Vor ihm lag ein, durch einen gezielten Kopfschuss getöteter, junger Hirsch.
Er drehte sich um, aber die Jägerin war verschwunden.
Er schulterte den Hirsch und stampfte wieder zurück zu seinen Gefährten.
Als Bors ihn erblickte, stürzte er auf ihn zu.
Auch die anderen kamen neugierig.
„Endlich. Ich dachte schon, ich müsste dich wieder suchen, weil du dich verlaufen hast!", grinste Bors.
Sein Gefährte sah ihn an.
Er schmiss den Hirsch auf den Boden und setzte sich.
Galahad und Gawain machten sich daran, den Hirsch für die Abendmahlzeit vorzubereiten.
„Was ist denn mit deiner Hand passiert?", fragte Gawain, als er sah, wie Dagonet sich über den Stoff strich.
Doch er bekam keine Antwort.
Wenn Dagonet etwas sagte kam dies einem großen Fest, wie einer Hochzeit oder Geburt gleich.
Vorsichtig machte er den Stoff ab und erkannte zu seiner Überraschung, dass die Stelle, in der der Stachel gesteckt hatte, etwas taub war, aber nicht entzündet.
Er wickelte ihn wieder rum und half den anderen beiden.
Plötzlich stieß Tristan zu ihnen.
Der ebenfalls stille Späher, der aber häufiger redete als Dagonet, setzte sich zu Arthur.
„In der Gegend ist es ruhig. Keine Pikten. Allerdings werde ich das Gefühl nicht los, dass uns jemand verfolgt."
„Danke, Tristan. Wir werden schon im Morgengrauen wieder aufbrechen.", antwortete Arthur.
Gemeinsam setzten sie sich zu den anderen an das kleine Lagerfeuer und begannen zu essen.
Nicht weit entfernt von ihnen, hoch oben im Baum, saß die Jägerin und aß ihren Apfel.
Im Morgengrauen also.
Wieder stahl sich ein dünnes Lächeln auf ihre Lippen.
Wenn die nur wüssten…
Mit tief ins Gesicht gezogener Kapuze fiel sie in ihren Dämmerschlaf, der es ihr erlaubte, alles in ihrer Umgebung wahrzunehmen, aber dennoch ihr Erholung und Ruhe brachte.
Die Jägerin schreckte auf.
Irgendetwas stimmte nicht.
Leise nahm sie den Bogen in die Hand und lauschte.
Jemand stand unter ihrem Baum.
Als sie herunterblickte, sah sie, wie sich der kleine kräftige Mann erleichterte.
Es war stockfinster, der Mond war wieder hinter einer der vielen Wolken verschwunden.
Still kletterte sie einen Ast tiefer, schlang die Beine um den Ast und ließ sich kopfüber nach unten baumeln.
Sofort stieg ihr der Geruch von Leder, Blut und gebratenem Fleisch in die Nase.
Sie musterte ihn neugierig.
Plötzlich drehte er sich um und sah sie an.
Dann stieß der Mann einen erschrockenen Schrei aus.
Sie hörte Schritte.
Viele Schritte, die sich ihnen näherten.
Keinen Augenblick später standen die anderen im Gebüsch hinter ihr.
„Was ist los, Bors?", fragte der Blonde.
Doch auch er sah eine Gestalt, die vor Bors aus dem Baum hing.
Bors, der normalerweise nicht auf den Mund gefallen war, starrte die Unbekannte, die ihm vor der Nase hing immer noch an.
„Bors!", rief jetzt ihr Anführer.
Der Mann mit dem Lederhelm kam mit gespanntem Bogen auf sie zu.
„Wer auch immer du sein mögest, komm von diesem Baum herunter!", sagte der Anführer mit dem roten Umhang.
Sie kletterte aus dem Baum und ließ sich auf die Erde fallen.
Die Kapuze saß noch immer tief in ihrem Gesicht.
Die Jägerin warf einen Blick in die Runde der Männer: Der Anführer stand in der Mitte, rechts neben ihm der Mann mit den zwei Schwertern, links neben ihm der Mann mit dem Bogen, neben ihm der Mann mit dem Bart und der Hüne, den sie im Wald getroffen hatte, stand neben dem, mit den zwei Schwertern.
Anscheinend warteten sie darauf, dass sie etwas sagte.
Doch die Jägerin schwieg.
Dann drehte sie sich ruckartig um und war mit einem Satz im Gebüsch verschwunden.
Ein Pfeil wurde abgeschossen, sie hörte das Surren der Sehne und duckte sich.
Der Pfeil flog an ihr vorbei, strich aber ihre Wange und hinterließ eine kleine Schramme.
Sie sprang hoch, zog sich an dem Ast hoch und kletterte hinauf.
Hier hockte sie und lauschte.
Ihr Atem ging immer noch ruhig.
Sie hörte, wie die Männer versuchten ihr zu folgen.
Stolpernd bewegten sie sich vorwärts.
Sie fluchten, als sie feststellten mussten, dass sie verschwunden war.
„Ich hab euch doch gesagt, dass da jemand ist!", sagte der Mann, der sich am Baum erleichtert hatte.
„Du hast Recht gehabt, Bors.", entschuldigte sich ein anderer.
„Kommt Männer. Zurück zum Lager.", sagte der Mann mit dem roten Umhang.
Sie hört wie sechs Männer sich entfernten.
Sechs.
Wo war der Siebte?
Sie warf einen Blick nach unten.
Der Hüne stand ungefähr ein paar Meter von ihr entfernt.
Wie hatte er sie gefunden?
Spuren hatte sie kaum hinterlassen.
Still und schweigend stand er da und blickte sich um.
Dann sah er in den Baum, in dem sie sich versteckt hielt.
Die Jägerin hielt die Luft an und drückte sich an den Stamm.
Jetzt sah er sie direkt an.
Bevor er sich umwandte, sagte er mit einer tiefen, rauen Stimme: „Skoande." [Danke.]
Damit wandte er sich ab und ging.
Noch immer stand sie regungslos an den Baumstamm gedrückt.
Er hatte in ihrer Sprache gesprochen.
Deshalb hatte er sie also gefunden.
Sie musste lächeln. Sie wartete, bis sie nichts mehr hören konnte.
Außer das Rauschen der Blätter im Wind.
Sie setzte sich auf den Ast und dann saß sie wieder regungslos dort und wartete auf den Sonnenaufgang.
„Dagonet.", sagte Bors. Der Hüne sah ihn an.
„Hör auf dich immer fortzuschleichen. Ich kann nicht immer dich suchen gehen.", scherzte Bors.
Schweigend ging Dagonet zu seinem Platz und versuchte zu schlafen.
Auch die anderen legten sich nieder und schliefen.
Kurz bevor Dagonet einschlief, wanderten seine Gedanken kurz zu der Jägerin und über die Tat.
Er schmunzelte.
Dann schlief er ein.
Als der Morgen graute, brachen die Männer auf.
Müde und etwas durchgefroren ritten sie durch den Wald, immer in Kampfbereitschaft.
Vögel zwitscherten, der Himmel war grau und versprach kein gutes Wetter. Grummelnd folgten sie einem kleinen Waldweg.
Jeder der Ritter hing in seinen eigenen Gedanken.
Nebel kam auf.
„Verfluchter Nebel.", grummelte Gawain.
Die Mäntel eng um die Schultern geschlungen ritten sie auf dem Waldweg.
Alle hatten schlecht geschlafen, wussten sie jetzt, dass sie verfolgt wurden.
Arthur ritt wieder an der Spitze.
Dabei dachte er über die Zeit nach, die er mit diesen treuen Rittern verbracht hatte. Viele Schlachten hatten sie gemeinsam geschlagen.
Sie hatten zusammen gefeiert und gelitten.
Dieses Band, das sich zwischen ihnen entwickelt hatte war stärker als alles andere auf der Welt.
Er wusste, dass jeder sein Leben für ihn geben würde und er würde sein Leben für das seiner Männer geben.
Sein Schwert schlug ihm beim Reiten leicht gegen das Bein.
Der Umhang lag ihm schwer auf den Schultern und der Helm kratzte.
Schweigend ritten sie aus dem Wald heraus.
Eine nebelige, graue und kalte Landschaft begrüßte die sieben Reiter.
Die anderen nahmen jeweils rechts oder links von Arthur Stellung und schauten über die vor ihnen liegende Weite Britanniens.
Endlose Weite.
Eine Weite, die Freiheit versprach.
Tristan ließ den Falken in die Lüfte steigen, mit einem Schrei erhob er sich in die Lüfte und verschwand zwischen den Wolken.
Die Ritter sahen einander an und wie auf ein nicht hörbares Zeichen hin, galoppierten sie den Hügel hinab.
Der kalte Wind umfing sie, ließ ihre Umhänge fliegen.
Mit einem kräftigen „Ruuuuuuuuuuuss!" ritten sie voran.
Der Falke zog seine Kreise über ihnen.
Wassertropfen vom Gras trafen auf ihre Gesichter und die Männer waren sich einig: So musste sich Freiheit anfühlen.
Wenn da nicht dieser eine Auftrag wäre...
Auf dem anderen Hügel angekommen, machten sie halt.
Vor ihnen zog sich ein Weg entlang, zu dem sie eben parallel hinter dem Hügel geritten waren.
Auf den Gesichtern von Gawain, Galahad und Lancelot breitete sich ein Lachen aus. Denn das, was sie vor ihnen auf dem Weg sahen,
war die Freiheit.
