Tut mir Leid, dass es heute so spät geworden ist; ich hab es nicht eher geschafft. :(
An dieser Stelle vielen Dank an Anna – Ich habe alle wichtigen Eckpunkte aus den Büchern übernommen, dementsprechend kann ich Dir leider keine Hoffnungen auf ein Überleben von Sirius machen. Tut mir Leid. :( – und Zephyr - Der Handlungsverlauf der Bücher bleibt, bis auf ein paar Kleinigkeiten, gleich; Du kannst also schon mal gespannt sein. ;) – für die Reviews!
Und nun wünsche ich euch viel Spaß!


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I didn't say all the things that I wanted to say.
And you can't take back what you've taken away.
'Cause I feel you, I feel you near me.

(Plumb - Damaged)


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Kapitel 4 – Naginis Groll

Hermines Schritte wurden langsamer, als sie zu der Stelle kam, an der Professor Snape zusammengebrochen war. Ihre kopflose Panik hatte sich etwas gelegt und ihr Verstand begann sich wieder einzuschalten. Was würde er tun, wenn er sie sah? Oder anders gefragt, wie viele Punkte würde sie heute für einen undankbaren, sturen und vielleicht sogar heuchlerischen Mann opfern?

Sie spürte den Drang zu lachen, schluckte ihn jedoch herunter, als sie den Haufen aus schwarzem Stoff und unkoordinierten Bewegungen sah. Hermine trat auf einen Stock und das Knacken brachte Professor Snape dazu, seinen Kopf herumzureißen und nach der Quelle zu suchen. Selbst in dieser Dunkelheit konnte sie erkennen, wie sein Blick sich verfinsterte und beinahe unbändige Wut aufflackerte.

„Ich habe Ihnen schon einmal gesagt, dass ich Sie hier nicht sehen will, Miss Granger! Fünfzig Punkte Abzug für Ihre Weigerung, meinen Anweisungen Folge zu leisten. Und noch einmal fünfzig für Ihre offensichtliche Dummheit." Seine Stimme troff vor Häme und Wut und so war es nur schwer zu erkennen, dass sie nicht ganz so nachdrücklich klang wie sonst.

Sie musste einen Anflug von Trotz herunterschlucken. Die Erlaubnis des Direktors hatte für Professor Snape kein Gewicht, so viel stand fest. Er könnte sie zwar nicht der Schule verweisen lassen, aber ansonsten war er bereit, jede Möglichkeit, die er hatte, gnadenlos zu nutzen. Und zu ihrer Überraschung erkannte sie, dass sie es zulassen würde. Sie würde so tun, als hätte es das Gespräch mit Dumbledore nie gegeben.

Nein, ich werde es mir nicht bequem machen, Herr Professor!

„Nun, wo wir das abgehakt haben, kann ich Sie ja in den Krankenflügel bringen, Professor Snape", erwiderte sie deswegen mit bemüht ruhiger Stimme und ging neben ihm in die Hocke. Er hatte sein rechtes Bein mit beiden Händen umklammert und halb an seinen Körper herangezogen. Sie vermutete, dass dort seine Verletzung war.

„Unterstehen Sie sich!", keifte er auf ihre Worte und das verwirrte Hermine nun wirklich.

„Was meinen Sie? Ich soll Sie nicht in den Krankenflügel bringen? Wollen Sie hier einfach liegen bleiben, bis es von alleine heilt?"

„Es wird nicht von alleine heilen, Sie dummes Mädchen! Aber Madam Pomfrey ist nicht diejenige, die sich mit solchen Verletzungen auskennt." Er biss die Zähne zusammen und Hermine vermutete, dass sein leises Stöhnen nur die abgeschwächte Version eines gequälten Knurrens gewesen war.

Die ganze Situation begann allmählich peinlich zu werden und dabei stand sie noch gut einen Meter entfernt von ihm. Sie hatte sie ihn noch nicht einmal leicht berührt. Was sie aber zweifellos würde tun müssen, wenn sie ihm helfen wollte. Ihr Herzschlag beschleunigte sich stolpernd und erreichte ungeahnte Höhen.

„Schön", erwiderte sie lang gezogen und klang bemüht beherrscht. „Was soll ich dann tun?"

Er schnaubte verächtlich. „Am besten Ihre Nase aus meinen Angelegenheiten halten!" Seine Blicke funkelten sie böse an.

Erst in diesem Moment wurde ihr bewusst, dass sie sich vielleicht auf einen aktiven Todesser eingelassen hatte. Auf einen Mann, der sie – ohne auch nur einmal mit der Wimper zu zucken – umbringen könnte, wenn er wieder dazu in der Lage war. Und die Gefahr, die Professor Snape zweifellos immer um sich herum ausstrahlte, nahm an Intensität zu und verdichtete sich, so dass sie sie beinahe mit Händen greifen konnte.

Hermine schloss für einen kurzen Moment die Augen und kämpfte gegen das übermächtige Gefühl der Angst an. Ihre Hände begannen zu zittern und der kalte Schweiß brach ihr aus. Sie musste sich beruhigen. Sie konnte jetzt keinen Rückzieher mehr machen. Sie würde es durchstehen und wenn Gryffindor später Minuspunkte hatte, dann war das eben so.

Als sie ihn erneut ansah, hatte sich ein milde interessierter, fragender Ausdruck auf sein Gesicht gelegt und kleine Schweißtropfen standen auf seiner Oberlippe. Hermine ging davon aus, dass sein Schweißausbruch eher den Schmerzen als der Angst zuzuschreiben war, und straffte ihre Haltung.

„Und abgesehen davon?", fragte sie dann langsam, hoffte, dass ihre Stimme nicht allzu sehr zitterte und er endlich ein kleines bisschen Kooperation zeigen würde.

Professor Snape zögerte. Er musterte sie genau, jede kleine Regung ihres Körpers schien er wahrzunehmen und zu beurteilen und zu ihrer Angst gesellte sich auch noch Nervosität. „Es gibt kein ‚abgesehen davon', Miss Granger!", sagte er schließlich langsam und mit einem Gesichtsausdruck, als müsse er ihr erklären, warum der Himmel über und nicht unter ihnen war.

Hermine sackte unmerklich in sich zusammen. Er stellte sie immer und immer wieder in das Licht der dümmsten Schülerin, die Hogwarts jemals gesehen hatte. Sie hasste es, dass er das immer wieder schaffte. Sie hasste es, dass sie sich in seiner Gegenwart wie ein Vollidiot benahm. Sie hasste seinen gesamten Charakter und alles, was ihn ausmachte! Und wenn er nicht dieses verdammte Geheimnis mit sich herumtragen würde, das sie unbedingt lüften wollte, dann wäre sie spätestens jetzt aufgestanden und gegangen.

Andererseits, überlegte sie, vielleicht war zumindest das Aufstehen keine schlechte Idee. „Ich bin mir sicher, Ihnen fällt etwas ein, Professor", gab sie ihm noch ein paar weitere Sekunden, in denen sie mit forderndem Blick auf eine Antwort wartete. Doch er hatte seine Lippen zu einem schmalen Strich verzogen und schien nicht bereit, auch nur ein weiteres Wort mit ihr zu wechseln.

„Schön!" Hermine kniff ihre Augen zusammen und erhob sich. Sie machte Anstalten, zum Schloss zurückzugehen. Ohne Professor Snape. Wenn er sie gehen lassen würde, würde sie gehen. Sie hoffte allerdings, dass er sie zurückhalten würde.

Zuerst erklang nur ein unwilliges Knurren hinter ihr, dann: „Bringen Sie mich in die Kerker!" Als sie bereits einige Schritte von ihm entfernt war. Ein süffisantes Grinsen schlich sich auf Hermines Gesicht, das jedoch lange wieder verschwunden war, als sie sich zu ihm umdrehte und ihren Zauberstab hervorzog.

Wortlos richtete sie ihn auf Professor Snape und sein Körper erhob sich soweit, dass er halbwegs aufrecht stand, allerdings ohne seine Beine zu stark zu belasten. Sie stellte sich neben ihn und sah zu ihm auf, wartete, dass er seinen Arm um ihre Schulter legen und sich auf sie stützen würde.

Die Blicke, die er ihr zuwarf, schwankten sehr zwischen Hass, Unglaube und vielleicht sogar ein kleines bisschen Erstaunen. Dennoch kam es ihr vor, als hätten sie Stunden so nebeneinander gestanden, ehe er endlich seinen rechten Arm auf ihre Schultern stützte und sich langsam in Bewegung setzte.

Der Weg hinab in die Kerker war unglaublich lang. Und es half auch nicht, dass die Personen in den Portraits kichernd oder manche sogar schadenfroh mit ihren Fingern auf Professor Snape zeigten (was sie außerdem aufgaben, als auch nur ein einziger scharfer Blick des Tränkemeisters in ihre Richtung wanderte). Hermine hatte nicht erwartet, dass Professor Snape so viel wiegen würde. Ihr Rücken begann bereits nach der Hälfte des Weges zu schmerzen und sie biss die Zähne aufeinander, um nicht zu jammern. Sie wollte es so, also musste sie es auch durchstehen – und bei genau diesem Gedanken kam ihr die Idee, dass Professor Snape sich vielleicht stärker auf sie lehnte, als er es eigentlich nötig gehabt hätte. Eine Welle aus Wut sickerte durch ihren Körper.

Ohh, Sie elender Bastard!

Das wiederum spornte sie an, sich noch weniger anmerken zu lassen, wie sehr es sie anstrengte. Sie begann sich auf alles Mögliche zu konzentrieren, nur nicht auf die Tatsache, dass sie ihren verletzten Zaubertranklehrer quer durch die Schule bugsierte.

In der Eingangshalle warf sie einen flüchtigen Blick auf die Stundengläser und wand sich bedauernd unter diesem Anblick. Einhundert Punkte weniger! Snape war ein Bastard, wie er im Buche stand, und am liebsten hätte sie ihn jetzt einfach losgelassen und mit Genugtuung beobachtet, was passierte. Sicherlich wäre er zusammengeklappt wie ein Kartenhaus.

Mmmm, netter Gedanke...

Damit sie diese Fantasie nicht in die Tat umsetzte, bog sie eilig mit ihm in den Gang zu den Kerkern ab und war froh, als sie endlich an seiner Tür ankamen. Professor Snape lehnte sich gegen den Türrahmen und hob die Bannzauber auf, die auf seinen Räumen lagen. Hermine sah betont uninteressiert in eine andere Richtung.

Wie selbstverständlich folgte sie ihm anschließend in sein Büro und ignorierte die strafenden Blicke, die er ihr zuwarf. Sollte er doch noch mehr Punkte abziehen, sie würde jetzt nicht aufgeben. „Was soll ich tun?", sprach sie dann das erste Mal wieder, nachdem er sie zurückgerufen hatte.

Der Tränkemeister lehnte mit vor Erschöpfung geschlossenen Augen an seinem Schreibtisch und Hermine sah, wie sich seine Finger an der Tischplatte verkrampften. Es schien ihn wirklich enorme Kraft zu kosten, ihre Hilfe anzunehmen.

„Sie müssen einen Trank für mich zubereiten", antwortete er leise und resigniert klingend, vollkommen von seiner sonstigen Art abweichend.

Diese Veränderung in seiner Haltung ließ Hermine schlucken und sie verschränkte die Arme vor der Brust. Die Angst, die sie vorhin vor der Gefahr seiner Person gehabt hatte, kehrte zurück. Doch nun machte er ihr Angst, weil die Gefahr so offensichtlich verschwunden war. Er sah so verletzlich aus wie ein getretener Hund.

„W-Was für einen Trank?", hakte sie schließlich nach. Hermine senkte den Blick, als er seinen hob.

„Er ist nicht ganz einfach und ich würde es selbst tun, wenn ich es könnte." Bei dieser Auskunft sah sie ihn dann doch an und beobachtete, wie er seine Finger beugte und streckte, als ob er ihr demonstrieren wollte, dass sie ihre volle Beweglichkeit eingebüßt hatten. Hermine keuchte.

„Was passiert mit Ihnen?"

„Das geht Sie einen feuchten Dreck an! Entweder Sie helfen mir bei dem Trank, ohne Fragen zu stellen, oder Sie scheren sich weg und sagen Dumbledore Bescheid! Er wird sicher gerne erfahren, wie überaus zuverlässig Sie Ihre Aufgabe erfüllen." Ein angedeutetes Grinsen stahl sich auf sein Gesicht.

„Dann sagen Sie mir, was ich machen soll!", giftete sie zurück und der angewiderte Blick auf ihrem Gesicht war echt.

„Wir müssen ins Labor", stellte er schlicht fest und sie ging ein paar Schritte auf ihn zu, um ihm erneut zu helfen. „Das kann ich alleine!", fauchte er prompt und sie hob kapitulierend ihre Hände in die Höhe.

Hinter ihm bleibend, folgte sie ihrem Lehrer durch sein Büro in dessen privates Labor und entschied, dass es schlauer war, nicht auf seinen stolpernden Gang einzugehen, mit dem er immer wieder Tische, Regale und Türrahmen rammte.

Er könnte das alles so viel einfacher haben, wenn er nicht so entsetzlich stur wäre, dachte sie zynisch und bekam allmählich Angst, dass seine Art ansteckend war.


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Die nächste halbe Stunde war mit Abstand die schlimmste Zeit, die Hermine je in Hogwarts gehabt hatte – mal abgesehen vielleicht von den Wochen, die sie als Katze im Krankenflügel verbracht hatte.

Professor Snape hatte sich einen Stuhl herangezogen und bellte ihr immer wieder kurze Anweisungen entgegen. Der Kessel, die Zutaten, genau fünf Minuten und ja keine Prise mehr... Hermine musste sich sehr zusammennehmen, um ihm nicht bereits nach zehn Minuten eine spitze Bemerkung an den Kopf zu werfen und zu gehen.

Doch ihr Stolz war größer. Sie wollte ihm beweisen, dass sie weder dumm, noch ein kleines Mädchen war. Dass sie wusste, auf wen sie sich mit ihm eingelassen hatte, auch wenn sie gerade erkannte, dass er noch viel schlimmer war als sonst. Und vor allem, dass sie würdig war, ihm nach den Treffen der Todesser zu helfen.

Hermine wusste nicht, woher dieser Trotz kam. Es wäre ein Leichtes gewesen zu sagen, dass er sie nicht im Mindesten interessierte und ihr sein Schicksal mehr als egal war. Sie könnte ihre Nächte in Ruhe in ihrem Bett verbringen und schlafen.

Und gleichzeitig wusste sie, dass sie weder ruhig wäre, noch schlafen könnte. Voldemort und die Art und Weise, wie er sich im Moment verhielt, machten sie nervös. Sie wollte irgendetwas tun, um diese verdammte Hilflosigkeit loszuwerden, die seit dem Ende des Trimagischen Turniers in ihrem Körper pulsierte. Und wenn es nur darum ging, Professor Snape zu versorgen und seine miese Laune zu ertragen.

Sie selbst würde nie eine wichtige Rolle für Voldemort spielen. Vielleicht wäre sie eine geeignete Geisel – nicht dass sie scharf darauf war, sich von Voldemort entführen zu lassen – aber ansonsten war sie unwichtig. Vielleicht würde sie es wenigstens schaffen, für Professor Snape auf irgendeine Art wichtig zu werden. Vielleicht würde er es irgendwann begrüßen, dass sie da war, wenn er zurückkehrte. Und vielleicht würde sie so irgendwann herausfinden, auf wessen Seite er stand.

In der Zeit, die der Trank in Anspruch nahm, war seine Stimme leiser und weniger bissig geworden. Hermine warf ihm immer wieder prüfende Blicke zu und bemerkte, dass das Gift, welches in seinem Körper zirkulierte, vermutlich inzwischen seine Gesichtsmuskeln erreicht hatte.

Sie hatte den Trank, welchen sie zubereitete, vergleichsweise schnell erkannt und wusste, dass es ein kleines Meisterwerk der Zaubertrankkunst war. Ein Gegengift, das den meisten tierischen Giften entgegenwirkte und sie hoffte sehr, dass das Tier, das ihn gebissen hatte, dazu gehörte. Die Vermutung lag nahe, dass es sich um einen Schlangenbiss handelte. Harry hatte ihr von Nagini erzählt und sie musste nur eins und eins zusammenzählen, um herauszufinden, was passiert war. Zweifellos hatte Professor Snape es nicht für nötig gehalten, sich das Vertrauen dieses Viehs zu erschleichen und sie hatte sich ihre ganz eigene Meinung über ihn gebildet.

„Nehmen... Nehmen Sie ihn vom Feuer und... abkühlen", brachte er in diesem Moment noch mühsam hervor und Hermine nickte.

Mit einer kleinen Anstrengung schwenkte sie den Kessel vom Feuer und rührte noch einige Male durch den nun tiefroten Trank. Dann füllte sie einen Becher damit voll und stellte ihn vor sich auf den Tisch. Er würde so schneller abkühlen.

„Wissen Sie, Professor Snape, Sie sollten dafür sorgen, dass Nagini Ihnen vertraut", sagte sie beiläufig, während sie den Becher leicht schwenkte. Ein kurzer Blicke zu ihrem Lehrer und dessen geweitete Augen zeigten ihr, dass er nun gar nicht mehr reden konnte.

Sehr verlockende Situation.

Sie war versucht, ihn schadenfroh anzulächeln und ihm noch so vieles an den Kopf zu werfen, was sie schon seit langem hatte loswerden wollen. Doch dann besann sie sich darauf, dass sie noch zweieinhalb Jahre mit ihm würde auskommen müssen. Sie sollte vorsichtig sein, denn erfahrungsgemäß vergaß Professor Snape nichts.

„Tiere haben einen sehr großen Einfluss auf ihre Besitzer und sie können Menschen auf ganz andere Art einschätzen. Nicht durch Taten oder Gedanken. Sie spüren es." Ihm den Rücken zudrehend, hielt sie den durchsichtigen Becher gegen das Licht und prüfte, ob der Trank wirklich vollkommen klar war. Durch das Gefäß hindurch konnte sie das Labor sehen, allerdings in ein tiefes Rot getaucht. Sie nickte zufrieden.

„Ich will Ihnen nicht sagen, wie Sie Ihre Aufgaben erledigen sollen. Das würde ich niemals wagen! Und ich möchte auch nicht respektlos erscheinen. Aber ich denke, es wäre eine Überlegung wert, ob Sie vielleicht nicht nur Voldemort gute Nachrichten, sondern auch seinem Schoßhündchen das eine oder andere Leckerli mitbringen sollten."

Sie beobachtete die Reaktion in seinen Augen genau. Zuerst starrte er sie nur an und Hermine beschlich bereits der Verdacht, dass er nun vollkommen gelähmt war. Doch dann verengten sie sich zu sehr schmalen Schlitzen und purer Hass sprühte ihr entgegen.

Hermine schluckte. Sie beschloss, dass es schlauer war, erstmal ein paar Minuten zu warten, ehe sie ihm den Trank einflößen würde. Das würde ihre Chancen, dieses Labor lebend wieder zu verlassen, definitiv um ein paar Prozentpunkte erhöhen.

„Er ist fertig", stellte sie schließlich irgendwann fest und ging zu ihm. Unschlüssig beugte sie sich über ihren Lehrer und seine Blicke folgten ihr. Dann legte sie ihre Hand an seinen Hinterkopf und stützte ihn, während sie ihm den Becher an die Unterlippe hielt.

Es dauerte lange, ehe der komplette Inhalt durch den wenig ausgeprägten Spalt seiner Lippen Zugang zu seinem Mund gefunden hatte. Das anfängliche Unwohlsein, das sie angesichts des engen Kontakts zu ihrem zynischen Lehrer überfallen hatte, legte sich allmählich und schließlich trat sie zurück und stellte das leere Gefäß auf den Tisch.

Etwa zwei Minuten danach ging die Lähmung zurück und Professor Snape öffnete und schloss seinen Mund einige Male. Seine Glieder waren noch immer bewegungslos. „Wie geht es Ihnen?", fragte Hermine leise und erneut begann Angst in ihr zu wachsen. Was würde er nun tun?

„Scheren Sie sich weg, Miss Granger! Ich will Sie hier heute nicht mehr sehen. Und ab nächste Woche werden Sie abends herkommen und Ihre Strafarbeit wegen respektlosen Verhaltens Ihrem Lehrer gegenüber absitzen!"

Nun, das war nicht das, womit sie gerechnet hatte. Hermine schnappte einige Male nach Luft, Hass, Wut und Erniedrigung vermischten sich in ihrem Verstand und das Einzige, was sie schließlich antwortete, war ein leises „Ja, Sir!". Dann wandte sie sich ab und verließ Professor Snapes Labor auf dem gleichen Weg, auf dem sie es betreten hatte.

Auf dem Gang vor den Kerkern krallte sie ihre Hand fest um ihren Zauberstab und stampfte einige Schritte lang wütend auf. Sie hasste diesen Mann so abgrundtief, dass sie ihm am liebsten irgendeinen Fluch auf den Hals gejagt hätte! Sie rettete ihm den Hintern und alles, was sie als Dankeschön bekam, war eine Strafarbeit.

Und das eine ganze Woche lang!

Sie schnaubte wütend und ließ eine der an den Wänden angebrachte Kerze erst schmelzen und dann ihr Wachs mittels einer kleinen Explosion quer über die kalte Mauer und einige Gemälde verteilen. Die Portaitbewohner waren darüber wenig erfreut und ein älterer Mann mit einem Spitzbart begann mit lautem Gebrüll über die „unmögliche Jugend von heute" zu schimpfen. Danach ging es ihr zwar immer noch nicht besser, aber es brachte eine gewisse Genugtuung mit sich.

Fünf Minuten später jedoch änderte sich ihre Laune schlagartig. Hermine stand in der menschenleeren Eingangshalle, lauschte den Schlägen der Turmuhr, die drei Mal schlug, und starrte fassungslos auf das Stundenglas der Gryffindors. Sie wusste noch ganz genau, wie viele Punkte dort vorhin vermerkt gewesen waren. Und gesetzt den Fall, dass um diese Uhrzeit kein anderer Gryffindor unterwegs war, der sich durch irgendeine Heldentat bemerkbar gemacht hatte, hatte ihre Trankbrauaktion ihrem Haus glatte zwanzig Punkte gebracht.

Ein erstaunter Laut entkam ihr schließlich, gepaart mit einem zufriedenem Lächeln und dem Wissen, dass Professor Snape irgendwo unter seiner Wut und dem Zynismus trotzdem registriert hatte, was sie geleistet hatte.

Sehr viel ruhiger und ausgeglichener lief sie die Treppen in ihren Turm hoch und war froh, als sie in ihrem Bett lag und ihrem müden Geist noch einige Stunden Erholung gönnen konnte.


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Am nächsten Tag nutzten Harry, Ron und Hermine die erste Pause, um hinunter zum See zu laufen und dort in Ruhe reden zu können. Die beiden Jungs hatten auf dem Weg nach unten kleine Steinchen gesammelt und begannen diese nun auf der stillen Oberfläche des Sees hüpfen zu lassen.

„Und, war gestern ein Treffen?", fragte Ron neugierig.

Die beiden schienen gleichermaßen gespannt. Ron, weil er wissen wollte, ob seine Theorie stimmte, und Harry, weil er hoffte, dass eben dies nicht der Fall war.

„Ja", antwortete sie leicht widerwillig in dem Wissen, dass – egal was sie sagte – einer der beiden enttäuscht sein würde. Doch Harry ließ sich nichts anmerken. „Und es hat sich gelohnt, dass ich da war", fügte sie deswegen noch rasch hinzu.

„Warum das?" Harrys Neugier schien wieder erwacht zu sein und er hielt einen Moment lang inne mit seinen Würfen.

Ron hingegen ließ den nächsten Stein hüpfen. Ein kleiner Kopf mit großen runden Augen tauchte auf der Wasseroberfläche auf und betrachtete neugierig die springenden Objekte. Allerdings tauchte der Meermensch mit einem lauten Klatscher wieder unter, als Rons nächster Wurf das kleine Wesen direkt an der Stirn traf. Ron zuckte zusammen und seine Gesichtsfarbe begann sich furchtbar mit seinem Haar zu beißen, ehe er ein eiliges „Entschuldigung!" über den See brüllte und sich verlegen am Kopf kratzte. Für den Moment hatte er die Lust am Steinewerfen verloren und hörte nun wieder Hermine zu.

„Professor Snape war verletzt. Anscheinend hegt Nagini einen gewissen Groll gegen ihn." Sie konnte sich ein leicht schadenfrohes Lächeln nicht verkneifen. Egal wie wichtig Professor Snapes Rolle in Dumbledores kleinem Plan und wie schwer sein Los zweifelsohne auch war, er hatte ihnen dennoch oft genug zugesetzt.

„Sie hat ihn angegriffen?" Ron schien ungläubig und als Hermine nickte, lachte er laut auf. „Das ist so gut!", brachte er mühsam hervor und Harry nickte bestätigend, wenn er auch ein bisschen nachdenklich wirkte.

„Es hatte definitiv etwas für sich", gab Hermine zu.

„Er ist nicht zufällig bis morgen Abend außer Gefecht gesetzt, oder?" Der Rothaarige sah sie flehend an.

„Leider nein. Der Trank hat gut gewirkt." Sie zuckte mit den Schultern.

„Welcher Trank?", fragte Harry nach und schien eine Vermutung zu haben, die ihm nicht gefiel.

Hermine überlegte einen Moment, ob sie ihm sagen sollte, dass sie Professor Snape zu Madame Pomfrey gebracht hatte. Doch dann entschied sie sich dagegen. Sie hatte selten Geheimnisse vor den beiden gehabt und wenn doch, hatte es immer in einer Katastrophe geendet. Sie konnte und wollte das jetzt nicht wiederholen. „Der Trank, den ich ihm gebraut habe", antwortete sie deswegen schweren Herzens und senkte den Blick.

„Du hast ihm geholfen? Warum?" Ron war entsetzt.

„Er ist unser Lehrer, Ron! Hätte ich ihn da einfach liegen lassen sollen?"

„Ja!" Er hatte nicht mal überlegt. „Irgendwer hätte ihn schon vermisst... so in zwei bis drei Wochen", fügte er deswegen leicht zerknirscht hinzu.

„Dann wäre er wahrscheinlich tot gewesen. Das Gift dieser Schlage hat seine Muskeln gelähmt. Es wäre nur eine Frage der Zeit gewesen, bis er nicht mehr hätte atmen können!" Ron schwieg betreten. Hermine versuchte sich wieder unter Kontrolle zu bekommen. Ron hatte schon immer den Hang gehabt, schnell zu reden und nicht genug nachzudenken. Sie hätte schon lange daran gewöhnt sein sollen. „So sehr es mir auch missfällt, das zuzugeben, Professor Snape ist wichtig."

„Sofern er auf unserer Seite steht, schon." Harry hatte die Arme vor der Brust verschränkt. Hermine wusste, dass er einen sehr ausgeprägten Groll gegenüber seinem Lehrer hegte, seitdem dieser ihn regelmäßig mit Legilimentik quälen durfte.

„Genau das versuche ich rauszufinden", gab sie deswegen zurück. „Dumbledore vertraut ihm und vielleicht muss er das sogar, um nicht den Verstand zu verlieren. Aber ich denke, es wäre nicht falsch, das Ganze mal ein bisschen zu testen."

„Was hast du vor?" Nun schien der jüngste der Weasleybrüder wieder halbwegs versöhnt und interessiert zu sein.

Hermine zuckte angedeutet mit den Schultern. „Vorerst muss ich versuchen, sein Vertrauen zu gewinnen. Er hat mir gestern Punkte gegeben, nachdem ich ihm den Trank eingeflößt habe." Die beiden nickten anerkennend.

„Und was hat er dir vorher abgezogen?", bohrte Harry dann nach und Hermine lief rot an.

„Das fünffache. Und 'ne Strafarbeit hab ich auch nächste Woche." Sie schabte verlegen mit dem Fuß über den Boden.

Ron lachte leise auf und schüttelte den Kopf. „Er ist und bleibt ein Bastard! Man sollte meinen, er wäre dir dankbar, dass du ihm den Arsch gerettet hast!"

„Ron!" Hermine sah ihn empört an.

„Er hat Recht, Hermine! Du machst dich bei ihm zum Affen und ihn interessiert das nicht mal. Warum tust du dir das an?"

Hermines Mund öffnete sich, doch so ganz sicher war sie nicht mit dem, was sie sagen wollte. Es war erneut eine Entscheidung zwischen Wahrheit und Lüge und erneut entschied sie sich für die Wahrheit: „Weil ich keine Narbe habe, die mir sagt, wenn etwas passiert. Weil ich niemandem eine Hilfe bin, sondern ständig nur im Weg stehe. Weil ich irgendetwas tun will, damit ich mich nicht so nutzlos und hilflos fühle. Deswegen!" Ihre Stimme war überraschend scharf geworden.

Harry starrte sie ausdruckslos an und sie hielt seinem Blick eisern stand. Ihr Herzschlag raste und sie war sich ihrer Motive vollkommen sicher. Sie würde sich von keinem der beiden abhalten lassen.

Als Ron etwas sagen wollte, fasste Harry ihn am Unterarm und brachte ihn so zum Schweigen. Dann sah er für einen Moment auf den Boden und schien seine Gedanken zu sortieren. Schließlich erwiderte er: „Ich denke zwar, dass du froh sein solltest, keine Narbe zu haben, aber ich kenne dich, Hermine. Ich weiß, dass dich nichts davon abhalten wird weiterzumachen. Ich habe nur eine Bitte..." Sie hob abwartend eine Augenbraue. „Pass auf dich auf, ja? Snape ist wirklich gefährlich. Und damit meine ich nicht die Anzahl der Punkte, die er dir wegnimmt. Pass auf, dass du dir nicht die Finger an ihm verbrennst."

„Ja genau! Ich glaube nämlich, er kann Feuer spucken", warf Ron ein.

Ihr Mund stand einen Moment lang halb offen, während sie diese Bitte verdaute und Ron unverständliche Blicke zuwarf. Schließlich nickte sie. „Du brauchst keine Angst um mich haben. Ich weiß, was ich tue."

Harry nickte mit einem hoffenden Lächeln und sie schraken alle drei zusammen, als hinter ihnen die Schulglocke läutete.

„Wir müssen zurück", stellte Ron überflüssigerweise fest und beendete das Thema damit endgültig. Hermine glaubte in seinem Gesicht lesen zu können, dass er nicht so übermäßig begeistert darüber war, dass Harry Hermines Taten so durchgehen ließ. Doch er schätzte die gemeinsame Freundschaft zu sehr, um sich dagegen zu sperren.

Die junge Gryffindor folgte ihren beiden besten Freunden zurück ins Schloss und hoffte, dass sie nicht im letzten Moment doch noch gelogen hatte.

Wusste sie wirklich, was sie tat?


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Die letzten Stunden am Freitag waren zwei Stunden Zaubertränke. Ron hatte die ersten beiden Monate in diesem Schuljahr regelmäßig gemurrt, dass es sie besonders schlecht getroffen hatte mit den ersten und letzten Stunden in der Woche. Hermine konnte dagegen gut leben mit Geschichte der Zauberei am Montag und Zaubertränke am Freitag.

In dieser Woche jedoch hatte Professor Snape ausgesprochen miese Laune und Hermine konnte nicht anders, als sich eine gewisse Mitschuld daran zu geben. Und gleichzeitig hoffte sie, dass ihr Auftritt am Mittwoch nicht der einzige Grund für diese Stimmung war.

Während des Unterrichts fiel es Professor Snape schwerer als gewöhnlich, sie zu übersehen. Dabei half sie ihm gewissermaßen sogar dabei, denn nachdem sie bemerkt hatte, wie viel Hass in jedem seiner Blicke stand, der sie traf, hatte sie aufgehört sich zu melden. Trotzdem musterte er sie immer und immer wieder.

Sie sollten an diesem Tag einen Trank brauen, der rostige Gegenstände wieder gebrauchsfähig machte. An sich kein sehr komplizierter Trank, der allerdings seine Wirkung umkehrte, wenn er falsch zubereitet wurde. Nachdem Hermine vor zwei Tagen eine Extrastunde Zaubertränke unter verschärften Bedingungen gehabt hatte, ging ihr dieser heute noch leichter als sonst von der Hand.

Doch natürlich hatte Professor Snape es nicht darauf abgesehen, ihr Resultat zu testen. Hermine musste bei dieser Laune nicht lange überlegen, wer sein Opfer sein würde. Und das Opfer selbst anscheinend auch nicht.

Neville war noch nervöser als sonst und wimmerte leise vor sich hin, wann immer sein Trank nicht so aussah, wie es in seinem Buch stand. Und das war oft. Er war eklig grün, wenn er eine dunkelrote Färbung haben sollte. Er blubberte, wenn er eigentlich in Ruhe ziehen sollte und er begann einen widerlich stinkenden Schaum zu entwickeln, obwohl er sich eigentlich von alleine im Uhrzeigersinn drehen sollte. Hermine hätte ihm gerne geholfen, doch sie saß zum Einen zu weit von ihm entfernt und zum Anderen wollte sie Professor Snape nicht noch mehr reizen. Sie hatte bereits eine Woche Strafarbeit vor sich und wollte es nicht auf noch mehr anlegen.

„Sind Sie soweit, Mister Longbottom?", schnarrte Professor Snape zum Ende der Stunde mit einem süffisanten Unterton und Neville sackte noch weiter in sich zusammen. Im Moment gab sein Trank zischende Laute von sich, während alle anderen Tränke im Raum beinahe abgekühlt waren.

Noch ehe er etwas antworten konnte, hatte Professor Snape sich bereits einen Becher seines Trankes geholt und schritt damit zu einem Holztisch im vorderen Teil des Klassenraumes zurück. Darauf hatte er einen Kessel gestellt, der bereits sehr altersschwach aussah. Rost schien das Einzige zu sein, das ihn noch zusammenhielt.

„In diesem Kessel befindet sich ein Trank, der eine äußerst übelriechende Wirkung zeigt, wenn er mit Holz in Berührung kommt. Ich würde dies dementsprechend gerne verhindern, also sollten Sie die Daumen drücken, dass der Trank von Mister Longbottom wirkt." Er sandte einen sadistischen Blick durch die Reihen der Schüler und Hermine sah, wie die Slytherins sich geschlossen bereits jetzt die Umhänge vor Mund und Nase drückten.

Sie selbst konnte diesen Drang nur schwer unterdrücken – Nevilles Trank konnte unmöglich auch nur im Ansatz die Wirkung zeigen, die er haben sollte. Doch sie beschloss, ihrem Klassenkamerad den Rücken zu stärken und verschränkte demonstrativ die Arme vor der Brust.

Professor Snape fixierte ihre Geste für einen Moment und seine Augen wurden sehr schmal. Dann wandte er sich wieder dem Kessel zu und schüttete den Trank großzügig auf die Außenwand. Ein paar Sekunden lang geschah gar nichts. Dann begann ein unheilvolles Knistern und kurz darauf ergoss sich der Inhalt des Kessels auf den Tisch, der bereits nach kurzer Zeit der ätzenden Wirkung nachgab und zusammenbrach. Es dauerte dementsprechend auch nicht lange, bis der Gestank auch Hermine erreichte und ihr wurde bewusst, dass Professor Snape mal wieder maßlos untertrieben hatte.

Der Geruch war nicht übelriechend, er war bestialisch! Die anderen Schüler stöhnten und nicht wenige begannen zu würgen. Auch Hermine spürte, wie ihr schlecht wurde, doch allein aus Trotz Professor Snape gegenüber weigerte sie sich, ihren Umhang zweckzuentfremden.

Eilig wurden Bücher und Taschen zusammengeräumt und der Klassenraum fluchtartig verlassen, ohne die Arbeitsplätze aufzuräumen.

Neville versteckte sich mit leicht grüner Gesichtsfarbe hinter seinem Kessel und wollte sich irgendwann auf den Weg machen, um Putzzeug zu holen. Im Grunde das, was er nach jeder Stunde Zaubertränke tat. Doch zur Überraschung aller noch Anwesenden, was sich auf Harry, Ron und Hermine beschränkte, hielt Professor Snape den Jungen zurück.

„Lassen Sie das, Longbottom! Sie verursachen sonst bloß noch eine größere Katastrophe. Außerdem habe ich für nächste Woche eine Schülerin zur Strafarbeit hier, die sich überaus freuen wird, diese Sauerei zu beseitigen."

Hermine wurde rot vor Zorn und bemerkte, dass nicht nur Professor Snape, sondern auch Harry und Ron sie anstarrten. Während ihr Lehrer allerdings zufrieden mit sich selbst war, blickten die anderen beiden eher aufgebracht und mitleidig drein.

Einzig Neville war verwirrt ohne Ende und konnte sein Glück kaum fassen.


TBC...


Hoffe, die Extraportion Snape hat euch gefallen. ;)
Btw, ich habe eine Tabelle mit Hermine/Snape-Drabbles angefangen und bin am Überlegen, ob ich die auch hier posten soll. Wie sieht es aus, hättet ihr Interesse an Drabbles mit den beiden?