1Kapitel 4: Nuda Veritas
Als die Beiden in verschiedene Richtungen verschwunden waren, wandte sich Tseng wieder mir zu, eine Aufmerksamkeit auf die ich hätte verzichten mögen. „Glaubst du, dass du gehen kannst? Wir sollten weiter. Die ganze Sache ging recht schnell, uns kommen nicht oft Turks abhanden, und daher habe ich mir dreister Weise noch keine Gedanken darum gemacht, ob du transportfähig bist." Erst jetzt viel mir auf, dass ich mich mit dem Rücken gegen die Wand drückte, und wenn ich so aussah wie ich mich fühlte dann wurde es endgültig Zeit für eine Generalüberholung. „Es…ich… es geht." Einerseits war ich fest davon überzeugt, dass das stimmte, aber andererseits wollte ich auch unter keinen Umständen wieder getragen werden. Ich leckte mir über die spröden Lippen und sah ihn verunsichert an. „Ge-Gehen wir zu Rufus?" Obwohl ich mir nicht sicher war, wie ich darauf kam, hatte ich offenbar ins Schwarze getroffen. Es war wie mit Renos Haaren, ich wusste es einfach und hatte einmal mehr nicht die Klappe halten können. Was sollte man also machen? Tseng seinerseits kam scheinbar zu dem Schluss dass er nichts machen konnte und wandte sich zum Gehen, was ich als „Ja" wertete. Zwar gefiel mir diese Situation noch immer nicht, aber inzwischen hatte ich zumindest das Gefühl etwas zu verstehen, auch wenn das nichts daran änderte, dass ich noch immer keine Ahnung von nichts hatte. Plötzlich fiel mir auf, dass Tsengs Blick nicht mehr auf mir ruhte, sondern stur nach vorne gerichtet war. Apropos stur, kam er mir ohnehin recht angespannt vor, wie angestrengt bemüht seine Haltung nicht aufzugeben.
Diesmal blieb ich wie angewurzelt stehen.
Dieser Gang kam mir unheimlich bekannt vor. Wirklich unheimlich bekannt. So wie das ganze Gebäude. So bekannt, als könnte ich mich hier im Schlaf zurecht finden.- Nur, dass dem eben nicht so war. Konnte das wirklich noch normal sein? Derweil machte Tseng sich offensichtlich keine größeren Gedanken um mich, denn er sah nur über die Schulter zu mir, ohne sich die Mühe zu machen stehen zu bleiben. Vielleicht ging er davon aus, ich würde das Mobiliar bewundern. Oder so. Und dennoch schockierte mich der Blick aus seinen karamellfarbenen Augen, als er mich so unvorbereitet traf, selbst wenn es nicht mehr als ein Aufblitzen war. Ein Blick über die Schulter eben. Wie konnten seine Augen im einen Moment so einen warmen, mitfühlenden Eindruck machen, und im nächsten vor Kälte geradezu brennen? Das war nicht gut, das war ganz und gar nicht gut. Ich folgte ihm.
….Ach verdammt. Hier sah doch sowieso alles gleich aus!
Wenn der Anblick zuvor mich schockiert hatte, dann gab es keinen Ausdruck dafür, was ich empfand, als ich Rufus ShinRa gegenüber stand. Es war einfach alles falsch! Ich wusste zwar nicht so recht was ich erwartet hatte, aber das hier stimmte so nicht. Dieser Kerl… sah einfach nicht aus wie ein Rufus ShinRa, schlicht und einfach. Nur dass es eben nicht schlicht und einfach war. Es war alles andere als das. Vermutlich hing es nur mit irgendwelchen verqueren Assoziationen zusammen, aber… Wieder war es wie mit diesen Haaren. Sie waren… einfach falsch gefallen. So wie Rufus… nun, bei ihm war es schon etwas grundlegender. Erst jetzt, als er sich etwas regte, bemerkte ich den reglosen Mann hinter Rufus' Stuhl, und das obwohl er kein Mensch zu sein schien, den man so schnell übersah. Noch so ein merkwürdiger Typ, mit Sonnenbrille in diesem Zwielicht. Am Besten dachte ich gar nicht weiter darüber nach. Und ich hatte auch keine Zeit dazu, denn die reglose, verhüllte Gestalt die mir gegenüber saß fesselte meine Aufmerksamkeit und hob langsam den Blick. Tseng, der mit ausdrucksloser Miene hinter mir stand- na gut, was den Gesichtsausdruck anging gab es nie Beweise, ich wagte es nicht mich umzudrehen, und dennoch, so abwegig erschien es mir nicht- schien sich erneut etwas anzuspannen. „So… Hana, nicht wahr? Da hast du uns aber einen gehörigen Schrecken eingejagt." Die Stimme überraschte mich diesmal nicht- ein Umstand, der mich wiederum gründlich erstaunte. Ich hatte nichts anderes erwartet, als dieses sanfte Säuseln, das man eigentlich unmöglich überhören konnte, obwohl es nicht mehr war als ein Flüstern. Als würde er nicht zwei Meter von mir entfernt kerzengerade da sitzen, sondern direkt neben mir vielleicht. Ein unheimlicher Gedanke. Nein, der Abstand war schon ganz gut so. Erwartete er etwa einmal mehr eine Erwiderung von mir? … Ob ich mich daran jemals gewöhnen würde? Nun, wenn er auf eine gewartet hatte, war er nicht so geduldig. „Wir haben eigentlich nicht erwartet dich noch mal hier sitzen zu haben. Überspringen wir den Smalltalk und gehen wir zum… interessanten Part über. Ich mache es auch kurz. Soll mein hochgeschätzter Director hinter dir die Waffe rausholen, die wie wir alle hier wissen in seinem Jackett steckt, oder soll ich veranlassen dass du eine neue ID Card bekommst?" Ich schwieg. Nicht, dass mir einmal mehr nicht auffallen würde, dass ich etwas sagen musste, diesmal war nicht das mein Problem. Ich hatte nur kein Wort verstanden. Nicht wirklich jedenfalls. Trotzdem konnte ich mich dazu durchringen eine Antwort zu geben, einfach damit ich nicht ewig hier sitzen bleiben musste. „Ich weiß nicht, Sir." Halb hatte ich erwartet, dass Rufus und Tseng auf diese Antwort hin einen kurzen Blick über meinen Kopf hinweg tauschen würden, aber nichts passierte. „Schön, wie du willst." Beeindruckend, der Herr war flexibel. Ich hörte keine unterdrückte Gereiztheit in seiner Stimme, keine Anstrengung irgendetwas zurückzuhalten… Während bei Tseng jeder wusste, dass er seine Emotionen verschloss, bewusst oder nicht, schien Rufus einfach nichts zu haben dass er zurückhalten musste. Das musste ich wohl im Auge behalten. „Wo bist du gewesen, seit damals?" Hm… So schwierig war das doch eigentlich nicht. Oder vielleicht doch. Zwar war ich davon überzeugt, dass Rufus nicht ausrasten würde, aber unter der Oberfläche schien etwas Explosives und eindeutig Gefährliches zu lauern, mehr sogar als bei den beiden anderen. „Ich…. Weiß nicht, Sir. Genau genommen weiß ich gar nichts, glaube ich." Und so war es. Ich hatte das Gefühl nicht einmal mehr zu wissen was ich wusste. Eigentlich hätte ich dem eigenartigen ShinRa zu gerne in die Augen gesehen, aber er hatte sich seine Kapuze so tief ins Gesicht gezogen, dass ich nicht mal mehr seine Miene lesen konnte. Irgendetwas sagte mir aber, dass es keinen großen Unterschied gemacht hätte, hätte ich etwas gesehen. Männer wie er gaben sich keine Blöße. „Gar nichts? Nun, ich denke das ist doch ein wenig übertrieben. Wäre das so, hätte es keine große Rolle gespielt, wärst du weiter verschwunden geblieben." Verschwunden. Geblieben. Das sollte heißen, dass sie nach mir gesucht hatten. War das jetzt gut oder schlecht? „Ich weiß nichts", wiederholte ich leise, „also hätten Sie sich das wohl sparen können. Ich weiß nicht, was Sie von mir erwarten, sie oder ihr Director, oder… oder irgend jemand sonst. Wenn ich sage nichts, dann… dann meine ich wirklich nichts! Ich werde Ihnen keine Hilfe sein, egal bei was, also können Sie mich genauso gut wieder vor die Tür setzen." Aber ich wusste, dass sie das nicht tun würden. Sie würden mich nicht hier weg lassen, sie würden mich nicht mein Leben wieder finden lassen. Das wäre zu einfach, und gleichzeitig zu…ungewiss. Nein. Sie wussten was sie mit mir vorhatten, und vermutlich hatten sie das alles vorgeplant. Rufus' Blick traf mich, das spürte ich mehr, als ich es sah, lagen seine Augen doch noch immer im Schatten. Und er lächelte, auch das spürte ich. „Nichts also, ja? Die reine Wahrheit…? Dann bin ich wohl… irgend jemandem zu Dank verpflichtet. Such ihr ein Quartier, Tseng, und sieh zu dass sie sich ausruht….Wir machen morgen an dieser Stelle weiter."
