Hallo und guten Abend!

Hier kommt ein neues Kapitel Frühlingserwachen, allerdings zieht erst mal der Winter ein. Im Hintergrund steht eine sehr schwierige Frage: Wann ist ein Präventiv-Schlag (bei dem Menschen umkommen) angemessen, um größeres Leid zu verhindern? Gibt es einen Unterschied zwischen Gut und Böse, wenn beide Seiten die gleichen Mittel anwenden? Und wo beginnt Schuld? Fragen wir Moony, Sirius und den Experten für Moralfragen, den Tränkemeister, danach.

Soundtrack:

"Leningrad" von Billy Joel


Das Balkan-Projekt

Ich bin der Letzte, der dazukommt und alle Blicke richten sich auf mich. Ich setze ein strahlendes Lächeln auf und drängle mich bis auf die andere Seite des Raumes, wo Moony versucht, mit dem braunen Vorhang zu verschmelzen.

Dumbledore spricht schon über die aktuellen Vorkommnisse. Er teilt den Anderen mit, was wir gestern über die Verbindungen der Todesser auf den Kontinent erfahren haben. Die Geschichte mit Harriet und der Riesenschlange verschweigt er. Ich nehme mir Zeit, die Anwesenden zu betrachten. Wir sind erschreckend Wenige.

Das sind Kingsley und seine Frau, Molly und Bill. Arthur ist nicht da, vermutlich hat er Nachtschicht. Mc Gonagall sitzt neben Elphias Dodge. Ihre quadratischen Brillengläser funkeln im Kerzenlicht.

Mundungus hockt in einer Ecke und betrachtet eingehend einen silbernen Kerzenleuchter. Ich beschließe, nachher mal über ein kleines Tauschgeschäft mit ihm zu verhandeln.

Tonks flüstert leise mit Diggle. Als sie meinen Blick bemerkt, lächelt sie mir zu und gibt mir ein Zeichen. Nach dem Treffen im ersten Stock, ich verstehe und grinse und nicke. Das klingt nach mehr Spaß als hinterher hier aufzuräumen, die Karten finden ohnehin den Weg besser ins Regal, wenn Moony sich darum kümmert.

Mad Eye hockt neben Hestia Jones, ihr schwarzes Haar glänzt wie Seide, und sie streicht es über die Schulter zurück, als sie meinen Blick bemerkt. Ich habe es eben drauf!

Emmeline Vance ist auch hier, sie hat sich in ihren grünen Schal gewickelt und lauscht aufmerksam Dumbledores Worten. Ich suche nach Sturgis, aber auch er scheint heute Abend verhindert zu sein. Dafür sehe ich neben Emmeline eine Hexe mit kurzen roten Haaren, die ich noch nie gesehen habe.

Im Schatten neben der Tür steht Snivellus, er sieht aus wie eine Dunkle Kreatur, die alte Fledermaus. Als er meinen Blick bemerkt, starrt er böse zurück. Wir fechten ein stummes Duell, dass ich nicht verliere, aber aufgeben muss, als mein Name fällt.

„Sirius" sagt Dumbledore, „wir verdanken Sirius diese hochinteressanten Informationen. Er hatte gestern Nacht die Gelegenheit, zwei Todesser festzusetzen. Einer davon ist ein Deutscher, und es war Sirius und mir möglich, ihm alle Informationen über das internationale Geflecht, das Voldemort aufgebaut hat, zu ‚entlocken'."

Dumbledore schickt mir einen blitzenden Blick zu und ich nicke und unterdrücke das Bedürfnis, wie ein Honigkuchenpferd zu strahlen. Ich kann aber nicht widerstehen, der Fledermaus einen wie ich hoffe triumphierenden Blick zuzuwerfen. Leider hat er seine Gesichtszüge schon wieder unter Kontrolle, falls sie ihm je entgleist waren.

„Wir werden jetzt versuchen, ein paar alte Kontakte nach Deutschland zu reaktivieren. Leider ist mein guter Freund Friedrich Bernauer, der dreißig Jahre lang Staatsminister im Zaubereiministerium in Frankfurt war, letztes Jahr in den Ruhestand gegangen. Ich bin aber sicher, dass er fähige Nachfolger platziert hat, und er verfügt nach wie vor über hervorragende Beziehungen. Ich würde gerne eine Kontaktperson in Deutschland installieren. Der Einzige aus unserer Runde, die gut genug deutsch spricht, kommt leider nicht in Frage. Severus wird in Hogwarts gebraucht und hat zudem andere Aufgaben."

Einige Köpfe drehen sich zu Snivellus um.

„Remus spricht fast fließend deutsch" sage ich. Plötzlich sehen alle zu uns herüber.

„Nur leider gibt ein registrierter Werwolf keinen sehr guten Kontaktmann ab" höre ich Snivellus' kalte Stimme aus dem Schatten. „Selbst im Heimatland von Grimms Märchen ziehen die Gesetze mittlerweile an. Ich bezweifle, dass er auch nur ein Besuchervisum bekommen würde."

„Und wir alle wissen, wie wenig Anteil du daran hast, Snape, dass sein Zustand allgemein bekannt geworden ist, was in der Registrierung endete" fauche ich.

„Severus hat leider Recht" sagt Dumbledore und wirft Moony einen bedauernden Blick zu. „Außerdem benötigen wir Remus' Hilfe in einem anderen Projekt."

„Vielleicht könnten Sie die Deutschen überzeugen, einen Kontaktmann hier in London zu installieren", meldet sich Emmeline zu Wort. „Wenn es da eine halboffizielle Schiene gibt, bestehen auf deren Seite ganz andere finanzielle und personelle Möglichkeiten. Außerdem sprechen die meisten deutschen Zauberer fließend Englisch".

Mc Gonagall nickt zustimmend.

„Das ist ein sehr guter Vorschlag" lobt Dumbledore. „Ich werde versuchen, das Nötige zu veranlassen."

Er nimmt einen Schluck Kürbissaft aus seinem Glas und fährt dann fort.

„Nächster Punkt sind die Aktivitäten der Todesser in Nord-Irland. Dort hat sich inzwischen ein sehr aktives Netzwerk gebildet, dem wir leider derzeit noch relativ wenig entgegen zu setzen haben. Um uns einen Einblick zu gewähren, habe ich heute eine Vertraute aus Belfast eingeladen, Miss Sally O'Connor. Miss O' Connor ist bereits seit zwei Jahren für mich tätig. Sie ist Assistentin in einer Dependance von Gringotts und die Tochter eines alten Freundes. Wenn du uns bitte auf den aktuellen Stand bringen würdest, Sally?"

Sally steht auf und geht nach vorne zu Dumbledore. Sie hat ein freundliches rundes Gesicht und hübsche violette Augen. Sie spricht mit starkem irischen Akzent, und was sie erzählt, klingt besorgniserregend.

Als sie geendet hat, verspricht Kingsley, seine Kontakte nach Nord-Irland über das Ministerium auszuloten. Vielleicht finden sich bei den jungen Auroren dort noch welche, die Sally unterstützen können. Ihre Ordensgruppe in Belfast besteht derzeit aus nur vier Zauberern und Hexen, und sie treffen sich mangels Hauptquartier in einer Privatwohnung, was aufgrund mangelnder Sicherheitszauber mit hohem Risiko verbunden ist.

Nachdem keiner mehr etwas hinzuzufügen hat, werden die Pläne für die Dienste in der Mysteriumsabteilung verteilt und im Anschluss erklärt Dumbledore die Sitzung für beendet.

Remus wirft mir einen irritierten Blick zu. Ich räuspere mich und halte eine der Karten hoch.

„Später" sagt Dumbledore freundlich und die Mitglieder verabschieden sich. Ich eile in die Halle, um Dung zu erwischen, aber er ist schon fort. Tonks kommt zu mir, sie hat Sally im Schlepptau.

„Sirius, wir haben gerade beschlossen, noch ein Guinness trinken zu gehen. Du kannst ja leider nicht mit raus. Wir holen unsere Verabredung nach, okay?"

Für einen Moment werde ich panisch. Ohne Tonks werde ich mit Moony Karten sortieren die halbe Nacht. Ich überlege, ob sie mich vielleicht als Padfoot mitnehmen würde, aber ich weiß, dass es gefährlich ist. Außerdem soll das Wissen, dass ich ein Animagus bin, nicht unnötig verbreitet werden.

Also lächle ich, obwohl mir nicht danach ist und sage: „Kein Problem, Häschen, wann immer dir danach ist. Ich werde hier auf dich warten."

Sie lacht, Sally O'Connor läuft rot an und dann verschwinden sie im Kamin und ich höre noch, wie Tonks „Red Lion" sagt.

Das war eine meiner Lieblingskneipen früher, sie hat diese kleine dunkle Tanzfläche und traurige irische Musik. Ein idealer Ort, um Frauen klar zu machen.

Die Sehnsucht nach einem Ausflug aus diesen düsteren Wänden hier wird mit einem Mal so stark, dass ich beinahe versucht bin, Snivellus um ein Fläschchen Polyjuice anzuhauen, aber mein Stolz ist mir zum Glück im Weg.

Und dann fällt mir ein, dass ich ja besser ausgeruht sein sollte für den Vergessenszauber morgen. Morgen – ein dämliches Grinsen kriecht über mein Gesicht. Da wo meine kleine Patientin ist, ist auch ihre bezaubernde Mutter.

„Sirius!" Nur eine Frau ruft mich in diesem Ton, und ich ziehe vorsichtshalber den Kopf ein, aber der Blick aus den quadratischen Brillengläsern trifft mich dennoch voll. Professor Mc Gonagall steht in der Tür und weist mich mit einer Geste an, wieder hinein zu gehen. Sie kann mir zwar keine Hauspunkte mehr abziehen, aber ich beschließe, dass es doch besser ist, ihrer Aufforderung Folge zu leisten.

Vorne am Tisch stehen Moony und Dumbledore, zusammen mit Snape und stecken ihre Köpfe über zwei ausgerollten Pergamenten zusammen.

„Dein Kontaktmann, Lupin, heißt Izetbegovic und sitzt in Podgorica. Ich sorge dafür, dass er dich für einen von unseren Leuten hält. Nach meinen Informationen, die allerdings nicht aus erster Hand stammen, gibt es dort ganze Dörfer von deiner …Spezies (er spuckt das Wort förmlich aus, und ich registriere erleichtert, dass Moony nicht einmal zusammen zuckt). Sie alle folgen dem Dunklen Lord, weil er ihnen größere Freiheit verspricht. Das Netzwerk ist primitiv, aber durch Blutsbande gesichert und sehr aktiv. Sie haben viele Mitglieder. Ihre Zauberkräfte sind meist schlecht ausgebildet.

Offiziell bist du als Ausbilder dorthin geschickt – das sollte dir ja nicht all zu schwer fallen. Du hast einen Hang zur Lehre, auch wenn du diesen Job kaum in ein Curriculum Vitae für deine Bewerbungsunterlagen aufnehmen können wirst."

Ein sarkastisches kaltes Lächeln spielt um seinen Mund.

Touche! Jetzt sieht Moony allerdings getroffen aus.

„Moment mal" wende ich energisch ein, „du schickst Remus da runter, damit er Todesser-Werwölfe ausbildet?"

Seine schwarzen Augen fixieren mich. „Meinetwegen können wir auch dich entsenden, Black. Wäre doch interessant, wie lange du als Hund unter Wölfen getarnt bleiben kannst."

Dumbledore greift schlichtend ein. „Es liegt in unser aller Interesse, Sirius, dass diese Armee dort sich nicht bildet. Wenn diese Leute erst einmal mit Angrifffähigkeiten ausgestattet sind, die über ihr Potential als Werwölfe hinausgehen, braucht Voldemort nur noch ein paar tragkräftige Portschlüssel, und er legt mit dieser Truppe die halbe Aurorenabteilung des Ministeriums lahm."

„Was also ist meine Aufgabe?" fragt Moony, und ich sehe die Müdigkeit um seine Augen. Ich glaube, er hat eine genaue Vorstellung von seinem Job, aber er will es von den anderen beiden hören.

„Du musst die Führungsebene beseitigen, wie du dir sicher vorstellen kannst" sagt Snape und in seiner Stimme ist keinerlei Emotion. Ich kenne wirklich niemanden, der so kalt und glatt ist wie er, Dementoren vielleicht ausgenommen.

„Sie haben nur etwa zwanzig Männer dort mit einer Basisausbildung. Der Rest ist magisch begabt oder auch nicht, aber sie sind keine Gegner für Auroren. Dabei sollte es bleiben. Wenn diese Führungscharge vernichtet ist, wird der Dunkle Lord sein Interesse an der Population dort verlieren. Der Aufwand, sie auszubilden und einen neuen Stab zu finden, ist dann zu groß. Ihre Strukturen werden zerfallen und sie werden sich gegenseitig dezimieren – wenn du es geschickt anstellst. Lass es so aussehen, als ob sie ersten Tötungen aus ihren eigenen Reihen kämen. Dann wird ihr Verständnis von Blutrache und Ehre den Rest regeln, und du kehrst sicher in diesen heimeligen Ort zurück." Er macht eine vage Geste zum Rest des Hauses hin.

Moony sieht Snivellus an, als wäre er vom anderen Stern.

„Sie haben nichts getan. Das ist Mord."

„Es ist präventive Verteidigung, Remus" sagt Dumbledore. „Vielleicht gibt es einen anderen Weg, wenn du es schaffst, sie zu überzeugen und auf unsere Seite zu ziehen. Neutralität wäre in diesem Fall bereits ausreichend. Aber wenn diese annähernd zweitausend Werwölfe auf Voldemorts Seite stehen, wird es für uns sehr, sehr eng. Es ist die größte Gruppe in Europa."

Moony sieht aus wie einer, dem gerade eine zentnerschwere Bürde auferlegt worden ist.

„Ich kann das nicht tun" sagt er leise.

„Dann lass es" sagt Severus Schulter zuckend. „Vielleicht gehörst du ja zu den Glücklichen, die sie nicht angreifen, wenn sie dich als einen der ihren erschnüffeln. Aber dann denke auch an die Unschuldigen, die einen solchen Angriff auf Hogsmeade nicht überleben würden."

„Das plant er?" fragt Moony entgeistert.

Snape verzieht nicht eine Miene, aber Dumbledore nickt. „Das sagen unsere Informationen, bedauerlicherweise."

„Ihr meint, er sagt das!" wende ich laut ein und zeige auf Snivellus, der mich wütend ansieht.

„Die Information wurde mir aus sicherer Quelle bestätigt, Sirius" sagt Dumbledore leise.

„Was für 'ne Quelle?" frage ich. Auch Sniv sieht irritiert aus.

Dumbledore tauscht einen Blick mit Moony, und dieser flüstert einen Namen und Dumbledore nickt. Es ist offensichtlich, dass sie mich und die Fledermaus nicht einbeziehen wollen.

Snape zieht schließlich eine Fotografie aus seinem Umhang. Sie zeigt einen mageren, etwas abgerissenen Mann mit gehetztem Blick.

„Das ist Bonk Westenra. Er ist der für Montenegro vorgesehene Ausbilder."

Moony nickt bedächtig. „Ich kenne ihn" sagt er. „Er läuft mit einem Rudel in Schottland, ist aber Kanadier."

„Er wird morgen gegen acht einen Portschlüssel aus einem Schließfach am Bahnhof Paddington holen. Dort liegen auch seine Papiere für diese Reise. Ich habe mir erlaubt, sie zu holen und bereits etwas modifizieren zu lassen."

Snivellus zieht jetzt ein paar abgegriffene Ausweispapiere mit Blutspritzern drauf aus dem Umhang. Er hat sie in ein Taschentuch gewickelt, welches er jetzt achtlos auf den Boden wirft.

Remus klappt das Passdokument und das Visum auf, beide enthalten sein Bild.

„Was tun wir mit Westenra?" fragt Moony leise.

„Du wirst ihn wohl beseitigen müssen, wenn du den Portschlüssel willst" sagt Snape kalt. „Und Lupin – es wäre besser, wenn er nicht Alarm schlagen würde, nicht nur für dich. Es war nicht ungefährlich, Informationen zu beschaffen, die nichts mit meinen eigentlichen Aufgaben beim Dunklen Lord zu tun haben."

„Ich kümmere mich um ihn" sage ich schnell. „Besser ein Kriegsgefangener als …du weißt schon, Moony."

Zu meinem Erstaunen schüttelt Moony den Kopf. „Nein, Sirius, du kannst nicht mit zum Bahnhof. Und du hast morgen früh einen Termin, der noch viel wichtiger ist. Ich komme klar."

Er sieht Dumbledore an. „Ich bringe ihn dorthin, wo wir diesen Deutschen untergebracht haben. Jemand anders vom Orden soll sich dann darum kümmern, dass er schweigt."

„Du wirst dort unten in Montenegro niemanden haben, der sich die Finger für dich dreckig macht, Lupin" sagt Snape scharf.

„Das ist mir bewusst, Severus" sagt Moony, und tatsächlich vermag er seiner Stimme einen ähnlich eisigen Klang zu geben wie Snivellus selbst. Dieser zieht erstaunt eine Augenbraue hoch, sagt jedoch nichts mehr.

„Ich werde veranlassen, dass Alastor sich um Westenra kümmert, Remus. Wir werden kein unnötiges Blut vergießen" sagt Dumbledore. Er sieht in diesem Moment ähnlich erschöpft aus wie Moony.

„Sehr schön" schnarrt Snivellus und wieder spielt dieses zynische Grinsen um seine Mundwinkel. „Dann ist meine Anwesenheit hier ja nicht mehr von Nöten." Er nickt Dumbledore zu. „Direktor, bis morgen."

Wir bedürfen offensichtlich keines Abschiedsgrußes. Besser so, denke ich.

Remus sinkt förmlich in sich zusammen, als Sniv aus der Tür gerauscht ist. Ich schiebe ihm einen Stuhl unter den Allerwertesten.

„Verfluchte Fledermaus" schimpfe ich laut. Moony sieht nicht aus, als sei er in der Verfassung, um morgen in die Welt zu ziehen und ein Rudel Werwölfe zu erlegen.

„Westenra ist ein Glücksfall für uns" sagt Dumbledore. „Als gebürtiger Kanadier spricht er Englisch und Französisch, du wirst leicht als sein Double durchgehen, Remus. Ich erinnere mich, dass du ausgezeichnet Französisch sprichst. Hätte Voldemort einen Russen geschickt, wäre es ungleich schwieriger."

„Du musst das nicht, Moony, weißt du" sage ich und lege meine Hand auf seinen Arm.

„Es wäre nicht das erste Mal" antwortet er, und seine Stimme klingt hohl. „Mit Severus zusammen wäre es einfacher. So wie damals in Leningrad." Er sieht zu Dumbledore hoch.

Ich bin jetzt schockiert. Da scheint es ein paar Dinge zu geben, von denen ich nichts weiß.

„Leningrad?" frage ich.

„Ich kann Severus nicht entbehren, Remus" sagt Dumbledore. „Er ist zu nah an Voldemort. Wir brauchen ihn hier. Und sie erwarten dort unten einen Mann, nicht zwei."

Remus nickt.

„Leningrad?" frage ich noch mal.

„Ich erzähle es dir, wenn wir gleich die Karten katalogisieren." Moony klingt leise und angestrengt.

„Ich muss jetzt auch aufbrechen" nimmt Dumbledore das Stichwort auf. „Alastor wird dich morgen früh erwarten, Remus. Alles Gute." Er drückt uns beiden die Hand, und ich bemerke seinen besorgten Blick, als er zu Moony sieht. Er seufzt und wendet sich ab.

Remus drückt sich vom Tisch hoch und beginnt, die Karten einzusammeln.

Ich ziehe meinen Stab. „Accio" – sie fliegen alle in meinen Arm, wo sie sich säuberlich stapeln.

„Ich brauche die Montenegro-Karte und die von Serbien" sagt Moony müde.

Extractio Montenegro et Serbia" sagte ich. Für den Schwebezauber, mit dem die gewünschten Karten vor ihm in der Luft hängen, brauche ich nicht mal Worte.

Er sieht mich so erstaunt an wie ich vorhin Snivellus angesehen habe.

„Ich war Jahrgangsbester" sage ich, nicht ohne Stolz. „Ich brauche keine fünfzehn Jahre Übung für so einen lächerlich einfachen Zauber."

Endlich kehrt zumindest ein kleines Lächeln in seine Augen zurück.

oooOOOooo

Es ist fast Mitternacht, als wir, jeder mit einem Glas Feuerwhisky vor sich, unten in der Küche sitzen. Im Kamin glimmt noch ein Feuer und auf dem Tisch steht ein Nusskuchen, den Molly uns mitgebracht hat. Er passt nicht zum Whisky, aber ich bin trotzdem dankbar.

Ich sinniere über die Geschichte, die Moony mir oben in der Bibliothek erzählt hat.

Tatsächlich ist er mit Severus in Russland gewesen, im Auftrag des Ordens. Im Sommer nach dem letzten Schuljahr haben sie gemeinsam einen Todesserring in Leningrad ausgehoben. Er erzählte, dass die Anhänger des Dunklen Lords dort mit unvorstellbarer Brutalität gegen Muggel und Magier vorgegangen seien. In ihrer Gier nach Macht und Gold kannten diese Leute keine Grenzen.

Der Einsatz hatte sie beide fast den Kopf gekostet. Tatsächlich war Severus mit seinem russischen Partner in einen Hinterhalt geraten, aber Moony hat es geschafft, sie dort rauszuholen. Bei der Gelegenheit war er gezwungen eine ganze Reihe Leute zu beseitigen, darunter auch ein paar Werwölfe. Seitdem, so sagt er, glaubt er zu wissen, dass Snape wirklich zum Orden steht.

Jetzt hockt er hier vor seinem Whisky und er sieht elend aus.

„Es ist ein Unterschied, ob es Leute aus einer mafia-ähnlichen Struktur trifft oder Rudelführer, die nur potentiell gefährlich sind" sagt er.

„Aber ist diese Gefahr nicht eine sehr reelle? Es gibt doch offensichtlich Pläne, sie zu benutzen, um Hogsmeade anzugreifen" antworte ich.

„Das weiß ich. Aber wenn wir Todessermethoden anwenden werden wir irgendwann nicht mehr von ihnen zu unterscheiden sein" meint Moony. Er nimmt noch einen Schluck aus seinem Glas, dann sagt er: „Ich werde es entscheiden, wenn ich dort bin. Aber ich muss hingehen, daran besteht kein Zweifel."

„Das scheint mir ein ziemliches Himmelfahrtskommando zu sein" entgegne ich. „Snivellus hatte offensichtlich Freude daran, dich da rein zu treiben."

„Severus kann es nicht ertragen, dass andere sich moralische Grundsätze erhalten, wo er selbst keine mehr hat. Ich habe ihn in Russland töten sehen, Sirius, und es schien zuerst offensichtlich, dass es ihn völlig kalt lässt. Aber er hat es zu meinem Erstaunen nur getan, wenn es sich nicht vermeiden ließ. Manchmal denke ich, dass seine Maske mehr als nur eine Schicht hat." Er leert sein Glas.

„Lass uns schlafen gehen. Wir müssen morgen früh raus, wenn ich um acht in Paddington sein muss. Wir müssen vorher zu Sandy."

„Wird ihre Mutter nicht ziemlich erstaunt sein, wenn wir um halb acht Uhr früh unangemeldet dort auftauchen?" frage ich.

„Allerdings. Aber wir werden ihr sagen, dass du später schon einen vollen Terminkalender hast, und dass du, nachdem du von dem Fall gehört hast, beschlossen hast, ihn vorzuziehen." Er steht schon an der Tür.

Wir gehen langsam die Treppe hinauf.

„Plausibel ist etwas anderes" sage ich.

„Lass deinen Charme spielen, Pads. May wird alles ausprobieren, um ihrer Tochter zu helfen. Sie wird die Story schlucken."

Ich muss grinsen.
„Das nenne ich einen Maurauder" sage ich und klopfe ihm auf die Schulter. "Gar nicht übel, wenn der Tag mit einer so erfreulichen Begegnung beginnt" setze ich hinzu.

„Tu mir einen Gefallen und lass die Finger von May, Sirius. Was ich ihr angetan habe, reicht fürs Leben. Sie hat es nicht verdient, dermaßen …du weißt schon."

Wir sind oben am Treppenabsatz angekommen.
Ich überlege. Etwas interessiert mich noch.

„Ist das so eine Wolf-und-Weibchen-Sache, Moony?"

Er schenkt mir einen Blick, in dem deutlich „armer Idiot" geschrieben steht.„Es ist eine Ihr-ist-genug-wehgetan-worden-Sache, Pads. Das hat absolut nichts mit mir zu tun. Wenn du ein kinderlieber Muggel wärest würde ich sagen ‚Geh und mach sie glücklich'. Leider bist du ein gesuchter Schwerverbrecher und ein Zauberer dazu."

„Ich bin kinderlieb" insistiere ich. „Und außerdem unschuldig."

„Sirius…" sagt er mit einem verzweifelten Unterton.

„Ich bin nicht der Kehlen-Herausreisser hier, das bist du" entfährt es mir, und es tut mir leid, in dem Moment, da es über meine Lippen kommt.

Er sieht mich an, als hätte ich ihm ins Gesicht geschlagen.

„Merlin, es tut mir Leid, Moony". Scheiße, Scheiße, Scheiße, denke ich. Wie kannst du so blöd sein, Sirius Black?

Seine Augen, die ich eben kaum erkennen konnte im Halbdunkel hier im Flur, blitzen mit gelblichem Schimmer auf.
„Gut, dass selbst meine Freunde mich daran erinnern, was ich in ihren Augen bin, Sirius. Bisher war das Severus' Part, aber er wird sich freuen zu hören, dass du eine seiner vielen Aufgaben würdig übernimmst." Seine Stimme ist leise, aber überdeutlich und sie bebt.

Meine zittert, als ich mich noch mal bei ihm zu entschuldigen versuche. Aber er verschwindet in dem Zimmer, in dem er normalerweise schläft und schlägt mir die Tür vor der Nase zu.

Ich könnte mich ohrfeigen. Von allen möglichen Sprüchen war das der Schlimmste. Ich stolpere zurück in die Küche und halte mich an einem zweiten Whisky fest, dann an einem dritten. Mehr flüssiges Vergessen ist nicht drin, wenn ich morgen einen passablen Obliviate zustande bringen will. Ich zwinge mich, die Flasche wegzustellen.

Unter Remus' Tür ist auch um eins noch Licht. Ich klopfe. Keine Antwort. Der Sicherungszauber, den er auf die Tür gelegt hat, kribbelt in meinen Fingern. Ich bin eindeutig nicht erwünscht. Merlin, was tue ich, wenn er dort unten umkommt, und wir haben uns nicht versöhnt? Ich könnte es mir nicht verzeihen. Ich würde ewig leiden wie ein Hund.

Das ist vielleicht eine Option. Ich gehe auf alle Viere und in den Hund. Ich kratze an der Tür, aber es rührt sich nichts dahinter. Schließlich lege ich mich ab und falle in einen unruhigen Schlaf. Beinahe stündlich weckt mich das Schlagen der Standuhr aus dem Salon.

Pads winselt und jault, jede Stunde für etwa zehn Minuten.
Um vier spüre ich, wie der Sicherungszauber von der Tür genommen wird.
Moony öffnet die Tür, er trägt eine Unterhose mit Pferden drauf, über die ich mich vor Lachen ausschütteln würde, wenn ich nicht im Hund wäre.

„Ich tu das nur, weil du nicht in der Lage sein wirst, Sandy zu helfen, wenn wir jetzt nicht schlafen" knurrt er.

„Huff!" macht Pads und ich springe mit einem Satz in sein warmes Bett.

„Fußende!" kommandiert Moony.

Ich gehorche und rolle mich zusammen. Es dauert zwanzig Minuten, bis Pads nach oben neben Moony gerobbt ist und ich seine Hand in meinem Fell spüre.
Wir wissen beide, dass es die letzte gemeinsame Nacht sein könnte, und wir teilen soviel Nähe, wie unsere Freundschaft eben erlaubt ohne Grenzen zu überschreiten: Eine Dosis Öhrchenkraulen und ein atmender, warmer Hundekörper direkt neben dem Menschen, dazwischen eine Bettdecke.

Es reicht aus, um das von unserer Freundschaft zu erhalten, was die Jahre nicht zerstört haben.
Remus hat einmal mehr die Größe bewiesen zu verzeihen. Aber ich weiß auch, dass er meine Worte von vorhin nicht vergessen wird.


TBC