Tanja: Freut mich, dass du dich freust - hiermit geht es weiter :)

rhabarber: Danke, danke... hatte heute meinen letzten Schultag... )

Nyella: Ich liebe diese Szene in Ithilien einfach - das musste sein ;) Vielen lieben Dank für dein ausführliches Review!


Kapitel 3

Ithilien

Der Reiter schien einen Moment lang ehrlich verdutzt zu sein, seufzte dann tief und saß ab. Langsam ging er vor Sam in die Hocke. „Hör zu. Ich weiß ja nicht, was für Gerüchte du gehört hast…"

„So einige haben wir gehört und mittlerweile bin ich davon überzeugt, dass nicht alle davon falsch waren.", warf Gandalf ein und schritt energisch auf die Gruppe zu.

Der Reiter sah kurz zu ihm hin. „… aber an den allermeisten wird nichts wahres sein.", beendete er seinen Satz, wieder an Sam gewandt.

„Da bin ich ganz anderer Ansicht.", sagte Gandalf scharf. „Alles passt zusammen. Erzähl mir keine Märchen, Legolas. Hier ist etwas passiert. Du reitest ganz bestimmt nicht freiwillig alleine und unbewaffnet durch die Gegend, verfolgt von Nazgûl, obwohl die Grenzen Ithiliens keinen gerittenen Tag entfernt sind. Da ist etwas falsch, mein Freund, und ich frage mich, was das ist."

„Finde es selbst heraus.", kam eine abweisende Antwort.

„Willst du nicht wenigstens die Kapuze abnehmen, wenn du mit uns redest?", fragte Frodo vorsichtig. Er meinte zu hören, wie Legolas leise schluckte.

„Ungern."

Frodo überlegte kurz. „Schön. Wir haben all die Jahre auf dich gewartet. Jetzt haben wir dich gefunden und du willst wieder gehen, ohne dass wir einmal dein Gesicht gesehen haben? Legolas, ich dachte, wir wären Freunde!", warf er ihm vor, so leise, dass nur er es verstehen konnte.

„Das habe ich auch von Leuten gedacht, wegen denen ich jetzt hier bin!", zischte er.

Frodo zuckte zurück. Eine so heftige Reaktion hatte er nicht erwartet.

„Verzeih.", bat Legolas Sekunden später, als er realisierte, was er gerade gesagt hatte. „Das wollte ich nicht sagen." Er stand auf. „Ich denke darüber nach."

„Ob du die Kapuze abnimmst?"

„Ob ich mit euch nach Ithilien gehen werde. Tut es nicht alleine. Ich weiß nicht, welche Anweisungen die Wächter bekommen haben. Es kann sein, dass sie auf alles und jeden schießen." Er sprang auf den Rücken des Pferdes. „Ich werde euch finden, wenn ich will. Lebt wohl." Er flüsterte dem Rappen etwas zu, der daraufhin aus dem Stand los galoppierte und schon kurz darauf in der trüben Morgendämmerung nicht mehr zu sehen war.

Frodo und Sam warfen sich lange Blicke zu. „Glaubst du, er kommt wirklich?"

„Nein.", sagte Frodo auf der Stelle. „Ich glaube nicht. Außer er wird dazu gezwungen, von irgend jemandem."

„Sturer Elb!", schimpfte Gandalf. „Lässt uns hier stehen und reitet davon, obwohl er mitkommen und um das Kämpfen sollte, das ihm zusteht! Ah, versteh einer die jungen Leute… der Zwerg hatte keinen guten Einfluss auf ihn. Wie kann ein Elb nur so stur sein…"

„Wer war das?", fragte eine junge Noldo.

Galadriel trat nachdenklich hinter sie. „Legolas Thranduilion. Der Vertreter der Elben in der Gemeinschaft des Rings… und wohl der Elbenkönig, den wir suchen. Gandalf?"

„Allerdings." Der Zauberer beruhigte sich langsam wieder. „Aber das war eigentlich vorhersehbar. Im Gegensatz zu diesem Sinneswandel. Legolas war niemals jemand, der so ohne weiteres aufgab, auch wenn es noch so hoffnungslos war. Sonst wäre er nicht mit uns in den Ringkrieg gezogen. Ich will nicht wissen, was sie ihm in Mordor angetan haben – aber er ist gebrochen, unübersehbar." Er wandte sich den Elben zu. „Wir müssen nach Ithilien, mit oder ohne ihn. Nur dort können wir Antworten bekommen."

„Haltet Ihr das wirklich für klug?"

„Wir haben keine Wahl. Außerdem liegt Ithilien nicht wirklich nah am nördlichen Teil von Eryn Lasgalen. Vielleicht ist der Einfluss von dem, der Legolas gestürzt hat, hier nicht so stark. Riskieren müssen wir es. Kommt, Frodo, Samweis."

Ruhig und scheinbar friedlich schien der Wald um ihn herum. Legolas konnte es schon lange nicht mehr täuschen. Hinter dem Frieden pochte Zorn. Darüber, dass er entkommen war. Wieder einmal. Die Frage war nur, für wie lange.

„Halt an, mein Guter." An einem klaren, kalten Tümpel machten sie halt. Während Nainie trank, strich Legolas sich die Kapuze vom Kopf und betrachtete sein Spiegelbild auf der glitzernden Wasseroberfläche. Sollte er oder sollte er nicht? Er konnte Frodo, Gandalf und Sam nicht so einfach im Stich lassen. Zuviel verband sie. Andererseits kam Gandalf auch allein zurecht. Er hatte mehr als genug Elben bei sich. Es würde wohl kaum einen Unterschied machen, ob nun er mit ihnen ging oder einer von den anderen.

Er verscheuchte seine Gedanken und tauchte mit dem Kopf unter Wasser. Wie Nadeln stach es eiskalt auf der Haut. Es verhalf ihm zu klaren Gedanken. Schmerz war für ihn immer noch etwas, über das er sich definieren konnte. Er hatte nichts anderes getan in den letzten, ungezählten Jahren und konnte sich nicht mehr davon lösen. Nur so wusste er, dass er am Leben war. Nichts anderes konnte er fühlen außer Bitterkeit, Wut und einer leisen Sehnsucht nach vergangenen Zeiten. Er konnte es nicht ändern. Es würde Zeit brauchen, viel Zeit, die er nicht hatte.

Er tauchte auf. Woher kam dieser Gedanke jetzt? Warum sollte er keine Zeit mehr haben? Solange sie ihn nicht fingen, hatte er alle Zeit der Welt… aber jemand anders nicht. Das war es. Es gab jemanden, der wartete, der hoffte, der jeden Tag auf dem Turm der Hohen Feste in Eryn Lasgalen stand und blickte, soweit die Augen reichten. Wie konnte er das nur vergessen?

Genau so, wie er auch alles andere hatte vergessen können. Ganz einfach. Doch dies war keine Ausrede, sich jetzt dieser Verantwortung zu entziehen. Nur er konnte sie tragen.

„Komm, Nainie. Sie werden die Grenze schon fast erreicht haben. Lauf, beeile dich!" Der Hengst preschte los, mitten durchs Unterholz. Legolas wurde von einem Ast die Schulter aufgerissen. Er spürte warmes Blut seinen Arm hinab laufen. Es kümmerte ihn nicht. Er hatte schon schlimmeres erlebt. Und der verletzte Arm war sowieso kaum noch zu gebrauchen; die Hand konnte er schon seit ein paar hundert Jahren nicht mehr bewegen. Der schwarze Lederhandschuh, den er immer trug, verdeckte die schwarzen Narben, die sich wie Blutadern über seine Haut zogen.

„Was meinst du? Sechs, sieben Stunden? Komm, bis Sonnenuntergang schaffen wir es. Sonst gibt es ein Unglück… ich sehe es kommen."

„Hier müsste es sein…", meinte Samweis und sah sich die rotgoldenen Bäume an. „Glaube ich jedenfalls… war lange nicht mehr hier… sieht irgendwie alles gleich aus..."

„Höchstens in den Augen eines Halblings."

Erschrocken blieb Sam stehen, als er wenige Zentimeter von seiner Nasenspitze entfernt einer Pfeilspitze entgegen blickte. Er schluckte, sah sich um und stellte fest, dass etwa zwanzig Elben die Gruppe von insgesamt dreißig Leuten umzingelt hatten. „Es war ein Fehler von Euch, hierher zu kommen.", sagte einer von ihnen, ein dunkelhaariger Elb, der ein wenig hinter den anderen stand.

Sofort fiel ihm ein weißhaariger, sehr großer Mann ins Wort. „Du hast hier nichts zu sagen, Tirithion. Halt dich gefälligst zurück." Der Miene des anderen verdüsterte sich, aber er sagte nichts. „Ihr müsst Euch entscheiden: Entweder kommt Ihr mit uns und der König entscheidet über Euch, oder Ihr bleibt genau hier – für immer.", erklärte der Elb dann gedehnt und mit einem überlegenen Gesichtsausdruck. „Ich hoffe, wir verstehen uns – wie lautet Eure Entscheidung?"

Gandalf trat vor und baute sich vor dem Elben auf. „Wir verhandeln nicht mit Gefolgsleuten eines Gewaltherrschers.", sagte er herablassend. „Kommt, wir gehen."

„Das werdet Ihr nicht!", kam es zornig von dem Elben zurück. Er gab den Männern ein Zeichen, die bedrohlich näher kamen. Frodo und Sam wichen weiter zurück, als wollten sie sich in den Falten von Gandalfs Gewand verstecken. Die Elben schienen zu allem entschlossen. Nur Tirithion zögerte.

Er blieb nicht unbemerkt. „Brauchst du eine persönliche Aufforderung?", wurde er von dem Elben angefahren.

„Vom Volk der Tawarwaith sind wir etwas mehr Gastfreundlichkeit gewohnt!", dröhnte plötzlich Gandalfs Stimme dazwischen. „Und einen anderen Umgangston ebenfalls."

Tirithion sah zwischen den beiden hin und her. „Pass auf, was du tust.", zischte der Elb ihn gefährlich leise an. „Tirithion. Denk daran, was passiert, wenn du uns Ärger machst. Oder hast du das schon vergessen?"

Das Gesicht des Angesprochenen versteinerte. Dennoch konnte Gandalf die Panik und die Angst erkennen, die in seinen Augen aufflackerten. Langsam, unendlich langsam wandte Tirithion den Blick von dem Elben ab und stellte sich hinter ihn, ebenfalls mit gespanntem Bogen. Sein Blick bat Gandalf um Entschuldigung. Verzweiflung zeigte sich auf seinem Gesicht.

„Herr Frodo!", rief Samweis plötzlich aus. Die Elben fuhren herum, ihre Pfeile genau auf die beiden Hobbits gerichtet.

Frodo war auf die Knie gefallen. „Sie sind hier…", brachte er heiser hervor und hielt sich schmerzverzerrt die Schulter, die der Fürst der Nazgûl damals praktisch durchbohrt hatte. Dann wehte Hufgetrappel durch die Bäume.

Ohne zu wissen, was er tat, begann Frodo zu laufen. Er bekam nicht mit, dass die Elben auf ihn zielten und ihn warnten, dass Gandalf ‚Nicht schießen!' rief und ihm hinterher wollte, von den Elben aber unsanft daran gehindert wurde. Er lief um sein Leben, genau wie er es früher getan hatte. Die Bäume um ihn herum verschwammen, Schatten zogen auf. Amon Sûn, die Wetterspitze. Blind für die Wirklichkeit lief er durch den Wald.

„Erschießt ihn!", befahl der Elb.

„Nein!", schrie Samweis, als die Elben mit ihren gespannten Bögen auf Frodo zielten.

Wird fortgesetzt...