass sie in ihrem Zimmer war.
Er hatte allerdings nicht gedacht, dass sie so bald wieder aufwachen würde. Zu seinem Glück hatte er sie, als er vom Training kam (hinterher stellte er fest, dass es fünf Uhr gewesen war) vom Hauptquartier in Richtung der Klippe gehen sehen. So hatte er sie gerade noch aufhalten können.
Wirst du versuchen, mich aufzuhalten?
Er stieß die Tür auf und legte sie auf ihr Bett.
Wirst du versuchen, mich aufzuhalten?
Aus einem Impuls heraus beugte er sich zu Jinai herunter und raunte ihr, so leise, als ob hinter ihm eine Menschenmenge stünde, ins Ohr: „Ich habe nicht versucht, dich aufzuhalten, ich habe dich ganz einfach aufgehalten." Dann fuhr er zurück, als hätte er gerade gemerkt, was er getan hatte, drehte sich abrupt um und verließ das Zimmer, jedoch nicht, ohne die Tür hinter sich zu schließen.
Als er die Innenseite der Tür seines eigenen Zimmers im Rücken spürte, atmete er aus. Er hatte gar nicht gemerkt, dass er den Atem angehalten hatte. Ich habe mit einer Bewusstlosen gesprochen.
Wieder musste er einem Drang widerstehen, diesmal dem Drang, sich die Hand vors Gesicht zu schlagen. Einerseits, weil er einem bewusstlosen Mädchen, das er nicht einmal mochte (er wurde nie müde, dass zu betonen), ins Ohr geflüstert hatte, andererseits weil ihm klar wurde, dass sie ihn umbringen würde, wenn sie erst wieder wach war. Und nicht nur sie. Wenn die anderen erfuhren, dass er sie niedergeschlagen hatte, würden sich ihr Lavi, Linali und moyashi anschließen. Er konnte sich also auf etwas gefasst machen.
Raffael: Okay, ganz leise, sie schläft schon. Deswegen mache ich den Schluss -schielt zum Bett hinüber- Ich hoffe, euch gefällt die Geschichte so weit und ihr bleibt ihr treu, dann könnt ihr euch nämlich noch auf einiges gefasst machen. Ich verrate nichts, sonst krieg ich riesigen Ärger, wenn Jinai dahinter kommt, aber so viel sei gesagt: …
Jinai dreht sich im Bett um.
Raffael: …Okay, ich sag lieber doch nichts. Wer weiß, vielleicht hört sie mich noch. Ach ja, das mit der Tür zu Hevlaska war ein Schnitzer, ich weiß, aber ein wichtiger. Ihr könnt euch nicht vorstellen, was für einen Aufstand sie darum gemacht hat, es hat Stunden gedauert, bis sie sich wieder eingekriegt hat. Daran ändern konnte sie trotzdem nichts-
Die Decke landet auf seinem Kopf, Jinai schläft friedlich weiter.
Raffael: Das gibt's doch nicht, sogar im Schlaf misshandelt sie mich noch! Ich glaube, irgendwann hau ich einfach ab und komm nie wieder. Dann kann sie ihre Disclaimer selber machen…
Jinai (murmelt im Schlaf): Sag den Leuten endlich, wie das nächste Kapitel heißt…
Raffael: ‚Ein unschönes Erwachen'. Zufrieden? Gute Nacht, geschätzter Leser. Ich gehe jetzt auch schlafen. Wir sehen uns im nächsten Kapitel –wo sie dann hoffentlich wach ist- und ein paar Reviews wären nicht schlecht. Jinai sagt zwar nichts, aber ich bin nicht ganz so taktvoll. Nacht!
