4. Thor ist NICHT mein Bruder!

Keine zwei Tage später trafen die Avenger wieder auf Loki. Der Magier hatte anscheinen Langeweile gehabt und nun wurden die Straßen New Yorks von riesigen Ballontieren terrorisiert. An sich war das kein Notfall, der die Hilfe der Avenger erforderte, aber da es Loki war, hatte der Schwarzhaarige es noch ein Stück weitergetrieben.

Nicht nur waren die aufgeblasenen Gummitiere äußerst störend und mit den meisten Waffen unzerstörbar, sie hielten auch noch andere Überraschungen bereit. Jedes Tier gab ohrenbetäubende, wenn auch sehr realistische, Laute von sich, die jede Polizeisirene übertönten und somit totales Chaos verursachten. Arbeiten war bei dieser Lautstärke nicht möglich und die Evakuierungsmaßnahmen gingen nur sehr langsam von statten. Zudem war jedes der Tiere mit einem anderen Zauber versehen. Jedes Gebäude, an dem sich der Tiger rieb, bekam ein Streifenmuster in skurrilen Farben, der Elefant hinterließ große Haufen Schokoladeneis und ein Nilpferd verwandelte die Straßen in Flüsse, durch die es gemächlich hindurchschwamm.

Loki selbst spielte mit einem Gorilla King Kong nach und saß auf der Schulter des Affen, während dieser Stark Tower hinaufkletterte. Zufrieden ließ der Gott des Chaos seinen Blick über die Stadt schweifen.

Als sein Blick von einer rot-goldenen Rüstung versperrt wurde, seufzte der Schwarzhaarige.

„Nie kann man sein Chaos in Frieden genießen.", beschwerte er sich. und stand von seinem Sitzplatz auf, bereit, den Kampf gegen Ironman zu beginnen.

Doch Tony hatte andere Pläne. „Cooles Schauspiel, sehr künstlerisch.", lobte er Lokis Plan grinsend.

„Wenn du es für gut befindest, muss es ein schlechter Plan sein.", antwortete der Magier abfällig.

„Was auch immer. Viel wichtiger: meine Rüstungen! Das Grün ist so wirklich überhaupt nicht meine Farbe. Ich musste mir eine komplett neue Rüstung bauen, weil ich das Zeug nicht wieder abkriege! Was ziemlich cool ist, nur so nebenbei. Wenn ich es übermale, wird es sofort wieder Grün und auch Schleifen, Verbrennen und Säure ändern nichts daran! Egal, mit was ich es analysiere, ich kann es nicht nachbilden! Wie hast du das gemacht? Sind es Nanopartikel? Uns unbekannte Elemente? Wie lange hält es? Muss es Grün sein, oder ist das nur deine Lieblingsfarbe? Stell dir die Möglichkeiten vor! Man könnte ..."

Loki sah den Superhelden verwirrt an, der in seinen Wortschwall vertieft war. Das war keine normale Reaktion auf seine Streiche. Stark schrie nicht, fuchtelte nicht wie wild mit den Armen und versuchte nicht einmal, auf den Schwarzhaarigen loszugehen. Ehe er darüber nachdenken konnte, ob der dieses Verhalten gut oder schlecht fand, erklang eine ihm sehr bekannte Stimme.

„LOKI!", rief Thor und flog auf die beiden zu. Eigentlich war das vollkommen normal, da Thor ihn in jedem Kampf aufsuchte, doch normalerweise war der Donnergott wütend und grinste nicht bis über beide Ohren.

Unbewusst machte Loki einen Schritt zurück. Erst Stark, dann Thor, irgendetwas schien hier nicht zu stimmen. Vorerst wäre es besser er würde sich zurückziehen, beschloss der Magier und verschwand.

Im selben Atemzug tauchte er auf einem anderen Wolkenkratzer auf, von dem aus er einen guten Blick über die Stadt hatte. Nur weil ein Teil der Avenger verrückt geworden war, konnte er schließlich nicht einfach sein wunderschönes Chaos ignorieren.

Der Schwarzhaarige wollte es sich gerade gemütlich machen, als hinter ihm eine Stimme ertönte.

„Die Schokolade war echt gut. Du verrätst mir nicht zufälligerweise, wo du sie gekauft hast?"

Schockiert wirbelte Loki herum und stand Clint Barton, aka Hawkeye, gegenüber, der entspannt auf ihn zukam.

Barton. Entspannt.

Irgendetwas stimmte ganz und gar nicht. Vielleicht war es eine Eigenart der Menschen? Es wäre angenehm, wenn endlich jemand seinen Humor schätzen würde. Neugierig wollte er auf Bartons Frage antworten, doch Thor unterbrach ihr Gespräch, in dem er vom Himmel fiel.

„Loki!", rief er mit einem glücklichen Lächeln und wollte der Schwarzhaarigen umarmen, doch der verschwand erneut.

Diesmal erschien der Magier auf einer kleinen Straße, in welcher er nicht so gut zu sehen war und dadurch hoffentlich seinem Nicht-Bruder entgehen konnte. Gerade, als er um die Ecke gehen wollte, um sich einen besseren Beobachtungspunkt zu suchen, rannte jemand ihn über den Haufen.

Was nicht möglich sein sollte, da er ein Gott war und für jeden normalen Menschen damit so unbeweglich wie eine Steinmauer.

„Loki! Tut mir leid, ich wollte dich nicht umrennen."

Der Schwarzhaarige wurde hochgehoben und auf die Beine gestellt, als wäre er ein Kind. Nervös klopfte sein Gegenüber ihm den Staub aus dem Umhang, was allerdings wenig half, da seine Hände nass waren, was das Ganze nur schlimmer machte.

Beschämt sah Captain America auf und lächelte schwach. „Sorry, das war nicht meine Absicht. Eigentlich wollte ich mich bedanken!"

Er streckte seine Hand aus. „Danke! Jetzt verstehe ich endlich alle Geräte, die in meinem Zimmer stehen. Ich kann sogar Radio aus dem 40ern hören, fast, als wäre ich wieder zu Hause!"

Zögerlich schüttelte Loki seine Hand. „War mir ein Vergnügen.", antwortete der Magier unsicher.

Steve grinste breit. „Du ziehst nicht zufälligerweise in Erwägung, die Ballontiere verschwinden zu lassen?"

„Nein?", der Gott des Chaos war vollkommen verwirrt.

„Okay, dann muss ich los.", er ging an Loki vorbei und rannte zum Ende der Gasse. „Oh, ehe ich es vergesse, Thor wollte mit dir Reden.", mit einem fröhlichen Winken verschwand er um die Ecke.

Es dauerte einige Sekunden, bis der Magier sich wieder gefangen hatte. Dieser Tag wurde merkwürdiger und merkwürdiger.

Jetzt war Loki neugierig geworden. Würden die anderen beiden Avenger sich auch so merkwürdig verhalten? Dem Hulk wollte er lieber nicht zu nahekommen, blieb also nur Agentin Romanov. Ein Ortungszauber dauerte nur wenige Sekunden und die Teleportation erfolgte zwischen zwei Augenblicken.

Loki war erneut auf einem Dach gelandet. Romanov hatte versucht, den Tiger mit verschiedenen Waffen zu bekämpfen, aber keinen Erfolg gehabt. Sie sprach in ihren Ohrstecker, als der Gott des Chaos erschien.

Eine gehobene Augenbraue war alles, was das Erscheinen des Schwarzhaarigen auslöste und sie beendete ihr Gespräch, ehe sie sich Loki zuwandte.

„Loki", begrüßte sie ihn ruhig.

„Romanov."

Nach einigen Sekunden unangenehmen Schweigens ergriff die rothaarige Agentin das Wort. „Ich muss mich bei dir bedanken, die Kleider sind exquisit. Ich könnte ein Vermögen verdienen, wenn ich sie verkaufen würde. Ich denke, ich werde sie behalten. Es wäre eine Schande, so schöne Stücke im Schrank vermodern zu lassen."

Mit einem Nicken ließ sie sich von dem Hochhaus fallen, drehte sich im Flug und nutze einen kleinen Enterhaken, um ihren Fall zu bremsen. Dann verschwand sie durch ein offenes Fenster in das Gebäude.

Loki stand unterdessen immer noch auf dem Dach. Er würde die Menschen nie verstehen, beschloss der Magier und genoss die Aussicht. Leider schienen die Avengers oder Shield einen Weg gefunden zu haben die Ballontiere zu platzen und die ersten waren bereits verschwunden.

Da das Spektakel vorbei war, drehte Loki sich um und wollte sich zu seinem geheimen Versteck teleportieren. Doch seine Pläne wurden von Thor durchkreuzt.

„Loki!", schallte die donnernde Stimme des Blonden direkt neben seinem Ohr.

In einem Anfall von Intelligenz war es Thor gelungen, sich anzuschleichen und den nichtsahnenden Loki zu umarmen, bevor dieser den Gott des Donners bemerkte.

Durch das Überraschungsmoment konnte der Schwarzhaarige sich nicht vorbereiten und alle Luft wurde aus seiner Lunge gepresst. Thors Arme lagen wie Stahlseile um ihn und da selbst Götter Sauerstoff benötigten, musste Loki sich schnell loslösen, ehe er durch den Luftmangel ohnmächtig wurde.

Eine wilder Stoß Magie reichte, um Thors Griff zu lockern und dem Magier seine Flucht zu ermöglichen. Der Blonde sah sein gegenüber mit traurigen Hundeaugen an.

„Aber Bruder, die kleinen Bücher sagten, dass die Umarmung 30 Sekunden anhalten muss, um die familiären Bande zu stärken!", er machte einen Schritt auf den Schwarzhaarigen zu, der geschockt zurückwich.

„Was…?"

„Die Lektüre war überaus hilfreich! Und du hast extra kurze Texte herausgesucht, weil du weißt, wie sehr ich schwere Literatur verabscheue!"

Vollkommen schockiert starrte Loki seinen Bruder an. Wie konnte man nur eine so klare Geste so falsch verstehen?

„Bruder? Geht es dir nicht gut?", fragte Thor und sah immer noch mit großen Hundeaugen auf Loki. Als er noch den Kopf schieflegte, wurde es dem Magier zu viel.

„Ich bin nicht dein Bruder und werde es auch nie sein!", schrie er und verschwand in einer kleinen Wolke aus grüner Magie.