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Erwachen

Warrick war wie erstarrt. Er konnte an nichts anderes mehr denken, als an seinen Freund, der irgendwo ganz in der Nähe liegen musste. Niedergeschlagen und bewusstlos. Er hoffte inständig, dass er nicht ernsthaft verletzt war.

Na los! Bewegung!", ungeduldig stupste ihn der Mann mit der Pistole an. Warrick stand daraufhin langsam auf und mit ihm wanderte auch die Waffe an seinem Kopf in die Höhe. In aufrechter Position wartete er auf die nächste Anweisung.

Das Zeug in deinen Händen, leg es auf den Boden!", kam diese prompt und er tat wie ihm geheißen, legte die Taschenlampe und die beschriftete Beweismitteltüte, neben seinen Koffer und die Kamera.

Und jetzt zieh die Weste aus!" Warrick tat auch das, faltete sie halb zusammen und platzierte sie wie gewünscht neben den anderen Dingen. Als er sich wieder erhob, fiel neben ihm schließlich noch etwas auf die Erde und ordnete sich in die Linie der aufgereihten Sachen ein. Es war nicht sonderlich groß und reflektierte das Licht. Bei genauerem Betrachten stellte er fest, dass sich dabei um einen Ring handelte – Nick's Ring. Was wollte er damit nur bezwecken? Vielleicht eine Botschaft, die es zu entschlüsseln galt, vermutete Warrick. Vielleicht wollte er damit aber auch lediglich etwas Verwirrung stiften. Er wusste es nicht, zudem sollte ihm auch keine Zeit mehr bleiben länger darüber nachzudenken.

Und jetzt vorwärts!", wieder traf ihn der Lauf der Pistole im Genick, wie zur Erinnerung, dass sie noch da war und er lieber das tat, was man von ihm verlangte. Behutsam setzte er einen Fuß vor den anderen, nicht zu schnell und auch nicht zu langsam, in furchtsamer Erwartung, was jetzt auf ihn zukommen würde.

Sie waren noch keine zwanzig Schritte gegangen, als er Nick im Gras entdeckte. Er lag auf der Seite, die Beine leicht angewinkelt und an seiner Schläfe glänzte deutlich der rötliche Schimmer frischen Blutes, das aus einer Platzwunde ins Gras tropfte. Warrick konnte nur schwer dem Drang widerstehen, sofort zu ihm zu stürzen, um sich davon zu überzeugen, ob er tatsächlich noch lebte. Seinen besten Freund so zu sehen tat weh, doch er musste jetzt stark sein. Stark für sie beide.

Na los! Worauf wartest du noch? Schnapp dir deinen Kollegen, damit wir endlich von hier verschwinden können.", wurde er erneut angeblafft. Also ging er neben Nick in die Knie und drehte ihn, unter den wachsamen Augen ihres Widersachers, vorsichtig auf den Rücken. Er musste einen ganz schönen Schlag abbekommen haben, wenn er immer noch nicht wieder zu sich gekommen war. Dann griff er ihm unter die Arme und erhob sich mit ihm. Als er aufblickte, konnte Warrick den Mann der ihn bedrohte zum ersten Mal richtig sehen, weil er nun nicht mehr mit dem Rücken zu ihm stand. Er war ungefähr von seiner Größe und Statur, schätzungsweise Anfang dreißig und…. Sein blasses Gesicht wirkte gestresst und das hellbraune halblange Haar hing ihm strähnig in die Stirn. Mit seinen Augen, deren Farbe im Halbdunkeln nicht so genau zu erkennen war, funkelte er ihn wütend an. Besonders auffällig war noch das Muttermal auf seiner linken Wange. Er trug eine Polizeiuniform, an dessen rechter Hemdtasche sich wie üblich ein Aufnäher mit dem Namen befand. Smith, war deutlich zu lesen. Und an seinem Gürtel, gerade so als wollte er sie absichtlich zur Schau stellen, hing seine Dienstmarke mit der Personalnummer. Schwere grüne Gummistiefel rundeten das Bild schließlich ab, auch wenn sie so gar nicht dazu passten. Warrick war sich nicht sicher, ob dieser Mann tatsächlich der Polizist war, der zusammen mit Carson den Tatort gesichert hatte. Sicher, er trug unverkennbar dessen Arbeitskleidung, doch er hatte ihn vorhin nur von Weiten und dazu auch nur ganz kurz gesehen. Es war also gut möglich, dass der echte Smith überfallen, wenn nicht sogar getötet worden war, und ihr Entführer sich nun als dieser ausgab. Allerdings blieb ihm kaum Zeit länger darüber nachzudenken, denn schon im nächsten Moment versperrte ihm der Lauf der Pistole die Sicht und er blickte in die düstere todbringende Schwärze der Mündung.

Na los, schlaf nicht ein! Da geht's lang!" Der Entführer nickte mit einer knappen Kopfbewegung in nördliche Richtung.

Was wollen Sie eigentlich mit uns beiden? Es reicht doch wenn Sie mich mitnehmen. Lassen Sie ihn hier!", startete Warrick einen verzweifelten Versuch, um Nick eine weitere Entführung zu ersparen. Er wusste nur zu gut, dass sein Freund noch mit den Auswirkungen der letzten zu kämpfen hatte. Und noch stand nicht fest was Smith mit ihnen vorhatte. Was wenn er einen ähnlich kranken Plan verfolgte, wie damals Kelly Gordons Vater? Oder was noch schlimmer war, wenn sie es hier mit einem möglichen Komplizen von damals zu tun hatten, der nun ihr Werk vollenden wollte?

Das geht nicht! Er spielt die Hauptrolle in meiner kleinen Inszenierung. Und jetzt vorwärts! Ich will kein Wort mehr hören oder es wird euch beide teuer zu stehen kommen."

Warrick schossen die derbsten Beschimpfungen durch den Kopf, doch er sagte nichts mehr und setzte sich stattdessen in Bewegung. Rückwärts laufend, zog er Nick über den trockenen Boden. Dabei musste er kurz an die Schleifspuren denken, die er so glücklicherweise hinterließ, wohlwissend, dass man dadurch wenigstens eine erste Spur auf ihren Verbleib erhielt.

Ihr Ziel war ein beigefarbener SUV, der nicht weit entfernt, versteckt hinter einem hohen Holunderbusch, parkte.

Da rein!", wies der junge Mann ihn weiter an und Warrick lief auf die hintere Tür zu, um Nick auf den Rücksitz zu legen.

Nicht da rein Schwachkopf! In den Kofferraum!", Smith rollte genervt mit den Augen.

Warrick widerstrebte das gewaltig, doch es blieb ihm nichts anderes übrig, als dem Gesagten Folge zu leisten, da Smith bedrohlich mit der Waffe fuchtelte. Er konnte nur hoffen, dass Nick von alldem nichts mitbekam und wenigsten noch so lange bewusstlos blieb, bis sie da waren, wo der Kerl mit ihnen hinwollte. Er wollte lieber nicht daran denken, was für ein Schock das für seinen Freund sein würde, wenn er plötzlich in einem kleinen engen dunklen Raum zu sich kam.

Wenn du weiterhin versuchst Zeit zu schinden, haben deine Leute gleich noch eine Leiche zu untersuchen.", wurde Smith allmählich ungeduldig. Warrick schluckte bei diesen Worten und hievte Nick in den Laderaum des geräumigen Geländewagens. Als er gerade dabei war dessen Füße über die Kante zu heben, traf ihn auf einmal etwas hart am Hinterkopf. So überraschend und schmerzvoll, dass er vornüber kippte. Benommen realisierte er nur noch, wie nun auch er in den Laderaum geschoben wurde. Dann senkte sich das samtschwarze Tuch der Bewusstlosigkeit über ihn und nahm all den Schmerz und die Angst mit sich…


Irgendwo am anderen Ende der Stadt, vielleicht aber auch einige Meilen außerhalb, kam Warrick schließlich schlagartig wieder zu sich. Erschrocken schlug er die Augen auf und fand sich in undurchdringlicher Dunkelheit wieder. Sein erster Gedanke galt jedoch nicht dem möglichen grauenvollen Ort an dem er sich befand, sondern Nick. Und auch wenn er nichts erkennen konnte, sah er sich sofort nach seinem Partner um. Dabei musste er feststellen, dass er an Händen und Füßen mit dünnen Plastikbändern gefesselt worden war, die sich mit jeder Bewegung enger um seine Gliedmaßen legten und ihm unangenehm in die Haut schnitten.

Unbeholfen setzte er sich auf. Kurze Erleichterung durchströmte ihn, dass das überhaupt möglich war und er sich demnach nicht in einem engen Kasten befand. Sein Kopf fühlte sich an, als hätte ihn ein Pferd getreten und auch seine rechte Schulter schmerzte, da er die ganze Zeit über auf ihr gelegen hatte. Nach wie vor konnte er nicht erkennen wo er sich befand und ob er hier alleine war. Er lauschte in die Finsternis, die ihn umgab wie ein schwarzes Tuch, in der Hoffnung vielleicht die Atemgeräusche seines Freundes zu vernehmen. Aber da war nichts.

Nicht der geringste Laut war… Nein halt, er irrte sich. Da war doch etwas. Ein leises Rauschen. Wie das stille Rauschen in einer Telefonleitung, nachdem der Gesprächspartner aufgelegt hatte, kurz bevor es zu tuten begann. Warrick hielt nun die Luft an, um sich besser darauf konzentrieren zu können und je genauer er in die Dunkelheit lauschte, desto deutlicher wurde es. Allmählich klang es wie das schwarzweiße Flimmern eines Fernsehgerätes und doch erinnerte es ihn an etwas anderes. Ein Knacken ertönte, dann wieder Rauschen, schließlich knackte es wieder. Indifferenzen in einer Leitung, dachte er. Störungen wie bei einem alten Funkgerät.

Hoffnung auf baldige Rettung keimte in ihm auf. Wenn es ihm gelang das Gerät in Gang zu bringen und einen Hilferuf zu senden, war er vielleicht schneller hier raus, als er noch vor ein paar Minuten gedacht hatte. Früher oder später machen sie alle Fehler, erklangen Grissoms Worte in seinem Kopf und Warrick war froh, das es auch diesmal wieder so war. Allerdings sollte sein neuer Optimismus jäh in sich zusammenbrechen, als er nur wenige Sekunden später erkennen musste, dass das Funkgerät keinesfalls eine Unachtsamkeit des Täters gewesen war, sondern eiskalte Berechnung. Denn das Knacken erstarb nun und begleitet von dem stetigen trügerisch sanften Rauschen ertönte nun die raue Stimme eines Mannes. Unverkennbar war es die seines Entführers.

„Na, fragst du dich schon wo dein Freund abgeblieben ist? Ob es ihm gut geht oder er gar noch lebt?"

„Du mieses Arschloch! Was hast du mit ihm gemacht?", ließ Warrick seiner Enttäuschung freien Lauf und brüllte in die Richtung, in der er das Funkgerät vermutete.

„Tz tz tz, was sind denn das für Reden? Du willst doch nicht, dass ich ihm wehtue, oder?", regierte der Mann betont gelassen.

„Wo ist er?", keifte Warrick weiter durch die Finsternis hindurch die kratzige Stimme an.

„Er ist ganz in deiner Nähe... und doch unerreichbar für dich.", antwortete der Mann auf dieselbe ruhige Art und Weise, wie schon die ganze Zeit. Mit diesem süßlichen Tonfall, der einem beim Zuhören zum Brodeln brachte, weil alles was er sagte so harmlos klang, dass es genauso gut von einem unschuldigem Kind hätte stammen können.

„Nick!", rief Warrick nun nach seinem Freund. „Wo bist du? NICK!"

Er erhielt jedoch keine Antwort.

„Das ist zwecklos, er kann dich nicht hören." Zweifellos amüsierte ihn Warrick's Reaktion.

„Wenn du ihm auch nur ein Haar krümmst, ich schwör dir, dann...", wütend zog er an seinen Fesseln. Wenn er gekonnt hätte, wäre er ihm spätestens jetzt an die Gurgel gesprungen und hätte ihn solange gewürgt, bis er endlich ausspuckte was er wissen wollte.

„Was dann? Wirst du mich umbringen?", säuselte dieser belustigt und reizte ihn damit bis aufs Blut.

„Darauf kannst du dich verlassen!", schnauzte Warrick und kämpfte weiter gegen die Blitzbinder an seinen Handgelenken an. Schmerzhaft scheuerten sie über seine Haut, doch es war ihm egal.

„Wieso gehst du überhaupt davon aus, dass es Stokes übler geht, als dir? Vielleicht bist du es ja auch, der das schlechtere Los gezogen hat. Schon mal daran gedacht? Wenn ich du wäre, würde ich keinen Gedanken mehr an diesen Nichtsnutz verschwenden und mir lieber Sorgen über mein eigenes Schicksal machen.", erklärte der Kerl nun leicht gereizt. Offenbar konnte er Warrick's Sorgen nicht im Geringsten nachvollziehen.

Etwas erschrocken über diese Worte sah dieser sich nun erneut um. Natürlich konnte er nach wie vor nichts erkennen. „Was hast du mit mir vor?", fragte er verunsichert.

„Das wirst du schon noch früh genug erfahren. Nur so viel, es wird kein gutes Ende mit dir nehmen!" Ein herzhaftes hohles Lachen ertönte daraufhin, was sich mit jeder Sekunde weiter entfernte, bis die Funkverbindung ganz und gar verstummte und Warrick sich sicher sein konnte, dass das Gespräch beendet war.

Die erdrückende Stille, die ihn jetzt wieder umgab, lag schwer auf seinen Ohren und die undurchdringliche Dunkelheit umhüllt ihn, wie der eisige schwarze Mantel des Todes. Die Sorge um Nick und die Angst vor der Ungewissheit ließen ihn zittern, obwohl es eigentlich erdrückend warm war an diesem Ort. Warm, still und finster. Es war so unbeschreiblich finster, dass er annahm, doch irgendwo unter der Erde festgehalten zu werden. Eine Art Bunker, lag nahe. Da hingegen stand jedoch, die Wärme und dass klare Funksignal eben. Es hatte kaum Störgeräusche oder Unterbrechungen aufgewiesen, was demnach eher auf eine überirdische Räumlichkeit schließen ließ. Der Boden unter ihm fühlte sich dreckig an, beinah sandig und es roch nach Staub und Mäusekot. Vielleicht doch nur ein abgedunkelter Schuppen, ein Lagerraum oder eine Garage, überlegte er. Ob das allerdings Grund zum aufatmen war, blieb fraglich. Eine Hütte in der Wüste, der erbarmungslosen Hitze der Hochsommersonne ausgesetzt, konnte ein weitaus besorgniserregendes Gefängnis sein, als ein von Käfern, Spinnen und Mäusen wimmelndes Kellergewölbe.

Nichtsdestotrotz, ganz gleich wo er sich auch befand, er durfte nichts unversucht lassen, um von hier zu entkommen. Dazu musste er allerdings erst einmal die Fesseln loswerden. Oder zumindest seine Hände vor den Körper bekommen. Das hieß jedoch, dass er durch seine gefesselten Arme kriechen musste, was alles andere als einfach werden würde, denn das Plastikbändchen lag eng um seine gekreuzten Handgelenke. Dennoch startete er einen Versuch sein Gesäß irgendwie darüber hinwegzuschieben. Wie ein Tier in der Schlinge drehte und wendete er sich, er musste es irgendwie schaffen, so unmöglich es auch schien. Er versuchte es zunächst im Liegen, dann in der Hocke, darauf im Stehen und letztendlich wieder im Liegen. Die Schmerzen wurden mit jeder Minute unerträglicher, da sich der weiße Kunststoff immer tiefer in seine ohnehin schon wunde Haut grub. Doch er biss tapfer die Zähne zusammen und probierte es weiter. So schnell würde er nicht aufgeben.

Die ersten Tropfen Blut sickerten in den Staub. Er keuchte vor Anstrengung und sein Puls raste vor Aufregung. Fast blind vor Schmerz, der schneidend und ziehend seine Arme und Schultern durchzuckte, sank er schließlich erschöpft zusammen. Es war zwecklos. Er hatte sich umsonst gequält. Und nun würde er einen anderen Weg finden müssen, um sich zu befreien.