Verschwiegen
Harry saß immer noch auf der Erde vor dem
Klassenzimmer.
Was war das denn gewesen? Was war geschehen, das Draco sich so verändert
hatte? Auch Snape hatte keine Ahnung, soviel stand fest! So, wie es sich
angehört hatte, musste etwas mit Dracos Vater passiert sein. War er womöglich
... Nein! Das hätte in den Zeitungen gestanden, oder? Natürlich, denn Lucius
Malfoy war ein angesehener Mann, nicht nur im Ministerium. Und wenn es bisher
geheim gehalten wurde, einfach von der Öffentlichkeit, der Presse, ferngehalten
wurde?
Harry war so mit seinen Gedanken beschäftigt, dass er das Geräusch erst wahrnahm, als es in seiner unmittelbaren Umgebung stattfand. Er hatte in der ganzen Aufregung vergessen, das Snape ja auch noch im Raum sein musste.
"Mr. Potter, was machen sie hier?" blaffte Snape ihn an. Harry konnte nicht umhin Snape mit hasserfüllter Mine anzuschauen, denn auch wenn er es sich nicht sofort eingestand: Er hatte großes Mitleid für Draco.
Harry lief immer noch Blut aus der Nase und so konnte er nicht gleich auf Snapes freundlich formulierte Frage antworten.
"Was ist Potter?" schnarrte Snape und sah ihn jetzt berechnend an. Als Harry es endlich geschafft hatte sich mit seinem Ärmel das meiste Blut weg zu wischen, löste die Wut seine Zunge, und er redete los, bevor er überhaupt überlegt hatte was er sagen wollte.
"Ich bin gestürzt ... ähhmm ... ja ... jemand hat mir einen Stolperfluch aufgehalst." log Harry. Snape verzog den Mund zu einem fiesen Grinsen und Harry wusste genau was er dachte.
"Ich wollte gerade an der Tür vorbei, und da hat mich wohl von hinten jemand erwischt" er rieb sich die Stelle, wo er vorgab Schmerzen zu haben, doch Harry war klar, dass Snape ihm nicht glaubte, denn sein grinsen wurde breiter.
"Nun Potter, das gibt 20 Punkte Abzug für Gryffindor, weil sie außerhalb der Nachtruhe noch draußen herum spazieren." sagte der tränkelehrer mit seinem falschen lächeln, was jedoch, wie Harry auffiel, etwas schief wirkte, was zweifellos daran lag, dass es nicht Draco war, der Harry zu Boden geworfen hatte.
"Und jetzt verschwinden sie auf schnellstem Wege in ihren Gemeinschaftsraum, bevor ich ihnen 10 weitere Punkte dafür abziehe, das sie mich anstarren!"
"Ja" sagte Harry, bewegte sich jedoch nicht vom Fleck.
"Was ist Potter!" bellte Snape und
Harry sprang erschrocken auf, und rannte so schnell er konnte in Richtung
Gryffindorturm. Erst als er völlig erschöpft am Portraitloch ankam und das
Passwort keuchte, fühlte er sich sicher. Die fette Dame klappte zur Seite und
Harry stahl sich hinein.
Kaum hatte er den Raum betreten, kam von Ron "Hey, wo sind denn die
Schokoeclairs?" und von Hermine: "Wieso hat das denn so lang
gedauert? und - Oh nein - Harry! Was hast du gemacht ?!"
"Ist jetzt nicht so wichtig. Ich muss euch was erzählen!" Nocheinmal vergewisserte er sich, ob sie alleine im Gemeinschaftsraum waren und fing dann an zu berichten was er gerade mit angehört hatte. Als er den beiden genau geschildert hatte was vorgefallen war, standen ron und Hermine die Münder offen. Nach einer Weile schaffte es Ron seinen mund zu zuklappen um ihn dann erneut wieder zu öffnen.
"Und dann ist Malfoy aus diesem Raum rausgekommen und hat dir eins auf die Nase gehauen?" fragte er mit kritischem Blick auf Harrys immer noch blutverschmierte Nase. (Hermine erbarmte sich, sie mit einem Schwung ihres Zauberstabes zu reinigen.)
"Naja, so ähnlich. Ich stand vor der Tür, und Draco wolle raus ... " und Harry schilderte auch noch, wie Draco überstürzt das weite gesucht hatte, als er Harry gesehen hatte.
"Ich kapier das einfach nicht" sagte Hermine und kniff dabei die Augen zusammen, als versuchte sie sich daran zu erinnern, ob sie jemals über einen solch schweren Fall von rapiden Gedächtnisverlust gelesen hatte.
"Ich brauch frische Luft" sagte sie immer noch in Gedanken versunken. Ron und Harry nickten nur und gähnten. Hermine ging durch das Portraitloch nach draußen. Es musste schon weit nach um 11 sein, doch Hermines Kopf war so voll, das für die Zeit einfach kein Platz mehr war. Erst als sie an der fetten Dame vorbei war und diese sie zurückrief, viel es Hermine auf. Sie drehte sich um, kletterte wieder in den Gemeinschaftsraum und rang mit sich, ob sie Harry tatsächlich fragen konnte. Ihr voller Kopf gewann die Überhand und sie versuchte so lässig wie möglich zu klingen, als sie Harry nach seinem Tarnumhang fragte.
"Er liegt, oben in unter meinem Bett." sagte Harry grinsend und mit gespielt strenger Miene fügte er hinzu: "aber Hermine, du als Vertauensschülerin". Hermine wurde ein wenig rot, überhörte diesen Kommentar jedoch geflissentlich.
"Aber ich kann doch nicht einfach so dort oben reinplatzen. Die anderen schlafen doch da drin."
"Mach dir da mal keine Sorgen, die sind drüben bei den Mädchen. Sie haben rausgefunden wie man die Treppe austrickst, sodass sie einen nicht gleich wieder runter schmeißt, wenn man hochgehen will." zwinkerte Ron, der sich darüber wohl ziemlich zu amüsieren schien.
"Bis gleich!" murmelte Hermine und stieg die Treppen zum Jungenschlafsaal hoch. Vor der Tür hielt sie noch einmal inne und lauschte angestrengt, ob sie von drinnen Geräusche hören konnte, dann erst öffnete sie die Tür. Der Jungenschlafsaal war tatsächlich völlig leer. Hermine wurde ein bisschen schlecht, bei der Vorstellung, dass ihr Bett jetzt für Dinge missbraucht wurde, die sie lieber gar nicht wissen wollte. Und wenn Seamus und Dean dabei waren, dann würde sie wohl erst einmal ihr Bett frisch beziehen müssen ehe sie heute schlafen gehen konnte.
Sie schritt zu Harrys Bett, welches natürlich ganz am Ende des Schlafsaals stand und ließ sich dann auf die Knie fallen, um besser unter das Bett greifen zu können. Sie zog den schweren Koffer hervor und öffnete ihn. Hermine sah den Umhang nicht, aber sie wusste, das Harry sicher etwas damit verborgen hatte, also tastete sie im Koffer umher und fand bald den kühlen fast flüssigen Stoff des Tarnumhangs. Ein paar mal ließ sie ihn durch die Finger gleiten. Sie mochte das Gefühl, wenn der Stoff ihre Finger kühlte und an ihnen hinab glitt. Sie wollte sich gerade den Umhang in die Tasche stecken und den Koffer zu machen, als ihr Blick auf das Ding fiel, was der Umhang verborgen hatte: Harrys Feuerblitz! In Hermines Magen rumorte es. Die Verlockung war groß, aber – es wäre falsch!
Hermine kam mit dem Umhang in der Hand die Treppe herunter. Sie winkte Harry und Ron kurz zu und ging schnellen Schrittes Richtung Portraitloch. Sie war schon fast da, als:
„Hermine, was hast du da?" fragte Ron und Hermine wusste seinen Tonfall nicht einzuordnen. „Was denn?" fragte sie und setzte eine Undschuldsmiene auf, doch sie konnte nicht verhindern, dass ihr die Röte ins Gesicht schoss.
„Na dort, in deinen Haaren." erklärte Ron ihr und zeigte dabei auf Hermines Haarklammer.
„Oh … das ist nur eine Haarspange. Die, die du mir zu meinem Geburtstag geschenkt hast, weißt du noch?" fragte Hermine unsicher und betastete ihre Haare.
„Natürlich weiß ich das noch!" antwortete Ron gespielt entrüste und doch schien er sich wirklich zu freuen, das sie die Spange auch wirklich trug. Das hatte er allerdings Ginny zu verdanken, die ihm bei der Auswahl des Geschenks geholfen hatte, da er natürlich keine Ahnung von so „Mädchenkram", wie er es nannte, hatte.
Hermine lächelte, als sie sich wieder umdrehte und nun zum zweiten Mal aus dem Portraitloch stieg, doch als ihr Blick weder auf den Tarnumhang fiel nagte das schlechte Gewissen an ihr. Es war falsch, das war ihr durchaus bewusst, aber als sie sich den Besen angeschaut hatte schien er förmlich danach zu schreien von ihr geflogen zu werden und sie hatte sich an die Worte erinnert die Harry ihr einmal gesagt hatte, als er sie wieder einmal zum Fliegen überrede wollte:
„Du vergisst alles um dich herum" hatte er gesagt. „Du bist frei von allen Sorgen und deine Gedanken sind wie weggeblasen." Und das war nun leider genau das was Hermine jetzt brauchte. Sie wusste das sie nur ausreden suchte, um von ihrer Schuld abzulenken, aber es beruhigte sie ungemein sich das vor zu lügen. Sie warf sich den Tarnumhang über und schlich durch das Schulhaus in Richtung Quidditchfeld.
