{ 04. A LONG WAY HOME }
Auf seinem Frühstücksteller lag eine Scheibe Mehrkornbrot, deren eine Hälfte mit hauchdünn geschnittenem Käse belegt war. Auf der anderen Hälfte befand sich Magerquark, Tomate und Kresse. Daneben stand ein Kännchen fettarme Milch und ein Schälchen mit etwa zwei Esslöffeln Müsli. Außerdem bekam Alfred heute sogar ein kleines Glas Saft, nur wollte er es gar nicht haben. Dafür erinnerte ihn die brennend-schmerzende Stelle an seinem Bauch zu sehr daran, wie schlecht seine letzten Monate verlaufen waren und wie mies er sich eigentlich fühlte. Vielleicht hätte er einfach eher auf seinen ehemaligen Teamkollegen Brad hören sollen...
„Morgens gibt's bei uns auch Tee. Möchtest du welchen?", wurde Alfred nun von der aufmerksamen Schwester mit den langen, brünetten Haaren gefragt, die heute in der Frühschicht arbeitete.
Sein Blick glitt daraufhin automatisch zu Arthur hinüber, der bereits eine Tasse Tee vor sich stehen hatte. Sein Frühstück wirkte auch wesentlich einladender als Alfreds, was diesen nicht sonderlich überraschte. Er musste immerhin all das überflüssige Fett loswerden. Tee wäre vielleicht ein guter Anfang, also nickte er freudig und tat so, als würde er ungesüßten Tee total lieben.
Mit den Fingern, die eben noch seinen Bauch gepiesackt hatten, umschloss er kurz darauf die warme Tasse und sah aus dem Fenster. Auch heute früh schien niemand sonderlich gesprächig. Das Personal wirkte fast so müde wie die Patienten und selbst Arthur war lediglich daran interessiert, sich bestmöglich durch das Ärgernis namens Frühstück zu quälen.
Alfred probierte nach einigen Minuten den Tee und befand ihn für zu bitter. Dass er nach Wildkirsche schmeckte, hielt er für ein Gerücht. Grimassierend stellte er die Tasse zurück auf den Tisch und gähnte ungeniert, die Hand nicht vor den Mund gehoben. Die Zeit verging, ohne dass er sein Brot oder das Müsli probierte. Er war zu müde. Schlafen wäre eine gute Maßnahme, aber an Essen war gerade nicht zu denken...
„Iss, sonst hältst du gleich den Ablauf auf", bemerkte Arthur nach einigen Minuten, ohne Alfred eines Blickes zu würdigen.
„Ablauf? Was für'n Ablauf?"
„Na die Therapiezeiten! Sie haben dir doch bestimmt für heute früh eine Stunde mit deiner Ernährungstherapeutin auf den Plan gesetzt?"
Alfred musste kurz in seiner Erinnerung wühlen – er hatte leider nicht ganz so aufmerksam zugehört, als er gestern zur Besprechung war –, aber er meinte, tatsächlich etwas in der Art gesagt bekommen zu haben.
„Achso! Ja, ich glaub schon, aber-"
„Die mögen es hier drin nicht, wenn du deine Therapiezeit nicht einhalten kannst, nur weil du deinen Teller nicht leer kriegst." Es klang ja beinahe wie ein gut gemeinter Rat. Aber eben nur beinahe. Um tatsächlich an so was wie aufrichtiges Mitgefühl glauben zu können, vermisste Alfred leider die Empathie in Arthurs Stimme. Anstatt einen Blickkontakt zuzulassen, starrte Arthur nämlich lieber konsequent Kondenswasser an, das sich draußen am unteren Rand der Fensterscheibe gebildet hatte und einst klammer Morgennebel gewesen war.
Alfred knirschte missmutig mit den Zähnen.
„Ich hab aber noch gar keinen Hunger! Sollen sie's mir doch stehen lassen, dann ess ich's später. Is' doch alles halb so wild!"
Es stimmte sogar: Frühstück am sehr frühen Morgen war überhaupt nicht Alfreds Ding. Wenn Frühstück, dann erst am späten Vormittag und zwar Donuts, Muffins, Waffeln oder Pfannkuchen. Oftmals war seine erste richtige Mahlzeit aber das Mittagessen oder ein Schokoriegel, den er sich auf dem Weg zur Schule irgendwo kaufte. Also garantiert kein Müsli oder Butterbrot. Das, was auf seinem Speiseplan einem Brot am ähnlichsten kam, war ein Sandwich von Subway oder ein Burger mit Spiegelei und Speck.
Von Arthur kam ein verachtendes „Das glaubst aber auch nur du!", das Alfred endgültig entmutigte. Er musste doch abnehmen, also wenn er keinen Hunger hatte, war es doch unsinnig, darauf zu bestehen, dass er seinen verfluchten Teller leer aß?! Die sollten sich hier mal nicht so haben! Er war ja schließlich nicht so dürr wie andere, die die Kalorien fraglos brauchten.
Erneut gähnend, lehnte sich Alfred träge auf seinem Stuhl zurück. Da die Frühschicht wohl etwas rarer besetzt war als die Spätschicht, befanden sich heute nur eine Schwester und ein Pfleger im Raum, die auf die anderen beiden Tische verteilt waren.
Feliciano hatte den Kopf auf die rechte Hand gestützt und strich geistesabwesend mit dem Löffel durch seinen Stracciatella-Joghurt. Sich das Spektakel einige Minuten ansehend, schmollte Alfred weiter – er war müde, er war so verdammt müde! Er wollte schlafen und nicht essen! –, bis der Pfleger vom Nachbartisch auf ihn aufmerksam wurde.
„Etwas nicht in Ordnung?", kam er zu ihnen hinüber.
„Es is' kurz nach 7! Mehr brauch ich wohl nich' zu sagen!", konterte der Morgenmuffel in Alfred, der sich nicht von noch jemandem vorschreiben lassen wollte, was er wann zu essen hatte. Ihm selbst war nicht bewusst, wie unverschämt es wirkte, doch Arthur stoppte mitten beim Biss in sein Marmeladenbrötchen.
Der Pfleger war für einen unbestimmten Moment perplex, eher er sich an den Tisch setzte und Alfred streng ins Visier nahm.
„Wir mögen es hier nicht, wenn man unfreundlich miteinander umgeht."
Daher hatte Arthur also diese nette Ausdrucksweise. Offenbar fand hier Gehirnwäsche statt und erst wenn man sprach und machte wie befohlen, durfte man wieder nach Hause. Bis dahin wurde man mitten in der Nacht aus dem Schlaf gerissen, auf eine Waage gezwungen und mit völlig dämlichem Teller-leer-ess-Zwang gequält! Wie sollte man da noch motiviert sein für den Tag?!
Der Pfleger blieb vollkommen ruhig und ließ sich von Alfreds aufmüpfigem Gesichtsausdruck in keiner Weise provozieren.
„Das ist dein erster Morgen bei uns, oder?"
„Ja, und ich hab keinen Hunger. Ich frühstücke morgens nicht. Erst recht nicht zu dieser Zeit! Ich mein, es ist gerade mal viertel nach sieben und ich hab eigentlich Ferien! Ich weiß gar nicht, was all der Stress soll! Hier drin kann's doch total egal sein, ob wir um 6 oder um 12 aufstehen. Kann ich nich' einfach wieder ins Bett gehen und später frühstücken?"
„Nein, kannst du nicht. Ein geregelter Tagesablauf ist wichtig für euch und eure Genesung." Die Antwort kam wie aus der Pistole geschossen. „Und deswegen solltest du jetzt mit deinem Frühstück anfangen."
„Aber ich kann's doch genau so gut später essen!"
„Nein. Jetzt ist Frühstückszeit und dein Tag beginnt, genau wie der aller anderen, mit einer gesunden Mahlzeit zur vorgeschriebenen Zeit."
„Ich hab aber noch keinen Hunger, verdammt!" Immer beharrlicher verstrickte sich Alfred in die für ihn nicht zu gewinnende „Diskussion". Mittlerweile hatte nicht nur Arthur vergessen zu kauen, sondern auch sämtliche anderen Patienten. Der ganze Raum starrte Alfred an, als sei er verrückt. Dabei war er ganz sicher nicht derjenige, mit dem hier etwas nicht stimmte! Die anderen hatten doch Probleme damit, ihr Essen runter zu kriegen oder drinnen zu behalten! Die meisten hatten sogar mitsamt dem Frühstück irgendwelche bunten Pillen serviert bekommen. Das sprach doch wohl für sich!
„Du isst dein Frühstück – jetzt! So sind nun mal die Regeln."
„Das sind doch schei-!" Alfred fuhr zusammen, als unerwartet ein höllischer Schmerz sein Schienbein zu zerteilen schien. Das „scheiß Regeln!", was er dem Pfleger an den Kopf knallen wollte, ging in seinem erstickten Schmerzensschrei unter. Arthur hatte ihn getreten – und das nicht zu knapp.
Der Pfleger hatte es zwar nicht sehen können, musste es aber ahnen. Nichtsdestotrotz ließ er die Angelegenheit auf sich beruhen, erhob sich von seinem Stuhl und schenkte Alfred ein geheucheltes „Schön, dass du es eingesehen hast", bevor er zufrieden zum anderen Tisch zurück schlenderte.
War das unfair oder war das unfair?! In Alfreds Augen brannten erste Ansätze von Tränen, so sauer war er. Eilig blinzelte er sie weg und biss sich auf die Unterlippe. Seinem Gefühl nach zu urteilen, glotzten ihn immer noch alle an wie ein Zirkustier. Normalerweise hatte er ja nichts gegen Aufmerksamkeit einzuwenden, aber das hier war eindeutig die falsche Art von Aufmerksamkeit. Er fühlte sich bevormundet und wie ein kleines Kind behandelt! Nicht nur, dass man ihm die Schnürsenkel aus den Schuhen nahm, all seine Schokoriegel und seine Spielsachen beschlagnahmte – nein, er musste sich hier blind jeder noch so absurden Regel unterwerfen und wurde obendrein auch noch von seinem Tischnachbarn getreten! Wo blieben denn seine verdammten Rechte? Warum ließen sich die anderen Patienten das nur gefallen? So was konnte doch unmöglich förderlich sein für die Gesundheit?!
Innerlich von Wut und Zorn erschüttert, griff Alfred nach seinem Saft und stürzte ihn in einem garstigen Zug hinunter. Vielleicht verweigerte Feliciano ja deswegen das Essen, weil er es auch nicht richtig fand, wie man hier drin mit ihnen umsprang. Alfred hätte es gerne so ausgelegt, aber ein nagender Teil seines Herzens wusste leider, dass dem nicht so war. Feliciano und viele andere hatten lange vor dem Klinikaufenthalt beschlossen zu hungern.
Alfreds Tag wurde partout nicht besser. Zwar hatte er letztlich klein beigegeben und sich sein dämliches Frühstück reingezwungen (ohne auch nur noch ein Wort mit Arthur zu wechseln, den das aber wenig tangierte), doch er war irgendwie vom Regen in die Traufe geraten. Die strenge Frau vom Arztgespräch am Vortag hatte ihn nämlich unter ihre Fittiche genommen und ihm rund eine Stunde lang etwas von Ernährung, Ernährungsgrundsätzen und Ernährungsumstellung erzählt.
Alfred hatte den absoluten Musterschüler gemimt und immer nur brav gelächelt und genickt – denn natürlich wusste er, dass es nicht förderlich fürs Gewicht war, wenn er massenhaft Erdnuss-Caramell-Brownie-Eis, Gummitierchen oder Chips mit Barbecue-Geschmack in sich reinstopfte. Dass man in der Klinik dafür sorgen wollte, dass er sich regelmäßig und gesund ernährte, stieß ihm irgendwie sauer auf. Die Frau erklärte ihm zwar mit plausiblen Worten, warum insbesondere ein ausgewogenes Frühstück wichtig war, aber Alfred wusste ohnehin, dass er Zuhause niemals die Disziplin aufbringen würde, an Schultagen zeitig genug aufzustehen, um sich ein Brot zu schmieren oder ein Müsli zu machen. An Wochenenden war das Hoch der Gefühle fertigen Waffelteig zu backen, nebenbei fern zu sehen und so lange Waffeln mit Sprühsahne, Nutella und Marshmallow Creme zu essen, bis die ganze Teigflasche verbacken war und er alles noch mal wiedersah. Die Tatsache behielt er allerdings für sich.
Es war ihm unangenehm genug, dass die schlanke Frau, die auch heute wieder eine lupenreine, weiße Bluse trug und ihr Haar bis zur absoluten Unbeweglichkeit mit Haarspray betoniert hatte, ihn in einem fort nach seinen Essgewohnheiten ausfragte:
Wann, was, wie viel, warum ab dem späten Nachmittag immer so viel, warum sogar manchmal so viel, dass er sich hinterher übergab...?
Alfred konnte oder wollte sich dazu nicht äußern und tat es lapidar ab. Es war einfach so. Weil er eben Hunger hatte und weil er gerne aß und weil dies und weil das und weil jenes. Warum musste alle Welt aus einer Mücke einen Elefanten machen?
Die Ernährungstherapeutin mit dem melodischen Namen Claire Brooke hatte ihn die meiste Zeit mit unangerührter Miene angeschaut und dann ihre Notizen ergänzt, bevor sie dazu überging, Alfred vorzurechnen, wie viele Kalorien er hier drin bekam, wie viele Kalorien er überhaupt pro Haupt- und Zwischenmahlzeit zu sich nehmen sollte und dass er unter anderem an der Gruppentherapie, der Kunsttherapie und am Sportprogramm teilnehmen würde. Das alles war seinem „Stundenplan" zu entnehmen.
Außerdem hatte sie betont, wie gut sie es doch fand, dass er Baseball spielte und dass er unbedingt dabei bleiben sollte. Alfred hatte in dem Moment die Luft angehalten und wie ein Verbrecher auf seine Füße gestarrt. Dass Frau Brooke davon ausging, er spiele noch Baseball, hatte er wohl seinen Eltern zu verdanken...
Nach dem unangenehmen Teil des Gesprächs kam der lästige, denn Frau Brooke legte ihm irgendwann ein Arbeitsblatt unter die Nase, mit dessen Hilfe sie Alfred den Kreislauf von Nichtsessen, Überessen und Übergeben erläutern wollte. Pfeile führten in verschiedene Richtungen und zeigten auf diverse Symbole. Daneben waren meist freie Linien.
„Bis zu unserer nächsten Stunde möchte ich, dass du dir dieses Arbeitsblatt ganz genau anschaust, Alfred", begann Frau Brooke im besten Erzieherinnenton. „Versuch einmal, kleine Überschriften für das zu finden, was du siehst."
War das ernst gemeint? Alfred befürchtete es... Begeisterung konnte er dem aber nicht entgegen bringen. Stattdessen probierte er es nonchalant herunterzuspielen, indem er gewohnt lächelte und abwinkte.
„Kein Problem!"
Frau Brooke schien seine Laune jedoch völlig gleichgültig zu sein. Sie ließ sich weder von seinem vorgetäuschten Strahlen noch seiner aufgesetzten Aufgeschlossenheit beeindrucken, sondern machte einfach weiter im Text.
„Wenn du dann deine Überschriften gefunden hast, möchte ich, dass du diese kleinen Linien neben den Symbolen benutzt, um aufzuschreiben, wie du dich fühlst, wenn du das tust."
„Ich soll aufschreiben, was ich fühle, wenn ich", Alfred deutete auf das nächstbeste Symbol, das ein Törtchen war, „Kuchen esse?!"
„Ja. Oder auch, wann du an Kuchen oder Süßigkeiten denkst und was du dann denkst."
War das nicht irgendwie bescheuert? Alfred kam nicht drum herum, seine Ernäherungstherapeutin mit hoch gezogenen Augenbrauen und blanker Miene anzusehen. Wieso um alles in der Welt musste er so einen Quatsch machen?
„Ich dachte, ich bin zum Abnehmen hier?!"
„Abnehmen und sich gesund ernähren beginnt im Kopf. Das gilt es erst mal zu verstehen." Als Zeichen dafür, alles gesagt zu haben, legte Frau Brooke ihren Kugelschreiber aus der Hand und stand auf. Alfred nahm zögerlich das Arbeitsblatt an sich und erhob sich dann ebenfalls.
Was hatte er denn jetzt bitte effektiv gelernt? Eigentlich doch gar nichts. Diese Klinik war für ihn eine totale Zeitverschwendung! Er wollte nicht irgendwo aufschreiben, wie er sich fühlte. Er wollte eigentlich nicht mal darüber nachdenken, was er fühlte! Wie kam er nur möglichst schnell wieder aus diesem Irrenhaus raus? Er hatte sich zwar vorgenommen, die Dinge irgendwie positiv in Angriff zu nehmen und allen zu demonstrieren, dass es ihm gut genug ging, um auf direktem Wege wieder entlassen zu werden, aber so langsam dämmerte ihm, dass das vielleicht nicht so einfach werden würde. Frau Brooke hatte er wenig imponieren können, ganz gleich wie sehr er sich bemühte. Die Frau stand seiner Unbeschwertheit so positiv gegenüber wie ein Eisberg einem Kaminfeuer...
Der Flur war wie so oft patientenleer, als Alfred samt seiner „Hausaufgabe" und seinem Stundenplan zurück auf sein Zimmer trottete und sich dort ohne Umwege auf sein Bett fallen ließ. Den Blick zur Decke gerichtete, stieß er ein wehleidiges Ächzen aus.
„Wieso muss ich so ein dämliches Arbeitsblatt machen?!" Seine Stimme pendelte irgendwo zwischen trotzig und wütend. „Ich hab Ferien, verdammt!"
„Ve~", kam es mitfühlend von Feliciano, der, wie Alfred jetzt bemerkte, noch genau so am Fenster stand und in einer Zeitung las wie vorhin schon. Dies höchst seltsam findend, stützte sich Alfred auf die Ellbogen und betrachtete den in diverse Kleiderschichten eingepackten Feliciano. Seine Finger wurden größtenteils von den langen Ärmeln der dunkelgrünen Kapuzenjacke verschluckt, unter der Alfred spontan ein T-Shirt und einen Pulli zu sichten glaubte. Zusätzlich fiel dem Blonden auch wieder die extreme Hitze im Raum auf: es war stickig und völlig überheizt hier drin!
„Wieso setzt du dich nicht hin?" Fragend stand Alfred auf und lehnte sich zum Fenster hinüber, um es zu öffnen. Von Feliciano kam sofort ein spitzer Schrei.
„Nein! Es ist doch eh schon so kalt! Da kannst du nicht auch noch das Fenster aufmachen!"
„Kalt?" Alfred wedelte sich demonstrativ Luft zu. „Hier drin ist's wie in der Sauna!"
„Du musst doch eh gleich zum Sport", winselte Feliciano weiter, während er sich vorbeugte, um das Fenster wieder zuzudrücken.
Alfred seufzte, dieses mal leicht genervt: erst hatten ihm sein Gewicht, das Frühstück und diese Ernährungstherapeutin den Tag verdorben und jetzt stellte sich auch noch sein Mitbewohner so an, als wolle man ihn mit Frischluft vergiften!
Gestern war die Sache ja noch irgendwie hinnehmbar gewesen, weil Alfred von all den neuen Eindrücken überfordert gewesen war. Doch schon die Nacht über hatte er seine Decke ständig weggestrampelt und war irgendwann heimlich aufgestanden, um die verfluchte Heizung runterzudrehen. Merkwürdigerweise war sie jetzt wieder hoch gedreht... So ging das doch nicht weiter!
Alfred hätte gerne eine Grundsatzdiskussion angefangen, aber Feliciano wimmerte nach wie vor kläglich und gab ein wirklich mehr als erbärmliches Bild ab.
Brummend gab Alfred schließlich klein bei und legte auf dem Weg zu seinem Schrank das Arbeitsblatt und den Stundenplan auf seinen Schreibtisch.
„Musstest du eigentlich auch so 'n scheiß Arbeitsblatt ausfüllen?"
„Ve? ...ja", kam es von einem wieder zu lächeln beginnenden Feliciano, der sich an die Heizung schmiegte wie ein Kitten an seine Mutter.
„Ich brauch das eigentlich gar nicht." Alfred sprach mit voller Überzeugung in den Kleiderschrank hinein. „Nur weil ich 'n bisschen angesetzt habe...!"
Es ärgerte ihn so maßlos, wie schlecht er in dieser Klinik behandelt wurde. Bettruhe um 22 Uhr, aufstehen um 6 Uhr früh, fieses Essen, in den kleinen Klinikpark durfte er nur, wenn er eine Schwester oder einen Pfleger um Erlaubnis fragte und überhaupt brauchte er hier für alles eine Genehmigung. Essen, Schlafen, Atmen; demnächst wohl auch noch fürs Leben!
„Ich hätt' das auch Zuhause wieder in den Griff bekommen!", wütete er.
„Ve..."
„Meine Mom ist nur so 'ne Dramaqueen. Meinem Dad wär's gar nich' aufgefallen. Der ist eh immer auf Geschäftsreise in Kanada! Haben deine Eltern eigentlich auch so einen Aufstand gemacht, weil..." Alfred wusste nicht, wie er es in Worte packen sollte. Deswegen wandte er sich zu Feliciano herum und deutete mit seiner Sporthose in der Hand auf ihn. „..naja, du bist echt sehr dünn. Ich glaub, du bist sogar der dünnste Mensch, den ich jemals gesehen habe!"
„Ach was..." Auf Felicianos Gesicht tat sich rein gar nichts. Alfred hatte es gewiss nicht böse gemeint, er tendierte nur dazu, schneller zu reden als zu denken. Entsprechend war ihm die Wahrheit rausgerutscht und sie lag nun offen zwischen ihnen, schien seinen Mitbewohner aber nicht großartig zu stören. Im Gegenteil, er wirkte nach einem kurzen Augenblick noch glücklicher als zuvor:
„Ich bin ja auch bald wieder bei ihnen!"
Wenn sogar der klapperdürre Feliciano demnächst nach Hause durfte, dann wäre es doch gelacht, wenn sie Alfred noch wesentlich länger hier festhalten konnten! Ermutigt und motiviert von Felicianos Strahlen, klatschte Alfred seinen Kleiderschrank zu und war entschlossener denn je.
„Die können schon mal meine Entlassungspapiere fertig machen!"
