Die erste Woche

Für die erste Klasse des Nordturms war das Leben in einem Internat etwas völlig neues. Von nun an waren sie überall zusammen. Es war spannend für sie, einander kennen zu lernen, aber auch die anderen aus der Schule: Die vielen Gesichter aus dem eigenen Turm, aus der Klasse und schließlich natürlich auch die Lehrer – Herrn Schwarze, ihren gutmütiger Deutschlehrer und Mann von Dolly, Frau Wollert, ihre Geschichtslehrerin, die mit Dolly zusammen selbst einmal als Schülerin Möwenfels besucht hatte, ihren Mann Herrn Wollert, den die Erste aber zu ihrem eigenen Bedauern nicht im Unterricht hatte, Herrn Jung, den launischen Musiklehrer, Frau Lind, die anscheinend immer gut aufgelegte Kunstlehrerin, Madame Monnier und Mademoiselle Rougier, die beiden Französischlehrerinnen, die sich aber auf den Tod nicht ausstehen konnten...

Madame Monnier wurde schnell eine der beliebtesten Lehrerinnen bei den Mädchen, denn sie war impulsiv und hatte ein großes Herz. Sie war eine der wenigen Lehrerinnen, die nicht in Möwenfels wohnten. Stattdessen wohnte sie mit ihrem Mann, der im Möwennest Lehrer für französische Literatur war, in einem kleinen Fischerhäuschen nahe dem Meer.

Mademoiselle Rougier war im Gegensatz zu ihrer Landsmännin sehr streng und ewig schlecht gelaunt. So war es kein Wunder, dass die Mädchen schnell die Partei der lustigen kugelrunden Madame Monnier ergriffen, obwohl sie auch hofften, die leichtgläubige Lehrerin einmal gründlich aufs Glatteis führen zu können.

Erzählt von Frau Pott:

Wie in jeder Klasse ließ ich zu Anfang Übungsarbeiten schreiben. Ich hatte mir schon vorher ein vorläufiges Bild über meine Erste gemacht und fand dieses auch in den Arbeiten bestätigt. Helena hatte sehr solide abgeschnitten. Solide war sie wohl auch im sozialen Bereich: Ich schätzte sie als vernünftig und verantwortungsbewusst ein. Mir war klar, dass – obwohl Katrin natürlich für dieses Jahr das Amt behalten würde – sie bald die Rolle der Zimmerältesten still und heimlich übernehmen würde; Katrin war einfach nicht der Typ dafür. Sie war zwar absolut warmherzig und ein Gemeinschaftsmensch – ein unglaublich liebenswürdiges Mädchen, das die Klassenkameradinnen gewiss schnell in ihr Herz schließen würden – aber sie war in manchen Dingen wohl etwas zu begriffsstutzig. In dem Test machte sie verheerende Fehler.

Die lebendige Stefanie schien mir das typische Genie: In ihrem Test suchte ich förmlich nach Fehlern, fand aber keinen einzigen. Mir – und vor allem Dolly – machte sie aber aufgrund ihrer Vergesslichkeit und Tollpatschigkeit Sorgen. Ihr Kleiderschrank sah beispielsweise aus, als habe sie ihre Sachen von zehn Meter Entfernung hinein gepfeffert. Wenn sie gut durch das Leben kommen wollte, musste sie bei uns lernen, ein verlässlicher Mensch zu werden.

Judith war in dieser Hinsicht wohl ähnlich. Judith lebte für die Pausen. Im Unterricht hatte ich bereits jetzt das Gefühl, dass sie nie aufpasste. Ich musste dagegen bei ihr aufpassen: Es war mir lange nicht mehr untergekommen, dass ich Abschreiben während eines Tests nicht bemerkt hatte. Dieses Mal war es mir passiert: Judith hatte es wie auch immer geschafft die Hälfte des Tests bei Helena abzuschreiben.

Manuela war die einzige, in der ich mich getäuscht hatte. Als ich sie das erste Mal gesehen hatte, habe ich hinter ihrem hübschen Gesichtchen nur ein eitles, hochmütiges und oberflächliches Mädchen vermutet, aber was ich bisher von ihr gesehen hatte, zeigte, dass sie zwar etwas zu selbstbewusst, aber auch aufrichtig und hilfsbereit war. Der Test bewies außerdem, dass sie ein gutes Grundverständnis für die gefragten Dinge hatte – jedenfalls hatte sie sich sehr bemüht, alles so gut wie möglich zu lösen.

Was Lucy dagegen zeigte, war nichts als reine Arbeitsverweigerung. Ich war mir sicher, dass sie ein recht intelligentes Kind war, aber aus irgendeinem Grund war ihr Möwenfels einfach gleichgültig. Sie verhielt sich nicht nur gegenüber Dolly, mir und den anderen Lehrern, sondern auch gegenüber ihren eigenen Kameradinnen auffällig abweisend. Zwar wusste ich, dass hier ein ganz großes Problem zu lösen war, aber ich wollte es auch nicht zulassen, dass sie respektlos wurde oder zum Beispiel Johanna mit ihrer spitzen Zunge aufzog.

Johanna. Das nächste Problemkind, aber auf eine ganz andere Art wie Lucy. Warum war das Mädchen so ängstlich? Sie traute sich nicht aufzuzeigen und wenn ich sie ansprach, brachte sie kaum eine Antwort hervor. Im Test machte sie geradezu dumme Fehler, dabei war ich mir sicher, dass sie ein schlaues Mädchen war. Was bereitete ihr solchen Kummer? Hier vertraute ich auf Dolly. Die hatte für solche Kinder schon immer ein Händchen gehabt.

Dagegen war es meine Aufgabe, mich mit Maren und Isis rum zuschlagen; dafür war Dolly selbst noch zu sehr Schülerin, als dass sie den beiden Paroli bieten konnte. Isis war an sich ein sehr unkomplizierter Mensch: lebendig, hilfsbereit, intelligent und durchaus charmant. Auch hatte sie – im Gegensatz zu z.B. Judith und Lucy – einen gewissen Ehrgeiz, sich zu beweisen. Im Test hatte sie das auch getan. Ich befürchtete aber, dass sie in Kombination mit Maren eine Menge Unsinn anstellen und sich von ihr beeinflussen lassen würde – falls die Freundschaft, die sich da anbahnte, tatsächlich zustande kommen würde.

Marens Test war mit Stefanies der Beste. Das Mädchen war ideenreich, voller Energie, hatte eine spontane Natur und war verdammt auf Zack. Zu dumm, dass sie das selbst schon wusste und deswegen ein Selbstbewusstsein hatte, von dem Johanna nur träumen konnte. Und ich wusste, dass sie sich deswegen um ihre Noten nicht allzu viele Sorgen machen und ihr kluges Köpfchen lieber dazu gebrauchen würde, um Unsinn zu machen. Und Mädchen wie Stefanie, Judith, Isis und auch alle anderen würden sie zudem dazu anspornen.. Vielleicht würde sie schlimmer werden als Susanne und Lore damals zusammen. Ich sah in ihr aber auch einen starken Charakter; wenn Maren wollte, würde sie später wie Helena Achtung bei den Mädchen finden. Hoffentlich entwickelte sie sich in die richtige Richtung – und es war an uns, dafür zu sorgen.

Ein Mädchen aus der dritten Klasse steckte ihren Kopf zum Schlafsaal der Ersten herein. „Ist Johanna hier?". Johanna blickte auf. „Ja, bitte?", meinte sie. „Du sollst bei der Hausmutter deinen leeren Koffer abgeben! Er muss noch auf den Speicher".

Johanna nickte und ging zu ihrem Schrank. Lucy half ihr, den Koffer vom Schrank herunter zu nehmen.

Abends kam Dolly etwas früher in den Schlafsaal als sonst, um den Mädchen gute Nacht zu sagen. „Bevor ihr alle einschlaft, möchte ich noch etwas los werden", meinte sie. „Ich weiß, dass an einer Schule Streiche gespielt werden und ich persönlich halte das auch für normal. Aber auch da gibt es Grenzen. Ist es wirklich nötig, einer anderen Mitschülerin einen Streich zu spielen? Und ist es wirklich nötig, dass ich wegen eines Streichs ein schlechtes Gefühl habe und mir Sorgen machen muss? Ich will jetzt nicht wissen, wer die Gesundheitszeugnisse von euch genommen und wer sie Johanna untergeschoben hat. Aber eins möchte ich klarstellen: Ich habe lange nach den Gesundheitszeugnissen gesucht und deswegen ärgere ich mich sehr über diese Sache. Ich möchte, dass zwischen euch und zwischen uns eine Vertrautheit entsteht. Ihr könnt eure Schränke und Kommoden offen stehen lassen, weil ihr wisst: Bei uns wird nicht geklaut. Ihr könnt mit euren Problemen zu mir kommen. Ihr könnt zusammen lachen und euch beieinander wohl fühlen. Aber das wird nicht klappen, wenn ihr durch so etwas Misstrauen untereinander sät. Was soll ich denken, wenn mir demnächst etwas fehlt? Soll ich denken, dass einer von euch es genommen hat? Versteht ihr, was ich sagen will? Ihr denkt euch wahrscheinlich nicht viel dabei, aber solche Kleinigkeiten werden immer als Provokation und Sticheleinen aufgefasst und bewirken Missgunst und Misstrauen. Bitte lasst es nicht dazu kommen". Damit löschte Dolly das Licht. „Schlaft jetzt. Gute Nacht!".

Kaum hatte Dolly die Zimmertür hinter sich geschlossen, sprang Maren auf. Sie ging zu ihrem Schrank und durchsuchte ihn. Entsetzt stellte sie fest, dass Dolly Recht haben musste: Jemand hatte ihr die Gesundheitszeugnisse weggenommen und offensichtlich Johanna untergeschoben. Maren biss sich auf die Lippen und blickte in die Runde. Sie war sich sicher, dass jeder sie beobachtet hatte, aber keiner sagte etwas. Maren öffnete den Mund, schloss ihn aber dann wieder und legte sich ins Bett. „Hey, Maren!", wisperte Isis. „Du warst das nicht, oder?". Maren schüttelte den Kopf. „Nein". Zufrieden schloss Isis die Augen. Maren aber konnte noch nicht schlafen. Natürlich hatte sie Johanna nicht herein gelegt. Aber sie hatte Dolly hereingelegt. Und das war um nichts besser. Bis jetzt hatte sie immer den Unterschied gemacht zwischen den Schülern und den Lehrern. Schüler waren auf ihrer Seite, die Lehrer auf der anderen. Hier aber waren die Verhältnisse wohl anders. Das bereitete Maren Kopfschmerzen. Sie wollte ordentliche Streiche spielen, damit andere belustigen und kein Misstrauen sähen.

Frau Pott betrat lächelnd ihre Klasse. „Guten Morgen. Setzt euch". Die Klasse tat, wie ihr geheißen. „So, nun sind wir bereits am Ende eurer ersten Woche angelangt. Ich hoffe, ihr habt euch einigermaßen gut eingelebt. Ich habe den Test korrigiert und er zeigt, dass man mit euch arbeiten kann. Ab jetzt geht jeder Test oder jede Arbeit in eure Zeugnisnote mit ein – also, strengt euch an. So, ich werde nun die Tests austeilen, bevor wir weiter machen".

Lucy beugte sich zu Johanna. „Brauchst gar nicht so blöd zu gucken; du hast bestimmt deine gute Note, Streberkind". Johanna blickte auf, öffnete den Mund, sagte aber nichts. „Was ist?", schnappte Lucy. „Willst du etwas sagen?". Maren stupste Lucy an. „Mensch, hör endlich auf damit!", flüsterte sie. „Misch dich da nicht ein!", fauchte Lucy zurück. „Lass nur gut sein, Maren". Frau Pott stand plötzlich vor ihnen. „Lucy, dein Verhalten ist unmöglich. Du willst dich schlecht benehmen, deswegen tust du es auch. Von mir aus. Aber lass das nicht an anderen aus". Sie gab ihr den Test. „Hier bitte. Es ist der schlechteste der Klasse. Hast ja erreicht, was du wolltest". Lucy starrte sie böse an. „Dann ist ja gut", sagte sie.

Erzählt von Maren Lutke:

Die erste Woche war vorbei und es war bereits viel passiert. Unsere Gruppe aus dem Nordturm fand gut zusammen. Ich konnte die meisten gut leiden. Isis war wie ich vom ersten Tag an in Möwenfels heimisch. Sie hatte sich wohl hohe Ziele gesteckt, denn im Unterricht war sie immer voll dabei. Wahrscheinlich war sie etwas zu ehrgeizig, aber ich konnte sie gut leiden. Sie war von Grund auf ehrlich und hatte einen natürlichen Charme, mit dem sie jeden um den Finger wickeln konnte. So hatte Madame Monnier sie bereits in den ersten Tagen zu ihrem Liebling auserkoren. Eine Tatsache, die ihr seltsamerweise nicht die Missgunst von Mademoiselle Rougier einbrachte, denn auch die konnte Isis gut leiden. Kein Wunder: Sie besaß ein lebendiges Wesen, war hilfsbereit und großzügig.

Mit Lucy und Johanna dagegen – neben denen Isis und ich nun mal in der Klasse saßen und im Schlafsaal schliefen – kam ich noch nicht so gut klar. Lucy konnte zwar ganz lustig sein, wenn sie wollte, aber sie war gegen alles eingestellt und hatte eine spitze Zunge. Sie hänselte oft Johanna, die sich aber nie dagegen wehrte und sich das viel zu sehr zu Herzen nahm. Johanna sprach überhaupt nicht viel, höchstens mit Katrin, weil die so liebenswürdig war. Vor uns anderen hatte sie, glaube ich, Angst. Manuela zum Beispiel war verdammt hübsch und hatte ein selbstsicheres Auftreten, an die getraute sie sich nicht ran. Und so fand sie wohl an jedem etwas Beängstigendes.

Ich hatte mich bereits gut eingelebt. Von den Lehrern mochte ich Frau Pott am wenigsten und Herrn Schwarze am meisten. Sein Unterricht war eh der Beste. Interessant, würzig, witzig. Und Madame Monnier war natürlich eine Wucht. Ich brauchte sie nur anzusehen und schon musste ich lachen. Aber manchmal konnte ich gar nicht verstehen, wie sie so unglaublich gutmütig sein konnte.

Auch von den anderen Mädchen im Turm kannte ich bald die meisten. Natürlich waren da Olivia, Olly und Vivi aus der Vierten, die waren klasse, genauso wie Charlie und Isa, die Zwillinge oder die ernste, vernünftige Susu. Von den ganz Großen mochte ich am liebsten Anna, sie war für die Handballmannschaften zuständig, und natürlich Katharina, die Turmsprecherin, die kam ab und zu in unseren Gemeinschaftsraum und fragte nach, wie es uns ginge. Überhaupt nicht mochte ich eigentlich nur eine gewisse Patricia aus der Fünften, die fuhr Isis und mich bereits in der ersten Woche an, wir sollten doch gefälligst nicht durch den Flur rennen und sie kam doch tatsächlich einen Nachmittag in unseren Gemeinschaftsraum und herrschte uns an, wenn es noch einmal so laut wäre, würde sie das Frau Pott melden. Ich habe mir nur gedacht: Soll sie doch. Frau Pott kanzelte solche Versuche gewiss sofort ab, denn sie konnte Petzen nicht ausstehen. Diese Patrizia… der hätte ich gerne mal eins ausgewischt.

Nach der Sache mit den Gesundheitszeugnissen hatte ich aber nichts mehr angestellt. Im Gegenteil – ich war sogar mit dem Vorsatz zu Dollys Büro gegangen, mich zu entschuldigen. Aber ihr Büro war leer. Unwissend wie ich war, öffnete ich dann die Tür zu Dollys Wohnung. Einen Augenblick lang stutzte ich. Da lag Herr Schwarze seitlich auf dem Boden und erklärte seiner kleinen Tochter Katharina ein Spiel, das vor ihnen ausgebreitet lag. Einen Moment später als nötig räusperte ich mich. Herr Schwarze blickte auf. Er lächelte mich an. „Maren". Die Situation war ihm zum Glück nicht peinlich oder unangenehm. Das sprach mal wieder für ihn. Er stand auf und kam auf mich zu. Katharina kraxelte hinterher. „Suchst du Dolly?", fragte er. Ich nickte. „Die ist eben in die Stadt gefahren. Ist es dringend?". Ich schüttelte den Kopf. „Denn eigentlich solltest du nur in unsere Wohnung, wenn es dringend ist, weißt du". Er lächelte immer noch. „Ein bisschen Privatsphäre brauchen wir ja auch". Ich nickte. „Entschuldigen Sie, Herr Schwarze, das wusste ich nicht".

Später war ich ganz froh, dass Dolly nicht da gewesen war. Denn schließlich hätte es komisch geklungen, hätte ich gesagt: „Ich habe die Gesundheitszeugnisse zwar genommen, aber der Johanna hat sie ein anderes Mädchen untergeschoben". Und außerdem hatte Dolly ja auch gesagt: „Ich will jetzt nicht wissen, wer die Gesundheitszeugnisse von euch genommen und wer sie Johanna untergeschoben hat".