„Du musst nicht mitkommen, Kate," seufzt er, fühlt wie ihre Finger sich fester um seine schließen, während er seinen Stock nutzt um die richtige Richtung zu ermitteln.
„Du hast mich eingeladen," erinnert sie ihn, ihre Zähne leise klappernd, als eine scharfe Windböe an ihnen vorbei weht.
„Als Scherz," kontert er, sich auf den langsamer werdenden Klang des Verkehrs und das leise Ding des beleuchteten Zebrastreifens konzentrierend, bevor er mit ihr die Straße überquert. „Es ist dein freier Tag, du solltest drinnen sein, wo es warm ist."
Sie bringt ihn in der Mitte der Straße fast zum Stolpern, als sie sich an ihn lehnt und ihr Lächeln an seine Wange drückt. „Du bist warm."
„Wegen dir werden wir noch überfahren," gluckst er, sein Tempo über die Straße beschleunigend, über ihr sanftes Lachen grinsend.
„Außerdem kontrollieren sie nur deine Augen, oder?" fragt sie, während sie sich in den Strom von Fußgängern stürzen, der den Fußweg zu seinem Augenarzt ausfüllt und er nickt bestätigend. „Und du wolltest danach deine Weihnachsteinkäufe für Alexis erledigen?"
Er nickt ein weiteres Mal und hält die Tür für sie, als sein GPS in seiner Tasche vibriert und er sicher ist, dass sie den richtigen Ort erreicht haben. „Danke, dass du zugestimmt hast mir dabei zu helfen. Es ist schwer was für zwanzigjährige Mädchen einzukaufen."
„Wir werden was finden," versichert Kate ihm, erlaubt ihm den Weg durch den stillen Warteraum bis zur Anmeldung zu führen.
Er schreibt sich ein wie immer, erhält eine gemurmelte Begrüßung von der Schwester und lässt Kate die Plätze auswählen.
„Es ist leer," informiert sie ihn und er entspannt sich zugegebenermaßen ein bisschen.
Alle starren ihn immer an, wenn er hierher kommt – wenn er irgendwohin geht, eigentlich – und er kann die brennenden Blicke von denen um ihn herum immer spüren. Heute hatte er sich deswegen aber nicht so viele Sorgen gemacht, nicht mit Kate an seiner Seite um ihn abzulenken. Und wahrscheinlich jeden Blick niederzwingend, der zu lange auf ihn gerichtet ist. Sie mag es nicht, wenn er sich in der Öffentlichkeit wie ein Gegenstand fühlt, das hat er gelernt als sie jemanden angeblafft hat, der offenbar nicht weggucken konnte, als sie ihn nach ihrer ersten ernsthaften Auseinandersetzung über ihre irgendwie unkonventionelle Beziehung zum Mittag ausgeführt hat. Sie ist beschützend aber nicht anmaßend, und es ist eines der Dinge, die er an ihr liebt.
„Mr. Castle."
Whoa, warte. Hat er gerade-
„Rick, ist das dein Arzt?"
Er kann sie nicht schon lieben. Es ist zu früh. Aber er kann ihre Qualitäten lieben, oder? Das ist erlaubt und nicht-
„Autsch," zischt er als Kate seinen Arm kneift, aber sie kichert nur.
„Schriftsteller," seufzt sie, mit ihm aufstehend, während er seinen Stock greift und sie leitet um Dr. Milton zu begrüßen. „Verträumen ihr Leben."
„Deine Schuld," grummelt er bevor er vor Milton anhält.
„Wieso ist es meine-"
„Morgen, Mr. Castle," grüßt Milton, streckt seine Hand aus damit Rick sie schütteln kann. „Sie haben zur Abwechslung Begleitung mitgebracht?"
„Das ist Kate," stellt Rick sie mit Stolz vor, während er seine Hand zurückzieht um sie auf Kates Rücken zu legen.
Die natürliche Anspannung in ihrer Wirbelsäule scheint sich unter seiner Berührung zu lockern und er hört mit einem Lächeln zu, während sie einen kurzen Händedruck mit seinem Arzt austauscht.
Milton redet über das Wetter, während er sie den kurzen Flur hinunter in ein Behandlungszimmer führt, das Rick nie selbst gesehen hat. Er ist seit den letzten fünf Jahren Miltons Patient, seit dem Unfall, und er mag den Mann, trotz seines übermäßigen Bedürfnisses nach Small Talk.
Castle stoppt an der Tür, bietet Kate den Platz neben dem Eingang an, während er seinen Weg zum Untersuchungsstuhl macht, auf dem er immer während seiner Besuche sitzt.
Die routinemäßige Augenuntersuchung ist ereignislos, langweilig wie immer, und abgesehen von der verbalen Schritt für Schritt Kommentierung, die Milton ihm von seinen Handlungen gibt, hat Rick kaum eine Ahnung was eigentlich um ihn herum geschieht. Wie immer.
„Keine Kopfschmerzen oder Beschwerden in den Augen?" fragt Milton und Rick schüttelt den Kopf, hört das Klicken das er als das Stiftlicht nur Zentimeter entfernt erkennt. „Schauen Sie für mich nach oben."
Castle schaut dahin wo er die Decke vermutet und blinzelt auf Miltons Kommando.
„Immer noch kein Lichtempfinden, vermute ich?"
„Nope," antwortet Castle. Milton stellt dieselbe Frage jedes Jahr während der kurzen Untersuchung, kontrollierend um sicher zu gehen, dass sich keine Probleme entwickeln – Tumore, Glaukome, steigender Druck – und Rick ist immer froh ohne Probleme durchzukommen, aber die stetige Versicherung, dass es keine Änderung gibt, tendiert dazu ihn runterzuziehen.
Der kleine, hoffnungsvolle Teil, der tief in ihm noch existiert, sehnt sich im Geheimen nach Veränderung.
„Nun, Mr. Castle," murmelt Dr. Milton nach nur wenigen Minuten, die Vergrößerungsmaschine, die er nutzt um einen besseren Blick auf Ricks Augen zu haben, von seinem Gesicht wegschiebend. „Wie erwartet gibt es keine sichtbaren Veränderungen und Sie scheinen Okay zu sein."
Castle nickt, wie der Arzt sagt, das war zu erwarten, und er weiß er sollte seine nächste Frage nicht stellen. Er fragt bei jedem einzelnen Besuch und er kann Miltons Zögern bereist fühlen, als seine Lippen sich um die Worte formen.
„Und keine Neuigkeiten von der Stammzelltherapieoption? Oder, Sie wissen schon, irgendeine Option?"
Milton atmet aus und nimmt auf einem Hocker Platz, der unter seinem Gewicht ächzt und Castle kennt bereits die Antwort.
„Es tut mir leid, ich wünschte es gäbe etwas, aber bis es neue Entwicklungen gibt…" Miltons Satz stoppt und Castle kann den sanften Atem, den Kate am anderen Ende des Raums ausstößt, hören. „Sie haben sich in den letzten fünf Jahren gut eingewöhnt."
Castle schluckt, zwingt sich zu einem weiteren Nicken, und hört wie Kate von ihrem Stuhl aufsteht, das Stakkato ihrer Schuhe gibt einen langsamen Rhythmus, der mit jedem Schritt den sie nähre kommt, lauter wird.
„Also sollte ich es endlich einfach akzeptieren?" mutmaßt Castle. „Akzeptieren, dass ich wirklich nie wieder sehen werde."
Milton seufzt. „Mr. Castle."
„Warum haben Sie mir überhaupt von möglichen Behandlungen erzählt, wenn ich nie eine Chance mit einer davon hatte?" fragt er, seine Fäuste ballend, sie lösend als Kates Hand über seine Schulter gleitet. „Sie wussten es würde nie irgendeine Art Heilung für mich geben."
„Weil ich Hoffnung hatte, ich habe Hoffnung," beharrt Milton. „Die Wissenschaft entwickelt sich mit jedem Tag, der vergeht, mehr und mehr Vorgänge kommen ans Licht, aber ich hatte nie vor Ihre Hoffnung zu hoch zu setzen, bevor etwas Konkretes entwickelt wurde, dafür entschuldige ich mich."
Castle hört die Ehrlichkeit in der Stimme des Mannes, aber seine Brust ist voll von Frustration, von der Qual, dass das was er am meisten haben will, für immer außer Reichweite steht. Er wird nie wieder sehen und er dachte, er hätte das vor langer Zeit akzeptiert, aber die heftige Enttäuschung, die seine Brust einnimmt, sagt anderes.
Er weiß nicht, wie er es akzeptieren soll.
„Ich brauch frische Luft."
Kate händigt ihm bereits seinen Stock aus und legt ihre Finger um seinen Arm, aber er schüttelt sie ab, sobald er Fuß gefasst hat, murmelt ein ‚Danke' in Miltons Richtung, von dem er hofft, es klingt nicht zu bitter, und stürmt – nun, irgendwie – aus dem Behandlungszimmer.
„Castle," ruft Kate ihm hinterher, leise um das friedliche Wartezimmer nicht zu stören, aber er kann ihr gerade nicht unter die Augen treten. Noch nicht. „Castle, warte," murmelt sie, greift ihn am Arm, bevor er aus der Tür verschwinden kann. „Hey, rede mit mir."
„Über?" grummelt er, reibt an seinen Augen – seine dämlichen, nutzlosen Augen.
Sie drückt sich nähren an ihn, eine ihrer Hände legt sich auf seine Brust, greift nach dem Stoff seines Hemdes. „Rick."
„Es tut mir leid," würgt er hervor, schüttelt seinen Kopf und versucht den Schmerz in seiner Kehle runterzuschlucken. „Du hättest nicht kommen sollen. Du hättest nie-"
„Castle, stopp," flüstert sie, drängt ihn nach links, wo er etwas weiches an seinen Kniekehlen fühlt. Kate senkt ihn auf eine gepolsterte Bank nur wenige Schritte von der Eingangstür entfernt und er akzeptiert seine Niederlage, setzt sich neben sie.
Sie fragt ihn nicht, was los ist, bittet ihn nicht, darauf einzugehen was ihn so aufgeregt hat, aber sie legt ihre Finger in seinen Nacken, gibt ihm den Kontakt, den er immer im Geheimen, verzweifelt von ihr braucht. Wobei er bezweifelt, dass es noch ein Geheimnis ist.
„Ich werde dich nie sehen," atmet er endlich aus. „Ich hab immer gehofft ich könnte Alexis und meine Mutter wieder sehen, aber wenigstens – wenigstens habe ich Bilder von ihnen, Erinnerungen in meinem Kopf, aber du … du bist nicht da, Kate. Du wirst nie da sein."
Das wimmern in ihrer Kehle ist nicht zu hören, aber er ist geschult im Hören, verfeinern dessen, was er in den letzten fünf Jahren als wichtigsten Sinn sieht, und er sackt unter Schuldgefühlen zusammen, bei dem schmerzvollen Geräusch. Es ist unfair, so unfair von ihm, sie damit zu belasten, sie seine Qual teilen zu lassen.
„Du solltest gehen," murmelt er, blinzelt gegen die Tränen in seinen Augenwinkeln. „Ich – in ein paar Stunden geht es mir besser. Ich brauch nur etwas Zeit."
Für einen Moment sind da nur die gedämpften Geräusche, der Arztpraxis um sie herum, Stille von der Frau neben ihm, aber dann sind ihre Hände an seinem Hals, gleiten nach oben um sich um seinen Kiefer zu legen, ihn zu ihr zu drehen. Er erwartet nicht, dass sie sich an ihn lehnt, ihre Lippen über seine streicht bevor sie ihre Münder in einem Kuss zusammenführt, der seine immer arbeitenden Sinne in einen Schongang gehen lässt.
Castle windet seine Finger um ihre Handgelenke, folgt den Linien von Knochen die an ihren Armen entlang führen, bis seine Handflächen an ihren Schultern sind, ihren Schlüsselbeinen, und dann die scharfen Knochen ihrer Wangen. Sie summt, streichelt die Haut unter seinem Kiefer mit ihren Daumen, während sie seine Unterlippe küsst, bevor sie langsam zurück weicht, ihr Atem in kurzen Stößen kommend, die über seine offenen Lippen fächeln.
„Ich bin vielleicht nicht da," räumt sie ein, kreist zwei ihrer Finger über seine Schläfe. „Aber ich bin hier, mit dir, und ich denke ich bin auch hier," fügt sie hinzu, senkt ihre Hand zu seiner Brust, presst die gleichen zwei Finger auf sein rasendes Herz.
„Du bist definitiv da," nickt er, fühlt die dunkle Schlinge von Hoffnungslosigkeit um sein Herz sich lockern, als sie sanft lacht, einen weiteren Kuss auf seine Lippen drückend.
„Willst du immer noch Weihnachtseinkäufe für Alexis und Martha erledigen?" murmelt sie, ihr Daumen jetzt an seinem Ohr, die Muschel nachfahrend, und er lächelt.
„Geh voraus."
