Salute,

als erstes will ich mich für die vielen Favo-Einträge danken. Echt super motivierend, wenn zwischen den einzelnen Kapis beobachten kann, wie es immer mehr werden. Großes Dankeschön.

Nun denn, mehr habe ich dieses Mal nicht zu sagen, außer wie immer viel Spaß mit dem folgenden…

Lg, Sternenschwester

Kapi 4: Sprechende Fische und Zusammentreffen der Sagen

Der Traum fing eigentlich ganz harmlos an. Er befand sich wieder auf der Feier, welche die Schwestern des Österreichers organisiert hatten, um das Jahrtausendjubiläum irgendeiner blöden Urkunde zu feiern. Ludwig hatte ihm damals, als sie die Einladung bekommen hatten, versucht zu erklären, dass es sich um das Jubiläum des ersten, bekannten Schriftstückes handelte, welches den ersten Namen Roderichs als Nation belegte. Dabei ging es in diesem Wisch doch nur darum, dass irgendein oberer, geistlicher Sesselhocker irgendwen ein Stück Land vermachte, oder war es umgekehrt gewesen? Nun ja, den Sinn der Sache hatte er nicht ganz verstanden, aber es schien diesem steifen Klavierfreak wichtig zu sein, außerdem ließ sich Gilbert, nach dem Fall des Eisernen Vorhangs ungerne eine Chance auf ein großes Zusammentreffen der verschiedenen Nationen entgehen.

Beinahe fünfzig Jahre mit ein und denselben Leuten zu verbringen, wurde mit der Zeit, gesellschaftlich höchst langweilig. Außerdem konnte ihm so das Zusammensein mit der Wodkabirne in nächster Zeit erspart bleiben. Doch nun fand er sich wieder in diesem Moment, wo er an einem der Stehtische stand, wie bestellt aber nicht abgeholt und schwenkte beleidigt sein Sektglas. Bisher war die Feier ungewöhnlich gesittet abgelaufen, was aber vor allem an Kärnten, Salzburg und Ungarn lag, welche von Anfang an klar gestellt hatten, das sie gegen jegliche gewaltsame Ausschreitung seitens der, meistens männlichen Nationen waren. Vor allem Ungarn, hatte in allen Farben das Schicksal desjenigen beschrieben, welcher so wahnsinnig wäre, dem Namenstagskindes die Feier zu verderben. Ein Anliegen, welches sein kleinkarierter Bruder und Spaßbremsen, wie Vatikan, unterstützt hatten.

Er ließ seinen Blick schweifen und fragte sich im Stillen, warum man sich während des Träumens oft bewusst war, dass man sich eben nicht in der Realität befand. Er fand beispielsweise nichts Aufregendes dabei, zuzusehen wie Mexiko ein Orchester aus Skeletten dirigierte. Wobei der Trompeter, mit seinem zerschlissenen Umhang und der Tatsache, dass man körperlich nichts weiteres sehen konnte als die skelettierten Hände, mehr nach einem klischeehaften Tod aussah. Gut von irgendwo musste die Aussage "Der Tod ist ein Wiener" ja kommen. Missmutig zupfte Gilbert seine Krawatte zu Recht. Trotz der gehobenen Atmosphäre, welche auch durch das ständige Fluchen seitens Süditaliens unbefleckt blieb, fühlte sich der Ostdeutsche in seiner Ehre gekränkt. Schon einer ganzen Weile beachtete ihn niemand.

„Es kann beleidigend sein wenn man nicht beachtet wird, nicht wahr.", tönte eine tiefe, melancholische Stimme neben ihm. „Wem sagen sie das…", murmelte Preußen, bevor er sich seinen, ihm unbekannten, Gesprächspartner zuwandte und leicht aus der Fassung geriet. Gut, ein Orchester aus lebenden Skeletten war eines, vor allem wenn man die Anwesenheit Mexikos in Betracht zog, aber sich nun in nächster Nähe mit einem menschengroßen Fisch zu unterhalten, etwas anderes. Die trägen, gelben Glupschaugen sahen ihn melancholisch an. Der beschuppte Körper würde, wenn er nicht so gebeugt auf seinen beiden Hinterflossen stand, ohne Probleme so groß sein wie sein blonder Bruder. In der einen Brustflosse hielt die Kreatur ein halbvolles Sektglas. Gilbert musste sich beherrschen, um seine Fassung wieder zu erlangen.

Die Mundwinkel des Fisches zogen sich noch etwas weiter herunter, als sie es schon taten. „Es ist immer wieder dasselbe. Wenn man hier jemanden anspricht, dann müssen die erst die Tatsache verdauen, das sie nun mit einem Fisch sprechen… Wie deprimierend…", sprach das Tier weiter, mit einer Tonlage bei der man meinen könnte, er brächte sogar den Tod ins Grab. Gilbert legte sich, nachdem er sich soweit gefangen hatte, verlegend eine Hand hinter den Kopf. „Nun es ist für mich nichts Alltägliches mit einer Forelle…" „Karpfen…", korrigierte der andere, ohne auch nur erahnen zu lassen ob er sich beleidigt fühlte. „Oh Verzeihung… natürlich Herr… Karpfen." Das konnte nur ein Traum sein, denn er entschuldigte sich schon bei einem Fisch. Gut, zu gegeben, einen Fisch, welcher ein Maul hatte, mit dem er nur einen Haps machen müsste, um seinen Kopf mit einem Schlag zu verschlingen, aber er war immerhin Jahrhunderte lang das große Preußen gewesen.

Plötzlich raste etwas an ihrem Tisch vorbei und hielt zentimetergenau vor dem österreichischen Namestagskind, welcher gerade ein, offenbar amüsantes, Gespräch mit einer der hässlichsten Kreaturen führte, welches Gilbert je gesehen hat. Das Vieh sah aus wie eine Kreuzung aus Hahn, Drache und Kröte. Außerdem trug es ein goldenes Krönchen auf dem abscheulichen Schädel. Auf die Fragen, warum Roderich noch nicht versteinert war oder der bestialische Gestank des Basilisken nicht in der Luft lag, würde der Ostdeutsche wohl nie eine Antwort erhalten. Auch nicht darauf, wer diese kleine, schrumpelige Frau war, welche, nun, nachdem sie rechtzeitig gebremst hatte, von ihrem Besen stieg. Dieses Großmütterchen, das für Baba Yaga Model hätte laufen können, begrüßte den Österreicher erfreut und drückte ihm einen saftigen Kuss auf die Wange.

Gilbert runzelte die Stirn, gut er war sich eigentlich soweit im Klaren, dass es sich hier um einen Traum handelte. Sonst könnte er sich auch nicht erklären, warum sieben Zwerge um Salzburg herumscharwenzelten, aber dieses gebeugte Weiberlein war ihm auch schon in Fleisch und Blut begegnet. Sie war ihm schon damals in der Realität aufgefallen, da ihm keine Nation bekannt gewesen war, welche[s] nicht ein altersloses Erscheinungsbild aufwies. Aber dieses Weib schien die neunzig schon weit überschritten zu haben. Außerdem machte sie mit ihrem Besen, welcher streng genommen ein knorriger Stab war, irgendwie den Eindruck einer klassischen Hexe aus den Grimmmärchen. Fehlte nur noch das Knusperhäuschen… Nur konnte sich Gilbert beim besten Willen nicht mehr erinnern, wann genau er diese alte Schachtel während der Feier gesehen hatte.

„Ahh, Frau Kranawitha ist nun auch eingetroffen. Verspätet wie erwartet. ", meldete sich mit schwerer Stimme, Gilberts fischiger Tischnachbar zurück. „Das wird dem Fürsten nicht gefallen…" „Dem Fürsten?" Der Weißhaarige fühlte sich aus seinen Gedanken gerissen. „Äh, was für einem mickrigen Fürsten?" Keine der Nationen hatte sich jemals innerhalb ihrer Gemeinschaft mit einem menschlichen Adelstitel geschmückt. Gut, dass er Roderich einen Schnöselaristokraten nannte war Triezerei, aber das Wort Aristokrat war kein Titel. Wieder glupschte ihn diese traurigen Riesenaugen an und irgendwie gab ihm der Fisch das Gefühl, dass dieser an seinem gesunden Verstand zweifeln würde. „Auch diese Aussage würde dem Fürsten nicht gefallen…" Gilbert seufzte. Wenn er sich weiter diesen Ausbund an Depriemiertheit antuen wird, wurde der Gedanken sich unter eine Straßenbahn der Linie 71 zu legen, immer verlockender. Doch bevor er sich, der Etikette entsprechend, der Anwesenheit des Schuppentiers entledigen konnte, gesellte sich ein weiterer Gast zu ihren Tisch. Der alte Mann mit weißen Bart und Glatze, hatte für den Preußen ein nur allzu bekanntes Gesicht und innerlich musste dieser aufseufzen. Vom Regen in die Traufe…

„Wenn ich mich zu ihnen gesellen dürfte?", schnarrte der Neue, wobei der Karpfen abwinkte. „Es wird sowieso keinen Unterschied machen.", seufzte dieser auf, während Gilbert versuchte sich darüber klar zu werden, warum nun ausgerechnet Dr. Freud seinen Traum aufsuchte. „Nun meinen Sie es wird keinen Unterschied machen, weil Sie mich ignorieren? Oder es wird keinen Unterschied an ihrer gelangweilten Situation machen? Oder es macht keinen Unterschied, da sie mir durch die Blume sagen wollten, dass sie meine Anwesenheit als störend empfinden, denn ich könnte Ihr gestörtes Sexualleben ergründen.", hakte der alte Mann nach. „Weil bei einem Fisch, die Beziehung zu seinen Eltern einen so wichtigen Einfluss auf das spätere Sexualleben hat.", mischte sich der Preuße sarkastisch ein und erhielt somit kurzweilig die Aufmerksamkeit des Psychiaters. „Sie haben recht, der Herr. Vielleicht haben Sie ja ihre Eltern nicht kennen lernen können, da Sie ihre diese davor gefressen haben.", wandte sich Freud an dem tierischen Tischnachbarn. „Wir sind Karpfen, wir fressen unsere Eltern nicht!", antworte der Fisch, mit monotoner Stimme.

Das Gespräch wurde in dem Augenblick unterbrochen, in welchem das Geräusch berstenden Glases die Luft zerschnitt. Alle Köpfe, selbst der, anatomisch gesehen nicht ganz so bewegliche des Fisches, drehten sich Richtung der großen Fenster, welche eben alle durch den Druck von Wassermassen zersprungen waren. In kurzerster Zeit ergossen sich zig Liter kaltes Wasser in den Raum. Panik und Verwirrung breitete sich in der Festgesellschaft aus. „Endlich ist der Fürst angekommen." Murmelte der Karpfen, bevor er mit einem Köpfer ins dunkelblaugrüne Wasser abtauchte, welches Gilbert innerhalb von Sekunden schon bis zur Hüfte reichte. Das letzte was er mitbekam, bevor das dunkle Nass ihn völlig umhüllte, war, wie auf einen mächtigen, überdimensionalen Krebs reitend ein Riese in den Raum gespült wurde. Das wirre Haar und der mächtige Rauschebart dieses Mannes besaßen einen leichten Grünstich, wie auch seine Haut. Irgendwoher kam Gilbert auch dieses Gesicht bekannt vor, doch es blieb ihm keine Zeit darüber nachzudenken, da dröhnte ein tiefes Gelächter durch den Raum und alles versank in Dunkelheit….

Er fühlte sich so schön schwerelos als würde er frei im Raum schwimmen. Dabei zog ein schlammiger Boden an ihn vorbei, hin und wieder begegnete er einem Fisch oder er sah eine Muscheln am Grund. Das Licht funkelte so geheimnisvoll, verzogen und verzerrt durchs Wasser. Warum brauchte er keine Luft zum Atmen? Er wusste es nicht. Warum spürte er zwar die nasse Kälte, aber es berührte ihn nicht? Er wusste es nicht. Interessierten ihn diese Fragen und deren Antworten? Nein, das wenigstens konnte er behaupteten zu wissen. Es war so schön erleichternd, sich von der Strömung mitreißen zu lassen und eine angenehme Leere in sich zu spüren. Er wollte nicht nachdenken, wollte nichts fühlen. Einfach nur eins werden mit dieser Leere, welche auf eine beruhigende Art die Last der Vergangenheit von ihm nahm.

Plötzlich vernahmen seine Ohren, einen wunderschönen Gesang und rissen ihn aus seiner Lethargie. Die Stimmen, so lieblich und so herrlich als würden sie direkt aus dem Himmel stammen, berührten ihn tief in der Seele. Er riss die Augen auf und stemmte sich zum ersten Mal gegen den Sog, welcher ihn jedoch unbarmherzig weiter trieb. Wo waren diese engelsgleichen Geschöpfe, welche auf diese himmlische Art sangen? Jetzt wusste er wie sich die Mannschaft des Odysseus gefühlt haben musste, als sie die Stimmen der Sirenen vernommen haben. Nur war er fest überzeugt, dass die Besitzerinnen dieser Stimmen nicht so hinterhältig handeln könnten. „Das würden die griechischen Sirenen auch von sich behaupten.", flüstere ihm eine kleine Stimme irgendwo in seinen betäubten Gedanken zu. Sie war schwach und wehrte sich tapfer in dem aussichtlosen Kampf, gegen die berauschende Wirkung, welche seine Seele als Geisel genommen hatte. Er wollte schon aktiv beginnen, gegen die Strömung zu Schwimmen, da riss ihn etwas von hinten am Kragen in die Höhe, Richtung Wasseroberfläche.

Gilbert prustete und keuchte, als ihn der Zug an seinem Nacken, durch die Wasseroberfläche zog. Geschätzte hundert Liter Flusswasser würgte er hervor, als ihm bewusst wurde, dass er sich meterhoch in der Luft befand. Noch immer einen Speichelfaden am Kinn klebend schaute der Weißhaarige hoch. Er sah, wie eine gelbe Vogelkralle ihn am Kragen seines Anzuges gepackt hielt und mächtige schwarze Flügel über seinen Kopf schlugen. Doch die einzige Erkenntnis, welche Gilbert während seines Fluges erlangen konnte, war die Tatsache, dass sie offenbar über eine der weitläufigeren Donauauen flogen, welche im Westen von Wien lagen. Dann ließ ihn das verdammte Viech einfach los und er fiel.

Erneut klatschte sein Körper auf die Wasseroberfläche, doch dieses Mal war Gilbert geistesgegenwärtig genug um ans Ufer zu schwimmen. Er starkste ans Ufer und schüttelte sich ungewollt wie ein Hund. Als er sich wieder aufrichtete und nach oben schaute, konnte er beobachten, wie eine deutliche Grenze die Dunkelheit der Nacht wie einen dicken Mantel mit sich über den Himmel zog. Sterne begannen schwach zu funkeln, um dann immer schneller an Helligkeit zu gewinnen und die Sonne wurde Stück für Stück vom Mond eingenommen. Eine kühle Brise umwehte ihn und bewog ihn dazu, das kalte Nass zu verlassen. Mit einem Schlag fiel ihm etwas auf und er schauderte. Während sich in den vergangenen Träumen nicht alles so echt angefühlt hatte, wie es in der Wirklichkeit hätte sein sollen, so belehrten ihn die neuen Eindrücke eines Besseren. Hier war jeder Sinneseindruck an seinem Platz. Die sanften Berührungen des Windes, das träge Rauschen des Flusses, das Schmatzen des Ufermorastes, wenn er mit seinen Lederschuhen eintrat, der milde Geruch nach einer Sommernacht, das unangenehme Gefühl nasser Kleider am Leib… alles fühlte sich so lebensecht an.

Glühwürmchen umflogen seine triefenden Beine und er hörte in der Ferne eine Eule schreien. Der, nun fertige, Vollmond tauchte die Aulandschaft in sein weißes Licht und verlieh allem dem, den Eindruck direkt aus einem Gedicht der Romantik entsprungen zu sein. Plötzlich raschelte es hinter ihm und aufgeschreckt blickte der Weißhaarige starr in das dichte Buschwerk. Ein kleiner Junge taumelte hervor. Er trug eine blaue Tunika, wie es zu Zeiten der Römer üblich war.

Der Verdacht über die zeitliche Einordnung erhärtete sich, als Gilbert die Ledersandalen sah, in welchen die kleinen Füße steckten. Das Knirpschen schien nicht älter als drei Jahre alt zu sein und kam dem Träumer trotzdem so bekannt vor. Diese braune Haarsträhne, welche so aberwitzig abstand, das Muttermal unter dem zierlichen Mund, die bleiche Haut, aber das konnte nicht sein… er war Roderich niemals in einem solchen Alter begegnet. Dennoch, als er in diese violetten Augen sah, waren die Zweifel aus dem Weg geräumt… Aber das hier war doch sein Traum, warum sollte er jetzt unbedingt von[,] der, ihm völlig unbekannten, Kindheit Roderichs träumen?

Gut, auf der Feier war er persönlich gewesen, wenn sie auch nicht in diesem Ausmaß stattgefunden hatte und war er nicht erst heute in einen Fluss gefallen? Also alles Dinge, die erklärbar waren, im Hinblick auf seinen Erinnerungen. Gebannt glotze Gilbert den Jungen an, welcher sich hektisch nach allen Seiten umdrehte, als fürchte er jeden Moment würden Verfolger auftauchen. Vorsichtig ging er auf das Kind zu. Doch obwohl seine nassen Schuhe mit jedem Schritt einen Schmatzer machten, schien es das junge Abbild des Österreichers gar nicht zu bemerken.

Also war es doch nur ein Traum, dachte der Preuße erleichtert für sich. Oder der Kleine kann mich aus anderen Gründen nicht sehen… Er blieb stehen und vermied es den Jungen zu berühren. Die großen, violetten Augen spähten aufmerksam noch mal die nähre Umgebung ab. Mit zögerlichen Schritten und immer noch regelmäßig einen Blick zurückwerfend, schlich er ans Ufer. Dann setzte er sich auf einen großen Uferfelsblock und ließ gespannt den Blick über die dunkle Wasserfläche gleiten. Gilbert gesellte sich zu ihm und wurde in seiner Annahme bestätigt, dass dieses Kind sich seiner Anwesenheit nicht bewusst war. Die kleinen, glühenden Käfer umflogen sie beide und hüllten sie ein mit ihrem lichteren Tanz.

Dann, von einem Moment auf den anderen entspannte sich die Körperhaltung des Kleines, und er schloss seine Augen. Gilbert runzelte die Stirn. Bis hier her hatte der Junge einen Eindruck gemacht, wie ein scheues Tier jeder Zeit für eine Flucht bereit zu sein, doch nun schien er völlig in sich zu versinken… und zu summen. Angespannt versuchte der Weißhaarige in die Nacht zu lauschen. Erst hörte er nur die üblichen Geräusche einer lauen Sommernacht an einem großen Fluss… dann jedoch konnte auch er es hören. Er hatte diesen seelenberührenden Gesang schon einmal gehört, nur eine Traumsequenz zuvor.

Doch kaum hatte er den Gesang akustisch erwischt, zerschnitt ein Ruf dieses zerbrechliche Band und eine weitere Person bahnte sich einen Weg durch das Gebüsch hinter ihnen. „Valerius!" Gilbert, wie auch der Bub fuhren erschrocken herum. Gerade in diesem Moment konnten sie sehen wie sich das Unterholz teilte und ein junges Mädchen aus der kleinen Schneise trat. Braunes Haar, violette ernste Augen, diese kühle Haltung, welche so untypisch für ein Kind von sechs Jahren war… Diesmal hatte Gilbert keinen Hauch von Zweifel, bei der Frage, wen er nun gegenüber hatte.

Katharina Karwank sah ihrem Bruder sehr ähnlich, wenn sie beide auch manches unterschied. „Valerius. Endlich habe ich dich gefunden." Preußen brauchte ein paar Momente bis er begriff, dass sie auf lateinisch redete, doch da hatte sie sich schon mit ihrer geringen Größe vor dem Jüngeren aufgebaut und war in voller Fahrt, diesem eine Standpauke zu halten. „Weißt du was für Sorgen wir uns gemacht haben. Mutter ist ganz krank vor Sorge. Wie oft müssen wir es dir noch sagen? Du sollst dich vom Limes fernhalten. Außerdem was wolltest du wieder am Fluss? Du weißt doch ganz genau, warum du nicht her gehen darfst wenn die Dunkelheit angebrochen ist."

Der Kleine war von seinem Sitzplatz aufgestanden und sah verlegen auf seine Sandalen. „Ich wollte sie doch nur wieder hören." Durch die leichte Erhöhung des Felsen war der Größenunterschied zwischen den beiden Kindern aufgehoben. „Valerius!" Das Mädchen legte ihre Hände auf die schmalen Schultern ihres Bruders und blickte ihn, für ihr Alter, mit zu ernsten Augen an. „ Du weißt ganz genau, was mit denen passiert, welche ihnen nachgeben. Willst du etwa, dass dich Danuvius in sein Reich zerrt… Darunter in die kalte Tiefe?" Der kleine Braunschopf schüttelte energisch den Kopf. Wieder runzelte Gilbert die Stirn. Warum nannte Katharina ihren Bruder Valerius? Gut das Lateingebrabbel, war noch irgendwie in Verbindung mit der römischen Kleidung der Kinder zu erklären. Aber der Name… und wer zum Teufel war Danuvius? Plötzlich packte ihn eine Hand an der Schulter und die Szene mit den Kindern verschwamm vor seinen Augen…

Die Urkunde, welche am Anfang erwähnt wird, ist die Ostarichiurkunde. Das ältestes, bekanntestes Schriftstück, welches die erste Bezeichnung für die Markgrafschaft der Babenberger im Jahre 996 belegte. Dabei war der Inhalt nicht mal so interessant. Ein Stück Land wurde verschenkt, welches sich eben auf dem Gebiet befand, welches man Ostarichi nannte. Da wir bis dahin kein anderes Schriftstück kennen, welches älter ist und die Existenz von Österreich in seinen Anfängen dokumentiert, wurde das Jahr 1996 genutzt um das tausendjährige Österreich zu feiern.

Des weiteren möchte ich die Wahl des Namen Valerius begründen. Nachdem Roderich ein altdeutscher Name ist und zur römischen Zeit Norikums ( für Leute die nichts mit diesem Namen anfangen, mögen sich bitte die entsprechende Erklärung in G-Geisel anschauen), auf österreichischen Gebiet ein Gemisch aus Kelten und Römern lebte, kam es mir unlogisch vor, dass Roderich zu der Zeit einen deutschen Namen tragen sollte. Also habe ich ein paar römische Namen rausgesucht. Nachdem der Name Roderich mit Ruhm in Verbindung steht und Valerius [G]gesund und stark bedeutet, habe ich mich für letzteres entschieden. Was die verschiedenen Sagengestalten angeht, ja auf die muss sich unser liebes Preußen selber einen Reim machen…

Ach eine Sache habe ich vollkommen vergessen. Ich schätze mal, dass die wenigsten von euch mit dem Sprichwort: "Der hat den 71 genommen" was anfgangen können. Es kommt aus Wien und gehört zu dem unerschöpflichen Repatoir an Sprüchen, welche besagen: Er/Sie/Es ist tot. Da noch in der ersten Republick, auf der 71Line in Simmering, während der Nacht, die Leichen, Richtung Zentralfriedhof in speziellen Straßenbahnen transportiert wurden.