Lorelei Lee: Danke für dein FB:)
Ja, das Shlashige konnte ich bei dieser Story nicht mehr umgehen *lach* Ist ja normalerweise nicht so mein Metier ;).


Kapitel 3 - Ruf der Sehnsucht

Sarah musste sich auf die Lippen beißen, um nicht aufzuschreien, als die Person, der der Schatten gehörte, plötzlich um die Ecke trat. Und dann fürchtete sie, dass man den Stein, der ihr vom Herzen fiel, als sie sah, dass es Karola war, einmal quer durch das Wirtshaus hören konnte.

"Hallo", sprach das ihr gegenüber stehende Mädchen leise, die pechschwarzen Haare hinter die Ohren zurückstreichend und den Besen an die Seite stellend, "ich dachte, Sie würden sich schon zur Ruhe gelegt haben?"

Die Wirtstochter suchte fieberhaft nach einer Antwort. Doch schließlich gab sie es auf.

"Ja. Meine beiden Begleiter schlafen. Aber ich... ich... möchte hier weg. Kannst du mir eine Kutsche besorgen - bitte?"

Das Dienstmädchen nickte und verbeugte sich untertänig.

Sarah schüttelte leicht den Kopf. Dieses liebenswerte Wesen war eindeutig jünger als sie und dennoch war es der Wirtstochter unangenehm, wie ergeben sie sich verhielt. Ihr tat das Mädchen Leid, dass es in so jungen Jahren bereits hier arbeiten musste und darüber hinaus alles andere als freundlich vom Wirt behandelt wurde; das Verhalten des dicken Mannes bei Sarahs und ihrer beiden Begleiter Ankunft war mit Sicherheit keine Ausnahme gewesen.

"Natürlich. Bitte folgen Sie mir. Es stehen draußen zwei Kutschen jederzeit für die Gäste bereit."

Sarah nickte, immer noch halb in Gedanken, und folgte der anderen nach draußen und auf den Hof des Gasthauses. Es überraschte sie, dass hier Kutschen extra für Gäste gehalten wurden; ihr Vater hätte sich so etwas gar nicht leisten können.

Ein Mann mittleren Alters trat aus der Scheune, als die beiden jungen Frauen angelaufen kamen.

"Guten Tag, die Damen. Dimitris Kutschservice hofft, Ihnen helfen zu können", sagte er mit einem verschmitzen Lächeln auf den Lippen.

Noch bevor Karola etwas antworten konnte, erhob Sarah das Wort.

"Ich... möchte zurück zum Gasthof von Yoine Chagal. Er ist mein Vater."

Karola und der Kutscher schauten sie erstaunt an. Die Tochter von Yoine Chagal? Sollte diese den Gerüchten nach nicht vom Grafen des Schlosses von Krolock auserwählt gewesen sein? Der letzte Mitternachtsball war doch bereits vergangen... und jetzt schien es ihnen wie ein Wunder, dass sie noch lebte.

Jeder im Umkreis von mehreren hundert Kilometern wusste um das Schloss des Grafen, seine "Untertanen" und die allmonatlichen Mitternachtsbälle. Zu jedem wählte sich der Graf aus einem der umliegenden Dörfer ein junges, hübsches Mädchen aus. Die Freude darüber war geteilt. Die einen glaubten bis heute, wider jeder Erfahrung und jedes Berichtes, dass es der Familie Ruhm und Reichtum bringen würde, wenn Seine Durchlaucht ihre Tochter auserwählte. Der Rest wusste nur zu gut, dass sie ihr Kind in jedem Fall auf dem Friedhof des Schlosses wiederfinden konnten, ob nun tot oder nur untot.

Wie üblich hatte sich auch dieses Mal schnell herumgesprochen, wer die Auserwählte war. Sarah Chagal, die Tochter des Wirtes, der seinen Gasthof in einem Dorf führte, das sehr nahe am gräfischen Anwesen gelegen war. Zeter und Mordio sollen Chagal und seine Frau Rebecca geschrieen haben, als die Tochter fortlief, gelockt vom Ruf des blutsaugenden Edelmannes. Sofort war ihr der Vater gefolgt und war kurze Zeit später steif gefroren gefunden worden. Man munkelte, dass er nun ebenfalls ein Vampir war, doch das wusste keiner sicher.

Dass nun Sarah hier vor ihnen stand, lebendig und obendrein ganz offensichtlich unversehrt - in der Mittagssonne wäre sie sonst wohl nicht mehr als ein Häufchen Asche - rief weit mehr als Erstaunen bei Karola und Dimitri hervor. In beiden regte sich auch ein Fünkchen Hoffnung, dass die ewige Angst davor, gebissen zu werden, vorbei sein könnte. Wer wusste schon, was mit dem Grafen geschehen war? Nie hätte er ein Opfer flüchten lassen. Also musste es andere Gründe geben. Und diese malten sich die beiden Bediensteten des Gasthauses momentan ziemlich rosig aus.

"Zu Chagals Wirtshaus also, ja? Na dann: Bitte steigen Sie ein, schließen Sie die Türen und halten Sie sich gut fest!"

Sarah folgte der Aufforderung rasch und hüllte sich in die bereitliegenden Felle. Doch bevor der Kutscher abfahren konnte, hielt sie ihn zurück.

"Moment bitte noch", sprach sie, bevor sie sich Karola zuwandte und fortfuhr: "Möchten Sie mich vielleicht begleiten?"

Sarahs bloße Ahnung davon, wie dieses junge Mädchen von dem Wirt behandelt und ausgenommen wurde, reichte ihr, um diese Frage stellen zu wollen; sie kannte immerhin ihren Vater und wusste, wie er mit Magda umging, auch wenn diese sich besser wehren konnte als das magere Wesen, das dort neben der Kutsche stand.

"Aber... nein, das geht nicht. Nikolajew, der Wirt... ich glaube, wenn er mich finden würde... ich darf nicht fortgehen", antwortete sie traurig.

"Warum?", erkundigte sich Sarah lapidar. Sie konnte es nicht so recht verstehen.

"Meine... Familie ist auf den Lohn, den ich erhalte, angewiesen. Auch wenn es nicht viel ist und meine Familie eigentlich nur aus meiner Schwester besteht. Sie hatte vor ein paar Jahren einen schlimmen Unfall, jetzt kann sie nicht mehr laufen", Karolas Stimme wurde immer leiser, "und unsere Eltern starben vor einem Jahr."

So etwas hatte die Wirtstochter nicht als Antwort erwartet. Sie verspürte tiefes Mitleid mit dem jungen Mädchen. Wie gerne hätte sie ihr geholfen. Entschlossen stieg sie aus der Kutsche aus und griff nach der Hand der Magd.

"Ich verspreche dir, dass ich dir helfen werde. Einverstanden? Und so lange halte dich an meine beiden Begleiter, sie werden dir sicherlich helfen. Aber bitte sag ihnen nicht, wo ich bin."

Karola nickte schüchtern und biss sich auf die Lippe.

"Vielen Dank", flüsterte sie.

Kaum dass Sarah wieder in der Kutsche saß, setzte sich diese auch schon in Bewegung.

+x+x+x+

Die Fahrt verlief anfangs schweigend; keiner von beiden sagte ein Wort, wenngleich Dimitri so einige Fragen auf der Zunge brannten. Doch wagte er es nicht, diese zu stellen.

Stattdessen begann er, leise zu singen, eine Volksweise, die er einst von seinem Vater gelernt hatte. Zu seiner Überraschung stimmte auch Sarah mit ein. Die Reise dauerte einige Stunden die sie nun mit Gesang und einigen belanglosen Unterhaltungen verbrachten, bis Sarah irgendwann die Müdigkeit übermannte und sie, wohlig warm eingepackt in die Decken und Felle, einschlief.

Dimitri und vor allem seine Sinne hingegen waren hellwach. Die Nacht brach herein und war es ohnehin eigentlich schon lebensmüde, um diese Zeit noch unterwegs zu sein, kamen sie nun auch dem Dorf und damit ebenso dem Schloss immer näher. Jederzeit konnte ein Vampir auftauchen, oder - und das hielt er für die schlimmere Variante - ein Rudel Wölfe, die in diesen Gegenden ganz besonders blutrünstig waren.

Der junge Mann blickte kurz über seine Schulter zu seinem Fahrgast, um sich zu versichern, dass es ihr gut ging; dann konzentrierte er sich wieder auf den Weg, der von einer den umliegenden Feldern gleich hohe Schneeschicht belegt war, so dass er ihm kaum folgen konnte. Er fürchtete schon eine Weile, dass er irgendwo auf dem Weg eine Unebenheit erwischen oder gar neben diese kleine Straße geraten könnte.

Und er hasste es, wenn er mit seinen Befürchtungen Recht behielt. Nur für einen Moment war er nicht aufmerksam gewesen, hatte in der Ferne nach dem Gasthof, ihrem Ziel, gesucht und die Entfernung auf gut eine halbe Stunde abgeschätzt, als ein heftiger Ruck durch den Kutschschlitten ging und dieser wankend zur Seite ausbrach. Sarah und Dimitri schrien auf, hielten sich fest, wo sie die Möglichkeit zu fanden, doch das half ihnen nicht viel, als sich das Gefährt durch das Losreißen der Pferde so destabilisiert wurde, dass es sich überschlug und den Kutscher und die junge Frau unter sich begrub.

+x+x+x+

Als Alfred erwachte, herrschte draußen bereits tiefe Nacht. Er sollte seinen normalen Schlafrhythmus dringends wieder herstellen. Am Tag schlafen und in der Nacht wachen war nicht das, was ein normaler Student nach seinem Verständnis tun sollte.

Noch etwas schläfrig kroch er aus dem Bett, stellte dann aber fest, dass sowohl Sarah als auch der Professor noch friedlich im Land der Träume weilten. Unschlüssig stand er einige Momente im Raum, welches lediglich vom herein scheinenden Vollmond etwas erhellt wurde, bis er die Öllampe auf seinem Nachttisch entzündete, in der Hoffnung, damit niemanden zu wecken. Tatsächlich blieb es still im Raum und das fahle Licht der kleinen Flamme spendete gerade genug Helligkeit, damit Alfred ein wenig in einem Lehrbuch lesen konnte, bis die anderen ebenfalls erwachen würden.

Das halbe Buch hatte der Student mit Feuereifer gelesen und die Öllampe war bald leer, als der Professor sich regte. Er streckte sich gewohnheitsgemäß und richtete sich dann auf.

"Ah, da freut sich doch der Pädagoge, so einen fleißigen Schüler zu sehen", kommentierte er Alfreds Lerneifer, schaute dann zu der Sarah zugeteilten Kammer. "Ist das Fräulein Sarah schon wach?", wollte er wissen, doch der Jüngere hatte nur ein Schulterzucken als Antwort parat.

Erstaunlich flink verließ der Abronsius sein Bett, schlüpfte in seine Schuhe und lief mit wehendem Nachthemd zu der Kammer, klopfte dort an die halb geöffnete Tür. Als er keine Antwort erhielt, runzelte er die Stirn, schaute kurz zu seinem Assistenten und stieß dann die Tür ein wenig weiter auf. Doch auch auf ein erneutes Klopfen reagierte niemand. In der Dunkelheit der Kammer konnte er nur schemenhaft etwas erkennen; seine Augen waren ohnedies schon nicht die besten und in diesem schummrigen Licht versagten sie fast gänzlich ihren Dienst.

Rasch winkte er Alfred mit der Lampe herbei. Kaum eine halbe Minute später hätte man beim Gesichtausdruck der beiden den Eindruck gewinnen können, sie hätten gleich mehrere Geister auf einmal gesehen. Oder vielleicht auch Vampire.

"Sarah", flüsterte Alfred tonlos und spürte, wie sich sein Magen schmerzhaft zusammenzog. Sie war doch nicht etwa... oder hatte sie gar...?

Nein, er mochte nicht daran denken. Während der Professor immer noch in dem Türrahmen stand, die Hand am Kinn, die Denkerstirn kraus und wohl Möglichkeiten und das weitere Vorgehen abwägte, zog sich sein Student hastig an, warf ihr Gepäck zusammen und platzierte dieses an der Zimmertür, rannte aufgeregt im Raum umher, bis er endlich bemerkte, dass sich der Ältere noch keinen Zentimeter bewegt hatte.

"Professor! Wir müssen ihr folgen!", rief er, jetzt fast panisch, aus.

"Junge, immer mit der Ruhe. Sie kann nicht weit weg sein, wir werden sie sicherlich finden. Wir müssen an diese Angelegenheit nur mit Logik herange..." Weiter kam er nicht, das Türklappen unterbrach ihn - Alfred hatte das Zimmer verlassen. Abronsius schaute verwirrt drein; seit wann war sein junger Student so... heißblütig? Hatte er ihn nicht Ruhe und Logik gelehrt, die er in allen seinen Taten zur Anwendung bringen sollte?