4. Szene
Die Kunst des Krieges

„Einmal das Tagesgericht aus der Gerüchteküche, bitte", begrüßte Lily Severus mit ergebener Miene, als sie ihn nach Zauberkunst auf seinem Weg zum Gewächshaus abfing.

„Inzwischen hat es sich bis nach Slytherin herumgesprochen, aber das habe ich dir ja gleich prophezeit."

Lily verdrehte die Augen. „Schon, aber ich war eigentlich davon ausgegangen, dass wenigstens dein Haus Besseres zu tun hat, als sich über solche Lappalien das Maul zu zerreißen."

Severus grinste. „Was gibt es Besseres für einen Slytherin als ein Drama im Hause Gryffindor? Hast du dir einen Schlachtplan überlegt?"

„Wozu brauche ich einen Plan? Ich hatte eigentlich vor, mich einfach so zu verhalten wie immer. "

„Du hast hier die ideale Gelegenheit, Potter die Hosen runterzulassen. Du bist praktisch moralisch verpflichtet, dich dem zu stellen."

Lily lachte und verzog das Gesicht. „Ich habe nicht vor, es soweit kommen zu lassen."
Severus grinste. „Das ist doch nicht dein Ernst."

„Also gut, oh strategisch begabter Slytherin, ich bin ganz Ohr."

Severus warf ihr ein verschlagenes Lächeln zu. „Ich bin froh, dass du die Sache endlich ernst nimmst. Also, es ist im Grunde ganz einfach." Er räusperte sich bedeutsam, während Lily gespannt wartete, welche geheimen Slytherin-Erkenntnisse Severus ihr wohl vorzutragen hatte.

„Wenn du willst, dass er bestimmt nicht glaubt, dass du seinem Charme erlegen bist, tu so, als wärst du plötzlich vor Verliebtheit wie von Sinnen. Trag ruhig dick auf, das kann selbst dieser Egomane dir nicht abkaufen."

„Du meinst, ich soll ihm vor der gesamten Schule um den Hals fallen? Das ist wohl nicht dein

Ernst."

„Keine Sorge, das mußt du gar nicht. Sobald ihr in der Öffentlichkeit seid, benimmst du dich völlig normal. Das wird ihn komplett verwirren. Wenn du Glück hast, überzeugt seine Bande ihn dann für dich, dass er unter Halluzinationen leidet."

„Eine nette Idee, aber so was ist zu hoch für Potter. Damit erreich ich nur, dass er glaubt, ich würde mich in der Öffentlichkeit für meine plötzliche Zuneigung schämen, und dann würde er garantiert in der Großen Halle oder sonst wo vor allen Leuten zudringlich werden, um ein Zeichen zu setzen. Was bedeuten würde, dass ich mich nicht nur übergeben müsste, sondern mir auch noch wegen unverhältnismäßiger Gewaltanwendung im Beisein Minderjähriger Nachsitzen einhandeln würde."

Severus krümmte sich vor Lachen. „Das würde ich nicht als Fehlschlag bezeichnen."

Lily versetzte ihm einen kräftigen Schlag auf den Oberarm. „Könntest du damit aufhören? Ich dachte, du würdest das Problem ernst nehmen. Was soll ich jetzt also am besten machen?"

Severus gab sich größte Mühe, seine Belustigung zu kontrollieren. „Ich an deiner Stelle hätte so ein Problem überhaupt nicht, ich hätte mich nämlich gar nicht erst auf so ein dämliches Spielchen eingelassen. Aber wahrscheinlich hast du recht. Sei einfach ganz normal und tu das, was du immer tust. Alles andere würde er nur irgendwie zu seinen Gunsten auslegen. Natürlich legt er dein normales Verhalten sowieso schon falsch aus, daher …"

„Du glaubst, er hält nicht Wort und lässt mich nach den drei Monaten nicht in Ruhe?"

„Na ja, er …" Severus wurde still, und für einen Moment verharrte sein Blick hochkonzentriert an der Außenwand des Gewächshauses, bei dem sie in der Zwischenzeit angelangt waren.

„Sev?" Lily wartete, während Severus eine weitere Pause machte, bis er sich schließlich mit sichtbarer Anstrengung aus seiner Starre riss.

„Der Goldjunge wird sein Versprechen schon nicht brechen. Was wäre er da für ein Gryffindor?"

Lily musterte ihn einen Augenblick und lächelte dann. „Sei vorsichtig, das könnte man als Kompliment für mein Haus deuten."

Severus erwiderte das Lächeln verschmitzt. „Nicht alles aus Gryffindor ist vollkommen unerträglich."

„Hört, hört!" Lily lachte und schlug ihm erneut auf den Arm, diesmal allerdings weit weniger heftig. Damit war die seltsame Stimmung verflogen, und den Rest der Pause verbrachte Lily damit, an Severus ihren verliebtesten Gesichtsausdruck zu proben, wenn auch ohne großen Erfolg. Severus konnte keine Minute ernst bleiben, aber sie konnte es ihm nicht verdenken. Die Vorstellung, sie könnte James mit so einem Ausdruck gegenübersitzen, brachte sie selbst regelmäßig zum Lachen.

Trotz allem konnte sie nicht aufhören, darüber nachzugrübeln, woran Severus vorhin gedacht hatte. Es war offensichtlich, dass er ihr irgend etwas nicht gesagt hatte. Sie kannte diesen Blick allzu gut. Er starrte in die Ferne oder an eine Wand oder auf seine Fingernägel und versank völlig in Gedanken. Meistens in unangenehmen Erinnerungen, mit denen er sie nicht belasten wollte. Er war gut. Sie wäre nie darauf gekommen, dass er etwas überspielte, hätte es nicht einige Dinge gegeben, an die sie sich auch nicht gern erinnerte. Sie konnte es ihm ansehen. Und dann – wie durch ein unsichtbares Signal – war er plötzlich wieder in der Welt der Lebenden und ganz der Alte.

Doch was war es diesmal? Was verheimlichte er ihr? Und wozu? Was hatte sie bei ihrem Schlachtplan nicht bedacht?