Kapitel 9

Einige Tage später

Annie stand in der Küche und knetete Brotteig trotz der sehr späten Stunde. Sie seufzte leise. Schon seltsam, wie schnell man sich wieder an bestimmte Dinge, wie zum Beispiel Geräusche im Haus, gewöhnen konnte.

Bevor ihr Gatte zurückgekehrt war, hatte sie sich schweren Herzens an die Stille im Haus gewöhnt gehabt. Kelly war, um näher am College zu sein, in eine eigene, kleine Wohnung gezogen und Caroline hatte auch schon lange ihren eigenen Hausstand mit ihrem Ehemann und dem Baby. Obwohl sich Kelly als auch Caroline immer redlich bemüht hatten, während Pauls Abwesenheit regelmäßig bei ihr vorbei zu schauen und oft auch mehrere Tage bei ihr blieben, war es Annie schon sehr schwer gefallen, die entstandene Einsamkeit zu ertragen. Ohne Paul und ihre Töchter kam ihr das Haus einfach so leer vor.

Was war sie froh gewesen, als Paul nun endlich wieder bei ihr war. Tief in ihrem Inneren und in langen, einsamen Nächten hatte sie immer befürchtet, ihn nur noch in einem Zinksarg zurück zu bekommen, doch dieser beinahe täglich wiederkehrende Alptraum wurde zum Glück nicht Wirklichkeit. Die wenigen Tage, die sie seit Pauls Ankunft gemeinsam verbrachten, waren sie auch noch so stürmisch, hatte Annie in allen Zügen genossen. Gut, sie musste zugeben, die erste Zeit war irgendwie seltsam verlaufen. Sie hatte das Gefühl gehabt, ihren Mann erst wieder kennen lernen zu müssen, aber das hatte sich dann nach wenigen Stunden wieder gegeben. Mittlerweile war alles wieder wie früher. Annie lächelte. Gut, nicht ganz wie früher. Es war...wesentlich intensiver. Sie lebten jeden Tag so, als könne es ihr letzter sein.

Manchmal kam es Annie auch so vor, als wolle Paul mit aller Macht in so kurzer Zeit als möglich, alles wieder gut machen, was er ihr seiner Meinung nach angetan hatte. Dass sie ihm immer wieder sagte, ihr genüge, dass er wieder hier sei, mehr brauche sie nicht, schien er nicht zu begreifen. Sie schüttelte den Kopf und schnalzte mit der Zunge. Nun ja, irgendwie würde es ihr sicher gelingen, ihm das begreiflich zu machen...wenn er wieder da war.

Annie seufzte erneut und knetete den Brotteig ein wenig kräftiger. War es wirklich erst drei Tage her seitdem Paul Angel praktisch entführt hatte und er mit ihr mit unbekanntem Ziel verschwunden war? Es kam ihr wesentlich länger vor. Vor allen Dingen erschien ihr das Haus diesmal auch wesentlich größer und leerer, als bei Pauls Abschied vor über einem Jahr. Kurz gesagt vermisste sie ihren geliebten Mann an allen Ecken und Enden, aber Annie wusste auch, dass diese Trennung für Angels Wohl unerlässlich war. Dennoch hoffte sie, die beiden würden bald zurückkommen.

Annie hielt mitten in der Bewegung inne. Sie hielt den Kopf ein wenig schräg und lauschte angestrengt. Dann löste sich ein leiser Freudenschrei von ihren Lippen. Schnell wischte sie ihre bemehlten Hände an einem Handtuch sauber und eilte zur Haustüre. Sie riss sie auf und blieb am Eingang stehen. Ja, da war es, das vertraute Brummen von Pauls Sedan. Gleich, gleich würde er wieder bei ihr sein.

Die blinde Frau wartete ungeduldig, bis der Motor des Wagens ausging. Türen klappten und sie hörte, wie zwei Personen langsam näher kamen. Angel und Paul. Besonders die Schritte ihres Ehemannes hätte sie überall in der Welt wieder erkannt. Mit angehaltenem Atem wartete sie, dass die Tritte bald verstummen würden, was sie auch taten.

"Hallo mein Schatz", sagte Paul dicht vor ihr.

Gleich darauf fühlte Annie sich in starke Arme gezogen und Paul gab ihr einen langen, verheißungsvollen Begrüßungskuss. Als sie wieder zu Atem kam, erwiderte sie die Begrüßung ihres Mannes.

"Hallo Paul und hallo Angel."

"Hallo", kam es leise von Angel zurück, die sich erschreckend schwach und erschöpft anhörte.

Annies Mutterinstinkt kickte ein und überdeckte alle anderen aufkeimenden Gefühle. Sie knuffte ihren Mann leicht in die Seite. "Was hast du nur mit ihr angestellt, dass sie so fertig ist?", wollte sie vorwurfsvoll wissen.

"Wir haben nur ein paar Dinge ausgearbeitet, Schatz. Dem Engelchen geht es gut."

Die Angesprochene fiel mit ein. "Ja wirklich, es geht mir gut. Ich bin nur ein wenig müde." Sie machte eine kleine Pause, so als wollte sie sich Mut zusprechen, bevor sie fort fuhr. "Annie...es tut mir sehr leid, was ich alles zu dir gesagt habe. Ich war nicht ich selbst an diesem Abend, was aber keine Entschuldigung für mein kindisches Verhalten sein soll. Ich hoffe, du kannst mir irgendwann einmal vergeben. Das Letzte, was ich wollte, war jemanden, den ich gern habe, zu verletzen und genau das habe ich getan..." Ihre Stimme wurde immer leiser und erstarb schließlich.

Annie konnte den Schmerz in ihrer Stimme deutlich heraus hören, besonders wie sehr sie sich schämte. Die blinde Frau lächelte offen, streckte die Hände in Richtung Angels Stimme aus und zog sie in die Arme.

"Es ist schon gut, meine Liebe, ich habe dir längst verziehen. Außerdem konnte ich sehr gut nachfühlen, wie es dir ging. Du konntest mir nichts vormachen. Ich weiß, dass nur deine Hilflosigkeit aus dir gesprochen hat."

Angel drückte die blinde Frau fest an sich. "Vielen Dank, Annie. Du ahnst nicht, wie viel mir das bedeutet. In der kurzen Zeit, seitdem wir uns kennen, bist du mir sehr wichtig geworden und ich hätte es mir nie verzeihen können, wenn ich dich aufgrund meiner eigenen Sturheit verloren hätte."

Paul mischte sich ein und legte den beiden Frauen jeweils eine Hand auf die Schultern.

"Nun lasst es mal gut sein damit. Gehen wir nach drinnen, da ist es gemütlicher als hier draußen."

Die beiden lachten und ließen sich von dem großgewachsenen Mann ins Wohnzimmer führen. Angel fielen fast die Augen zu.

Paul erkundigte sich: "Soll ich dich noch nach Hause fahren, Engelchen?"

Sie druckste ein wenig herum. "Also wenn ich ehrlich sein soll, wünsche ich mir nur noch ein Bett zum Schlafen, ich bin hundemüde. Würde es euch was ausmachen, wenn ich hier auf dem Sofa schlafe und du mich erst morgen früh zurück fährst, Paul?"

Der Angesprochene erhob sich und zog die junge Frau mit hoch. Er drückte sie kurz an sich und hauchte ihr einen väterlichen Kuss aufs Haar.

"Keineswegs, mir geht es auch nicht sehr viel anders. Die Fahrt war lang, aber deswegen musst du nicht gleich auf der Couch schlafen. Hier gibt es genügend freie Schlafzimmer. Ich bringe dich in Peters altes Zimmer, da kannst du dich hinlegen."

"Danke." Sie beugte sich noch einmal zu Annie herunter und küsste sie auf die Wange.

"Gute Nacht und danke für alles."

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Paul kehrte wenige Minuten später zurück und schlenderte mit seiner Frau in ihr eigenes Schlafzimmer. Während sie sich für die Nacht zurecht machte, nutzte er die Gelegenheit für eine kurze Dusche und legte sich dann zu ihr ins Bett. Sie kuschelte sich dicht an ihren Mann, genoss seine beschützende Umarmung.

"Angel ist ja nicht mehr wieder zu erkennen. Sie scheint fast zu ihrem früheren Selbst zurückgefunden zu haben. Wie hast du das geschafft, Liebling?"

Paul gab seiner Frau einen langen Kuss, bevor er ihr antwortete. "Was soll ich dazu sagen? Eigentlich habe ich sie nur mehr oder weniger dazu gebracht, ihre Angst und ihre Wut auszutoben. Danach konnte man wieder vernünftig mit ihr reden und wir haben eine Art Deal abgeschlossen." Er fuhr sich über die Stoppeln seines Dreitagebartes.

"Annie, ich will dir nichts vormachen, das kann ich auch nicht. Angel steht noch ziemlich am Anfang, aber sie ist jetzt zumindest bereit, Hilfe anzunehmen und hat akzeptiert, dass sie das Unveränderliche nicht verändern kann. Vielleicht kannst du sie unter deine Fittiche nehmen und ihr den einen oder anderen Trick beibringen."

Annie legte ihrem Mann eine Hand auf die Brust. "Aber sicher, mein Schatz. Ich werde ihr helfen wo ich nur kann. Wer ist dazu besser geeignet als ich?"

Paul fing ihre Hand ein und küsste ihre Fingerspitzen. "Du bist und bleibst einfach die Beste, Annie. Ich liebe dich."

Ihre Antwort ging unter in einem langen, tiefen und leidenschaftlichen Kuss. Dann feierten sie ihr eigenes, ganz privates Wiedersehen.

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Am nächsten Morgen verließ Paul unter einem Vorwand das Haus und lies den beiden Frauen ein paar Stunden Zeit für eine Unterhaltung. Er wollte nicht stören, wusste er doch, dass Annie Angel in dieser Zeit der Dunkelheit eine große Hilfe sein konnte.

Als er gegen Mittag heimkehrte, sah er die beiden Frauen einträchtig am Tisch sitzen. Beiden sah man an, dass sie geweint hatten, doch ansonsten machten sie einen eher gelösten Eindruck. Paul hakte nicht nach, in dem Wissen, dass Annie ihm schon verraten würde, was wichtig wäre. Alles andere würde ein Geheimnis zwischen den beiden Frauen bleiben.

Nach dem Mittagessen brachte er Angel zurück in ihre Wohnung und teilte ihr mit, dass Kermit zu ihr kommen würde, sobald er von der Arbeit zurückkam. Er wollte nicht, dass Angel lange alleine war, da sie mit ihrer Blindheit noch nicht so gut zurecht kam. Mit Einverständnis der anderen hatte man einen Plan ausgearbeitet, so dass sie kaum alleine bleiben musste und Angel hatte nun auch endlich zugestimmt. Paul verabschiedete sich von ihr mit einem Kuss auf die Stirn und machte sich auf den Heimweg.

Die junge Frau hatte nun endlich ein paar Minuten für sich alleine. In Gedanken ließ sie das Geschehen der letzten Tage noch einmal Revue passieren und verlor sich vollkommen in der Erinnerung. Erst ein heftiges Pochen an der Türe und ein lautes 'Mensch, hörst du das Klingeln nicht?', brachte sie in die Wirklichkeit zurück.

"Es ist offen", rief sie.

"Das ist aber nicht sehr sicher. Ich könnte auch ein gefährlicher Mörder sein", tönte ihr Kermits Stimme entgegen.

"Du bist ein gefährlicher Mann", sagte sie ohne nachzudenken und biss sich gleich darauf auf die Lippen.

Kermit lachte nur. Sie hatte er noch nie einschüchtern können und das war etwas, was ihm an ihr sehr gefiel. Er schloss die Türe fein säuberlich hinter sich ab, kam zu Angel und küsste sie auf die Wange, was sie zusammen zucken ließ.

"Sei bitte nicht so leise, wenn du hier herum läufst. Du erschreckst mich damit", beschwerte sie sich.

Kermit entschuldigte sich sofort und nahm neben ihr auf der Couch Platz. Abschätzend sah er sie an.

"Und wie geht es dir Angel? Alles wieder soweit im Lot?"

"Geht ganz gut, danke der Nachfrage."

"So wie du ausschaust, hat dich Paul ganz schön hergenommen", meinte er

Angel schüttelte sich. "Erinnere mich bloß nicht daran, ich will auch nicht darüber reden. Mir ist schon peinlich genug, wie ich mich euch gegenüber verhalten habe und ich schäme mich furchtbar deswegen."

Kermit machte eine abwehrende Handbewegung. "Darüber musst du dir keine Gedanken machen, es trägt dir keiner etwas nach. Wer weiß wie ich reagiert hätte, wenn mir das passiert wäre."

Angel konnte das leichte Lächeln nicht verkneifen, Kermit freute sich, ihre Stimmung damit ein wenig erheitern zu können.

"So, wie ich dich kenne, hättest du wohl alles kurz und klein geschlagen und dann mit dem Eagle herum gefuchtelt."

"Hey, hey, so schlimm bin ich nun auch nicht", wehrte er ab.

"Na ich weiß nicht."

Nun grinste sie ihn offen an. Er erwiderte ihr Lächeln, auch wenn sie es nicht sehen konnte.

"Und, hast du heute schon was vor?", erkundigte er sich.

Angel wurde augenblicklich ernst, das war wohl die falsche Frage gewesen. "Nein, ich kann ja eh nichts tun", antwortete sie leise.

Kermit nahm ihre Hände in die seinen. "Hey, also so eng darfst du es nun auch nicht sehen. Es gibt eine Menge, was du tun könntest, oder..." Er zögerte absichtlich eine Sekunde "...was wir tun können."

"Ach ja und was? Fernsehen schauen? Am Computer sitzen? Oder ein Buch lesen?", erwiderte sie mit zitternder Stimme.

Kermit tat es im Herzen weh, Angel so leiden zu sehen. Es musste schlimm sein, wenn die ganze Welt von einem Moment zum anderen nicht mehr so wahrnehmen konnte, wie man sie kannte. Ohne groß darüber nachzudenken, zog er sie in seine Arme und hielt sie fest.

"Schon gut, Dollface.", flüsterte er ihr ins Ohr und strich mit der Hand in beruhigenden Kreisen über ihren Rücken. "Wir könnten zum Beispiel einen schönen Spaziergang machen, es ist herrliches Wetter; oder wir können uns tatsächlich mit dem Computer beschäftigen. Ich habe da eine Überraschung für dich."

Angel beruhigte sich langsam in seiner Umarmung. Sie spürte, wie ihr Körper auf seine Nähe reagierte und sie sich mehr und mehr entspannte. Bei seinen Worten vergrub sie den Kopf halt suchend an seiner Brust.

"Ich will nicht nach draußen", murmelte sie an seiner Schulter, als hätte sie nur den ersten Teil seiner Antwort verstanden.

Kermit strich ihr zärtlich über den Nacken. "Das musst du auch nicht, wenn du nicht willst. Aber willst du nicht zumindest wissen, was ich für eine Überraschung für dich habe?"

Angel seufzte leise und lehnte sich nun voll gegen ihn, was er mit einem überraschten Laut kommentierte.

"Wenn du es mir verraten möchtest, oder verlangst du von mir, dass ich es selber herausfinde? Sorry, aber so gut wie Annie bin ich noch lange nicht, als dass ich alles ertasten kann."

Kermit lachte leise. "Das hatte ich auch nicht vor. Ich war so frei und habe während deiner Abwesenheit ein Voicesystem auf deinem Computer installiert. Es ist in der Lage dir das, was du schreibst, und auch E-Mails und andere Sachen in Sprache zu übersetzen, so dass du arbeiten oder chatten kannst, wenn dir danach ist."

Angels Laune verbesserte sich erheblich. "Das hast du wirklich für mich getan? Wie komme ich zu der Ehre?" Sie juchzte fast, so sehr freute sie sich.

Ein warmes Gefühl breitete sich in Kermits Magen aus, mit so viel Freude hatte er nicht gerechnet.

"Das ist doch ganz einfach. Ich habe mir nur überlegt, wie ich dein Leben für die nächste Zeit ein wenig angenehmer machen kann und das ist dabei heraus gekommen. Soll ich es dir zeigen?"

"Ja sehr gern. Danke."

Angel löste sich aus seiner Umarmung und fuhr mit ihren Händen seine Arme entlang, bis sie bei seinem Gesicht angelangt war. Dann küsste sie ihn mitten auf den Mund als Dankeschön.

Kermit versteifte sich im ersten Moment. Die Frau schaffte es immer wieder, ihn zu überraschen. Sie hatten sich schon öfters geküsst, um es mit einem Wort zu sagen standen sie vor Angels Krankheit kurz vor einer Partnerschaft, oder was immer sich daraus entwickeln würde. Aber er hatte wirklich nicht damit gerechnet, dass sie ihn hier und jetzt küssen würde. Vor allem nicht, nachdem sie sich seit ihrer Erblindung so abweisend verhalten hatte. Paul schien wirklich ganze Arbeit geleistet zu haben.

Angel entging sein plötzliches Versteifen nicht. Die Enttäuschung stand ihr ins Gesicht geschrieben. Er konnte den Gedanken förmlich lesen, dass sie sich zurückgesetzt fühlte und annahm, dass er wegen ihrer Blindheit nichts mehr von ihr wollte.

Der Cop hielt sie fest, als sie zurück weichen wollte. "Na komm, Dollface, das war doch sicher nicht alles", murmelte er und bedeckte seinerseits ihren Mund mit dem Seinen.

Sie öffnete Automatisch die Lippen und seufzte leise. Kermit küsste sie sanft und zärtlich, gab ihr jederzeit die Möglichkeit zum Rückzug, die nie kam. Erst als beide keine Luft mehr bekamen, löste sich Kermit von ihren Lippen. Er lächelte.

"Na siehst du, das war schon sehr viel besser."

Angel konnte nicht anders und musste lachen. "Treffende Bemerkung, Dr. Watson. Ich könnte ewig so weiter machen", gestand sie ehrlich. Verlangen lag in ihrer Stimmung.

Kermit biss die Zähne zusammen. "Nicht nur du, Dollface. Aber nicht jetzt."

Angel lehnte sich ein wenig zurück, so als wollte sie ihm in die Augen schauen, seiner Erregung sehr bewusst, die sich unmissverständlich an ihren Bauch drückte.

"Warum?", wollte sie wissen.

"Ich will dir nicht wehtun. Du bist noch so erschreckend schwach und… nun ja, ich will dich mit diesen Worten nicht verletzen...jedoch..."

Angel legte ihm einen Finger auf die Lippen und brachte ihn somit effektiv zum Schweigen.

"Ich verstehe schon, Kermit, aber ich sage dir auch eins: bald bin ich nicht mehr zu schwach und dann..." Sie ließ ihren Satz ebenso unvollendet, aber ihre Körpersprache machte sehr deutlich, was sie meinte.

Kermit stöhnte unterdrückt und zog Angel instinktiv ein wenig näher an sich heran. "Hör bloß auf, Angel. Meine Selbstbeherrschung war auch schon mal besser. Beweg dich am besten gar nicht."

Angel kicherte leise, lehnte sich vollkommen entspannt an seine Brust und murmelte: "Ist gebongt, so ist es auch wunderschön. Danke, dass du für mich da bist und mir nichts von meinem abscheulichen Verhalten nachträgst. Ich brauche deine Nähe sehr."

*Ich dich auch*, antwortete Kermit in Gedanken. Es laut auszusprechen, das konnte er im Moment einfach noch nicht. Außerdem wollte er sie nicht verschrecken.

Mehrere Minuten blieben sie schweigend liegen. Jeder genoss die Nähe des anderen. Kermit stellte fest, dass es tatsächlich wunderschön war, einfach nur hier mit ihr zu ruhen, ohne etwas zu tun. Das war etwas, was er eigentlich nicht kannte. Wenn er mit Frauen zusammen gewesen war, dann meist nur für das Eine. Auch seine Ex-Frauen waren allesamt keine Schmusekätzchen gewesen, wie Angel es war. Zu seiner Überraschung stellte er fest, dass ihm das mehr und mehr gefiel, mehr als er je gedacht hatte und das ausgerechnet bei ihm, dem Mann, der es nicht mochte, berührt zu werden. Nun, in dieser Richtung schien sich zumindest in der Zukunft einiges zu ändern.

ooooooooooooo

Der Rest des Nachmittags verbrachten Kermit und Angel gemeinsam vor dem Computer. Kermit, der dicht neben ihr saß, einen Arm locker über ihre Schultern gelegt, führte ein klein wenig stolz sein Werk vor. Das Voicesystem arbeitete einwandfrei, was Angel regelrecht erstrahlen ließ. Zwar konnte es nur Englisch, Deutsch und Französisch verarbeiten, aber ihr reichte es für den Anfang. Immerhin konnte sie so mit ihren alten Brieffreunden in Kontakt bleiben oder chatten, was sie weidlich ausnutzte. Kermit hatte es übernommen ihre Firewall zu Rekonfigurieren, so dass sie da nichts mehr tun musste und von Angriffen von außen geschützt war. Außerdem war diese ebenfalls an das Voicesystem angeschlossen, so dass sie eine Warnung bekam, sollte ein Angriff stattfinden.

Gegen Abend tauchte Caine auf. Angel begrüßte ihn freudig und entschuldigte sich auch bei ihm für ihr unmögliches Verhalten die letzten Wochen. Caine verzieh ihr natürlich ebenfalls und nahm sie in die Arme. Er schlug vor, ein paar Schritte zu gehen mit dem Vorwand, sie bräuchte dringend frische Luft, was sie rigoros ablehnte. Furcht zeigte sich in ihren Gesichtszügen. Kermit und Caine schauten sich bedeutungsvoll an. Es war offensichtlich, dass sie Angst hatte, in die Öffentlichkeit zu gehen. Gemeinsam schafften sie es dann doch, Angel davon zu überzeugen, einen Spaziergang zu machen. Sie versicherten ihr, dass ihr nichts geschehen könnte und sie gab letztendlich nach.

Der Spaziergang entwickelte sich zu einem wahren Alptraum. Die beiden Männer nahmen Angel in ihre Mitte. Kermit hielt ihren linken und Caine ihren rechten Arm erfasst, so dass sie sie ohne Probleme führen konnten.

Kaum dass Angel die Sicherheit ihrer Wohnung verließ und sie mit dem Lift nach unten fuhren, schien ein seltsamer Wandel in ihr vorzugehen. Sie drängte sich eng an Kermit, ihr Atem kam in kurzen abgehackten Stößen. Dennoch schaffte sie es, einen Schritt vor den anderen zu machen, sich dabei vollkommen auf die beiden Männer verlassend.

Als sie die Straße erreichten, begann die junge Frau vor Anspannung zu zittern. Bei jedem Laut, den sie nicht einordnen konnte, zuckte sie zusammen. Zögernder und zögernder setzte sie einen Fuß vor den anderen. Alles gute Zureden von Caine und Kermit half nichts, sie wurden immer langsamer.

Letztlich sahen die beiden Männer ein, dass sie der Erblindeten mit dem Ausflug keinen Gefallen taten und kehrten mit ihr wesentlich früher als geplant in ihre Wohnung zurück. Das letzte Stück musste Caine sie sogar tragen, weil sie sich vor lauter Panik kaum noch bewegen konnte.

Als sich die Türe hinter ihnen schloss, ließ Caine die junge Frau herunter. Diese schluchzte unterdrückt auf. Sie stammelte: "Ich geh schlafen, bin müde." Und flüchtete sich in die Abgeschiedenheit ihres Schlafzimmers.

Besorgte Blicke wechselten zwischen den zurückgebliebenen Herren. Kermit machte anstalten seiner Beinahe-Freundin zu folgen, doch Caine hielt ihn zurück.

"Kermit, sie können ihr nicht helfen. Sie müssen jetzt gehen.", meinte der Shaolin fest.

Der ehemalige Söldner warf ihm einen lodernden Blick zu, der an dem Shambhala Meister einfach abprallte.

"Ich glaube nicht. Sie braucht mich jetzt. Sie sehen doch, wie durcheinander sie ist", beharrte Kermit.

Caine schüttelte ebenso entschlossen den Kopf. "Nein, sie müssen jetzt gehen. Sie können ihr nicht helfen, das kann im Moment nur ich."

Der Shaolin legte beide Hände auf Kermits Schulter und musterte ihn mit solch einem intensiven Blick, dass sich der Detective beinahe wie hypnotisiert fühlte. Er merkte wie sein Widerstand brach und etwas tief in seinem Inneren teilte ihm mit, dass sein Gegenüber die Wahrheit sprach. Dennoch verharrte er noch eine ganze Minute in der Position, bevor er sich schließlich von Caine los machte und das Unabänderliche einsah. Wortlos nickte er dem Priester zu und verließ die Wohnung, hin und her gerissen zwischen dem Wunsch aus dem Shambhala Meister heraus zu pressen, was dieser vor hatte, oder irgend etwas in seiner Hilflosigkeit zu zertrümmern. Im Augenblick vorzugsweise Caines Nase.

Caine wartete noch einen Moment, um sicher zu gehen, dass Kermit nicht zurückkehrte. Dann drehte er sich um, ging zu Angels Schlafzimmer, klopfte kurz und trat ein. Er setzte sich neben sie auf die Bettkante und ergriff liebevoll ihre Hand.

"Was bedrückt dich, meine Tochter?"

Angel seufzte traurig. "Ich weiß es nicht. Es ist wie eine innere Barriere, die immer größer wird je weiter ich aus dieser Wohnung heraus komme. Ich habe versucht, dagegen anzukämpfen und ich habe bitter verloren. Kannst du mir sagen warum das so ist?"

Caine zuckte in typischer Manier die Schultern, wie das leise Rascheln seiner Kleidung andeutete.

"Ich...weiß es nicht. Die Antwort ist tief in deinem Inneren verborgen, nur du allein kannst den Weg dahin finden."

"Na Toll, damit kann ich nun wirklich viel anfangen. Ich habe keine Ahnung, wie ich das anstellen soll. Ist das wieder so ein Shaolin–Ding, wie Peter immer sagt?"

Caine rieb sanft ihre kalte Hand. Ein warmer Strom schien von ihm auszugehen und Angel widerstand nur mit viel Willenskraft dem Drang, sich in Caines Arme zu werfen, und die Welt um sich herum zu vergessen.

"Der Fluss deines Chi ist unterbrochen. Du musst daran arbeiten, es wieder frei fließen zu lassen", stellte der Priester bedächtig fest.

"Mein Chi? Du meinst meine Lebensenergie oder wie? Wie kann die unterbrochen sein? Wäre ich dann nicht tot?" Angel verstand es nicht ganz.

"Nein, nur wenn dieser Energiefluss irreparabel unterbrochen wäre, was er bei dir nicht ist. Es kann viele Ursachen geben, warum dein Chi nicht frei fließen kann. Diese Unterbrechungen bewirken deine Ängste. Du musst dich dem entgegen stellen und kämpfen. Ich kann dir helfen, dein Chi frei fließen zu lassen, alles andere musst du selbst schaffen."

"Das hört sich ganz an wie eine deiner berühmten Lektionen oder irr ich mich?"

Angel konnte am Tonfall erkennen, dass er sie anlächelte. "Wenn du es so sehen willst.", gab er zurück.

Sie strich sich durch die langen Locken und straffte ihre Schulter. "Gut, was soll ich tun?", fragte sie nach langem Zögern.

"Lass uns meditieren", antwortete Caine einfach.

"Och Paps, du weißt darin war ich noch nie gut.", beschwerte sich die junge Frau sofort. Sie verzog das Gesicht zu einem angedeuteten Schmollen und fragte sich, ob sie die richtige Entscheidung getroffen hatte.

"Du sollst mich nicht..."

"Ja, ich weiß...ich soll dich nicht Paps nennen. Entschuldige, Peter scheint auf mich abzufärben."

"Ich habe noch keine Antwort von dir erhalten, willst du es versuchen?", hakte der Priester nach, ohne auf ihr Ablenkungsmanöver einzugehen.

Angel sah ein, dass Caine ihr um Längen überlegen war und gab nach. "Einverstanden, was habe ich noch groß zu verlieren?"

"Du kannst nicht verlieren, du kannst nur etwas dazu gewinnen. Vergiss nicht, du bist eine Caine!", lautete Caines kryptische Erwiderung.

Der Shaolin half Angel vom Bett aufzustehen und führte sie in die Mitte ihres Wohnzimmers. Vorsorglich ein Kissen auf den Boden legend, brachte er die junge Frau dazu, sich im Schneidersitz darauf niederzulassen er selbst ließ sich in der Lotusposition auf den Boden sinken. Just in dem Moment drehte sich ein Schlüssel im Schloss und Peter betrat die Wohnung. Unschlüssig, die Türe noch offen, blieb er mitten im Rahmen stehen.

"Oh. Hallo Paps, ich habe nicht damit gerechnet, dass du auch hier bist. Hallo Sis, wie geht es dir?", erkundigte er sich unsicher.

Angel war beim Öffnen der Türe zusammen gezuckt, nun lächelte sie ihm offen entgegen und streckte ihm die Hände entgegen. Peter schloss schnell die Türe, eilte zu ihr, kniete sich neben sie und zog sie in die Arme.

"Ich bin so froh, dass du wieder hier bist. Schön, dass du zu dir zurück gefunden hast", wisperte er.

Angels Blick verdüsterte sich. "Zumindest teilweise. Es tut mir leid, dass ich so ein Arsch gewesen bin in den letzten Wochen. Mit scheint, in der letzten Zeit mache ich nichts weiter als mich bei jedem, den ich sehe, zu entschuldigen."

Peter drückte ihr einen brüderlichen Kuss aufs Haar. "Vergeben und vergessen, Hauptsache es geht dir besser, Schwesterchen. Hattet ihr gerade etwas Besonderes vor?"

Caine antwortete an Angels Stelle. "Der Fluss ihres Chis ist unterbrochen, wir wollen Meditieren."

Peter schoss Angel einen überraschten Blick zu, er wusste wie sehr sie es hasste.

"Uh…uh da will ich nicht länger stören, ich geh dann besser wieder."

Caine ergriff Peters Handgelenk, so dass er sich nicht erheben konnte. "Es wäre schön, wenn du uns begleiten würdest, mein Sohn", sagte er in seiner ruhigen Art.

Der junge Mann blickte abwechselnd von Angel zu seinem Vater. Etwas lag hier in der Luft, das er nicht genau zu deuten wusste. Es war schon eine Weile her, seitdem er selbst das letzte Mal meditiert hatte, die Sorge um Angel hatte ihm nicht die nötige Ruhe beschert, die dafür von Nöten gewesen wäre. Schließlich stimmte der Shaolin-Cop mit einem leichten Schulterzucken zu. Bei der Art und Weise, wie sein Vater sein Handgelenk umschloss, war ihm eh klar, dass Caine ihm nicht erlauben würde, sich zu entfernen.

"Gerne, wenn Angel nichts dagegen hat", antwortete er höflich, ganz der hingebungsvolle Sohn.

Diese drückte leicht seine andere Hand. "Nein, im Gegenteil. Ich freue mich, dich um mich zu haben, Bruderherz."

Nachdem das geklärt war, gab Caine Anweisungen. "Angel, du wirst zwischen uns sitzen. Peter, du nimmst hinter ihr Platz."

Er wartete einen Augenblick, bis sein Sohn die geforderte Position einnahm, dann fuhr er fort: "Angel du versuchst dich zu entspannen und wartest, bis Peter und ich unsere Chis vereinigt haben. Wenn wir soweit sind, dann versuche auch du, in einen meditativen Status abzusinken."

"Ja, mach ich", gab die junge Frau ihre Zustimmung.

Es kehrte tiefe Ruhe in dem Raum ein. Angel merkte deutlich, wann sich das Chi von Peter und Caine verband, die Energie floss nun um einiges stärker. Es knisterte förmlich in der Luft. Sie lauschte auf Caines Stimme, die sie schon alleine durch ihren beruhigenden und beschützenden Klang in eine leichte Trance versetzte.

Schweiß bildete sich auf ihrer Stirn. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass sie das Konzentrieren so anstrengen würde. Sie konnte beinahe körperlich spüren, wie das vereinte Chi der beiden versuchte, eine Verbindung zu ihr herzustellen. Das erschreckte sie und sie zuckte zurück. Noch nie hatte sie etwas Vergleichbares erlebt.

Peter legte ihr die Hände auf die Schultern. Plötzlich war sie vollkommen von dieser starken Energie umgeben, wurde mitgerissen in eine Dimension außerhalb dieser Zeit. Sie sah sich selbst, Caine und Peter an einem fremden Ort stehen. Beide hielten sie fest an der Hand. Zu ihrer Verwunderung stellte sie fest, dass sie hier sehen konnte.

"Wo bin ich hier?", erkundigte sie sich, vollkommen überrascht, dass sie nicht laut sprach, sondern den beiden nur durch Gedanken mitteilte, was sie sagen wollte.

Die Antwort kam ebenso mental. "Du bist hier an dem Ort, den du dir vorgestellt hast. Hier wirst du den Grund finden, warum dein Chi blockiert ist."

Angel verstand nicht so ganz, was hier vorging, aber sie stellte zu ihrer Beruhigung fest, dass sie keine Angst verspürte und ihr das Ganze seltsam normal vorkam. Sie löste sich von Caine und Peter, die abwartend im Hintergrund blieben und machte sich daran, diesen fremden Ort zu erkunden. Wie sehr sie es genoss, endlich einmal wieder Farben, Umrisse und Formen erkennen zu können, das wusste nur sie.

In der Ferne entdeckte sie einen See. Sie wünschte sich ihm näher zu kommen und stand plötzlich an dessen Ufer. Nun doch ein wenig ängstlich, blickte sie über die Schulter zurück und sah zu ihrer Erleichterung die beiden Caines, die ihr ermutigend zulächelten.

Sie setzte sich an das Ufer und ließ ihre Hand in das klare, blaugrün leuchtende Wasser gleiten. Kaum berührten ihre Finger die Oberfläche, begann es zu brodeln und seine Farbe zu verändern. Er wurde immer dunkler und schien sie hinein ziehen zu wollen. Angel schrie auf.

"Du musst deine Dämonen bekämpfen", wisperte Caines Stimme durch ihren Kopf.

Auch Peter war zu hören. "Du schaffst das, Schwesterchen. Ich glaube fest an dich."

Angel widerstand dem Sog, der sie in die Tiefe zu reißen drohte. In schneller Reihenfolge liefen Bilder vor ihrem inneren Auge ab. Die Zeit im Waisenhaus, die Anfeindungen, die Strafen, die Kinder, die sie verhöhnten und noch so vieles mehr. Sachen, die sie schon lange vergessen zu haben glaubte.

Sie spürte den unheimlichen Schmerz, der sie innerlich zu zerreißen drohte. Doch dieses Mal nahm sie ihn nicht einfach hin. Damals, da hatte sie schon zum Teil aufgegeben gehabt und sich gegen die Anfeindungen der anderen Kinder nicht zur Wehr gesetzt. Diesmal tat sie es. Sie stemmte sich dem schnellen Reigen der Bilder entgegen und als in einer der Visionen der selbsternannte Rädelsführer der Waisenhausclique ihr mal wieder vor das Schienbein treten wollte, wich sie geschickt dem weitaus größeren Jungen aus und versetzte ihm einen herben Schlag gegen die Schulter, der ihn zu Boden schickte. Kaum dass der Junge den Boden berührte, verschwand die Vision und die Flut an Eindrücken von ihrer Zeit im Waisenhaus endete.

Angel keuchte leise und wischte sich über die Augen, überrascht, dort Tränen vorzufinden. Die Erinnerungen an die vielen Jahre in der Hölle der Einsamkeit befielen sie erneut, aber dieses Mal stellte sie fest, dass es ihr weitaus weniger ausmachte. Ihr kam es so vor, als hätte dieser kurze Disput in ihrer Phantasie einen Teil dieser Qual einfach von ihr genommen. Ihr Verstand sagte ihr, dass das nicht sein konnte und sie sich in dieser fremden Welt hier das alles nur einbildete, aber der andere, irrationale Teil in ihr, der wollte einfach daran glauben und das war es, was für Angel im Moment zählte. Ob oder ob dem nicht so war, das wollte sie zu einem späteren Zeitpunkt ganz für sich alleine heraus finden, hier war weder der Ort noch die Zeit für tiefschürfende Zwiegespräche mit ihrer Seele.

Erneut wandte sie sich dem Wasser zu und blickte hinein. Plötzlich veränderte es sich, wurde zum Spiegel ihrer selbst. Sie erspähte den schrecklichen Anblick, als ihre Eltern zu Tode gekommen waren. Sie sah das Schicksal, dem sie nicht entweichen konnte und sie sah die schemenhaften Gestalten ihrer Eltern auf dem Grund des kristallklaren Sees, die ihr die Hände entgegen streckten.

Ohne groß darüber nachzudenken, ließ sie sich in das Wasser fallen. Einen Moment wurde es schwarz vor ihren Augen, da sie mit unglaublicher Geschwindigkeit auf den Grund gezogen wurde. Panik überfiel sie, bis sie merkte, dass sie hier atmen konnte. Sie erblickte nun ihre Eltern aus nächster Nähe, die ihr voller Trauer entgegen sahen. Tiefe Sehnsucht erfasste die junge Frau. Instinktiv versuchte sie, ihnen näher zu kommen, sie zu umarmen, sie zu spüren, aber irgendetwas verhinderte dies.

"Nein!", rief sie laut aus und hämmerte verzweifelt mit den Fäusten gegen die unsichtbare Barriere. Sie gab nach unter jedem Schlag, aber durchdringen konnte sie sie nicht. Egal was sie versuchte, sie kam nicht durch. Schließlich hielt sie erschöpft inne.

"Warum kann ich nicht zu euch? Helft mir doch!", flehte sie, aber ihre Eltern standen nur unbeweglich da und taten gar nichts.

Tränen traten der jungen Frau erneut in die Augen. Sie vermischten sich mit dem Nass um sie herum und wurden von den Wellen fortgetragen. Ihre Sehnsucht verwandelte sich plötzlich in große Wut.

"Was ist nur los mit euch? Lasst ihr mich einfach wieder alleine?", warf sie zornig ihren Eltern entgegen, die sich noch immer nicht rührten.

Dann ging ihr ein ganzer Kronleuchter auf. Mit Entsetzen erkannte Angel, dass sie ihren Eltern tatsächlich die gesamte Schuld daran gab, was ihr nach deren Ableben alles wiederfahren war. Glasklar stand ihr vor Augen, dass sie ihnen bis heute nie verziehen hatte, dass sie sie als hilfloses Kind einfach alleine und verängstigt, mehr tot als lebendig, in dieser großen, weiten Welt zurück gelassen hatten.

War dies etwa der Schlüssel zur Lösung ihres Problems? Caines Worte fielen ihr wieder ein. Was sagte er immer? 'Umarme den Schmerz und lass ihn gehen.' Ja, genau, das waren seine Worte. Wenn das nur nicht so verflixt schwer wäre.

Angel unternahm einen weiteren Versuch, zu ihren Eltern zu gelangen. Leider verlief dieser ebenso erfolglos wie der erste. Schließlich erkannte sie, dass sie sich hier und jetzt dieser schlimmsten Pein von allen stellen musste: Dem Tod der Menschen, die ihr am nächsten gestanden hatten.

Im Geiste ging sie das ganze Geschehen noch einmal durch. Obwohl sie zu diesem Zeitpunkt noch sehr jung gewesen war, lief das ganze furchtbare Ereignis so deutlich vor ihrem inneren Auge ab, als wäre es erst gestern passiert. Ohne sich dessen richtig bewusst zu sein, weinte sie sich ihren ganzen Kummer von der Seele.

Damals, als Kind, da hatte nur das Wissen überwogen, dass man sie alleine gelassen hatte. Heute, als erwachsene Frau sah sie das alles blitzartig vollkommen anders. In aller Deutlichkeit wurde ihr bewusst, dass ihr Vater und ihre Mutter alles unternommen hatten, sie zu schützen, doch am Ende den Kampf gegen den Tod verloren. Es traf sie keinerlei Schuld.

Zu dieser Erkenntnis gelangt, spürte Angel deutlich, wie ein zentnerschweres Gewicht sich von ihren Schultern hob. Wärme durchflutete sie, ihre Wut verrauchte und wurde durch die Liebe ersetzt, die sie ihren Eltern entgegen brachte.

"Mom, Dad, ich habe euch so lieb. Geht in Frieden.", rief sie spontan aus, wohl wissend, dass nun der endgültige Abschied bevor stand.

Ihre Worte schienen Leben in die bis jetzt wie Statuen dastehenden Menschen vor ihr zu hauchen. Die Traurigkeit in den Gesichtern ihrer Eltern verschwand und wurde durch ein glückliches Lächeln ersetzt. Ihre Mutter bewegte ihre Lippen, aber auch wenn kein Wort heraus drang, konnte Angel unschwer erkennen, dass diese gerade die Worte 'Ich liebe dich' formte.

Eine absolute Leichtigkeit breitete sich in Angels Innerem aus. Nun da sie sah, dass es ihren Eltern gut ging und sie sie liebten, konnte sie ihnen alles vergeben und sie ziehen lassen. Es fiel ihr nicht leicht, aber es musste einfach sein. Freudig und traurig zugleich, erwiderte sie das glückliche Lächeln ihrer Eltern und sah zu, wie diese langsam, umhüllt von einem hellen, wunderschönen Licht, aus dem Wasser empor stiegen.

Sie erkannte, dass sie ihr Schicksal annehmen und nicht damit hadern durfte. Just in dem Moment, als ihr das bewusst wurde, wurde sie zurück an das Ufer geschleudert, wo sie einen Moment keuchend liegen blieb. Dann kam sie schwankend auf die Beine und warf einen Blick zurück. Der See war verschwunden, stattdessen entdeckte sie eine wunderschöne, sonnenüberflutete Wiese, die bis in den Horizont zu reichen schien.

Mit Befriedigung im Herzen kehrte sie zu Caine und Peter zurück, die ihr nun entgegen eilten, da ihr das Gehen immer schwerer fiel. Beide erfassten ihre Hände und im nächsten Augenblick befand sie sich wieder mitten in ihrem Wohnzimmer, wo sie erschöpft nach hinten sank und von Peter aufgefangen wurde. Ein Schluchzen schüttelte ihren Körper, sie vergrub den Kopf an seiner Schulter.

Der junge Cop beugte sich ein wenig zurück, um ihr ins Gesicht sehen zu können. "Was ist los?", erkundigte er sich besorgt.

Nur mit Mühe hielt die junge Frau weitere Tränen zurück. Es dauerte eine Weile, bis sie beinahe unhörbar flüsterte: "Ich habe so gehofft, auch hier wieder sehen zu können. Aber um mich herum herrscht nur Dunkelheit. Es war so schön, endlich wieder den Himmel zu sehen, all die Farben, das Glitzern der Sonne auf der Wiese. Warum kann es denn nicht auch hier so sein?"

Peter drückte einen hilflosen Kuss auf ihr Haar. "Darauf habe ich leider keine Antwort. Eine Krankheit braucht nun mal ihre Zeit, es tut mir so leid."

Er wechselte einen fragenden Blick mit seinem Vater, doch dieser zuckte nur die Schultern und erhob sich graziös, um einen Tee für sie aufzubrühen.

Ein tiefer Seufzer hob Angels Brust. So schnell wie ihre Traurigkeit gekommen war, so schnell schien diese wieder zu verfliegen.

"Es bleibt mir wohl eh nichts anderes übrig, als das zu akzeptieren." Ein leichtes, wenn auch noch sehr zittriges Lächeln erschien auf ihren Lippen. "Aber wenigstens konnte ich meine Eltern noch ein letztes Mal sehen und ich weiß nun, dass es ihnen gut geht."

Der junge Cop drückte aufmunternd ihre Schultern. "Insofern hat sich deine erste Tiefenmeditation doch mehr als nur gelohnt, findest du nicht auch?"

Sie nickte leicht. "In der Tat. Wenn ich nun noch alles verstehen könnte, dann wäre ich beinahe glücklich. Kannst du mir erklären, was ich da gemacht habe, oder was da passiert ist?"

"Du hast den Strom deines Chis befreit, nun kann es frei fließen", gab Peter zurück.

Angel verzog das Gesicht. "Na toll, damit kann ich nun viel anfangen. Ich verstehe das alles nicht."

Peter zog die junge Frau mit hoch und führte sie zur Couch, wo er sich dicht neben sie setzte. Fürsorglich schlang er einen Arm um ihre schmalen Schultern, denn er merkte deutlich, wie erschöpft sie noch immer war.

"Glaube mir, Schwesterherz, der Tag wird kommen, da wirst du es verstehen. Ich merke deutlich, dass dein Chi wesentlich stärker geworden ist. Irgendwie habe ich das Gefühl, du wirst in der nächsten Zeit mit einigen Überraschungen zu kämpfen haben."

"Nun jag mir bloß keine Angst ein, Brüderchen. Ich bin schon durcheinander genug", murmelte Angel wenig erfreut und versteckte ihr Gesicht zwischen ihren Händen. "Kannst du mir wenigstens erklären, was du damit meinst?"

Peter grinste schief und tätschelte ihren Rücken. "Nun ja, ich bin mir nicht sicher, wie ich das in Worte fassen kann. Ich kann nur von meinem Erlebnis meiner ersten richtigen Tiefenmeditation ausgehen. Als ich das hinter mir hatte, da merkte ich, dass ich plötzlich alles viel intensiver erlebte. Irgendetwas muss da passieren, was unsere Fähigkeiten verstärkt."

"Herrje, du sprichst langsam aber sicher auch in Rätseln. Was meinst du denn damit schon wieder? Rieche ich besser, höre ich besser, kann ich plötzlich Klavier spielen oder was?", erkundigte sich die junge Frau, leichte Ungeduld lag in ihrer Stimme.

"Nein, das nicht. Dieser Anstieg an Intensität bezieht sich viel eher auf die mentale Ebene." Hilfesuchend schaute er seinen Vater an, der mit einem kleinen Tablett, auf dem sich drei Teetassen befanden, zu ihnen kam. "Paps, kannst du besser erklären, was ich meine?"

"Es gibt kein allgemeingültiges Rezept. Alles kann geschehen, oder auch nichts. Ob sich etwas tut, das obliegt nicht uns, es zu entscheiden.", entgegnete Caine kryptisch. Unzeremoniell reichte er Angel eine Tasse mit dem Tee. "Trink das, es wird dir helfen, dich zu entspannen."

"Danke. Aber das beantwortet noch immer nicht meine Fragen.", muffelte sie. Vorsichtig nippte sie an dem heißen Getränk und verzog sofort das Gesicht. "Igitt, was ist denn das? Das schmeckt ja furchtbar."

Peter lachte laut auf, er kannte die abenteuerlichen Kräutermischungen seines Vaters nur zu genau. "Tja, auch an diese Tees wirst du dich gewöhnen müssen. Paps verabreicht sie nur allzu gerne."

"Und an was muss ich mich noch alles gewöhnen?", erkundigte Angel sich argwöhnisch in dem Versuch, das Gespräch auf das ursprüngliche Thema zurück zu lenken.

Caines Hand legte sich auf ihr Herz. "Das zeigt allein die Zeit. Meine Tochter, es gibt keine Antworten auf deine Fragen. Keiner kann wissen, was in deiner Zukunft liegt. Es obliegt dir, den Pfad zu wählen, den du für richtig erachtest." Mit sanften Kreise strich er über ihre Wange und ihre Schläfen. "Und nun, mein Kind, musst du dich ausruhen."

Angel schaffte es gerade noch ergeben zu nicken, dann begann der Tee, als auch die beruhigende Nähe Caines zu wirken und sie glitt sanft in einen entspannenden Schlaf.

Kapitel 10

Zehn Tage später

Angel saß am Computer und ließ sich das Geschehen in einem Chatroom vorlesen. In den vergangenen Tagen hatte sie oft an Caines Worte zurück denken müssen. Zwar verstand sie noch immer nicht, was er meinte, aber sie hatte schnell festgestellt, dass sich in ihrem Inneren tatsächlich etwas geändert haben musste. Seit dieser seltsamen Meditation hatte sie plötzlich weitaus weniger Probleme, mit ihrer Blindheit zurecht zu kommen. Ihr schien, als hätten sich ihre anderen Sinne verfeinert, denn sie stellte mit Erstaunen fest, dass sie gegen keine Gegenstände oder Wände mehr rannte. Es war als ob sie nun ein automatisches Radarsystem besaß, das sie automatisch vor einem Hindernis stoppen ließ, auch in einer fremden Umgebung. Außerdem fing sie an, Bilder vor ihrem inneren Auge zu sehen, was sie im Moment noch ziemlich durcheinander brachte, da sie diese nicht zu deuten wusste.

Ein Klopfen an der Türe riss sie aus ihren Gedanken. "Komm nur herein, Kermit, es ist offen", rief sie, ohne über ihre Worte nachzudenken.

"Du solltest dir wirklich angewöhnen, deine Türe abzuschließen. Das ist gefährlich", meinte Kermit als er eintrat. Erstaunt stellte er fest, dass sie vor dem Computer saß. Von dort hatte sie seine Schritte unmöglich hören können, vor allem, da das Voicesystem gerade etwas vorlas.

"Woher wusstest du, dass ich es bin?", erkundigte er sich.

Angel hörte einen Moment auf zu Tippen, schließlich zuckte sie die Schultern. "Keine Ahnung, ich wusste es eben."

Kermit verdrehte die Augen. "Du scheinst zwei bestimmten Personen, die ich nicht mit Namen nennen möchte, ziemlich nachzueifern", sagte er trocken.

Angel erhob sich von ihrem Stuhl und trat ihm entgegen. Kermit erstaunte es immer wieder, wie selbstsicher sie in den letzten Tagen geworden war. Obwohl sie nicht sehen konnte, schien sie seit neuestem immer zu wissen, wo sie sich befand. Er hatte sich mit Absicht ein wenig zur Seite gestellt, ohne ein Geräusch zu verursachen und sie kam trotzdem in die richtige Richtung.

"Ja ja, Paps hat mir schon gesagt, dass ich auch dieses Caine Gen habe, vielleicht liegt es daran. Weichst du mir aus, oder bekomme ich meinen Begrüßungskuss?", lästerte sie.

Kermit zog sie an sich und küsste sie flüchtig auf die Lippen.

"Was ist los, du wirkst ziemlich abwesend?", fragte sie prompt.

"Ich habe einen kleinen Anschlag auf dich vor, Angel."

"Und das wäre?"

"Würdest du mich zum Revier begleiten? Wir brauchen mal wieder deine Hilfe als Übersetzer."

"Ich kann doch nichts sehen."

"Musst du auch nicht. Wir haben einen Typen beim Dealen geschnappt der nur französisch redet. Würdest du für uns übersetzen? Wahrscheinlich glaubt er, mit der Touristenmasche leichter davon zu kommen."

Angel seufzte leise. "Tja dann sollten wir uns wohl auf den Weg machen. Ich war schon lange nicht mehr dort. Wie geht es denn allen?"

Dankbar nahm Kermit den Faden auf, den sie ihm hinwarf und führte sie zu seinem Wagen, wobei er ihr den neuesten Klatsch und Tratsch erzählte. Wenig später erreichten sie das Revier und stiegen aus. Kermit drückte aufmunternd ihre Hand, während er sie die Stufen zu dem Gebäude hoch führte, denn er spürte, dass sie dieser Gang viel Überwindung kostete.

Das übliche Stimmengewirr und Durcheinander begrüßte das Pärchen, als sie das innere des 101. betraten. Durch Angels neu erworbene, sensitive Ader kam ihr alles doppelt so laut vor. Sie war nicht in der Lage, auch nur einen Laut heraus zu filtern. So erschreckte sie sich sehr, als sie plötzlich in den Arm genommen und an einen männlichen, durchtrainierten Körper gedrückt wurde. Es dauerte einen Moment, bis sie gewahr wurde, dass Peter sie gerade brüderlich begrüßte.

"Na Schwesterchen, hat es Kermit tatsächlich geschafft, dich hierher zu locken?"

Angel vergrub ihr Gesicht an seiner Schulter und nickte schüchtern. Das ganze Drumherum machte ihr Angst. Peter spürte das und führte sie sofort in Kermits Büro, der ihnen auf dem Fuße folgte.

Er half ihr, im Besucherstuhl platz zu nehmen, kniete sich vor sie und nahm besorgt ihre Hände in die seinen.

"Was ist denn los, Schwesterchen?"

Angel drückte fest seine Hände. "Ich bin mir nicht sicher. Es sind so viele Stimmen um mich herum, die ich nicht einordnen kann. Das jagt mir Angst ein."

"Du musst keine Angst haben. Ich bin bei dir und Kermit ebenfalls. Du bist absolut sicher. An das Stimmengewirr wirst du dich bald gewöhnen, glaube mir."

"Ich weiß nicht, Peter. Das hier ist irgendwie seltsam, so dass ich es nicht in Worte fassen kann. Es ist einfach...hm...mehr."

Peter wechselte einen fragenden Blick mit Kermit, doch dieser schien auch keine Ahnung zu haben, wovon sie redete. Petern erwiderte ehrlich: "Ich kann dir im Moment leider nicht so ganz folgen, Kleines. Aber wenn es dir doch zuviel ist hier zu sein, dann wird dich Kermit wieder zurück fahren."

Angel schüttelte vehement den Kopf. "Das kommt gar nicht in Frage. Ihr braucht meine Hilfe und ich bin da, um zu helfen. Wahrscheinlich liegt es daran, dass ich zu lange nicht mit vielen Menschen zusammen war. Ich habe es eben noch nie so deutlich wahrgenommen. Wie denn auch?"

"Bist du sicher, dass du es schaffst?", erkundigte sich Peter besorgt.

Angel beugte sich spontan vor und küsste ihn auf die Wange. "Yes Sir, ich bin sicher. Ich muss ja nur schreien wenn etwas ist", versuchte sie zu scherzen.

Der junge Detective erhob sich nicht ganz überzeugt und umamte sie noch einmal. "Nun gut, dann lass ich euch beide jetzt alleine. Der Chief ist heute eh nicht sehr gut auf mich zu sprechen."

"Wann ist er das schon?", warf Kermit trocken ein, während er galant eine Hand unter ihren Ellbogen schob, um sie aus dem Büro zu führen. "Komm, lass uns gehen. Je schneller wir fertig sind, desto schneller kann ich dich wieder nach Hause bringen."

Angel wappnete sich innerlich, als Kermit sie zum Vernehmungszimmer brachte. Dazu mussten sie durch das gesamte Revier gehen und ihr kam es vor wie Spießrutenlaufen. Immer wieder wurden sie auf ihrem Weg zum Verhörraum von Mitarbeitern unterbrochen, die sich nach ihrem Wohlbefinden erkundigten. Kermit, dem das auf die Dauer auch zuviel wurde, machte dem allem ein Ende, indem er sie schnappte und sie einfach vor sich her schob und nicht mehr auf seine Kollegen achtete.

Im Vernehmungszimmer ließ sich Angel aufseufzend auf einen Stuhl fallen, froh um die Stille, die sie hier empfing. Kermit wandte sich an den diensthabenden Officer und der Verdächtige wurde in den Raum geführt.

Die nächste Stunde verbrachte Angel damit, zwischen Kermit und dem Mann zu übersetzen. Es war nicht einfach, den Anschluss zu behalten, da beide gerne gleichzeitig redeten und sie sich daher sehr konzentrieren musste. Der Franzose fing oft an, sich zu beschweren. Das ging so lange, bis Kermit ihm am Kragen schnappte. Von da an war es einfacher. Dennoch war die junge Frau ziemlich am Ende ihrer Kraft, als der Verdächtige wieder aus dem Raum geführt wurde.

Kermit entging Angels Blässe nicht. Sein Gewissen meldete sich. Er wusste, dass sie noch nicht ganz auf dem Damm war und er fürchtete, sie überfordert zu haben, was sie allerdings verneinte. Er gab ihr noch eine weitere Minute Zeit, um sich zu sammeln und führte sie dann zu seinem Büro zurück. Mitten auf dem Weg brach sie fast zusammen und fasste sich an den Kopf. Kermit reagierte schnell und umfasste ihre schmale Taille.

"Was ist los?", erkundigte er sich besorgt.

"Diese Stimmen in meinem Kopf. Ich halte das nicht aus", wisperte sie panisch.

Kermit tat das einzige, was ihm einfiel. Es nahm Angel einfach auf die Arme und trug sie in sein Büro. Dort setzte er sie in einen Stuhl und raste noch einmal nach draußen, um Peter zu holen, der im Moment nicht hier zu sein schien. Jody, die das alles mit angesehen hatte, versprach ihm Peter zu suchen, so dass er zu Angel umkehren konnte.

Das Bild das sich Kermit bot, als er zu Angel zurückkehrte, schnitt ihm mitten ins Herz. Die junge Frau kauerte wimmernd in einer Ecke seines Büros, versuchte sich so klein wie möglich zu machen und hielt sich mit beiden Händen den Kopf.

"Oh Gott", war alles, was Kermit heraus brachte.

Er kniete sich vor sie und versuchte, ihre Hände von ihrem Kopf zu lösen, was ihm nicht gelang. Sie schien starke Schmerzen zu haben und er fragte sich, ob er nicht besser eine Ambulanz rufen sollte.

"Was ist mit dir Angel?", brachte er hervor.

"Sag ihnen sie sollen aufhören. Ich halte das nicht aus", wimmerte sie. "Bitte..."

"Wer soll mit was aufhören? Wovon sprichst du?"

"Die Stimmen, die vielen Stimmen", keuchte sie.

"Welche Stimmen?", fragte Kermit perplex.

"Sie alle hier...alle... bitte...es tut so weh. Sie sollen aufhören."

Kermits Bürotüre wurde aufgerissen und Peter stürmte in den Raum. "Was ist los?", verlangte er aufgeregt zu wissen.

Kermit zuckte die Schultern. "Ich habe keine Ahnung. Sie redet andauernd von Stimmen und dass sie aufhören sollen."

"Lass mich mal ran."

Peter schob den älteren Detective einfach zur Seite und nahm dessen Platz vor Angel ein. "Ich bin hier Schwesterchen... Es kann dir nichts geschehen. Sag mir was los ist."

Angel warf sich in Peters Arme, der durch den Aufprall fast nach hinten gefallen wäre, hätte Kermit nicht seine Hände auf seine Schultern gelegt, um ihn zu stützen.

"Peter...bitte sag ihnen sie sollen aufhören."

"Aufhören, womit? Scht...es ist gut. Ganz ruhig, meine Kleine", sagte er mit seiner beruhigendsten Stimme.

Der beinahe Shaolin sammelte sich kurz. Dann schloss er die Augen und öffnete sein Chi, ließ es auf Angel überfließen, wobei er auch die geistige Verbindung zu ihr öffnete. Er schnappte nach Luft, als die heftigen Emotionen auf ihn überschwappten. Im letzten Moment gelang es ihm, diese soweit auszublenden, dass er selbst es gerade noch so ertragen konnte, ohne dass es ihn aus der Konzentration riss. Nun wusste er wenigstens, was passiert war. Durch die Meditation mit ihm und seinem Vater zusammen, hatte sich wohl auch ihre mentale Konstitution erweitert, so dass sie nun in der Lage war, genau wie die beiden, Gedankenfetzen zu empfangen. Ihre natürlichen Schilde hatten sie immer vor dem bewahrt, so dass sie keine Ahnung hatte, dass sie so etwas konnte. Nun waren ihre Schilde zusammen gebrochen und alle Gedanken um sie herum drangen regelrecht in sie ein. Kein Wunder ging es ihr so schlecht, das musste höllisch wehtun, denn es stellte eine Art geistiger Vergewaltigung dar.

Vorsichtig löste er die Verbindung zu ihr wieder und sprach leise auf sie ein. "Okay Kleines, ich weiß wo das Problem liegt. Versuche dich jetzt nur auf meine Stimme zu konzentrieren. Einzig ich alleine bin es, den du hörst."

"Ich kann nicht. Die Stimmen. Sie sind zu laut", wimmerte sie.

Peter schüttelte sie leicht. Sein Ton wurde fordernd. "Angel du musst! Ich verlange von dir, dass du nur auf mich hörst, ist das klar?"

"J...ja...es tut so weh, Peter."

Er verzog das Gesicht. "Ich weiß, Kleines, aber nicht mehr lange, wenn du auf mich hörst. Also konzentrier dich jetzt auf mich und auf deine Mitte. Stell dir vor, wie du eine Mauer um deine Gedanken herum baust. Sieh zu, wie sie immer höher und höher wird, schau wie die Steine, einer nach dem anderen, an ihren Platz fliegen."

Peter öffnete noch einmal sein Chi und verband sich erneut mit ihren Gedanken, sorgfältig darauf bedacht, nicht zu tief einzudringen. Er gab ihr Kraft über die Verbindung, so dass sie letztendlich in der Lage war, das zu tun, was er verlangte. Er merkte, wie sie langsam ruhiger wurde.

"Gut so, Angel", lobte er. "Nun stell dir vor, dass jeder dieser Steine ein eigener Schalldämpfer ist. Merkst du, wie die Stimmen immer weniger werden?"

Sie nickte leicht.

"Gut. Baue diese Mauer nun immer weiter auf, bis du sämtliche Stimmen aus deinem Kopf verbannt hast. Es wird ruhig, ganz ruhig um dich herum. Der Schmerz vergeht. Du spürst, wie deine Stärke in dich zurück fließt. Es gibt nur deinen Willen. Nichts und Niemand kann diese Mauer wieder einreißen. Hast du verstanden?"

Erneut nickte sie, diesmal viel deutlicher. Peter spürte, wie sie sich merklich entspannte und sah, wie sich ihre Gesichtsfarbe normalisierte. Wenige Minuten später war sie wieder voll bei sich und ansprechbar.

Peter half ihr auf die Beine und setzte sich mit ihr auf dem Schoß in Kermits freien Stuhl. Er hielt sie locker umfangen und Angel lehnte sich vertrauensvoll an seine Schulter.

Kermit beobachtete die gesamte Szene mit steinerner Miene. Er hatte absolut keine Ahnung, was hier vor sich gegangen war, allerdings hätte er Angel auch gerne so gehalten wie Peter es tat. Wie so oft in der letzten Zeit, spürte er einen leichten Anflug von Eifersucht in sich aufsteigen, den er schnell zurück drängte. Weder Caine noch Peter wussten, dass sich er und Angel langsam näher kamen und er wollte jetzt keinen Zwischenfall verursachen.

Äußerlich absolut ruhig fragte er: "Kannst du mir mal erklären, was hier eben los war, Peter?"

"Das würde ich auch gerne wissen", warf Angel ein.

Der junge Cop zog die junge Frau abwesend noch ein wenig näher an sich heran. "Wie soll ich das erklären? Angel, du weißt was eine Gedankenverbindung, ein Mind-Link, ist?"

Die Angesprochene als auch Kermit nickten.

"Diese Verbindung mit deinem Vater, dass ihr euch auch ohne zu reden unterhalten könnt?", warf Kermit ein, um sicher zu gehen.

"Richtig. So wie es aussieht bist du auch in der Lage dazu. Allerdings ist bei dir diese, ich sage mal Gabe, einfach so aufgetaucht und du warst völlig überfordert und ungeschützt, so dass alle Gedanken der Menschen um dich herum auf dich eingestürmt sind. Es braucht einiges an Übung, um damit zurecht zu kommen", erklärte Peter.

Kermit fuhr sich, nun doch ziemlich überrascht, durch seine Haare. Kein Zweifel, Angel war eine echte Caine, das wurde immer deutlicher.

"Daher die Mauer?", erkundigte sich Angel.

Peter lachte leise. "Ja, was anderes ist mir im Moment nicht eingefallen, aber es hat geholfen."

"Und wie geht es nun weiter? Wenn ich wissen will was du z.B. denkst, muss ich dann nur den entsprechenden Stein heraus nehmen oder wie?"

"Ganz so einfach ist es nicht und auf diese Art und Weise auch gefährlich. Paps und ich werden dir beibringen, wie du damit umzugehen hast. Wie ich schon sagte, es erfordert viel Übung damit umzugehen. Du wirst lernen, dich zu schützen, Barrieren zu errichten und du wirst lernen, die Barrieren herunter zu lassen, wenn du es für angebracht hältst."

Angel seufzte leise. "Das heißt wohl noch viel mehr üben als vorhin."

"Und jede Menge Meditation. Das ist nämlich der Weg, um zu lernen, damit umzugehen."

"Uh...das auch noch. Ich wusste doch, dass an der ganzen Sache ein Haken ist", warf Angel ein. Jeder wusste, wie sehr sie die Meditation hasste.

"Du wirst das schon schaffen, Schwesterchen. Immerhin hast du gute Lehrer", meinte Peter tröstend und auch ein wenig stolz.

"Die besten", gab Angel zurück und umarmte ihren Bruder fest, bevor sie aufstand.

"Alles klar bei dir, Sis?"

"Ja, jetzt schon. Danke, großer Bruder. Kommst du heute Abend vorbei?"

"Rechne lieber nicht damit. Ich stecke hier bis über beide Ohren in Arbeit, aber ich kann Paps fragen, ob er Zeit hat. Irgendwie habe ich das Gefühl, du willst heute Abend nicht alleine sein."

Kermit nahm das kaum wahrnehmbare Zucken wahr, das Angel bei der Erwähnung von Caines Namen durchlief. Daraus schloss er, dass sie sich in Gegenwart des Priesters im Moment wohl nicht ganz so wohl in ihrer Haut fühlte. Spontan, und nicht ganz uneigennützig, beschloss er, sich einzumischen.

"Das ist nicht nötig. Ich kann bei dir bleiben, sofern du möchtest", warf er ein.

"Danke Kermit, das wäre sehr nett", gab sie zurück.

Peters Blick wanderte zwischen den beiden hin und her, leichter Argwohn machte sich in ihm breit. Eine leise Ahnung keimte in ihm auf, die er aber gleich wieder verwarf. Damit würde er sich später beschäftigen, im Moment hatte er wichtigeres zu tun.

"Damit ist ja alles geklärt. Fährst du sie zurück, Kermit, oder soll ich das übernehmen?"

"Ich mach das schon, muss nur noch den Bericht eingeben, dann bin ich soweit."

"Okay, dann wäre das geklärt. Ich schaue dann morgen bei dir vorbei. Da habe ich frei und wir können uns gleich an die Arbeit machen."

Er gab ihr noch einen Kuss auf die Stirn und verließ das Büro.

Eine knappe halbe Stunde später hatte Kermit alles erledigt und erhob sich von seinem Stuhl. Angel tat es ihm gleich.

"Gehen wir jetzt?", erkundigte sie sich.

"Oh Yeah"

Kapitel 11

Angel konnte kaum noch die Augen offen halten, als Kermit sie in ihr Appartement führte. Fast willenlos ließ sie sich von ihm in ihr Schlafzimmer bringen, sank auf die Kissen und war im nächsten Moment eingeschlafen.

Kermit konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Soviel zur unverwüstlichen Angel, wie sie sich früher am Tag selbst genannt hatte. Vorsorglich legte er eine Decke über sie. Einen zärtlichen Kuss auf die Stirn verkniff er sich, denn er wollte sie nicht aus Versehen aufwecken. Er blieb noch einen Moment stehen und betrachtete die friedlich Schlafende eingehend, irgendwie musste er sich einfach überzeugen, dass es ihr gut ging. Erst als er zu dem Ergebnis kam, dass sie tatsächlich nur müde sein musste, drehte er sich herum, ging ins Wohnzimmer und setzte sich an den Computer, immer darauf bedacht, mit einem Ohr in Richtung ihres Schlafzimmers zu lauschen, falls sie ihn brauchte.

Als das Telefon klingelte hob er schnell ab. Es war Peter, der sich nach dem Befinden seiner 'Schwester', wie er am Hörer betonte, erkundigte. Kermit teilte ihm mit, dass sie tief und fest schlief und es ihr soweit gut ging. Dann beendete er das kurze und sehr leise geführte Gespräch mit dem Versprechen, seinen Freund sofort zu informieren, sollte sich etwas ändern.

Zwei Stunden später hörte der Detective das Wasser in der Dusche rauschen. *Aha, ist sie wieder aufgewacht*, stellte er überflüssiger Weise fest.

Wenig später betrat Angel das Wohnzimmer. Kermit stockte der Atem, froh darüber, dass er saß, denn seine Beine hätten bei ihrem Anblick sicherlich unter ihm nachgegeben.

Sie trug ein kurzes, weißes Sommerkleid, das ihr bis knapp über das Knie reichte und sich eng an ihre Figur anschmiegte. Bei jeder Bewegung umschmeichelte der dünne Stoff ihre endlos langen, wohlgeformten Beine, es kam beinahe einem Streicheln gleich. Die langen Haare, noch leicht feucht von der Dusche, hatte sie zu einem Zopf zurück gebunden und sie trug keinerlei Make-Up, was ihre natürliche Schönheit nur noch mehr betonte.

Der Duft nach Wildblumen stieg dem ehemaligen Söldner in die Nase. Langsam, jeden Augenblick davon genießend, ließ er den Blick von oben bis nach unten zu ihren nackten Füßen gleiten. Noch nie hatte er jemanden gesehen, der so unschuldig und gleichzeitig sexy aussah wie sie in dem Moment. Dessen war er sich sicher.

Angel blieb einen Moment unschlüssig stehen, so als würde sie seinen brennenden Blick auf ihrer Haut spüren. Dann wandte sie sich direkt dem Sofa zu und setzte sich mit angezogenen Knien hin.

"Habe ich lange geschlafen?", fragte sie.

"Knappe zwei Stunden", erwiderte der Cop und fuhr den Computer herunter. Dann erhob er sich und streckte seine verspannten Muskeln. "Hast du Hunger?", lenkte er das Gespräch auf etwas Unverfängliches.

"Nur, wenn wir dafür nicht nach Draußen müssen."

Ein kleines Lächeln umspielte Kermits Lippen. "Natürlich. Ein solches Erlebnis wie auf dem Revier am Tag reicht. Also noch mal: Hast du Hunger?"

"Wie ein Bär", erwiderte sie sehr erleichtert. "Hast du zufällig Lust auf etwas Italienisches? Ich kenne da ein hübsches Restaurant, das direkt ins Haus liefert."

"Hört sich nicht schlecht an. Was möchtest du haben?", erwiderte Kermit.

Sie teilte ihm ihre Wünsche mit und gab ihm die Nummer. Kermit bestellte das Essen, danach ging er in die Küche und kehrte mit zwei Bechern Kaffee zurück.

Dankbar ergriff Angel die Tasse und nahm einen großen Schluck. "Mmmh... genau das, was ich jetzt gebraucht habe."

Kermit beobachtete sie gebannt. Sein Blick saugte sich auf ihren vollen Lippen fest, die von der Feuchtigkeit des Kaffees glänzten. In ihren Bewegungen konnte er keine Müdigkeit mehr erkennen.

"Es scheint dir wesentlich besser zu gehen", meinte er.

"Oh ja, ich fühle mich wieder richtig fit. Der Schlaf hat mir gut getan. Jetzt noch etwas Gutes zu Essen und ich bin vollkommen zufrieden", erwiderte sie enthusiastisch.

"Das kommt bald. Ich suche schon mal das Besteck heraus."

Kermit erhob sich vom Sofa, um nicht in Versuchung zu geraten, diese feuchten, verführerischen Lippen zu küssen. Er wusste, würde er das jetzt tun, konnte er sich nicht mehr zurück halten.

"Du kennst dich ja schon sehr gut in meiner Wohnung aus", lächelte Angel.

"Sie ist auch nicht sehr viel anders gebaut wie meine eigene", gab er zurück.

"Stimmt. Und so oft wie du in letzter Zeit hier bist und mir hilfst, ist es auch kein Wunder. Wir müssten eigentlich nur die eine Wand durchbrechen und eine Tür einbauen, dann hättest du unbeschränkten Zugang."

Kermit hielt mitten in der Bewegung inne und warf ihr einen verstörten Blick zu. Es dauerte eine Weile, bis er merkte, dass sie das nur im Spaß gemeint hatte. Ihm fiel beim besten Willen keine passende Bemerkung ein, zumal er feststellte, dass er die Idee gar nicht mal so schlecht fand. Bevor er sich verplappern konnte, zog er es vor zu schweigen.

Absichtlich ließ er sich mehr Zeit als nötig, alles Erforderliche herauszusuchen. Dann kehrte er mit dem Geschirr zurück und setzte sich, entgegen seiner sonstigen Art, in den Sessel. Zuviel Gedanken schwirrten gerade durch seinen Kopf, ausgelöst von dieser scherzhaften Bemerkung.

Angel sprach ihn nicht darauf an. In ihm keimte das unangenehme Gefühl auf, dass sie wusste, was in ihm vorging. Vielleicht bildete er es sich nur ein, aber er kam sich vor, als würde sie ihn eindringlich mustern. *Unmöglich, sie ist blind!*, rief er sich gleich darauf zur Ordnung.

Mit viel Willensanstrengung drängte er die verwirrenden Gedanken zurück und suchte schnell nach einem unverfänglichen Thema – Computer waren dafür immer geeignet – und sie unterhielten sich locker über die neusten Errungenschaften auf dem Techniksektor, bis es an der Türe klingelte. Kermit erhob sich trotz ihres Einwands, nahm das Essen entgegen und bezahlte.

"Hey, ich habe dich eingeladen!", protestierte sie prompt.

Der Ex-Söldner stellte die diversen Köstlichkeiten auf den Tisch, entfernte die Pappdeckel und verteilte dann den Inhalt der Schüsseln gleichmäßig auf die Teller, die er dann vor Angel und sich selbst hinstellte. Anschließend nahm auch er wieder Platz.

"Na und? Ich war eben schneller als du. Nun sei ruhig und iss. Salat steht auf drei Uhr, Nudeln direkt vor dir und dein Getränk auf 9.", meinte er abwiegelnd.

"Danke", gab sie zurück und schnupperte. "Das riecht wirklich sehr gut, auf dieses Restaurant ist einfach immer Verlassen. Also ran an die Sachen."

Kermit musste sich ein Grinsen verkneifen als er sah, wie sich Angel, nach anfänglichem, vorsichtigem herumtasten auf ihrem Teller, auf das Essen stürzte. Gleichzeitig freute er sich sehr darüber, denn es war lange her seitdem er sie mit Appetit essen gesehen hatte und man nicht alles in sie hinein zwingen musste. Es machte ihm soviel Spaß, sie zu beobachten, dass er selbst darüber fast sein Essen vergaß. Außerdem bewunderte er, wie behände sie mit ihren Spaghettis umging, obwohl sie nichts sehen konnte. Sie hatte von Annie sehr viel gelernt, soviel war sicher. Wenn man es nicht wusste, merkte man ihr hier beim Essen nichts von ihrer Blindheit an.

"Willst du mich eigentlich immer weiter beobachten, oder isst du auch mal was?", riss ihn Angels Stimme aus seiner Versunkenheit.

Kermit schluckte hart. Sie machte Annie langsam aber sicher Konkurrenz.

"Woher weißt du das?", erkundigte er sich verblüfft.

Sie lächelte spöttisch. "Wenn dein Atem an meiner Hand kitzelt, dann weiß ich, dass du mir dein Gesicht zugewandt hast, mein Guter. Man lernt auf vieles zu achten, wenn man sich auf seine Augen nicht mehr verlassen kann."

Der ehemalige Söldner konnte sich ein Lachen nicht verkneifen, da hatte sie ihn eiskalt erwischt. "Es hat mich nur fasziniert, wie schnell du lernst", meinte er.

Angels Gesichtsausdruck verdüsterte sich. "Was bleibt mir denn anderes übrig?", murmelte sie so leise, dass er es fast nicht verstand.

Kermit fühlte sich unangenehm berührt. Ohne groß zu überlegen, nahm er ihr die Gabel aus den Fingern und ergriff ihre Hände.

"Hey Dollface. Nun mal langsam. Das wird schon wieder alles, es braucht nur Zeit und Geduld. Du wirst wieder sehen können", versicherte er ihr im Brustton der Überzeugung.

"Ja klar", entgegnete Angel mit einer Stimme, die wenig glaubhaft klang.

"Ganz sicher, du musst nur Vertrauen haben."

"Und wie lange noch? Jetzt ist bereits weitaus mehr als ein Monat vergangen und nichts hat sich verändert. Es ist nach wie vor stockdunkel um mich. Ich kann keine Schemen erkennen, kein Hell-Dunkel, nichts! Der Arzt im Krankenhaus klingt auch von Mal zu Mal weniger glaubwürdig. Ich höre immer nur von ihm, dass er mir nichts Genaues sagen kann, wann meine Sehkraft zurückkehrt", stieß sie aufgewühlt hervor.

"Das bildest du dir nur ein, Dollface. Caine hat mir da etwas anderes erzählt. Deine Werte haben sich doch eindeutig verbessert. Bis auf deine Augen bist du laut dem Doc kerngesund."

Angel wurde klar, dass sie aus diesem Willensmatch nicht als Siegerin hervor gehen würde. Wenn Kermit sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, dann kam man nicht dagegen an. Außerdem wollte sie auch nicht darüber reden. Abrupt entzog sie ihm ihre Hände und wandte sich wieder dem Essen zu.

"Wechseln wir das Thema bitte, man kann wohl so ziemlich alles hinein interpretieren, was man möchte. Was hat sich eigentlich damals aus meiner russischen Übersetzung ergeben?"

Kermit akzeptierte stillschweigend ihr Ablenkungsmanöver. "Oh sehr viel. Es ist uns gelungen, den Drahtzieher der Bande hinter Gitter zu bringen wo er wohl eine ganze Weile bleiben wird. Deine Entschlüsselung hat uns Tür und Tor geöffnet."

"Super, das freut mich. Darfst du mir auch mehr darüber verraten, oder fällt das unter Betriebsgeheimnis?"

"Wenn du es hören möchtest."

"Gerne, ich bin neugierig."

Kermit verbrachte die nächsten Minuten damit, Angel zu erzählen, wie es ihnen gelungen war, den Drogenring auffliegen zu lassen. Um sie nicht zu beunruhigen ließ er wohlweißlich die diversen Drohungen aus, die der Typ speziell gegen ihn ausgestoßen hatte. Ab und zu warf sein Gegenüber ein paar Fragen ein, die ihm klar machten, dass sie sehr genau zuhörte und sich wirklich dafür interessierte. Als er endete, waren auch die Teller leer.

Angel erhob sich und räumte gemeinsam mit ihm den Tisch ab. Einträchtig standen sie dicht nebeneinander in der Küche und spülten das Geschirr. Kermit trocknete ab und stellte die von ihr gespülten Teller weg. Nach Beendigung der Arbeit, ließ Angel das Schmutzwasser aus der Spüle laufen und drehte sich zur Kaffeemaschine um. Kermit, der genau dieselbe Idee gehabt hatte, wandte sich im gleichen Augenblick der Maschine zu.

Sie kollidierten miteinander. Reaktionsschnell streckte der Detective die Hände nach der jungen Frau aus, um sie vor dem Fallen zu bewahren. Beschützend zog er sie an sich.

Angel zog scharf den Atem ein, als sie sich so plötzlich dicht gedrängt an Kermit wieder fand. All ihre Sinne richteten sich nur auf diesen einen Mann, der sie mehr durcheinander brachte, als irgendetwas anderes auf dieser Welt. Sein herrlich duftendes Rasierwasser vernebelte ihr vollkommen die Sinne.

"Gute Reaktion", lobte sie mit rauchiger Stimme, keinerlei Anstalten machend, sich von ihm zu lösen.

Im Gegenteil, sie schmiegte sich nur noch enger an ihn. Ihr geschmeidiger, fraulicher Körper passte sich perfekt den Konturen des gestählten, männlichen Körpers an, als wäre er nur für diesen Moment erschaffen worden.

"Ich würde niemals zulassen, dass dir etwas geschieht, Dollface", wisperte Kermit, ebenfalls von dem Augenblick gefangen.

Extrem langsam glitt seine rechte Hand ihren Rücken hoch bis sie in ihrem Nacken liegen blieb, was sie zum Erschauern brachte. Sein linker Arm hielt sicher und beschützend ihre schmale Taille umfangen.

"Kermit?" Die Stimme klang leise, fragend, jedoch mit einem gewissen Unterton, der ihm durch Mark und Bein drang.

"Angel? Hast du überhaupt eine Ahnung wie begehrenswert du aussiehst?", wisperte er rau und strich sanft ihre Wange entlang.

"Zeige es mir", flüsterte sie ebenso leise und schmiegte sich eine Spur enger an ihn.

Unglauben spiegelte sich in seiner Stimme. "Sicher?"

Sie nickte nur und hob ihm ihr Gesicht entgegen, gleichzeitig drückte sie ihre Hüfte fordernd gegen die Seine. Ihre Lippen öffneten sich leicht in Erwartung seines Kusses.

Kermit schluckte trocken. Er konnte nicht glauben, dass sie genau dasselbe wollte wie er...und...diesmal war sie nicht zu schwach.

"Bist du dir auch wirklich ganz sicher?", hakte Kermit nicht ganz überzeugt noch einmal nach.

"Absolut", hauchte Angel, begleitet von einem kräftigen und nachdrücklichen Kopfnicken.

Im nächsten Moment zog Kermit die überraschte Frau noch enger in seine Arme, sie konnte kaum noch atmen, und eroberte stürmisch ihren Mund. Das tiefe Verlangen, das in diesem Kuss lag, trieb Angel beinahe die Tränen in die Augen. Sie spürte mit all ihren Sinnen, wie sehr sie Kermit wollte und wie sehr er sie ebenfalls begehrte. Für beide gab es keinerlei Bedenken mehr.

Der ehemalige Söldner hob seine Partnerin schwungvoll hoch und trug sie direkt ins Schlafzimmer, wo er sie in die weichen Kissen sinken ließ. Angel, die ihre Arme nicht von seinem Nacken gelöst hatte, zog ihn einfach mit sich herunter, so dass er über sie gebeugt stand.

"Wir können jederzeit aufhören, Dollface, du musst nur einen Ton sagen", wisperte er zwischen zärtlichen Küssen.

"Keine Chance, Kermit, keine Chance", erwiderte sie und schob eifrig die Hände unter sein Jackett, um es ihn von der Schulter zu streifen.

Kermit richtete sich auf und zog Angel etwas mit sich hoch, so dass sie nun auf dem Bett kniete. Er ließ sich das Jackett von der Schulter streifen und entledigte sich des Holsters. Den Desert Eagle legte er nach kurzer Überprüfung auf dessen Sicherung auf den Nachttisch, seine Brieftasche wanderte direkt daneben.

Kaum dass er sich ihr wieder zuwandte, spürte er ihre flinken Finger an seinen Hemdknöpfen. Er lachte leise und bedeckte ihre Hand mit der seinen. Gleichzeitig nahm er mit seiner freien Hand seine Brille ab und verfuhr mit der ihren auf dieselbe Weise. Auch sie landeten irgendwo auf dem Nachttisch.

"Langsam, Dollface, wir haben alle Zeit der Welt.", neckte er leicht.

"Ich will dich spüren, Kermit, deine Haut unter meinen Fingerspitzen, jeden Zentimeter will ich ertasten", antwortete sie mit vor Erregung bebender Stimme.

Pures Feuer schoss durch Kermits Adern bei ihrem Geständnis. Er beugte sich vor, um sie tief und verlangend zu küssen. Die Leidenschaft schwappte wie eine Welle über sie. Angels Hände zitterten immer mehr, bis sie alle Knöpfe seines Hemdes offen hatte und es ihm von der Schulter streifte. Zarte Finger legten sich auf seine Gürtelschnalle und öffneten sie.

Kermit konnte nicht mehr länger widerstehen. Er beendete den Kuss und schob die Hände unter ihr Kleid, um es ihr über den Kopf zu ziehen. Der Atem wurde ihm knapp, als er entdeckte, dass sie nichts darunter trug und nun in ihrer ganzen Schönheit vor ihm kniete.

"Oh Mann, du verstehst es wirklich, einen Mann um den Verstand zu bringen", raunte er.

Angel lächelte verheißungsvoll, nicht einen Moment verlegen, sich ihm so zu präsentieren. Starke, dennoch sanfte Hände legten sich auf ihre Schultern und drückten sie auf das Kissen zurück. Angel gab nur zu gerne nach. Fast ehrfürchtig ließ der ehemalige Söldner seine Finger über die gesamte Länge ihres Körpers wandern.

"Du bist wunderschön", hauchte er.

Angel konnte einen leisen Laut nicht unterdrücken und wölbte sich seinen streichelnden Händen entgegen. Als er sie los ließ, fühlte sie sich sogleich vollkommen verlassen. Sie hörte, wie er den Reißverschluss seiner Hose öffnete und sich ihrer entledigte. Unbewusst streckte sie ihm ihre Hand entgegen. Er ergriff sie und ließ sich neben sie in die Kissen gleiten, ihre Hand fest gegen seine Brust gedrückt. Beide stöhnten auf, als sie sich das erste Mal ohne trennende Kleidung der Länge nach berührten.

Kermit beugte sich über sie und hauchte sanfte Küsse über ihr Gesicht, sich langsam den Weg nach unten bahnend. Angel warf den Kopf zurück. Er fasste dies als Einladung auf, mit der Zunge einen feuchten Pfad über ihre Kehle bis hinab zu ihrem Schlüsselbein zu ziehen. Sie erschauerte. Ihre Hände verkrallten sich in seinem Rücken. Es bereitete Kermit höchste Freude wie sie auf ihn reagierte. Er konnte nicht genug davon bekommen, sie zu berühren und zu streicheln.

Mit Angels nächster Bewegung hatte er nicht gerechnet. Ohne Ansatz warf sie sich plötzlich herum, so dass er auf dem Rücken zu liegen kam und sie über ihm lag. Im ersten Moment vollkommen perplex, ließ er zu, dass sie ihrerseits anfing seinen Körper zu erforschen. Er stöhnte auf. Sie war ein Naturtalent, da gab es keinen Zweifel.

Ihre zarten Finger erforschten jeden Millimeter seiner leicht behaarten Brust, tasteten sich den Weg über breite Muskeln immer tiefer hinab. Bald ließ sie ihre Zunge dem Weg folgen und brachte ihn damit fast um den Verstand. Wenn sie so weiter machte...nein, so schnell durfte alles nicht vorbei sein... Er handelte rein instinktiv.

Zupacken gewohnte Hände griffen nach der eifrigen, jungen Frau und zogen sie hoch. Ihren Protest erstickte er mit einem tiefen Kuss. Gleichzeitig drehte er sich mit ihr in den Armen herum, so dass sie wieder unter ihm zu liegen kam. Ihre streichelnden Hände fing er ein und hielt sie mit einer Hand über ihrem Kopf fest, nicht sicher, wie lange er ihre gekonnten Zärtlichkeiten noch aushalten konnte, ohne zu explodieren. Angel protestierte vehement gegen diese Behandlung und biss ihn warnend in die Lippe.

Kermit zuckte zurück. "Hey, du kleines Biest", schalt er milde.

"Ich will dich berühren, Kermit. Das ist unfair!", gab sie mit vor Erregung heißerer Stimme zurück.

"Wenn du so weiter machst, dann ist es vorbei ehe es richtig angefangen hat, Dollface. Ich möchte, dass dieser Abend unvergesslich für dich wird, bitte lass mich einfach machen."

Angel stöhnte auf, als er im gleichen Moment, als er das sagte, sie erneut sinnlich streichelte.

"Du spielst schmutzig, Kermit Griffin", brachte sie hervor.

"Wenn ich damit das erreiche, was ich will", murmelte er.

"Das gibt Rache", schwor sie ihm in leichtem Ton, der ihre Erregung nicht überdecken konnte.

"Später bin ich ganz dein, Dollface, aber zuerst bin ich dran", erwiderte er mit nicht ganz fester Stimme. "Einverstanden?"

Sie stöhnte und nickte, zu einer richtigen Antwort nicht mehr fähig. Erneut schlossen sich seine Lippen um die ihren. Der Kuss hielt nichts mehr von dem Feuer der Leidenschaft zurück, die sie beide mehr und mehr erfasste.

Vorsichtig ließ Kermit ihre Hände los, die sich sofort um seine Schultern klammerten, zu mehr war sie nicht mehr in der Lage. Befriedigt, dass er sich durchgesetzt hatte, begann er intensiv, ihren Körper zu verwöhnen und schleuderte sie so in ungeahnte Höhen. Sie warf sich ihm entgegen, jeder Zentimeter ihres Körpers schrie nach der Vereinigung. Erst als er vollkommen sicher war, dass sie mehr als bereit für ihn war, schob er sich zwischen ihre Schenkel.

Angel warf den Kopf zurück und stöhnte laut. Ihre Finger fuhren unkontrolliert über seinen Rücken. "Komm, bitte komm, ich halte das nicht mehr aus", wimmerte sie.

Kermit leistete diesem Begehr nur allzu gerne folge. Einen kurzen Moment lang wandte er sich von ihr ab, griff nach seiner Brieftasche und fischte daraus eines der Kondome hervor, die er seit ihrem ersten Kuss immer mit sich führte. Er streifte es sich über, begleitet von ihrem fordernden Stöhnen. Dann kam er ihrer Bitte nach und versenkte sich in sie. Angel zuckte zusammen, auch er hatte es deutlich gespürt. Vollkommenes Unglauben spiegelte sich in seinem Gesicht.

"Mein Gott, Angel...ich habe dir weh getan", presste er zwischen zusammen gebissenen Zähnen hervor.

"Ist schon gut, Kermit. Bitte mach weiter, du fühlst dich so gut an", bat sie leise.

Ob er wollte oder nicht, Kermit konnte nicht mehr zurück. Gleichzeitig fluchte er in seinem Inneren nachhaltig, warum sie ihm nicht gesagt hatte, dass sie noch Jungfrau war. Doch damit würde er sich später beschäftigen, seine eigene Erregung ließ für diese Gedanken im Moment keinen Platz.

Er verharrte einen Moment vollkommen Bewegungslos in ihr, damit sie sich an ihn gewöhnen konnte, dabei streichelte er sie sanft, bis sie erneut zu stöhnen anfing. Erst als er sicher war, dass sie kein Unwohlsein mehr verspürte, machte er weiter.

Bald fanden sie einen Rhythmus, der sie unabänderlich immer höher und höher in eine Sphäre trug, in der jegliches Denken ausgeschaltet war. Zeit und Raum hörten auf zu existieren. Es gab nur noch sie beide, einander so nahe, wie zwei Menschen es nur sein konnten. Nicht nur im Körper, auch im Geist vollkommen vereint.

Angel schrie laut auf, ihr Körper spannte sich an, verfiel in ungehemmte Zuckungen die sich tief in Kermits Körper widerspiegelten. Sie riss ihn einfach mit in diesen Strudel von Gefühlen und Spasmen. Bunte Farben tanzten vor seinen Augen, wirre Nebel rissen ihn noch viel Höher als er je geglaubt hatte, erreichen zu können.

Es dauerte lange, bis er einigermaßen wieder zu sich kam. Schwer keuchend lag er auf ihrer Brust. Er spürte ihren schnellen Atem an seinem Nacken und merkte, dass sie die ganze Zeit bei ihm geblieben war und noch immer unter dem Einfluss dieser neuen Erfahrung vor Erregung zitterte.

Kermit ließ sich zur Seite sinken und zog sie mit sich. Erneut begann er, sie zu streicheln, sie dabei sicher mit einer Hand umfangen haltend. Er brauchte keine Minute, um sie noch einmal an die höchste Pforte des Glücks zu bringen. Angel schrie und wand sich in seinen Armen. Er hielt sie sicher fest, genoss ihre Entrücktheit und Ergebenheit mit all seinen Sinnen und wartete geduldig bis sie wieder zu sich kam. Noch nie hatte er eine Frau wie sie in seinem Bett gehabt. Das war mehr als nur ein reiner körperlicher Akt... weitaus mehr.

Zutiefst befriedigt hörte er zu, wie sich ihr Atem langsam wieder beruhigte und sie sich immer mehr in seinen Armen entspannte, sich wie eine Katze an ihn kuschelte. Mit trägen Bewegungen streichelte er ihren Rücken und zog sie eng an sich.

Es dauerte noch eine Weile, bis sie wieder sprechen konnte. Ihr Kopf lag auf seiner muskulösen Brust, ihre Hand auf seinem Bauch, die andere Hand hatte sie unter seinen Nacken geschoben und streichelte mit den Fingerspitzen seine Schultern.

"Unglaublich", murmelte sie. "Das war...ich finde einfach keine Worte, um das zu beschreiben."

Kermit verschloss ihren Mund mit einem zärtlichen Kuss. "Dann versuche es einfach nicht, genieß nur das Hier und Jetzt", sagte er sanft.

Mehrere Minuten verstrichen, in denen keiner etwas sagte. Sie genossen nur die Nähe zueinander. Langsam veränderte sich die Stimmung. Kermits Denken kehrte zurück. Angel war es, die es als Erste bemerkte. Sie hob ihren Kopf.

"Was ist los, Kermit?"

"Warum hast du mir nicht gesagt, dass du noch Jungfrau bist?", brach es aus ihm hervor.

"Hätte das denn etwas geändert?"

"Nein...ja...ich weiß nicht...aber ich wäre auf jeden Fall vorsichtiger gewesen. Warum hast du es mir nicht gesagt?"

"Ich habe schlicht und einfach nicht daran gedacht. Ich wollte dich so sehr und ich war dermaßen überwältigt von deiner Nähe, dass ich an nichts anderes, als an dich denken konnte", erwiderte Angel vollkommen ehrlich.

Kermit spürte, dass sie die Wahrheit sagte. Er beruhigte sich zusehends. Die entspannte Stimmung kehrte zurück. Angel war erleichtert, dass er ihr nichts nachtrug. Egal was passierte, diese Nacht würde für immer in ihrem Gedächtnis bleiben.

Erneut begannen sie sich zu streicheln, träge zuerst, dann wurden die Berührungen drängender. Angel schrie überrascht auf, als er sie plötzlich schnappte, auf die Arme nahm und sie aus dem Zimmer trug.

"Was hast du denn nun vor?", wollte sie wissen.

Sie merkte, dass er sie ins Badezimmer gebracht hatte. Ein wenig verlegen erklärte Kermit das warum.

"Du äh...hast geblutet. Ich glaube, eine Dusche würde uns beiden jetzt gut tun."

"Oh", Angel versteckte beschämt ihren Kopf an seiner Brust.

Sanft hob er ihr Kinn an, auch wenn sie ihn nicht ansehen konnte.

"Hey, Dollface, das ist nichts wofür du dich schämen müsstest. Es ist absolut in Ordnung."

Schwungvoll betrat er mit ihr zusammen die Dusche wo er sie langsam und sinnlich an seinem Körper herunter gleiten ließ. Sie schnappte nach Luft, als er das Wasser andrehte und der erste kalte Strahl ihre Körper traf.

Bald hatte das Wasser die richtige Temperatur. Angel wurde eh immer wärmer, da Kermit begann, sie gründlich einzuseifen und dabei keinen Millimeter ihres Körpers ausließ. Mit wackligen Knien erwiderte sie diesen Gefallen, was damit endete, dass sie sich unter der Dusche erneut liebten.

Nachdem sie sich gegenseitig gründlich abgetrocknet hatten, nutzte Kermit die Zeit, die Angel noch im Bad fürs Haare trocknen brauchte, um das Bettlaken zu wechseln. Achtlos stopfte er es in den Wäschekorb. Anschließend kehrte er zu ihr zurück und trug sie in das frisch gemachte Bett.

Es dauerte nicht lange, bis sie erneut tief in ein zärtliches Liebesspiel verstrickt waren, in dem es nur Gewinner und keine Verlierer gab. Erst dann fielen sie in erschöpften Schlaf.

ooooooooooooo

Der Abschied am nächsten Morgen dauerte lange, da sich das Pärchen noch einmal liebte. Obwohl Kermit sich ernsthaft überlegte, heute Blau zu machen, gewann sein Pflichtgefühl die Oberhand. Zu spät kommen wollte er allerdings auch nicht, denn er würde schnell in Erklärungsnöte kommen, seine Verspätung zu begründen. Außerdem befürchtete er, man könnte ihm diese Nacht voller Wunder an der Nasenspitze ansehen. Da war es besser, gleich im Büro zu verschwinden, ohne eine Rapport abgeben zu müssen. Schließlich, als es allerhöchste Zeit wurde, verabschiedete er sich widerstrebend von ihr mit einem langen, verheißungsvollen Kuss.

Angel beschloss, sich noch ein wenig auszuruhen, bis Peter auftauchte. So erschöpft wie heute hatte sie sich noch nie gefühlt, aber es war eine positive Erschöpfung. Ein seliges Lächeln auf den Lippen, schlurfte sie ins Schlafzimmer und zog sich an. Dann kehrte sie in ihr Wohnzimmer zurück und legte sich auf die Couch, wo sie Sekunden später, mit Gedanken an Kermit, einschlief.