Erster Zugriff
Laetitia räkelte sich mit Delux und Catrin im Gemeinschaftsraum. Mit den beiden verstand sie sich bereits nach der ersten Woche bestens. Und obwohl sie sich oft noch nicht im Schloss zu Recht fand, fühlte sie sich auch in Hogwarts schon wie zuhause. Die Schule hatte ihr Leben einschneidend verändert und dafür liebte sie sie. Ebenso mochte sie ihr Haus, ihre Kameraden und die meisten Lehrer. Was wollte sie mehr?
„Wir haben noch nichts angestellt. Da stehen wir den Großen um einiges nach", meinte Delux plötzlich. Catrin murmelte etwas, doch Laetitia richtete sich sofort auf. „Meinst du, wir sollten irgendetwas gegen die Slytherins unternehmen?" fragte sie. Delux rollte mit den Augen. „Wir werden nichts gegen die Slytherins unternehmen, solange sie nichts gegen uns unternehmen. Ich an deiner Stelle wäre froh, dass sie ihrer Drohung noch keine Taten haben folgen lassen und würde sie nicht unnötig reizen! Mit denen ist nicht zu spaßen." gab er zurück. „Ich meine, wir sollten uns etwas anderes einfallen lassen. Hey, du warst doch in einem Waisenhaus... da werdet ihr ja wohl noch andere Dinge gemacht haben, als euch nur gegenseitig runter zu machen!" Damit spielte Delux nicht auf Laetitias spottlustige Zunge innerhalb der Ravenclaws an. Er sagte es deswegen, weil sie sich unter den Slytherins den kleinen Matthias rausgepickt hatte und abwertende Bemerkungen fallen lies, sobald sie ihn sah. Delux wusste, dass sich die Slytherins auch das nicht lange gefallen lassen würden. Laetitia zuckte mit den Schultern. „Natürlich haben wir gelegentlich etwas angestellt, aber das meiste war recht harmlos - an magischen Maßstäben gemessen jedenfalls. Aber ich lasse mir was einfallen. Wozu hab' ich denn mein schlaues Köpfchen?"
Delux hätte Laetitia gar nicht warnen müssen. Die Slytherins kamen von sich aus.
Laetita und fünf andere Ravenclaws waren auf dem Weg zum Zaubertrankunterricht. Nur Daniel Reader – ebenfalls ein Junge aus ihrer Klasse –Michael Brackston und Hannah Lastert waren noch im Turm, um ihr Skatspiel zu beenden.
Da entdeckte Laetitia ein seltsames Licht in einem offen stehenden Kerkerraum. „Hey, wartet Mal!" rief sie den anderen fünf zu. „Was ist das?" Joe hielt sie fest. „Lass uns vorsichtig sein!" mahnte er. Laetitia schüttelte ihn ab. „Mensch, Delux! Ist ja gut", sagte sie unwirsch. „Was ist? Kommt ihr jetzt mit oder nicht?" Langsam traten die sechs Ravenclaws in den Raum ein, als die Tür auch schon hinter ihnen zufiel. Das Licht war sofort weg. Ein paar lachende Stimmen entfernten sich. Joe ging nur symbolisch zur Tür, um festzustellen, dass sie sich nicht mehr öffnen lies. Er stupste Laetitia etwas grimmig an. „Nun, Fräulein Prince, was gedenken Sie jetzt zu tun?" Es brachte ihm ja doch nichts, darauf hinzuweisen, dass er mal wieder Recht mit seiner Warnung gehabt hatte. Ein allgemeines Gemurmel erhob sich. „Vielleicht sollten wir einfach mal nach Hilfe rufen, schließlich kommen die anderen drei noch vorbei!" schlug Paul sachlich vor. Das taten sie dann auch.
***
Snape kochte vor Wut, weil die Schüler seinen Unterricht geschwänzt hatten. Er war sich zwar der dreisten Gleichgültigkeit der Ravenclaws bewusst – ein Grund, weswegen sie wohl niemals den Hauspokal gewinnen würden -, hatte aber noch nie erlebt, dass es Schüler in ihrer zweiten Woche gewagt hatten, den Unterricht zu schwänzen. Er würde wohl mal mit Flitwick reden müssen. Der hatte sein Haus einfach nicht im Griff – so etwas wäre ihm nie passiert. „Salazar Slytherin." Snape nannte das Passwort für den Kerkerraum, in dem sich die Zaubertrankzutaten befanden. Snape stutzte. Nichts passierte. Er runzelte die Stirn. Hatten seine Slytherins etwa... Er nahm den Zauberstab. „Alohomora." Der simple Spruch funktionierte. Die Tür öffnete sich. „Na endlich!" Laetitia stieß die Tür auf und prallte in Snape hinein, doch er hielt sie fest. Sogar ein paar Augenblicke länger als nötig. Dann packte er sie bei den Schultern und schob sie von sich weg. Er starrte sie an und Laetitia vermochte seinen Blick nicht zu deuten.
Erst als sie den Augenkontakt brach, nahm Snape auch die anderen wahr. „Was... was bitteschön macht ihr hier?" fragte er perplex und lies Laetitia los. Laetitia jedoch konnte nicht antworten, ihre Stimme versagte.
„Wir sind hier eingeschlossen worden, Professor", sagte Delux in gewohnt höflichem Ton. „Wir können nichts dafür." Da der Professor es selber gesehen hatte, konnte er ihnen diesmal nichts anhaben. „Und, wie konnte das passieren?" fragte er mit undurchdringlicher Stimme. Joe zuckte mit den Schultern. Sie hatten zwar das Lachen der Slytherins erkannt, es hatte aber keinen Sinn, sie in Snapes Gegenwart zu verdächtigen. Snape knurrte. „Nun gut. Ich werde der Sache nachgehen. Dann macht, dass ihr verschwindet."
„Mensch, gut, dass der uns gefunden hat!" meinte Catrin später. „Sonst hätte der uns doch niemals geglaubt, dass wir eingeschlossen worden sind!" Joe nickte. „In dieser Hinsicht ist die Rechnung der Slytherins nicht aufgegangen", gab er zurück. Dann wandte er sich an Laetitia. „Hey, du bist so still! Planen wir keinen Rachefeldzug?" Laetitia runzelte die Stirn. „Doch, doch", sagte sie unwirsch. „Was ist los mit dir?" fragte Catrin. „Ich weiß ja selber nicht genau", seufzte Laetita. „Aber da war etwas!"
„Mensch, Laetita, lass dir doch nicht jedes Wort aus der Nase ziehen!" rief Joe. „Was meinst du mit ‚etwas'?" Laetitia wiegte den Kopf hin und her. „Na, zwischen Snape und mir. Habt ihr das nicht gemerkt? So etwas, wie eine kurze Verbindung zwischen uns. Und das ging eher von ihm aus. Ich habe es am ersten Tag bemerkt, aber von da an hat er mich kaum beachtet. Aber heute, wo er nicht anders konnte... da ist etwas zwischen uns passiert." Delux legte den Kopf in den Nacken und lachte. „Nun schön, seine Nichtbeachtung dir gegenüber ist tatsächlich etwas komisch, besonders, weil er uns anderen immer wieder Punkte abzieht. Aber das heißt doch nicht, dass er gewisse Gefühle für dich hat. Der ist um die zwanzig Jahre älter als du!" Laetitia warf ein Kissen nach ihm. „Idiot! Ich meine doch nicht, dass er verliebt ist in mich. Nein... vielleicht hat er in irgendeiner Weise etwas mit meiner Vergangenheit zu tun." Catrin starrte sie an. „Snape? Bedenke, er ist ein Todesser", meinte sie. Delux rollte mit den Augen. „Sagt dein Opa. Und der hat Verfolgungswahn." Laetitia lachte. „Ich glaube nicht, dass er ein Todesser ist." Vielmehr wollte sie nicht, dass er ein Todesser war. Denn plötzlich war in ihr eine schon lange versiegte Hoffnung wieder aufgekeimt: Die Hoffnung, dass sie irgendwann erfahren würde, wer sie wirklich war und warum sie in einem Waisenhaus aufwachsen musste. Ein Stück Identität hatte ihr Hogwarts gegeben: Sie war eine Zauberin, doch ob auch ihre Eltern Zauberer gewesen waren, war ja nicht sicher, Laetitia ging einfach davon aus. „Ich werde schon noch herausfinden, was los ist. Und die Slytherins nehmen wir uns auch noch vor."
***
Dennis Lehmann ging durch den Korridor, als ihn von hinten jemand packte. Er fuhr herum. Professor Snape stand vor ihm. „Wenn ihr das nächste Mal die Ravenclaws von meinem Unterricht fernhaltet oder sonst irgendetwas mit ihnen veranstaltet, wird das ernsthafte Konsequenzen nach sich ziehen", sagte er mit strengem Blick. Dennis wollte protestieren. „Aber ich habe doch nicht..." rief er. Snape packte ihn noch fester. „Nur die Slytherins kennen das Passwort zu dem Raum und ihr habt als einzige ein Interesse daran, diesen Ravenclaws zu schaden." Dennis knurrte. „Diese Petzten!" meinte er. „Sie haben nicht gepetzt, da bin ich schon allein drauf gekommen. Und außerdem würde ich auf Petzen unsanft reagieren." Snape ließ ihn los. „Sei also gewarnt und richte auch den anderen einen schönen Gruß von mir aus. Der Spaß endet an einer ganz bestimmten Stelle." Damit ging Snape fort. Dennis rieb an der Stelle, an der Snape ihn gepackt hatte. Snape bevorzugte vor den anderen sein eigenes Haus zwar ungemein, aber das hieß nicht, dass er intern nicht auch mit ihnen sehr ungemütlich werden konnte.
