Es geschah so allmählich, dass es Arthur kaum bemerkte. Am einen Tag war seine Kneipe noch voller amerikanischer Soldaten gewesen, und am nächsten war der Raum beinahe leer, so schien es. Natürlich war es nicht so plötzlich passiert, doch als sich Arthur eines sonnigen Nachmittages umsah und erkannte, wie wenig uniformierte Männer da waren, war er schockiert. Er hatte sich mittlerweile an die Anwesenheit der Amerikaner gewöhnt. Und nun, da es so wenige waren, konnte er nicht anders, als sich deshalb ein wenig betrübt zu fühlen... ganz zu schweigen von dem Wissen, was diese plötzliche Räumung noch zu bedeuten hatte. Doch dieser Gedanke war zu schmerzhaft.

Kein Tag war in der vergangenen Woche vergangen, an dem Lieutenant Alfred Jones nicht an der Theke aufgetaucht wäre, mit einem frechen Grinsen und einer weiteren wahnwitzigen Idee, um Arthurs Zeit zu vergeuden. Und selbstverständlich hatte er jede Nacht zusammen mit Arthur in der Kneipe verbracht, hatte geredet, gelacht, gegrinst und gezwinkert, und leider auch gesungen. Und Arthur hatte alles in seiner Macht Stehende getan, um sich der blendenden, magnetischen, unbestreitbaren Anziehungskraft des Amerikaners zu entziehen. Es hatte keinen Zweck, Alfreds Charme zu verfallen, sagte er sich selbst. Ganz egal, wie sich dieses Schlamassel auch auflösen würde, ein böses Ende würde es in jedem Fall nehmen. Doch das konnte Arthur nicht davon abhalten, jede freie Minute, die noch blieb, mit dem frustrierenden Piloten zu verbringen.

Und nun stand Arthur hinter der Theke, polierte gedankenverloren das gleiche Glas seit zwanzig Minuten, und versuchte, sich einzureden, dass er nicht er nicht darauf wartete, dass ein gewisser amerikanischer Kampfpilot an diesem hellen, sonnigen, endlosen Nachmittag durch die Tür spaziert käme. Für einen kurzen Moment wandte er sich von der Tür ab, um das Glas zu verstauen. Sogleich ertönte hinter ihm Alfreds Stimme.

"Howdy, mein Zuckerstück, bist du auch rationiert?"

Arthur drehte sich blitzschnell um, lächelte breit, und bemühte sich dann sogleich, seine Begeisterung in Grenzen zu halten. "Wie war das? Was soll das denn heißen?" Sein Lächeln verschwand schnell, als er den Ausdruck in Alfreds Gesicht sah. Arthur wurde auf einmal schlecht. "Was ist los?"

"Richtige Vollbeschäftigung heute, was?" Alfred versuchte zu grinsen, doch seine Augen waren matt und er lehnte sich auch nicht lässig über die Theke, wie er es sonst immer tat. Er fragte nicht einmal nach einem Bourbon. Arthur schank ihm trotzdem einen ein.

"Eher gemächlich, denke ich... Was ist los?" Arthur weigerte sich, das Thema zu wechseln.

Alfred zögerte. "Trink einen mit mir." Seine Augen, seine Stimme, seine unruhigen Hände - alles an ihm verriet Arthur, dass etwas anders war. Dies war kein regulärer Besuch. Arthur nickte langsam.

"Also gut. Setz dich hin und ich komme dann gleich nach." Arthur drehte sich um und stellte ein paar Flaschen an ihren Platz, schnappte sich einen Lappen um die Theke zu wischen, und versuchte vergeblich, die kalte Furcht zu bezwingen, die sich in ihm ausbreitete. Schließlich, als die Theke blitzsauber war und nichts blieb, um ihn aufzuhalten, begab er sich mit einem Glas und einer vollen Flasche Rum für sich selbst zu dem Tisch bei dem zweit-vordersten Fenster.

Minutenlang saßen sie in vollkommener Schweigsamkeit da, Anspannung durchdrang die Luft, bis Alfred endlich sprach. "Also, wir... wir ziehen morgen los." Alfred setzte sein Glas ab und sah Arthur in die Augen. Arthur wandte den Blick ab. Schweigen.

"Wohin?" fragte Arthur schließlich.

"Wir werden irgendwo in Italien stationiert sein. Die Landung soll in Anzi... Anza..." Alfred lachte trocken. "Ich kann mich an diese italienischen Namen nie erinnern."

"Anzio," meinte Arthur, während sein Körper tauber wurde. Er versuchte zu schlucken. Er hatte gewusst, dass dieser Tag kommen würde, doch irgendwie hatte er sich immer eingeredet, dass sie noch mehr Zeit haben würden. Er schüttelte den Kopf, verständnislos. "Das kommt so unerwartet."

Alfred zuckte mit den Schultern. "Sie geben uns nicht viel Vorwarnung. Wir wussten, dass wir bald losziehen müssen. Es kam nicht wirklich unerwartet."

"Das stimmt wohl." Arthur starrte an Alfred vorbei eine Wand an. Er zwang sich, sich auf sie zu konzentrieren. Sie hatte ein paar Risse. Die würde er wohl übermalen müssen. Der Lärm der Kneipe mengte sich in seinem Kopf zu weißem Rauschen zusammen. Als Alfred wieder sprach, war ihm, als käme es von ganz weit weg.

"Ich werde dir schreiben."

"Vielen Dank, doch Sie werden gewiss sehr beschäftigt sein. Verschwenden Sie ihre Zeit bitte nicht mit mir." Und wieso sollte er das auch... was war Arthur denn schließlich schon für Alfred?

"Aber ich..."

Arthur stand auf. "Ich... Ich muss gehen. Ich muss für morgen noch so viel vorbereiten... für heute Abend meine ich, ich..." Arthur griff hastig nach seinem Glas und warf es dabei um. Er ignorierte es und nahm stattdessen die Flasche. "Bitte bleiben Sie wohlauf und besuchen Sie mich doch wieder einmal, wenn das Ganze hier vorbei ist, ja? Leben Sie wohl, Alfred."

"Arthur..."

Endlich sah Arthur Alfred wieder an, und für einen langen Augenblick verhakten sich ihre Blicke ineinander. Es benötigte Arthurs ganze Kraft, seine Augen wieder loszureißen. Er drehte sich weg, stieß in seiner Hast beinahe einen Stuhl um, und eilte aus dem Raum. Er bemühte sich verzweifelt, nicht zusammenzubrechen, als er die Gruppen trinkender, sprechender und lachender Leute passierte. Er ballte die Fäuste und seine Augen brannten. Schließlich riss er die Tür zum Hinterzimmer auf, rannte die Stiegen hinauf, durch seinen Wohnbereich, in sein Schlafzimmer, und schlug die Tür hinter sich zu. Er lehnte sich gegen sie, legte seinen Kopf in seine Hände und brach sogleich in Tränen aus.

Das war doch absurd, versuchte er sich einzureden. Er sollte doch lieber erleichtert sein, endlich diesen nervtötenden Amerikaner vom Hals zu haben, sein Leben wiederzubekommen, und sich nicht länger mit Ungewissheit und Verwirrung herumschlagen zu müssen. Doch alles, was er fühlen konnte, war eine kalte, schwarze Leere, wo sein Herz zuvor gewesen war. Der Gedanke, dass er Alfred nie wiedersehen würde, nahm ihm den Atem. Der Gedanke, dass er... nein, er konnte daran nicht denken. Arthur riss sich die Schürze und Krawatte vom Leib und schleuderte sie voll Zorn auf den Boden, bevor er die Flasche Rum aufschraubte. Ungeachtet des Brennens in seiner Kehle kippte er ihn hastig hinunter. Er wollte bloß noch vergessen. Er schluckte, atmete tief durch, und trank wieder, während ihm Tränen über die Wangen strömten. Er rieb sie sich ungeduldig. Alfred ging weg. Alfred war weg. Und Arthur hatte dies die ganze Zeit gewusst, doch die Realität traf ihn dennoch wie ein Schlag ins Gesicht.

Nach einigen weiteren großen Schlucken Rum schnappte Arthur nach Luft und wankte auf sein Bett zu, er sehnte sich danach, sich unter den Decken verkriechen, und nie wieder hervorkommen zu können. Jedoch hielt er abrupt inne, als sich die Tür hinter ihm öffnete. Arthur blieb wie angewurzelt stehen, fühlte, wie sich sein Magen verdrehte und sein Nacken heiß wurde. Er hatte vergessen, beide Türen zu verschließen. Die Tür hinter ihm fiel ins Schloss und er spürte eine warme Präsenz an seinem Rücken. Er konnte sich nicht umdrehen.

"Ich möchte nicht, dass wir uns auf diese Weise verabschieden," meinte Alfred.

"Gibt es denn einen besseren Weg?" fragte Arthur bitter. Er versuchte, seine Tränen unbemerkt wegzuwischen, doch Alfred ergriff seinen Arm sanft und zugleich fest. Arthur zwang sich, sich Alfred zuzuwenden und ihn anzusehen. "Wieso bist du mir gefolgt?"

"Wieso weinst du?" fragte Alfred leise und ignorierte Arthurs Frage, als er sanft Arthurs feuchte Wange berührte.

"Das... das... das tue ich doch gar nicht." Arthur versuchte erneut, seine Tränen zu trocknen und Alfred nahm seine Hand.

"Ist es wegen mir?" Alfred entnahm Arthur die Flasche und stellte sie auf einem nahegelegenen Tisch ab.

Arthur schüttelte den Kopf, zögerte, und nickte dann.

"Hab ich etwas falsch gemacht?"

"Nein. Es ist bloß... Ich..." Arthur atmete tief durch, wischte seine Augen ab, und ließ hilflos alles heraus. "Damit du es weißt, ich weine niemals, und mir ist klar dass ich vollkommen erbärmlich wirke, doch ich begreife einfach nicht, wie du das alles in mir auslösen kannst... Wieso musstest du überhaupt in mein Leben kommen und alles so wundervoll und furchtbar und verwirrend machen!" Arthur kniff seine Augen fest zu, um die Tränen aufzuhalten, die nicht versiegen wollten. "Und ich wusste ganz genau, dass du würdest gehen müssen, also strengte ich mich so sehr an, diese Gefühle nicht zu haben... doch letzten Endes konnte ich mich nicht davon abhalten, mich in dich..." Arthur fing sich, bevor er den Satz beenden konnte. Was, wenn er alles falsch gedeutet hatte... was, wenn ihn Alfred jetzt abstoßend fand... "Ach verdammt, das ist alles so sinnlos!"

"Ssch," sagte Alfred, legte seine Arme um Arthur und zog ihn langsam an sich. Er neigte den Kopf nach unten und küsste Arthurs Augenlider. Arthur zitterte unter der Berührung, unter Alfreds warmem Atem. "Es tut mir leid. Doch ich konnte einfach nicht anders. Von der Sekunde an, als ich dich zum ersten Mal sah, wollte ich dich nur noch zum Lächeln bringen."

"Sag das nicht!" entgegnete Arthur und versuchte halbherzig, Alfred von sich zu schubsen. Alfred rührte sich nicht vom Fleck. "Sag das nicht, denn du gehst weg und ich werde dich nie wiedersehen, und ich ertrage das einfach nicht, ich ertrage nicht, dass du nicht..."

"Ich werde wiederkommen," fiel ihm Alfred ins Wort.

Arthur blickte hinauf in diese strahlenden, blauen Augen und fühlte, wie viel Angst er davor hatte, dass Alfred genau das nicht tun würde. "Bitte, Alfred, ich..." außerstande, die Gefühle, die ihn durchfuhren, in Worte zu fassen, packte Arthur bloß Alfreds Kragen, zog ihn zu sich herunter und küsste ihn. Auf einmal hielt er inne, panisch, und versuchte erneut Alfred wegzuschubsen, doch musste feststellen dass sich Alfred heftig dagegen wehrte, dass er Arthurs Kuss erwiderte und dessen Taille mit starken Armen noch enger umschloss. Arthur fühlte ein solch starkes Verlangen, dass es ihn selbst schockierte, doch als ihm klar wurde, dass Alfred darauf einging, trat jedes verdrängte Gefühl wieder zum Vorschein. Er hatte Angst vor Alfreds Verschwinden. Er hatte Angst, dass ihn Alfred vergessen könnte. Er hatte Angst, dass er Alfred womöglich nicht so viel bedeutet hatte wie Alfred ihm. Er hatte einfach Angst.

Arthur bemühte sich, diese furchteinflößenden Gedanken zu vergessen, indem er sich in Alfred einhüllte, und er kreischte überrascht auf, als ihn Alfred mit starken Armen hoch hob. In Arthurs Kopf drehte sich alles. Er wickelte seine Beine um Alfred, und mit noch verbundenen Lippen trug ihn Alfred zu seinem Bett, auf dem sie zusammen landeten. Und Arthur akzeptierte nun endlich, dass er dies die ganze Zeit gewollte hatte... genau das... Alfred...

"Alfred... Alfred," keuchte Arthur, umklammerte Alfreds Schultern und küsste dessen Lippen, Wangen, Hals, Ohren... Arthur blieb die Luft weg im Angesicht des Wunders, dass er Alfred auf diese Weise berührte, so, wie er es wollte, so, wie er es gewollt hatte, seit er den Anderen das erste Mal erblickt hatte.

"Arthur, ich..." begann Alfred, doch unterbrach sich, um Arthur noch einmal ausgiebig zu küssen, "Möchtest du..."

"Ja!" schrie Arthur geradezu, und stieß sein Becken gegen Alfreds. Arthur wurde auf einmal bewusst, dass sie beide sehr, sehr erregt waren. "Oh ja... Ich will..." Er war noch immer etwas schockiert, aber nicht genug, um aufzuhören. Alfred küsste ihn. Alfred berührte ihn. All die Zeit hatte er es sich nicht vorstellen können. Alfred wollte ihn. "Ich will es."

Alfred riss Arthur regelrecht das Hemd vom Körper, bevor er dasselbe auch mit seinem eigenen tat. "Ich will dich," flüsterte er, und Arthur keuchte als sich ihre bloßen Oberkörper trafen. Es war elektrisierend, unglaublich, perfekt... wie er es noch nie erlebt hatte, oder überhaupt zu träumen gewagt hätte. Arthur verflocht seine Finger mit Alfreds schweißfeuchtem Haar und suchte hitzig Alfreds Lippen mit seinen. Sie schmeckten nach Bourbon und Sonnenschein und einer Spur Schokolade. Nach Alfred.

Arthur spürte Alfreds Herz hinter warmer, weicher Haut rasen, fühlte es unter seinen Händen pochen als diese wanderten, rau und ungeduldig, über Alfreds zitternden Körper. Es war berauschend. Arthur wollte mehr, wollte alles. Er entzog sich dem Kuss für einen Moment, nahm einen Tiegel Creme vom Nachttisch und drückte ihn mit zittrigen Händen in Alfreds eigene. Alfred zögerte, und Arthur ergriff leichte Panik, dass er womöglich falsche Schlussfolgerungen gezogen haben könnte. Dann jedoch wurde Alfreds Atem an Arthurs Hals unregelmäßig und er flüsterte, "Arthur, ich... hab noch nie..."

Arthur lächelte erleichtert und legte seinen Kopf in Alfreds weiche Halsbeuge. "Ich auch nicht, aber... möchtest du trotzdem..."

"Ja!" unterbrach ihn Alfred, bevor er Arthur leidenschaftlich küsste. Alfreds Hände wanderten nach unten und fummelten ungeschickt an Arthurs Hosenbund herum. Teils amüsiert, teils erregt zog Arthur sie selbst aus. Alfred öffnete rasch den Tiegel, und Arthur keuchte als er Alfreds Hand genau dort spürte, kühl und nass. Arthur war sich nicht sicher, ob alles tatsächlich so schnell geschah, oder ob der Rum und das unerwartete Hochgefühl dafür sorgten, dass alles miteinander verschwamm. Doch Alfred war bei ihm, er drang in ihn ein, und der anfängliche Schmerz kümmerte Arthur wenig, denn alles war wundervoll und intensiv und er hatte nie zuvor so viel auf einmal gefühlt. Er konnte es kaum nachvollziehen, so, wie sich in seinem Kopf alles drehte und sein einziger Gedanke war, so viel von Alfred zu berühren wie möglich, so nah bei ihm zu sein wie möglich, und ihn nie wieder loszulassen.

"Alles... alles in Ordnung bei dir?" erkundigte sich Alfred mit zittriger Stimme.

"Mhm," erwiderte Arthur in einem leisen Flüstern, aufgrund der überwältigenden Lustgefühle kaum in der Lage, überhaupt zu antworten.

"Erinnerst du dich, als ich dir von meinem ersten Flug erzählte und es so schlecht erklären konnte?" sprach Alfred, warm und sanft gegen Arthurs Lippen atmend.

Arthurs Augen öffneten sich und er blickte in Alfreds. "Ja..." Etwas von wegen heftig, atemberaubend, nervös zu sein aber nicht zu wollen, dass es aufhört...

"Genau so hat es sich angefühlt."

Diese Worte schickten einen Blitz aus Feuer durch ihn. Arthur bemühte sich, die Kontrolle nicht zu verlieren, sogar als er sich an Alfred festklammerte und sie sich in einem kraftvollen Rhythmus zusammen bewegten. Kribbelnde Lust durchdrang jeden Teil von ihm; sein Körper pochte vor Anspannung, wo immer ihn Alfred berührte. Alles andere schien zu verblassen, und dies war alles, was existierte - ihre verschmolzenen Körper, ihre tanzenden Zungen, Lippen und Gliedmaßen und Schweiß und Atem. Es war zu viel. Die Lust spitzte sich zu, fokussierte sich, und Alfreds Gesicht verschwamm über ihm als Arthur mit einem stillen Schrei losließ. "Ich liebe dich," flüsterte er, seine Stimme gebrochen und von Alfreds Schulter gedämpft. Halb schluchzend, halb lachend. "Ich liebe dich, verdammt noch mal."

Alfred keuchte, als er diese Worte hörte, er zitterte, und zuckte einige Momente lang, bevor er sich erschöpft auf Arthur fallen ließ. Arthur hielt ihn, während sie ihre Atmung unter Kontrolle brachten. Bloße, durchschwitzte Haut presste aufeinander. Dann hob Alfred den Kopf, sah Arthur in die Augen und sagte, "Ich liebe dich auch."

Arthur vergrub sein Gesicht in Alfreds Schulter, ihm war es auf einmal unangenehm, dass er diese Worte laut gesagt hatte. "Du kennst mich doch gar nicht," murmelte er. Es schien viel zu unglaublich, viel zu wundervoll, um tatsächlich wahr zu sein.

Alfred lachte zittrig. "Natürlich tu ich das." Er drehte sich auf den Rücken und nahm Arthur in seine Arme. Arthur legte seinen Kopf auf Alfreds Brust und genoss das Gefühl der starken Muskeln unter ihm. "Und ich werde noch mehr herausfinden. Ich will jede Seite im Buch des Arthur lesen."

Arthur runzelte die Stirn. "Was soll das denn bedeuten?"

"Keine Ahnung, fiel mir bloß so ein."

Arthur lächelte an Alfreds Brust. "Du bist unverbesserlich."

"Du bist perfekt."

"Halt' die Klappe."

Arthur lauschte dem stetigen, etwas schnellen Klang von Alfreds schlagendem Herzen. Ihre Hände verflochten sich und Alfred strich mit seinem Daumen sanft über Arthurs Hand. Ein warmes Gefühl breitete sich in Arthurs Brust aus. Alfred... liebenswerter, nervtötender, unglaublicher Alfred... erwiderte seine Liebe. Und er würde ihn verlassen. Die späte Nachmittagssonne strömte durch die Vorhänge, erleuchtete Teile des Raumes, während es andere in Schatten warf. Arthurs stille Zufriedenheit verwandelte sich allmählich in Wehmut. Alfred schien das zu spüren.

"Ich meinte das ernst, was ich gesagt habe. Ich werde sichergehen, dass ich zu dir zurückkomme."

Arthur atmete scharf ein. Er wünschte, er könnte ihm das glauben. "Und wie willst du das machen?"

Alfred zwinkerte. "Magie."

Arthur lachte und verdrehte die Augen. "Das sagst du sehr oft. Sind Sie etwa so eine Art Magier, Lieutenant Jones?"

"Muss ich wohl sein. Immerhin habe ich es bis hierher geschafft."

"Oh... das erinnert mich." Arthur wandte sich von Alfreds strahlendem Grinsen ab und griff nach seinem Hemd. Er zog ein weißes, besticktes Taschentuch aus der Brusttasche und übergab es Alfred. Arthur war sich nicht sicher gewesen, ob er Alfred das Taschentuch überhaupt geben sollte, nicht sicher, ob es unangebracht oder zu aufdringlich gewesen wäre. Nun schien jedoch der perfekte Moment dafür zu sein. "Du hast doch erwähnt, dass du keinen Glücksbringer hast, also... habe ich den hier für dich bestickt." Alfred zog eine Augenbraue hoch. "Verrate es aber ja keinem," fügte Arthur missmutig hinzu.

"Unser kleines Geheimnis," meinte Alfred und zwinkerte. Er hielt das Taschentuch hoch. Es war weiß, mit einem rot-blau gestickten Muster entlang des Randes. In der einen Ecke waren zwei rote, ineinander verschlungene Buchstaben A. Alfred lächelte während Arthur auf seine Hände starrte. "Ich fühle mich geehrt. Ist zwar kein Eisbär, doch ich denke, es ist wird ein richtig toller Glücksbringer sein."

Etwas geniert schnaubte Arthur und drehte den Kopf weg. Er hatte das Taschentuch wenige Tage nach der ersten Nacht, in der sie zusammen getrunken hatten, fertiggestellt, nachdem er weder Alfred aus seinem Kopf bekommen konnte, noch aufhören konnte sich zu fragen, ob die Worte und Taten des Anderen vielleicht... bloß vielleicht... "Wie wusstest du eigentlich, dass ich... nun..." Arthur wusste nicht, wie er die Frage formulieren sollte, doch ihm war ebenso bewusst dass Alfred zu begriffsstutzig war, um es zu verstehen, wenn er sich nicht klar ausdrückte. "Nun ja, dass ich so bin... wie du, dass ich..." Arthur atmete tief durch, "... die Herren der Schöpfung bevorzuge?" Alfred grinste breit und Arthur spürte, wie er rot anlief.

"Also, Arthur, ich weiß ja nicht ganz, wie das hier in Großbritannien läuft, doch dort wo ich herkomme, wenn da ein Kerl deine Hand hält, und mit dir tanzt, und ganz rot und durcheinander wird, bloß weil du ihm zeigst, wie man 'nen Baseballschläger hält, dann ist das ein ziemlich sicheres Anzeichen dafür, dass er mehr von dir will als bloß dein Trinkbruder sein."

Arthur wurde leichenblass. "Soll das heißen, du wusstest... die ganze Zeit dass ich..."

"Die ersten fünf Male, als du mir Bourbon einschenken wolltest, hast du die Hälfte davon verschüttet. Deine Hände haben bei keinem Anderen je gezittert."

Arthur vergrub sein Gesicht in seinen Händen. "Ach verdammt." Alfred lachte unbeschwert.

"Deshalb wusste ich, dass ich dir das alles erzählen kann, dass Beth die einzige Lady für mich ist, dass ich auf ältere Männer stehe. Ich wusste, dass du es verstehen würdest." Alfred nahm Arthurs Hand in seine und küsste ihn liebevoll, sanft. "Du scheinst es jedoch schon sehr lange verborgen zu haben."

Arthur lachte nervös gegen Alfreds Lippen. "Du machst dir ja keine Vorstellungen." Er unterdrückte die schmerzhaften Gedanken, die auszubrechen drohten - dass, ja, er hatte es viel zu lange verdrängt, bloß um zu spät jemanden zu finden, der ihn verstand - und betrachtete den Schatten, der mittlerweile mächtiger wurde als das Licht, das die Vorhänge hinein ließen. "Es wird dunkel," merkte er an.

"Du weißt ja, was du zu tun hast, wenn es finster wird," sagte Alfred, griff nach seiner Hose und verstaute das Taschentuch vorsichtig in der Hosentasche.

"Häh? Was denn?" fragte Arthur verwirrt.

"Keep smiling through," brach Alfred in Gesang aus, "just like you always do..."

"Oh Gott!" Arthur hielt sich die Ohren zu. "Fang nicht schon wieder mit dem Unsinn an!"

"Till the blue skies drive the clouds far away!"

Er suchte hastig nach der nächstbesten Waffe, die er finden konnte, um dem schrecklichen Gesang ein Ende zu machen. Er schnappte sich ein Kissen und attackierte Alfred damit. "Du bist wirklich der mieseste Sänger, den ich je gehört habe!"

"Das ist eine Lüge!" kreischte Alfred und versuchte, sich gegen die Kissenangriffe zu wehren.

"Ein Gentleman lügt nie!"

"Ist ja schön und gut, aber wir reden hier von dir," grinste Alfred.

Arthur japste empört und griff erneut an. Dieses Mal schlug Alfred zurück. Als sie sich schließlich nach geschlagener Schlacht lachend und erschöpft im Bett zurückfielen ließen, war das Licht draußen beinahe verschwunden.

Während auch das letzte Sonnenlicht versiegte, lagen Arthur und Alfred schweigsam da, mit verflochtenen Händen, ihre Brustkörbe hoben und senkten sich in einem ähnlichen Rhythmus. Irgendwo war Arthur bewusst, dass er an die Arbeit gehen sollte, doch er ignorierte den Gedanken. Dies könnten sehr wohl die letzten Momente sein, die er je mit Alfred würde verbringen können. Diesen Gedanken verdrängte er ebenfalls. Arthur wurde, als sie Seite an Seite lagen, im gleichen Takt atmend, schmerzhaft bewusst, dass er in seinem Leben noch nie so glücklich gewesen war wie mit Alfred. Und er hatte Wochen damit verbracht, es zu ignorieren und ihn von sich zu stoßen.

Neben ihm begann Alfred, den Rest des Liedes zu summen, das er zuvor begonnen hatte. Arthur spürte Bedauern durch ihn fahren und er hielt sich an diesen letzten, kostbaren Momenten fest, fühlte Alfreds Haut an seiner, atmete Alfreds Duft, lauschte seinem sanften Summen gemischt mit unregelmäßiger Atmung. Arthur schlief zu der Melodie von "We'll Meet Again" ein, auf Alfreds Brust liegend und seine Hand haltend.

Als Arthur erwachte, war der Raum finster, und Alfred war weg.