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„Toronto!", knurrte Lisa. „Wie oft wollen Sie das denn jetzt noch sagen, Elisabeth?", fragte Viktor ruhig, grinste aber in sich hinein. „Sie haben den ganzen Flug über nichts Anderes gesagt – Toronto, Toronto, Toronto. Versuchen Sie es zur Abwechslung mal mit der französischen Aussprache: Toron-To." – „Ich kann es immer noch nicht fassen, dass Sie mich nach Strich und Faden belogen haben!", empörte Lisa sich erneut. „Nach acht Stunden Toronto-Toronto-Gejammere, spricht sie auch mal wieder ganze Sätze mit mir", amüsierte Viktor sich. „Ich habe Sie nicht belogen." – „Sie sagten, es ginge nach Shanghai." – „Tz, ich habe Shanghai mit keinem Wort erwähnt." – „Sie sprachen von China-Couture und dem Hauptsitz Ihres Konsortiums", echauffierte Lisa sich. „Exakt, ich sagte, es ginge in den Hauptsitz meines Konsortiums. Sie müssten wissen, dass sich zumindest der Briefkasten auf den Bahamas befindet." – „Heißt das, wir steigen jetzt um?", fragte Lisa gereizt. Zu allem Überfluss tat der Landeanflug ihrem Magen nicht gut, aber das letzte, was sie vor diesem arroganten Schnösel tun wollte, war in eine Papiertüte zu brechen. „Nein – außer natürlich, Sie wollen sich sofort auf die Suche nach einem Flug nach Shanghai machen." Lisa strafte ihr Gegenüber mit einem bitterbösen Blick. „Elisabeth… Lisa, wenn es Sie beruhigt: Die Büroräumlichkeiten befinden sich in direkter Nähe zum Chinatown, von daher ist Shanghai gar nicht so falsch – nennen Sie es meinetwegen Little Shanghai." – „Willkommen in Toronto. Es ist jetzt 10Uhr15 Ortszeit, es ist sonnig, die Außentemperatur beträgt minus 17°c. Das Team bedankt sich und freut sich, Sie bald wieder an Bord begrüßen zu dürfen", hielt die Stimme des Piloten Lisa davon ab, etwas Unüberlegtes zu sagen. „Wunderbar, es ist noch früh", ergriff Viktor wieder das Wort. „Dann können wir gleich mal in der Firma vorbeisehen. Ich zeige Ihnen Ihr Büro, stelle Sie den Kollegen vor, das übliche Prozedere." Der international erfolgreiche Geschäftsmann erhob sich und reichte Lisa galant die Hand, um ihr aufzuhelfen. Diese ignorierte diese Geste aber geflissentlich und stand alleine auf. „Na dann", meinte sie kühl, ihrem neuen Vorgesetzten andeutend, dass er vorgehen sollte.

„Und das ist der CN-Tower", erklärte Viktor Lisa, die vor Begeisterung fast aus dem Hubschrauber fiel. Eigentlich hatte sie sich vorgenommen, Viktor nicht zu sehr merken zu lassen, dass ihr die Stadt doch ganz gut gefiel, schließlich wollte sie ihn ja abstrafen für die – wie sie glaubte – Lüge, es würde nach Shanghai gehen. Ihr Vorsatz hatte allerdings nicht lange angehalten – es gab einfach zu viel zu sehen und alles war so ganz anders als in Berlin. „So, da vorne ist es. Wir landen auf dem Dach des Gebäudes da links, sehen Sie das? Ich wette, es sind mindestens acht Arschkriecher und nur ein normaler Mitarbeiter da, um uns bei dieser Eiseskälte zu empfangen", scherzte Viktor. „Das ist aber nicht sehr nett." – „In unserer Branche geht es nicht ums Nettsein, Elisabeth."

„Herr Karski, wie schön, dass Sie zurück sind." – „Herr Karski, meinen Glückwunsch zu der geglückten Kerima-Übernahme." Alles Speichellecker, dachte Rokko bei sich. Er hielt sich diskret im Hintergrund. Eigentlich war er nur auf das Dach des Büroturms gekommen, weil Viktor ihn per Mail dazu aufgefordert hatte. Allerdings war es Rokko schleierhaft, warum, denn Viktor genoss das Bad in der Menge und die junge Frau, die nach ihm aus dem Helikopter gestiegen war, schien hoffnungslos überfordert mit der Situation. Völlig unbemerkt musterte Rokko Lisa. Eine graue Maus, aber sicher sehr clever – sonst hätte Viktor sie nicht mitgebracht, soviel war klar. „Also, Elisabeth, ich stelle Ihnen dann schnell alle vor: Controlling, Buchhaltung, Empfang, Personal-Angelegenheiten, Assistentin der Geschäftsführung, Trainee und Rokko Kowalski." Erstaunt sah Lisa den auffällig gekleideten Mann an. „Sehr erfreut", lachte dieser und deutete eine Verbeugung an. „Das ist Elisabeth Plenske. Sie war bisher für Kerima tätig, aber ich konnte sie für uns gewinnen." Ein paar übereifrige Mitarbeiter ließen sich dazu hinreißen, Viktor zu applaudieren. „Ich schlage vor, wir gehen rein, damit ich Ihnen alles zeigen kann", meinte Viktor und ging auf die Tür zu, die ins Treppenhaus führte. Fast schon verstört blieb Lisa zurück, während eine Traube von Mitarbeitern Viktor umrankte und ihm dicht gedrängt folgte. „Soll ich Ihnen mit Ihrem Gepäck helfen?", drang eine Stimme zu Lisa durch – sie gehörte diesem Rokko Kowalski. „Ähm, nein danke, ich kann das alleine." – „Okay", zuckte Rokko mit den Schultern. „Sagen Sie, sind Sie der einzige mit einem Namen hier oder haben Sie keine Aufgabe?", wagte Lisa einen Vorstoß. „Ich mache hier die PR", lachte Rokko. „Alle anderen haben aber auch Namen – die sind nur für Sie nicht so von Bedeutung. Viktor sieht eine engere Zusammenarbeit zwischen Ihnen und mir vor, von daher…" – „Das glaube ich nicht", warf Lisa ein. „Ich bin eher… naja… für's Kaufmännische da." – „Oh, eine Zahlenschieberin", rieb Rokko sich grinsend die Hände. „Das ist immer wieder nett, weil es da so eine große Reibefläche gibt." Rokkos Worte ließen Lisa sofort erröten. „Rein geschäftlich natürlich", fügte der junge PR-Mann hinzu. „Natürlich", fing Lisa sich wieder.

„Also, Elisabeth, das ist Ihr Büro. Schön, nicht? Mit Aussicht auf Little Shanghai", erklärte Viktor, wobei er sich die kleine Spitze nicht verkneifen konnte. „Rokko", wandte er sich dann an seinen anderen Mitarbeiter. „Sie sorgen dafür, dass Frau Plenske sich hier wohl fühlt. Wenn sie sagt: ‚Spring!', dann wissen Sie schon, ob sie hoch oder von einer Brücke meint." – „Ay-ay", gab Rokko zu verstehen, dass er wusste, was Viktor von ihm erwartete. „Gut, dann lassen wir Sie mal kurz alleine, Elisabeth. Füllen Sie diese Personalbögen aus, richten Sie sich ein wenig ein, lesen Sie diese Berichte hier. Ich habe auch das eine oder andere zu erledigen. Wenn ich damit fertig bin, komme ich Sie abholen und zeige Ihnen, wo Sie in nächster Zeit wohnen werden."

„Finden Sie das nicht ein wenig fies?", wollte Rokko wissen, nachdem er Lisas Bürotür geschlossen hatte. „Fies – was?", stellte Viktor sich unwissend. „Sie hat einen zehn Stunden Flug hinter sich. Sie dürfte müde sein, oder?" – „Ich teste sie", erwiderte Viktor geheimnisvoll. „Darf ich ihr trotzdem eine Tasse Kaffee bringen oder gilt das als Doping?" – „Nein, bringen Sie ihr eine Tasse Kaffee und mir auch, bitte." Rokko drehte sich um und wollte losgehen, als Viktor ihn noch einmal zurückhielt. „Ich will, dass Sie diese Frau kennen lernen – finden Sie alles über sie heraus." Rokko warf einen zweifelnden Blick durch die Verglasung der Tür. „Sie ist ein Mauerblümchen und eine Arbeitsbiene. Das müssten Sie aber auch sehen." – „Das meine ich nicht", winkte Viktor ab. „Ich will, dass sie sich David Seidel aus dem Kopf schlägt und ihr ganzes Potential für mein Konsortium einsetzt." – „Aha", brummte Rokko, dem nicht ganz klar war, was sein Arbeitgeber damit bezweckte. „Versuchen Sie, ihren Willen mit dieser Aufgabe, die sicher auch warten könnte, bis der Jetlag sich gelegt hat, zu brechen, oder was?" – „Das hier ist Toronto und nicht Guantanamo Bay", schmunzelte Viktor. „Aber mit dieser Aufgabe kann sie schon mal zeigen, wie leistungsfähig sie ist." – „Na gut, wenn Sie vom kryptischen Modus auf normal umgeschaltet haben, nehme ich dieses Gespräch wieder auf. Bis dahin versorge ich erstmal alle Überseereisenden mit Kaffee." Kopfschüttelnd ging Rokko den Flur, auf dem sich sowohl Lisas als auch sein eigenes Büro befanden, hinab.

„Das ist eine wirklich sichere Gegend. Gut angeschlossen – Bus, Metro. Aber nicht nur das: Es gibt viele Supermärkte, Kinos, Bars. Nachtclubs sind auch nicht weit. Es gibt alles, was das Herz begehrt. Es unterscheidet sich kaum von Berlin – mal abgesehen davon, dass hier niemand ‚icke' und ‚kieke mal' sagen wird." Mit großen Augen sah Lisa aus dem Fenster der pompösen Limousine. „So, hier wäre es", kündigte Viktor an. Lisa betrachtete das stilvolle Haus. Es dürfte so aus den 1930er Jahren sein, war aber zumindest äußerlich in einem einwandfreien Zustand. „Ich bringe hier alle meine Mitarbeiter auf Zeit unter. Das Haus gehört zu meinem Konsortium, wenn Sie verstehen…" Lisa nickte. „Steigen wir nicht aus?", wollte sie wissen. Viktor rang sich ein überraschtes Lächeln ab – langsam kam sie ja doch aus ihrem Schneckenhaus heraus. „Sehr gerne. Sie sind sicher emanzipiert genug, die Tür selbst zu öffnen." Viktor hatte kaum ausgesprochen, da war Lisa auch schon auf den Fußweg neben dem geparkten Wagen getreten. „Sie holen Frau Plenske dann morgen um halb 8 hier ab", wies Viktor den Fahrer an. „Haben Sie gehört, Elisabeth? Mein Fahrer wird die nächsten Tage dafür sorgen, dass Sie pünktlich ins Büro kommen. Dann haben Sie genug Zeit, sich ein Auto zu besorgen." – „Oder die Fahrpläne der Metro zu studieren", erwiderte Lisa. „Wenn Sie das so wollen", meinte Viktor skeptisch.

„Nun ja, es ist nicht das Taj Mahal", gab Viktor zu. „Aber es hat Charme." – „Ich finde es sehr, sehr schön", gestand Lisa aufgeregt. „Die Wohnküche ist toll. Und alles schon eingerichtet." – „Sie können natürlich gerne umgestalten. Wenn Sie in ein Einrichtungshaus wollen, dann müssen Sie es nur sagen, dann bringt mein Fahrer Sie selbstverständlich hin." - „Das wird nicht nötig sein. Ich finde es wirklich schön, so wie es ist." Viktor zuckte mit den Schultern und öffnete die Kühlschranktür. „Und eingekauft ist auch schon – auf Herrn Kowalski ist eben Verlass." – „Herr Kowalski? Er hat das alles eingekauft?", wollte Lisa wissen. „Ja. Das habe ich ihm aufgetragen. Er wohnt gleich nebenan… also gegenüber. Wenn Sie gerade über den Flur gehen, dann sind Sie schon bei ihm. Wenn Sie mal etwas brauchen oder so – einfach klingeln, er hat Instruktionen von mir." Lisa verzog irritiert das Gesicht. „Ähm, Herr… Viktor, ich weiß nicht, warum Sie so ein… so ein Bohay um mich machen, aber mir ist das eher unangenehm. Herr Kowalski braucht keine Instruktionen – ich kann alleine einkaufen. Und ich will auch nicht, dass er irgendwo runter oder rauf springt, wenn Sie verstehen." Viktor lächelte milde. „Ich überlasse Sie dann mal Ihren neuen vier Wänden. Der Fahrer kommt um halb 8. Wir sehen uns im Büro."