Kapitel 4

Zufrieden ließ der Hausmeister den Raum des Soziophoben hinter sich und machte sich auf zu seinem eigenen Zimmer. Er war mit sich selbst zufrieden. Er hatte dem Jungen eindeutig gezeigt, wo sein Platz war: am Boden. So ging er den langen Gang hinauf und betrat kurz darauf das Zimmer, das ihm für seine Arbeit zugeteilt war. Es war nicht unbedingt groß, und mit einem Schreibtisch gefüllt, auf dem mehrere Monitore standen.

Lexaeus ließ sich auf den Stuhl vor den Monitoren sinken und betrachtete zuerst den Bildschirm, der das Zimmer von Zexion zeigte. Er konnte sofort erkennen, dass der Kleinere immer noch auf dem Boden kauerte und seinen Kopf auf dem Bett abgelegt hatte. Der Besen lag unbewegt neben ihm und er hatte sich augenscheinlich keinen Zentimeter bewegt. Sollte er da doch ruhig liegen bleiben. Es war dem Hausmeister nur recht. Dass er den Patienten unter Umständen noch mehr verstört haben könnte, kümmerte ihn kein Stück. Er war dreist gewesen, und das musste ihm ausgetrieben werden.

Interessiert ließ er seinen Blick über den nächsten Bildschirm wandern, auf dem aber nichts Besonders zu sehen war. Luxord saß auf seinem Bett und drehte eine Spielkarte zwischen seinen Fingern. Das tat er die meiste Zeit, wenn er sich in seinem Zimmer aufhielt, da es ihm gestattet wurde, ein Kartenspiel bei sich zu haben. Manchmal spielte er gegen sich selbst, oder mischte die Karten einfach nur. Selten warf er sie auch wütend durch das Zimmer, da er nicht das bekam, was er wollte. Aber in dem Augenblick saß er ruhig dort, und verdiente somit Lexaeus' Aufmerksamkeit nicht länger als ein paar Sekunden.

Sein Blick huschte weiter, um bei Axels Zimmer zu verharren. Er schlief. Er trug nur sein Shirt und Shorts, so dass seine Beine, welche von Brandnarben übersät waren, zu erkennen waren. Ein schlafender Mann war ein langweiliger Mann, sagte sich der Hausmeister jedes Mal und wandte seinen Blick auf den Bildschirm, der für ihn immer am spannendsten war.

Es war eine Nachtsichtkamera, die die Bilder aufzeichnete. Das Zimmer, das gefilmt wurde, war völlig dunkel, nicht ein einziges bisschen Licht fiel hinein. Inmitten des Raumes, auf dem Boden, saß ein junger Mann. Er war nur spärlich bekleidet – nicht mehr als Patientenkittel zierte seinen Körper. Er durfte keine eigene Kleidung tragen. Er durfte auch nur zum Essen aus dem abgedunkelten Raum, da er für die anderen Patienten zu gefährlich war. Es war beinahe schade, denn seine Schönheit war nicht abzustreiten. Leider erkannte man die rosane Farbe seiner Haare durch die Nachtsichtkamera nicht.

Lexaeus betrachtete den Bildschirm etwas eindringlicher. Es war deutlich zu erkennen, dass eine der schlanken Hände des Mannes unter seinem Kittel verschwand und sich dort schnell bewegte, während der Kopf in den Nacken gelegt war. Er masturbierte, mal wieder. Lexaeus war der festen Überzeugung, dass er an gewissen Stellen bereits wund sein musste. Aber das schien den Patienten nicht abzuhalten, sich immer und immer wieder selbst zu berühren, manchmal über Stunden hin weg.

Doch ein kleines Detail schien anders zu sein. Da lag etwas neben dem Mann, das der Hausmeister erst nicht identifizieren konnte. Etwas, dass seine Aufmerksamkeit an sich fesselte und ihn dazu brachte, sich neugierig etwas näher zu dem Bildschirm zu beugen. Marluxia hielt das 'etwas' fest in seiner Hand, bevor seine andere Hand unter dem Kittel hervorkam. Kurz darauf beugte sich der Patient vor und ging in eine kniende Position, wobei er sich mit der freien Hand auf dem Boden abstützte. Mit der zweiten Hand begann er daraufhin offensichtlich das Ding, das vorher auf dem Boden neben ihm gelegen hatte, in sich einzuführen. Für Lexaeus war es deutlich, dass es viel zu groß war, und ihm eindeutig schmerzen würde.. aber es schien den Mann nicht davon abzuhalten, es nach und nach weiter in sich hinein zu schieben.

Erst, als es beinahe völlig in ihm verschwunden war, warf er seinen Kopf in den Nacken und hätten die Kameras auch Mikrophone gehabt, hätte der Hausmeister wohl ein zufriedenes Stöhnen hören können. Es brachte ihn dazu, noch näher an die Kamera heranzugehen.. doch als er dann erkannte, was es war, was Marluxia dort in sich eingeführt hatte, zuckte er erschrocken zurück. Etwas schaute noch aus ihm hervor, das ganz offensichtlich eine menschliche Hand war. Das Ding, was der Patient dort so bereitwillig in sich geschoben hatte, war ein menschlicher Arm gewesen. Etwas, dass selbst den Hausmeister kurz erschaudern ließ. Woher hatte er ihn?

Die Frage konnte er sich jedoch schnell beantworten. Die Krankenschwester, Larxene, hatte ihm sicher dieses Utensil besorgt. Sie sorgte immer besonders für das leibliche Wohl Marluxias. Immerhin bestand ihr Aufgabenbereich beinahe ausschließlich aus dem Mann. Sie musste ihn waschen, anziehen und zu den Essen bringen. Wenn sie ihn dorthin gebracht hatte, musste sie ihn füttern und danach wieder zurückbringen. Es war nur normal, dass ihr der Patient dann auch etwas am Herzen lag.

So abartig das Bild von Marluxia auch war, Lexaeus konnte den Blick einfach nicht von ihm wenden. Bald schon fand seine Hand seinen Weg zu seinem eigenen Schoß und begann, ihn durch die Uniform hindurch zu streicheln. Er wollte sich nicht erneut ausziehen, und es reichte ihm auch so. Er konnte sich berühren. Er sah genau zu, wie Marluxia den Arm am Handgelenk umfasste und immer wieder in sich presste und herauszog. Ob er wusste, dass es ein echter Arm war? Genau genommen bestand kein Zweifel daran. Aber es schien ihn nicht zu stören. Aber welchen Sexsüchtigen störte es schon, womit er es trieb?

Bald schon passte der Hausmeister sein Streicheln dem Rhythmus des Armes an. Bewegte sich schneller, wenn auch Marluxia es tat, und kam, als auch Marluxia kam. Er warf seinen Kopf zurück und stöhne erstickt auf. Beinahe etwas erschöpft ließ er seine Hand sinken und beobachtete, wie Marluxia den Arm aus sich herauszog und ihn einfach neben sich fallen ließ. Er krauchte einige Meter von ihm weg bis an die nächste Wand und lehnte sich an sie, nur um erneut zu beginnen, sich zu berühren. Er war süchtig. Krankhaft süchtig.

So zwang sich Lexaeus den Blick abzuwenden und noch einmal die Kamera in Zexions Zimmer zu überprüfen. Dieser hatte sich immer noch kein bisschen bewegt. Auch bei Luxord und Axel gab es keinerlei Veränderungen. Umso besser. So konnte er sich der nächsten Kamera zuwenden, die Demyx' Zimmer zeigte. Doch auch dieser schien sich, für seine Verhältnisse, normal zu verhalten. Er saß auf seinem Bett gekauert, weit in die Ecke gepresst, und starrte auf seinen Schrank. Seine Hände lagen neben ihm, und es war deutlich zu erkennen, dass ihm die Nägel fehlten. Doch das war etwas, dass Lexaeus schon beim Mittagessen aufgefallen war. Irgendwie fand er es schade. Es war interessant gewesen zuzuschauen, wie der Junge etwas zu sehen schien und sich dann selbst wehtat, und gleichzeitig versuchte, seine eigene Hand von sich fernzuhalten. Doch er tat in dem Augenblick nichts dergleichen.

Er machte sich gar nicht die Mühe auf den Bildschirm des einzigen Mädchens, Naminé, zu schauen. Bei ihr passierte niemals etwas. Sie saß auf ihrem Bett, oder zeichnete. Sie machte nie etwas krankes, oder etwas außergewöhnliches. Sie war langweilig. Sie war.. erschreckend normal, und passte in den Augen des Hausmeisters überhaupt nicht in ihre Klinik. Nur weil sie nicht sprach, war sie nichts Besonderes. Sie war ein nichts in seinen Augen. Er mochte sie nicht. Mochte sie sogar noch weniger als Zexion, nachdem dieser auf den Küchenboden gekotzt hatte.

So ignorierte er sie, und sein Blick fiel wieder auf den ersten Bildschirm, als sich dort plötzlich etwas tat. Hätte er doch auf den Bildschirm des Mädchens geschaut, hätte er bemerkt, dass sie sich nicht in ihrem Zimmer befand, denn sie betrat in diesem Augenblick das Zimmer von Zexion. Sie sah geschockt aus, und lief gleich darauf wieder hinaus. Ob sie Hilfe holen würde?

Lexaeus verfolgte ihre Schritte auf den Monitoren, die die Gänge zeigten und wusste kurz darauf schon, wo sie hinwollte: zu ihrem Arzt. Oh, bei ihm wäre Zexion sicher wunderbar aufgehoben. Es gab zwar keine Kameraaufzeichnungen des Behandlungszimmers, aber das brauchte es auch gar nicht. Er wusste, was hinter den verschlossenen Türen vor sich ging. Immerhin musste er das Zimmer mehr als oft putzen.

Neugierig verfolgte er jeden Schritt, bis sie in dem Behandlungszimmer verschwand, kurz darauf mit Vexen zurück auf den Gang trat und ihn zu Zexions Zimmer führte. Der Arzt wirkte desinteressiert, soweit man das von seinem Gesicht ablesen konnte. Doch als sie das Zimmer des Patienten erneut betraten, und Vexen sah, wie apathisch der Junge auf seinem Bett hing, wurde er aufgescheucht und seine Neugierde schien geweckt zu werden. Er eilte sofort zu ihm, berührte ihn kurz, und als darauf keine Reaktion kam, schien er zu wissen, dass etwas Ernstes passiert war. Er konnte eins und eins zusammenzählen: das Blut an Zexion, das Blut an dem Besen. Vexen war nicht dumm, und Lexaeus wusste das. Und er wusste ebenso, dass der Arzt nun wusste, dass etwas vorgefallen war.

Als auch nach erneutem Berühren keine Reaktion kam, hob Vexen den Jungen auf seine Arme, sagte wohl noch etwas zu Naminé und verschwand dann mit dem Patienten zurück in sein Behandlungszimmer. Naminé selbst lief zurück zu ihrem Zimmer und legte sich dort auf das Bett. Vermutlich weinte sie, etwas, dass der Hausmeister nicht erkennen konnte, da sie ihr Gesicht in das Kissen presste. Sie war sentimental, aber das war wohl normal für Mädchen in ihrem Alter.

Für einige Zeit, mindestens eine halbe Stunde, passierte nichts. Dann erst humpelte Zexion aus dem Behandlungszimmer, sein Bein mit einer großen Schiene versehen. Er trug eine Krücke und schleppte sich zurück in sein Zimmer. Doch das war es nicht, was Lexaeus für einen Moment den Atem raubte. Es war das Zucken, das den Jungen an jeder Ecke durchfuhr, und die leeren Augen. Augen, die ins Nichts starrten. Und als Zexion sein Zimmer betrat, ignorierte er einfach das Erbrochene und den Besen und setzte sich in die hinterste Ecke seines Zimmer, wo er beide Beine trotz der Schiene an sich zog und seine Arme um sie schloss, nur um auch die nächsten 30 bis 45 Minuten unbewegt dort zu sitzen und ins Leere zu starren.