Natürlich waren es keine normalen Träume, Alecto ließ sich nichts vormachen. Jemand war in ihre Gedanken eingedrungen – in ihre Träume – und hatte ihr diese Erinnerungen und Gefühle ihres Vaters im wahrsten Sinne des Wortes „untergeschoben". Und es konnte nur er selbst gewesen sein.
Aber wozu? Was wollte er, dass sie begriff? Dass ihre Mutter und Onkel Lucius hinterhältige Heuchler waren? – Snape kannte die beiden nur nicht wirklich. Es stimmte doch, was man über ihn sagte: Er war Lehrer, ein kläglicher Versager, was seinen Beruf anging, ein Halbblut… Sein Vater war nun mal ein Muggel, das war ja nicht die Schuld seiner Frau und seines Schwagers!
Eine Woche vor Schuljahresbeginn bekam Alecto dann zwei Briefe: Einen offiziellen aus Askaban, in dem ihr ausgerichtet wurde, dass ihr Vater eine Erlaubnis erwirkt hatte, damit sie ihn besuchten konnte. Alecto selbst war davon zuerst nicht weniger überrascht als ihre Tante Narzissa, aber dann wurde ihr klar, dass das nur ein Beweis dafür war, dass er ihr die Träume geschickt hatte und sie war versessen darauf, ihm die Stirn zu bieten. In diesem Moment hasste sie ihn.
Der zweite Brief war um einiges erfreulicher und kam auf geheimen Wegen zu ihr. Er lag in ihrem Schmuckkästchen am Abend und war auf Französisch. Ihre Brüder schrieben, dass es ihnen gut ging und sie sich bald sehen würden (sie würde überrascht sein).
Snape lief unruhig in seiner Zelle auf und ab. Ewigkeiten vergingen, bevor der Wächter ihm endlich ankündigte, dass seine Tochter gekommen war. Es sagte nicht „Alecto Snape", er sagte „Tochter".
Sie war wütend auf ihn, aber er versuchte, so ruhig und kühl zu wirken wie früher, als er noch unterrichtet hatte oder als er Todesser gewesen war. Es gelang ihm allerdings nicht perfekt, aber es war genug für Alecto.
„Was glaubst du eigentlich, bezweckst du damit, wenn du in meinen Träumen rumpfuschst?"
Sein Mund verzog sich zu einem spöttischen Lächeln. „Du hast es natürlich bemerkt."
„Es war plump!", konterte sie.
„Du hast es bemerkt, denn du bist auch dafür begabt, obwohl du ein Mädchen bist." Er wurde ruhiger, je mehr er sprach und er sah, wie seine Tochter immer wütender wurde. Ihre Hand war zur Faust geballt und zitterte.
„Ich hasse dich!"
„Ja, das ist es, du hast es erkannt!" Er verzog den Mund zu einem Lächeln – ein schmieriges Lächeln. Ein unangenehmes Lächeln. „Du kannst noch niemanden hassen", stellte er dann kühl fest. „Sie haben dafür gesorgt, dass deine Gefühle in dir irgendwo zusammengepresst sind und irgendwann wirst du sie rauslassen, so war es bei deiner Mutter und deinem Onkel auch. Es wird Hass sein, Alecto, Neid und noch mehr Hass. Wut. All das Negative, dass dich dann langsam aufrisst. Bald schon."
„Du redest Schwachsinn!"
Er ließ sich davon nicht beirren. „Als deine Brüder noch klein waren, da konnten sie mich lieben, irgendwie auf eine Art, wie Kinder es eben tun. Das ist sehr lange her und deine Mutter hat dafür gesorgt, dass es sich ändert. Um ehrlich zu sein hätte ich nicht gedacht, dass Kinder wirklich lieben können." Er lachte noch einmal.
„Was willst du von mir?"
„Dich retten!", erklärte er unvermittelt. „Willst du so enden wie deine Mutter? Oder dein Onkel? Willst du das?", zischte er nun eindringlicher.
„Ich gehe." Und sie rannte fast, als sie den Flur hinunterlief ohne sich umzudrehen. Er rief ihr auch nichts hinterher. Sie wollte es schnell vergessen, diesen verrückten, verkommenen alten Mann. Diesen Halbblüter. Sie war gut im Vergessen, wenn sie es wollte.
Snape hatte natürlich gewusst, dass er kein einfühlsamer Mensch war, aber er musste zugeben, dass er es sich, obwohl Realist, mehr zugetraut hätte. Er hatte angenommen, dass er zumindest irgendwie an sie ein bisschen herankommen könnte. Aber einfach so seine eigenen Gefühle auszuspeien war auch nicht richtig gewesen. Er konnte nichts dafür, sie waren zu langen in seinem Inneren angestaut gewesen, während er in diesem Loch verrottet.
Er war wie damals, als er Max gesehen hatte. Da hatte er die Kontrolle verloren. Müde ließ er sich in eine Ecke seiner modrigen Zelle sinken, während er sich wieder mit diesen Erinnerungen quälte.
„Bist du zufrieden?", fragte er – niemand bestimmten. Er starrte vor sich ins Leere. „Ich hab das einzige Kind getötet, das mich je geliebt hat!" Potter hatte es ihm gesagt. Fünf Wochen, vielleicht noch sechs. Dann war sie tot.
Das Kind, das wegen ihm all diese Narben hatte, und ihn trotzdem noch geliebt hatte. Einfach, weil er ihr Vater war. Sie verstand ihn, weil sie jeden Menschen verstehen wollte.
Und die Menschen wundern sich, warum ich bitter bin…
Glauben sie etwa, ich sehe es nicht? Sehe nicht, wie verdammt erbärmlich sie alle sind? Sehe nicht, wie elendiglich alleine sie ihr Leben fristen und ich hasse sie dafür, dass sie mich dazu zwingen wollten, mein Leben genauso zu verpfuschen – nein, es sie genauso verpfuschen zu lassen. Niemanden hatte doch je interessiert, was ich wollte, wie ich fühlte.
Mein Vater hat sich wegen ihnen umgebracht, verdammt noch mal!
Ich saß mein ganzes Leben lang alleine in einem dunklen Lock, habe nichts gesehen, nichts gehört, nichts gespürt, geschmeckt oder gerochen und irgendwann habe ich mich damit abgefunden, dort den Rest meines Daseins zu fristen. Zumindest war ich darin sicher.
Diese arrangierte Hochzeit hat mich nicht unglücklicher gemacht, als ich es sowieso schon war, aber dafür das Leben meiner „Frau" zerstört. Manchmal, vor allem am Anfang, hätte ich ihr gerne geholfen und es einfacher für sich gemacht, aber da sie mir keine Chance ließ, sondern mich einfach hasste, habe ich keinen Grund gesehen, ihr doch zu helfen.
Meine eigenen Kinder waren doch auch glücklich, wenn ich nicht da war! Todesserprinzen waren sie, nicht meine Söhne. Ich hab sie gehalten und wusste, dass sie nicht mir gehörten. Und dass es besser war so.
Ich war nicht wirklich traurig – ich kannte es ja nicht anders. Ich war eben in diesem dunklen Loch ganz alleine aber sicher. Damit war ich sogar irgendwie zufrieden.
Aber dann hat sie mich an Sonnenlicht geholt. Sie hat mir Wärme, Duft, Süße und Liebe gezeigt und ich wurde süchtig danach. Wer all dies Wunderbare einmal erlebt hat, der wird sich seiner eigenen Erbärmlichkeit erst bewusst und wird das ganze Leben über unzufrieden sein, wenn er es wieder verliert. Aber das war es wert. Auch wenn ich jetzt bitter bin und mich selbst hasse, aber diese kurze Zeit im Licht ist jeden Schmerz wert.
Ich erinnere mich an ihre honigblonden Haare, ihre Bernsteinaugen, ihre weiche, gebräunte Haut, ich Lachen und ihr Wesen… Meine Brooke. Sie wusste, was sie wollte, sie wusste, was richtig war und falsch. Sie hat mich mehr geliebt als ihr eigenes Leben und ich sie ebenfalls.
Meine Brooke… Meine Brooke, die mich verstanden hat; die mich nicht gehasst, sondern an die Hand genommen, mir ihre Welt so lange gezeigt hat, bis ich sie auch verstanden habe, bis ich verstanden habe, was Liebe und Vertrauen ist. Es wird nie wieder einen Menschen wie sie geben und ich werde nie verstehen, was ich getan habe, um ihre Liebe zu verdienen. Ich, von allen Menschen, durfte den wunderbarsten Menschen der Welt lieben und wurde auch noch von ihm geliebt!
Oh süßes Leben, oh grausames Schicksal!
Dann sagte sie mir, dass sie schwanger war. Ich denke heute an diesen Tag zurück und denke trotz allem, dass es dieses Kind nie hätte geben dürfen. Wir beide haben uns geliebt, aber ich denke nicht, dass irgendjemand uns verstanden hat und mich mochte, nur weil Brooke es getan hat. Deshalb stimmen sie mir doch zu: Das Kind hätte es nie geben dürfen!
Ich hab nicht verstanden, wie sie dieses kleine Wesen, das eigentlich noch gar nicht existierte, so lieben konnte – sie hat versucht, es mir verständlich zu machen, aber ganz habe ich es bis heute noch nicht begriffen. Sie hat es geliebt, weil es ein Teil von mir war. Ich hasse es, weil es ein Teil von mir ist. So ist das.
Todesser haben Brooke und Minerva McGonagalls Tochter Mina gefunden, kurz nach der Geburt. Das Baby konnten die beiden verstecken, aber sie selbst sind gestorben. Heute kommt es mir so vor, als hätte ich meinen Engel verloren, um noch einmal so ein erbärmliches Wesen wie mich selbst zu sehen. Ist das etwa gerecht? Das ist grausam!
Und die Menschen wundern sich, warum ich bitter bin…
Kein Mensch hat sich in dieser Nacht über die Geburt eines neuen kleinen Menschen gefreut, das können sie mir nicht weismachen. Elendige Heuchler! Sie dachten doch genauso wie ich nur an den wunderbaren Menschen, der sterben musste!
Sie hat mich aus der Dunkelheit geholt, ihr Tod hat mich dorthin zurückgestoßen, aber dieses Mal habe ich gemerkt, wie unglaublich erbärmlich es dort ist und ich habe mich selbst und die Einsamkeit gehasst!
Und dieser Säugling… Genau wie ich. Und weil sie so wie ich war, dachte ich, ihr Leben sei schon so verpfuscht wie mein eigenes. Deshalb habe ich nichts getan, ihr nicht geholfen. Ich habe ihr nichts angetan, sie kam schon wie ich auf die Welt!
