4. Kapitel:
Yuki saß am Bett von Shuichi. Immer wieder musste er daran denken was der Arzt gesagt hatte. ‚Ich glaube, es könnte an der Zeit sein, dass sie sich auf das Ende vorbereiten.' Immer wieder klangen diese Worte in seinen Ohren. „Nein, das darf nicht sein." presste Yuki zwischen den Lippen hervor. „Shuichi, du kannst mich nicht alleine lassen. Tu mir das bitte nicht an." fuhr er verzweifelt fort.
Er griff nach Shuichis Hand und hielt sie fest. „Shuichi, ich brauche dich. Bevor ich dich traf war ich einsam. Ich wollte niemanden in meine Nähe lassen. Doch als du dann aufgetaucht bist… Du hast mein ganzes Leben durcheinander gebracht. Aber ich bin dir dankbar dafür."
Da ist eine Stimme, ich höre eine Stimme. Sie kommt mir so bekannt vor, und doch kann ich sie nicht zuordnen. Um mich herum ist alles schwarz, ich kann nichts erkennen. Wer ist das? Ich schließe meine Augen. Jetzt höre ich die Stimme noch deutlicher. ‚Ich brache dich.' sagt sie.
Wie von selbst öffnen sich meine Augen. Es ist so hell dass ich sie sofort wieder schließe. Doch nur um sie kurz darauf wieder zu öffnen.
„Shuichi. Gott sei Dank du bist aufgewacht." Alles was Shuichi sah, war ein verschwommenes Gesicht. Er schloss die Augen wieder, ihm war schwindlig. Shuichi wollte etwas sagen, doch kein Laut drang aus seinem Mund. „Shuichi." Yukis Stimme zwang ihn die Augen wieder zu öffnen. Er wollte endlich wissen wem diese Stimme gehörte. Als er seine Augen diesmal öffnete erkannte er die Person, die an seinem Bett saß. „Wo bin ich?" brachte er nun mühsam über die Lippen. „Du bist im Krankenhaus. Wir hatten einen Autounfall." erklärte Yuki. „Autounfall? Wir… Aber, wer sind sie?" murmelte Shuichi verwirrt.
„Was?" Yuki war geschockt. „Du… weißt nicht wer ich bin?" Shuichi schüttelte nur den Kopf.
Yuki musste sich zusammenreißen um weiter sprechen zu können. „Ich hole Dr. Nagoya." damit stand er auf, verließ das Zimmer und kam nur wenig später mit dem Doktor zurück.
Dieser untersuchte ihn zunächst schweigend. „Was ist das Letzte woran du dich erinnern kannst?" wollte er dann von Shuichi wissen. „Ich war mit Hiro zusammen. Wir haben beschlossen eine Band zu gründen. Bad Luck. Dann bin ich nach Hause gegangen." sagte Shuichi.
„In Ordnung." das war alles was Dr. Nagoya sagte. „Kommen sie bitte mit mir. Ich muss mit ihnen reden." wandte er sich nun an Yuki.
„Retrograde Amnesie."
Yuki saß vor Dr. Nagoyas Schreibtisch. „Retrograde Amnesie." wiederholte Yuki leise. Dr. Nagoya nickte. „Sobald ein schweres Trauma eintritt, hört das Gehirn auf Erinnerungen zu speichern. Deshalb erinnern sich Patienten mit Hirnverletzungen kaum an den Auslöser. Häufig kann es sein, dass die letzte, klare Erinnerung Wochen bis Jahre her ist. Das sind meistens starke Erinnerungen. Der Tod eines Bekannten, Hochzeiten oder in seinem Fall die Gründung der Band." „Wie lange kann so eine Amnesie dauern?" wollte Yuki wissen. „Das können wir nicht mit Sicherheit sagen." antwortete Dr. Nagoya. „Die Chance, dass er sich wieder erinnert steht gut. Eine Langzeitdauer der Retrograden Amnesie ist selten." „Aber es könnte sein." redete er weiter. „Kann ich ihm irgendwie helfen?" erkundigte sich Yuki. „Es wäre besser für ihn, wenn er mit jemandem spricht den er kennt." meinte Dr. Nagoya. „Aber wir kennen uns doch." sagte Yuki. „Im Moment kann er sich nicht an sie erinnern. Lassen sie ihm etwas Zeit." erklärte Dr. Nagoya. „Ist gut. Ich werde Hiro anrufen, ihn kennt er sehr gut." beschloss Yuki. „Tun sie das." meinte der Doktor. „Auf Wiedersehen." Yuki verließ das Zimmer.
Als Shuichi seine Augen diesmal öffnete sah konnte er alles sofort klar erkennen. „Hiro." sagte er leise. Der Musiker saß neben seinem Bett auf einem Stuhl und sah aus dem Fenster. Als er seinen Namen hörte wandte er seinen Blick aufs Bett. „Shuichi. Wie fühlst du dich?" „Ich hab Kopfschmerzen, aber ansonsten ganz gut." erwiderte er. „Yuki hat mir alles erzählt." meinte Hiro. „Was ist eigentlich passiert. Wer war dieser Mann an meinem Bett als ich aufgewacht bin?" wollte Shuichi wissen. „Das war Yuki. Du kennst ihn seit ungefähr einem Jahr." erzählte Hiro. „Warum kann ich mich nicht erinnern?" war Shuichi verwirrt. „Das wird schon wieder." beruhigte ihn sein Freund. „Mit der Zeit wirst du dich wieder an alles erinnern können." „Sag mal Hiro." Shuichi richtete sich etwas im Bett auf. „Warum siehst du so anders aus?" „Was? Anders. Ich sehe so aus wie immer." Nach kurzem Überlegen begriff er aber was Shuichi meinte. „Du kannst dich nicht an die letzten Jahre erinnern. Weißt du wie alt du bist?" „Was für eine blöde Frage." lachte Shuichi. „Natürlich weiß ich wie alt ich bin. Sechzehn." „Shuichi. Du bist inzwischen Zwanzig." sagte Hiro. „Aber… wie… wie ist das möglich?" stotterte Shuichi. „Du wurdest bei dem Autounfall den du mit Yuki hattest schwer verletzt." berichtete Hiro.
Erst jetzt viel Shuichis Blick auf Kumagoro der auf dem Tisch neben seinem Bett stand. „Aber das ist doch…" er führte den Satz nicht zu Ende. „Sakuma war hier. Er hat dir Kumagoro hier gelassen." sagte Hiro. „Sakuma Ryuichi war hier?" Shuichi konnte es kaum glauben. „Natürlich war er hier. Ihr seid doch Freunde." Kaum hatte der Musiker das gesagt, viel ihm ein. „Ach ja, daran kannst du dich ja auch nicht erinnern." Shuichi nickte kaum merklich.
‚An so viele Dinge kann ich mich nicht erinnern. Wer ist dieser Yuki? Und warum war ich bei ihm? Was ist in den vier Jahren passiert an die ich mich nicht erinnern kann?' schwirrten ihm die Fragen durch den Kopf.
„Alles in Ordnung Shuichi?" erkundigte sich sein Freund. Der Sänger schreckte aus seinen Gedanken hoch. „Ja, ja. Alles in Ordnung." und nach kurzem Schweigen fügte er hinzu. „Kannst du diesem Yuki sagen, dass er zu mir kommen soll. Ich möchte mit ihm reden." „Natürlich. Ich werde ihn gleich anrufen." Hiro stand auf. „So jetzt muss ich aber los. Ich treffe mich noch mit Thoma bei N-G Records." „Ähm… was?" Shuchi blickte ihn fragend an. „Ich erklär es dir ein andermal, okay. Ich muss jetzt wirklich los. Bis bald." verabschiedete sich der Braunhaarige. „Bis bald." erwiderte Shuichi. Dann verließ Hiro den Raum und Shuichi blieb alleine zurück.
Es klopfte an der Tür. „Komm rein." Shuichi wandte den Kopf in Richtung Tür. „Hallo Shuichi." Yuki kam ins Zimmer. „Hiro hat mich angerufen und gesagt, dass du mit mir sprechen willst." er nahm auf dem Stuhl neben Shuichis Bett Platz. „Ja, danke dass du gekommen bist." „Wie geht es dir?" erkundigte sich Yuki. „Schon wieder viel besser." Dann kam Shuichi gleich auf den Punkt. „Yuki. Kannst du mir ganz genau erzählen was passiert ist?"
Yuki schwieg eine Weile und begann dann zu berichten. „Es ist jetzt einen Monat her. Wir wollten gemeinsam in den Vergnügungspark fahren. Doch auf dem Weg dorthin ist es passiert. Ein LKW… ich habe ihn nicht rechzeitig gesehen… er hat uns voll erwischt. Das nächste an das ich mich erinnern kann ist, dass ich neben dir im Auto aufgewacht bin. Du warst schwer verletzt und ich hatte Angst… große Angst, dass du sterben könntest."
„Aber, warum wollten wir gemeinsam in den Vergnügungspark? Woher kenne ich dich?" fragte Shuichi. „Alles hat damit begonnen, dass ich zufällig einen deiner Liedertexte gelesen habe. Ich habe ihn kritisiert und kurz darauf hast du mich zur Rede gestellt.
Du bist ein paar Tage später bei mir eingezogen. Und seit dem leben wir zusammen." erzählte Yuki.
„Ich bin bei dir eingezogen. Also leben wir zusammen, so ähnlich wie in einer WG." meinte Shuichi. „Nein." antwortete Yuki kurz. „Was nein?" Shuichi verstand nicht. Yukis Blick wanderte zum Fenster hinaus. ‚Wie soll ich dir das bloß sagen? Kannst du es verstehen? Was ist wenn du mich nicht mehr liebst. Und dich auch nie wieder daran erinnerst. Das könnte ich nicht ertragen.' ging es Yuki durch den Kopf.
„Hey Yuki, was hast du?" Er wandte den Blick wieder Shuichi zu. „Es ist nichts, aber… ich kann es dir nicht erklären. Ich glaube es ist besser, wenn du es selbst herausfindest." Jetzt stand Yuki auf. „Ich gehe jetzt besser wieder. Machs gut." Dann hatte er den Raum auch schon verlassen, ohne auf eine Antwort von Shuichi zu warten
