Disclaimer: Immer noch der vom letzten Kapitel. Ich entschuldige mich im voraus, daß ich die eine Leihgabe in diesem Kapitel sogar schwer beschädigen werde...
Direkte Fortsetzung von "Flirt á la drow Teil 2". Diese Geschichte, die eigentlich kaum ein paar Seiten lang werden sollte, hat sich irgendwie verselbständigt. Nachdem sie nun schon Ewigkeiten auf meinem PC herumliegt und nicht fertig wird, poste ich, was ich habe. Ich weiß zwar ziemlich genau, wie die Geschichte um Tharzee enden soll, schreibe aber zur Zeit an einer ganz anderen Arti+Jarl-Story und fürchte, daß ich diese wohl nie mehr beenden werde. Sorry deswegen.
In Anbetracht der zufriedenen Miene, mit der die Frau sich eine ganze Weile später neben ihm in den Kissen räkelte (die Miene einer gesättigten Raubkatze, dachte der Meuchelmörder), ging Entreri einmal davon aus, daß er die in ihn gesetzten Erwartungen erfüllt hatte. Die schlanken dunklen Finger der Frau spielten jedenfalls lässig und entspannt mit dem krausen schwarzen Haar auf seiner Brust, das sie offenbar ziemlich zu faszinieren schien. Dabei plauderte sie fröhlich in ihrer Sprache, völlig ungerührt von der Tatsache, daß er kaum ein Wort dessen, was sie sagte, begriff.
Immerhin, das Wort sae'uth, "zufrieden", schnappte er des öfteren aus der einseitigen Konversation auf, und er gestattete sich immerhin, damit seinen verletzten Stolz, der in Menzoberranzan bisher so grausam gelitten hatte, ein wenig zu pflegen.
Umso schmerzhafter trafen ihn die harten Fußtritte, die ihn urplötzlich vom Bett auf den Fußboden schleuderten. Er fuhr herum, nackt, wie er war, und wollte instinktiv nach seinen Waffen langen, die neben der Frau auf einem marmornen Beistelltisch am Kopfende des Bettes lagen. Zwei Peitschenhiebe, schmerzhaft nach seiner Körpermitte gezielt, trieben ihn stattdessen in die Mitte des Raumes zurück. Tharzee ließ die magischen Riemen noch einmal durch die Luft schnalzen, dann rief sie ein paar Worte in einer Singsang-Stimme, die Entreri in böser Vorahnung für eine magische Beschwörung hielt.
Die Vorhänge des Betts begannen in bläulichem Licht zu glühen, und als Entreri sich ihnen erneut nähern wollte, prallte er gegen eine unsichtbare Wand. Tharzee, auf der anderen Seite der magischen Barriere, legte vergnügt den Kopf ein wenig schräg, ließ sich im Schneidersitz wieder aufs Bett fallen, klatschte zweimal in die Hände und rief erneut ein unbekanntes Wort.
Irgendwo hinter Entreri knirschte etwas. Als er sich umdrehte, sah er einen Abschnitt der scheinbar massiven Wand gerade eben im Fußboden verschwinden. Dahinter wurde ein schmiedeeisernes Gitter sichtbar, das im selben Moment anfing, unter leisem Rattern nach oben zu gleiten.
Durch die Geheimtür herein kam eine riesige Spinne.
Entreri stöhnte.
Er haßte Spinnen. Als Bewohner der Calim-Wüste hatte er stets gedacht, es könne kein Tier geben, das er je mehr verabscheuen würde als den Roten Skorpion, aber Menzoberranzan hatte ihn auch in diesem Punkt eines Besseren belehrt. Alle Drow-Familien hielten und züchteten Spinnen, und die Tiere quollen, in allen Farben und Größen, buchstäblich aus jedem dreckigen Loch dieser von sämtlichen Göttern verfluchten Stadt. Dieses Exemplar hier war noch nicht einmal besonders groß - es erreichte mit seinen sechs vorstehenden Knopfaugen nicht ganz Entreris Schulterhöhe - aber seine scharfkantigen Zangen troffen vor Geifer und öffneten und schlossen sich beim Anblick des hilflos im Raum stehenden Menschen so gierig, daß anzunehmen war, das Tiere habe gewaltigen Hunger und Entreri gerade als passendes Frühstück eingestuft.
Knurrend vor Wut, aber ohne das gemächlich in den Raum staksende Tier ganz aus den Augen zu lassen, fuhr er zu der Frau herum. Tharzee lächelte ihn vergnügt an.
"Ussta lince'sa", stellte sie das achtbeinige Monster vor. Soso. Ihr Haustier also.
"Velve!" forderte Entreri energisch. Eine Klinge, eine Waffe, irgendetwas. Wenigstens den Hauch einer Chance, das war alles, was er wollte. Die Frau langte hinter sich, nahm Entreris Schwert vom Tisch und wog ihn eine Weile nachdenklich in der Hand, ehe sie den Meuchelmörder wieder ansah und in schon fast kindlichem Strahlen den Kopf schüttelte.
"Nau."
Der Mann knurrte und wendete sich wieder seinem eigentlichen Feind zu. Gerade rechtzeitig, denn die Spinne hatte beschlossen, anzugreifen, solange ihre Beute noch in die frustrierende Unterhaltung mit der Dunkelelfe auf dem Bett vertieft war. Entreri sah die beiden scharfkantigen Zangen auf sich zu schießen und sprang hastig rückwärts, prallte dabei gegen einen Fußschemel, stolperte fast, bekam das zierliche Möbelstück (was war das bloß für ein Material? Knochen?) irgendwie zu fassen und schleuderte es dem Tier entgegen. Es splitterte zwischen den Zangen der Spinne wie Glas.
"Naut natha bwael sarol", kommentierte die Frau aus ihrer Ecke und belehrte Entreri damit, daß sie ihr Mobiliar offenbar als Waffe für ungeeignet hielt.
Leider war das alles, was Entreri zur Verfügung stand.
Er hechtete zur Seite, ehe es dem Tier gelang, ihn in eine Ecke des verwinkelten Raumes zu drängen, und versuchte verzweifelt, etwas Abstand zwischen sich und das Tier zu bringen, um wenigstens.so etwas Ähnliches wie einen Plan fassen zu können. Er hatte Glück. Die Spinne schien zu wissen, daß ihre Beute ihr nicht entgehen konnte, und ließ sich bei der Verfolgung Zeit. Mit leichtfüßigen, fast tänzelnden Bewegungen stakste sie auf ihren acht gegeneinander klickenden Chitinbeinen, deren unterste Glieder seltsam zur Seite abgeknickt waren, hinter dem flüchtenden Menschen her, und ihre Zangen öffneten und schlossen sich dabei mit schabenden Geräuschen. So gelassen, wie das Tier an die Situation heranging, war es nicht unwahrscheinlich, daß diese besondere Form der Fütterung nicht zum ersten Mal stattfand.
Wenn es nach Entreri ging, durfte sie heute freilich gerne ausfallen.
Ein Plan. Er brauchte einen Plan. Wenn es ihm gelang, an der Spinne vorbei und zur Tür zu gelangen - dann steckte er noch immer nackt und waffenlos in einem Palast voller Drowkrieger fest. Ein Fenster? Zu hoch, vermutlich magisch gesichert, und außerdem würde es ihn auch nur in den gut bewachten Innenhof des Hauses bringen, wo ihn dann wahrscheinlich Dutzende von Armbrustschützen aufs Korn nehmen würden. Vielleicht konnte er durch das offenstehende Gitter in den Gang entwischen, aus dem das Tier gekommen war. Vielleicht...
Die drei Atemzüge, die Entreri zwischen sich und das Tier gebracht hatte, waren vorüber, und die Spinne setzte ihre langen Beine plötzlich sehr viel schneller und zielstrebiger, diesmal fest entschlossen, sich den Leckerbissen nicht noch einmal entgehen zu lassen. Entreri wich erneut zur Seite aus, aber die Spinne hatte das Manöver diesmal erwartet und ließ ihre scharfen Zangen nach ihm schnappen. Eine streifte ihn noch, nur knapp, aber das reichte, um ihm einen häßlichen Kratzer an seiner rechten Hüfte beizubringen. Tharzee auf dem Bett klatschte bei diesem geglückten Angriff begeistert in die Hände, und Entreri schwor sich, der Frau den Hals umzudrehen, und wenn es seine letzte Tat auf dieser sterblichen Ebene wäre.
Vor allem hatte er genug von diesem ungleichen Kampf. Er brauchte eine Waffe, und zwar schnell. Mit diesem einen Gedanken stolperte er vor einer neuerlichen Attacke der Spinne davon, sprang und hängte sich mit seinem ganzen Gewicht an einen der kostbaren Webteppiche, die rundum die aus dem Felsen gehauenen Wände verdeckten. Zwar war dieses Gewicht nicht gerade groß, aber es reichte, um den Teppich, samt der massiven, schmiedeeisernen Stange, an der er hing, von der Wand zu reißen. Entreri zerrte die gewundene Stange etwas mühsam aus den Halteschlaufen, gerade noch rechtzeitig, um den jetzt freien Webteppich über das heranstaksende Tier zu schleudern. Die Spinne ließ ein empörtes Prusten hören, als der schwere Stoff über sie fiel, brauchte aber nicht einmal zwei Sekunden, um sich von dem lästigen Ding zu befreien.
Zeit genug für Entreri, seinen improvisierten Speer zu ergreifen und zuzustoßen.
Offenbar gab es irgendwo zwischen dem harten Chitinpanzer, dem zottigen schwarzen Pelz auf der Brust der Spinne und den sich öffnenden und schließenden Zangen tatsächlich so etwas wie einen verletzbaren Punkt, denn der neueste Laut, den das Tier hören ließ, klang schrill und schmerzerfüllt.
Und wütend. In erster Linie wütend.
Die Frau auf dem Bett schien bemüht, sich als unparteiisches Publikum zu erweisen, denn sie applaudierte diesmal Entreri, und zwar nicht weniger enthusiastisch als zuvor ihrem Haustier. "Ves al xunor! - Sehr gut gemacht! lobte sie, und hätte Entreri seinen Speer nicht noch zur Verteidigung gebraucht, hätte er in diesem Moment gewiß versucht, ihn nach ihr zu werfen. So blockte er stattdessen zwei neuerlich vorschnellende Zangen ab, ließ sich fallen, rollte unter dem verblüfften Tier durch und schlug seine Eisenstange mit aller Macht gegen das Gelenk eines der Chitinbeine. Die Spinne brüllte erneut, knickte leicht auf einer Seite ein, und Tharzee klatschte wieder begeisterten Beifall.
Entreri unterdrückte mühsam ein bitteres Lachen, als er, hinter dem Tier, wieder auf die Beine kam. Beide Gegner waren nun angeschlagen, aus einer nicht sichtbaren Wunde irgendwo in dem haarigen Brustkorb der Spinne sickerte eine gelbliche Flüssigkeit auf den Marmorfußboden, und das Tier brauchte merklich länger als vorher, um sich wieder zu dem Menschen umzudrehen. Die schwarzen Punkte ihrer vorstehenden Augen glitzerten und blinkten unfreundlich.
Aber Entreri wußte auch, daß er weit schlimmer dran war als das Tier. Bei seiner vorherigen Aktion hatte die Spinne mit einem Bein seine ohnehin schon blutige Hüfte getroffen, und der Schmerz ließ den Raum vor Entreris Augen rotieren. Die Wunde blutete nicht allzu stark, aber es genügte, um den Menschen soweit zu schwächen, daß er der Spinne nicht mehr viel entgegensetzen konnte.
Und das Tier schien das zu wittern. Noch bevor Entreri seine sekundenlange Benommenheit völlig abschütteln konnte, setzte die Spinne nach, überwand die Distanz zu dem taumelnden Meuchelmörder mit klickenden Schritten ihrer verbliebenen funktionstüchtigen Beine und stieß erneut mit ihren Kieferzangen zu. Es war purer Instinkt, der Entreri noch einmal ausweichen ließ, aber die abrupte Bewegung belastete sein verwundetes Bein, das prompt unter ihm wegknickte. Er landete halb auf dem Rücken, wollte sich hastig zur Seite rollen, aber ein neben seinem Kopf auf den Marmorfliesen aufgesetztes Spinnenbein schnitt ihm sehr effizient den Weg ab. Die Spinne stand über ihm, ihre schwarzen Knopfaugen funkelten hungrig, und von den Kieferzangen tropfte etwas, das an den Geifer eines tollwütigen Hundes erinnerte.
Wunderbar, dachte der Mann. Artemis Entreri, Meuchelmörder aller Meuchelmörder, gefressen von einer verdammten achtbeinigen Hausspinne.
"Ilkalik", hörte er in diesem Moment die Stimme der Frau, und das Tier erstarrte mitten in der Bewegung. Praktisch unhörbare Schritte nackter Drowsohlen näherten sich der Stelle, an der Entreri lag, und gleich darauf kamen Tharzees Unterschenkel in sein durch die über ihm aufragende Spinne leicht eingeschränktes Blickfeld. Die Frau redete weiter auf das Tier ein, während sie offenbar die Wunde begutachtete, die Entreri ihm geschlagen hatte. Sie hielt einen Tiegel mit Salbe in der Hand, dessen Inhalt sie vorsichtig auf die Verletzung der Spinne auftrug, unter zärtlichen Liebkosungen, als streichle sie einen Hund. Die Spinne beantwortete die Zärtlichkeit mit einem dumpfen Grollen, das ebensogut Wut wie Wohlbehagen ausdrücken konnte.
"Sevir", hörte Entreri dann zu seiner Erleichterung aus dem Geplapper der Frau heraus. Das Drow-Wort für "weggehen". Prompt setzte die Spinne sich in Bewegung, machte ein paar Schritte rückwärts, von dem verwundeten Menschen fort, drehte sich dann um und lief gehorsam zurück zu dem kleinen Tor, durch das sie vor ein paar Minuten hereingekommen war und das sich sofort wieder hinter dem riesigen Tier schloß.
Entreri wagte vorsichtig, sich aufzusetzen. Noch konnte er kaum glauben, daß er eventuell diesen Tag doch überleben würde. Er warf einen Blick auf das sich schließende Fallgitter und dann einen zweiten, sehr viel längeren, auf die Drow-Frau, die noch immer, nackt wie Lloth sie geschaffen hatte, neben ihm stand. Tharzee fing diesen Blick auf und lachte leise, dann ging sie neben dem Menschen in die Hocke und begann, auch seine Wunde mit der kühlenden Heilsalbe zu bestreichen. Entreri nahm an, daß er sich geschmeichelt fühlen sollte darüber, daß er dieselbe Behandlung erhielt wie das geschätzte Haustier, aber dennoch packte er das Handgelenk der Frau und hielt es fest, während er ihr wütend ins Gesicht starrte.
Allein dafür hätte sie ihn vermutlich zu Tode peitschen lassen können. Aber offengestanden legte Entreri, nachdem er gerade so knapp den Zangen einer Riesenspinne entgangen war, nicht mehr allzu viel Wert auf die Feinheiten des Drow-Protokolls.
Tharzee wand ihre Hand fast mühelos aus seinem Griff und trug ungerührt weiter die Salbe auf. Entreri mußte zugeben, daß sie wunderbar half; die Verletzung heilte fast unverzüglich, beinahe, als hätte er einen magischen Heiltrank geschluckt. Dennoch hörte er nicht auf, die Frau haßerfüllt anzufunkeln, und schließlich ließ sie sich doch herab, diesen Blick zu bemerken.
"Jivvin", sagte sie mit einem Achselzucken, beiläufig, als verstehe sich das von selbst.
Ein Spiel. Entreri ließ den Kopf in den Nacken sinken und wußte nicht, ob er lachen oder heulen sollte. Noch ein Zehntag in diesem verfluchten Nest, und er würde wahnsinnig werden.
Tharzee tätschelte ihm, ganz ähnlich wie zuvor der Spinne, im Aufstehen den Kopf, verstaute die Salbe in einem Kästchen, das in der Nähe auf einem Beistelltisch stand, und schritt dann auf langen schlanken Beinen wieder an Entreri vorbei, quer durch den Raum zurück zum Bett, auf dessen Rand sie sich elegant niederließ. Sie warf Entreri unter halb gesenkten Lidern einen Blick zu und streichelte mit der Hand suggestiv über die zerwühlten Decken.
"Ssin'ssrigg?" erkundigte sie sich, in einem Tonfall, der vermutlich verschämt klingen sollte und dennoch ein eindeutiger Befehl war, auch wenn sich die Unterlippe der Frau dabei in ganz entzückender Weise nach vorne schob.
Entreri gestattete sich einen Moment völliger Fassungslosigkeit, ehe er in grimmigem Lachen den Kopf in den Nacken warf. Immerhin, diesmal gab es dafür keine Peitschenhiebe, nur ein paar schmollende Blicke und ein erwartungsvolles Tappen einer schwarzen Hand auf den seidenen Bettlaken. Vielleicht sah sogar die Frau ein, daß sie dem verachteten rivvil doch ein bißchen viel auf einmal zumutete.
Wie auch immer, dachte Entreri, als er sich unter leisem Ächzen vom Boden hochrappelte. An diesen Tag würde er noch lange denken.
-
Er schlief ein. So sehr er sich hinterher auch einen Narren schalt dafür, aber er schlief tatsächlich vor Erschöpfung in den ebenholzfarbenen Armen einer unberechbaren Dunkelelfe ein. Er nahm es als Indiz dafür, wie sehr ihn der Kampf gegen die Spinne, seine Verwundung und die Ansprüche einer doch recht fordernden Drow-Dame in Mitleidenschaft gezogen hatten. Dennoch gab es für eine derartige Unvorsichtigkeit natürlich keine Entschuldigung, und nach Entreris eigenen Anschauungen hätte er dafür den Tod zweifellos verdient gehabt.
Er erwachte gerade noch rechtzeitig, um mitzuerleben, wie die Spitze einer langen, von Gift nur so tropfenden Nadel in einer fließenden Bewegung in seinen Nacken gestoßen wurde. Im Reflex griff er erst nach Tharzees Fingern, die die Nadel hielten, dann nach ihrem Hals, aber schon auf halber Strecke merkte er, wie seine Finger kalt und gefühllos wurden. Eiskristalle schienen sich in seinem Blut auszubreiten, und sein gesamter Körper erstarrte in einer Lähmung, die alles bis auf die Augenlider erfaßt hielt. Schwer und gefühllos wie ein Marmorblock sackte Entreri bäuchlings zurück in die Kissen.
Die Frau lächelte ihn zufrieden an und schaute dann über seinen Kopf hinweg, als warte sie auf etwas.
Unmittelbar darauf spürte der gelähmte Mensch, daß etwas offenbar ziemlich Großes und Schweres vorsichtig auf das riesige Bett kletterte. Er konnte den Kopf nicht wenden, um sich zu vergewissern, aber der scharfe Raubtiergeruch, das mißgünstige Zischen und das Geräusch gegeneinander schabender Chitinplatten sagten ihm genug. Zu allem Überfluß packte die Frau jetzt mit festem Griff seine Schultern und drehte ihn auf den Rücken - vermutlich, um ihm Gelegenheit zu geben, dem nahenden Tod ins Auge zu schauen. Sie bettete den schwarzhaarigen Kopf des Meuchelmörders dabei geradezu zärtlich auf ihre Schulter, aber die Geste verlor viel an Wirkung durch die gewaltigen, messerscharfen Zangen, die sich direkt über Entreris Kopf unaufhörlich öffneten und wieder schlossen. Der Gestank, der dabei aus dem Maul des Tieres kam, nahm Entreri fast den Atem.
Sein Hirn raste, aber diesmal gab es wirklich keinen Ausweg. Das war es also gewesen. Er hatte seinen entscheidenden Fehler gemacht. Entreri hatte in frühester Jugend gelernt, daß das Leben keine Fehler verzieh - keinen, nicht einmal den geringsten - aber nur einer im Leben jedes Menschen entschied über Tod und Leben.
Das Leben. Nach Entreris Ansicht war es nichts als eine gigantische Version jenes grausamen Spiels, das in den Calimhafener Gilden gerne zum Eliminieren unerwünschter Gildenangehöriger eingesetzt wurde: ein riesiger "Vierteltisch". Vier Gläser auf einer sich rasend schnell drehenden Platte, und eines von ihnen enthielt Gift. Wer daraus trank, hatte verloren. Die Regeln des Spiels waren ebenso klar und eindeutig wie das Resultat endgültig, und jeder Teilnehmer tat folglich sein Möglichstes, sie soweit es ging zu seinen Gunsten zu verbiegen. Über drei Jahrzehnte lang hatte Entreri dieses grausame Spiel nun gespielt, und zwar meisterlich. Und noch während er innerlich wütend aufschrie, sein Wille und sein Zorn sich weigerten, das Unvermeidbare zu akzeptieren, fragte eine kaum hörbare Stimme ihn, ob ein Teil von ihm das nahende Ende nicht sogar begrüßte.
Undeutlich hörte er die Frau in ihrer unverständlichen Sprache auf das Tier einreden. Die gewaltigen Zangen über seinem Kopf bewegten sich unaufhörlich, aber zu seinem Entsetzen waren es nicht sie, sondern der harte, chitinartige Panzer des Spinnenunterleibs, der sich dem hilflosen Menschen näherte. Aus dem hinteren Ende des Tiers schob sich gemächlich ein Stachel. Unfähig, sich zu rühren, ja, selbst unfähig, zu schreien, sah Entreri zu, wie die messerscharfe Spitze sich in seinen Oberschenkel bohrte, direkt neben den rötlichen Narben, die auf seine vorherige Verwundung zurückzuführen waren. Ein gepeinigtes Keuchen zwängte sich zwischen seinen zusammengepreßten Zähnen hindurch, als das Fleisch über fast zwei Handbreit Länge sauber wie mit dem Messer aufgeschnitten wurde.
Es war beinahe das Letzte, was er sah, ehe eine gnädige Ohnmacht ihn überwältigte. Beinahe. Das Allerletzte waren die grauen, grob ovalen und von glitschigem Schleim bedeckten Gegenstände, die aus einer Öffnung am Hinterleib der Spinne in die offene Wunde glitten. Dann spürte er noch das tröstende Tätscheln einer dunklen Frauenhand an seiner Wange, und ließ sich freudig von einer Schwärze einfangen, aus der er hoffte, nie wieder erwachen zu müssen.
Übersetzung der verwendeten Drow-Begriffe:
"ussta lince'sa" - mein Haustier
"sae'uth." - zufrieden.
"sevir" - "geh weg"
"ilkalik" - "Halt!"
"Ves al xunor! - sehr gut gemacht.
