Kapitel 4: Katz und Maus
Als Crabbe meine Schritte hinter sich
hört, springt er auf wie von der Acromantula gestochen, und
bedroht mich mit einem bebenden Zauberstab, den er in seinen
zitternden Händen kaum halten kann. Schweißperlen bedecken
seine Stirn, trotz des kalten Windes.
„Komm nicht näher!
Sonst …"
„Sonst was?" Ich ignoriere sein Gefuchtel und
gehe rasch auf ihn zu, um ihm den Zauberstab aus der Hand zu reißen,
doch sein Gesichtsausdruck lässt mich anhalten. Er ähnelt
derzeit nicht dem massigen, aber leicht beschränkten Mondkalb
wie sonst, sondern erinnert mich vielmehr an einen Stier, der soeben
am anderen Ende der Weide den Nebenbuhler erspäht hat.
„Was
soll das, Crabbe? Warum machst du dich nicht nützlich und
ärgerst Muggel?" Seine Lieblingsbeschäftigung ist es,
Liebespaaren nachts im Park aufzulauern und sie beim Schmusen mit
einem Knallzauber zu erschrecken. Kindergartenniveau.
Crabbe
grunzt nur und macht unwillkürlich einen Schritt rückwärts,
wobei er fast am Klippenrand abrutscht.
Ich versenke
vorsichtshalber die Hand in der Umhangtasche, um meinen Zauberstab
rechtzeitig hervorholen zu können, bevor mein Mit-Todesser ins
Wasser plumpst und sich noch den Hals bricht. Was in Anbetracht von
Fallhöhe, den zackigen Felszähnen da unten sowie Crabbes
sprichwörtlichem Ungeschick durchaus realistisch
erscheint.
„Keinen Schritt, Severus, oder ich …" Wieder
wedelt er wild mit dem Zauberstab, und einige wunderschön
schillernde Seifenblasen entschweben der Spitze. „Oh!"
Ich
nutze die Gelegenheit, ihm den Zauberstab aus der Hand zu fluchen,
und fange diesen auf, bevor er in die brausende Gischt stürzen
kann.
Crabbe sinkt in sich zusammen wie ein Häuflein Elend,
und ehe ich mich versehe, hängt er mir schon am Hals. Dicke
Tränen rinnen die enormen Hängebacken entlang auf mein
Hemd, und aus seiner Nase trieft Rotz auf meinen neuen Umhang.
Herrje! Sehe ich neuerdings aus wie der Kummerkasten des
Klitterers?
„Severus, du musst mir helfen! Bitte! Du
musst!"
Heftig winde ich mich aus seiner täppischen
Umarmung und stoße ihn zurück – allerdings Richtung Weg,
nicht zur Klippe.
„Ich muss gar nichts." Und habe auch nicht
vor. Das letzte Mal, als ich mich habe erweichen lassen, jemandem zu
helfen, habe ich …
Crabbe schafft es, mich von unten herauf wie
ein geprügelter Cockerspanielwelpe anzusehen, obwohl er einen
guten Kopf größer ist als ich.
„Pack dich, Crabbe! Du
wirst doch sicher irgend etwas zu tun haben, oder? Sonst muss ich den
Dunklen Lord bitten …" Das zieht eigentlich immer.
„Er will
mir nicht helfen!" Crabbe lässt die Hände sinken, mit
denen er sich das Haar zerrauft hat.
Ich habe anscheinend ein
Hörproblem, oder der Wind heult inzwischen zu laut.
„Wer
will dir nicht helfen? Und, bevor du fragst – ich kann und will es
auch nicht!"
„Der Dunkle Lord! Er will mir kein Geld geben,
dabei hat er versprochen …"
Ach, darum geht es schon
wieder.
„Was hast du dir diesmal aufschwatzen lassen? Lass mich
raten: Muggelheizdecken? Eine Zuchtfarm für knallrümpfige
Kröter? Die Rechte an der Entdeckung des krummhörnigen
Schnarchkacklers? Mann, werde doch endlich mal erwachsen!"
Crabbe
heult auf, und ich rolle genervt mit den Augen.
„Also gut, bei
wem stehst du in der Kreide?" Eine Idee nimmt vor meinen Augen
Gestalt an, und selbst Crabbe ist besser als gar kein Verbündeter.
Die Liste meiner Feinde ist so lang wie eine Rolle Toilettenpapier,
dagegen recht überschaubar die meiner Freunde. Die Hälfte
von ihnen sitzt überdies in Askaban.
„Ich habe von
Mundungus Fletcher diese Kessel …" stammelt er, und ich winke
ab.
„Den hat das Ministerium wegen Diebstahls verhaftet, und ich
glaube nicht, dass wir ihn so bald wiedersehen!"
„Aber
Mundungus hat meinen Schuldschein an die Kobolde verkauft!" Crabbe
reißt sich an den spärlichen Haaren, die ihm noch über
den Ohren verblieben sind.
„Oh!" Das ist in der Tat ein
Problem. Mit ihnen ist nicht zu spaßen, wenns ums Geld geht.
„Wieviel?", frage ich, und er nennt eine Summe, die mich
davon überzeugt, dass dieses Schaf vor mir tatsächlich
Anlass hat, sich die Klippe hinab zu stürzen.
„Wann hättest
du zahlen sollen?"
„Vor drei Wochen!"
Erstaunlich dass
die Kobolde ihm noch nicht die Ohren lang gezogen haben! Crabbe ist
zwar dumm, aber alt genug, selber auszulöffeln, was er sich
immer wieder einbrockt. Trotzdem wundere ich mich, dass er
offensichtlich noch nicht einmal ein blaues Auge … mir wird
irgendwie mulmig.
„Was haben sie dir angedroht?"
„Sie
wollen meinen Sohn entführen und ihm so lange Gliedmaßen
abschneiden, bis ich bezahle!"
Nun, zuzutrauen wäre es
ihnen! Die wertvollen Wandbehänge mit den Darstellungen aus den
Koboldkriegen, die unser Meister zusammen mit dem anderen Krimskrams
in der Halle hat aufhängen lassen, sind nicht nur für ihre
ersuchten Materialien, sondern auch für die plastischen
Darstellungen berühmt.
Ich überschlage schnell meine
Optionen.
„Morgen früh habe ich das Geld aufgetrieben.
Schick eine Eule an die Kobolde los und sag ihnen, dass ich für
dich bezahlen werde. Aber wenn sie deinem Jungen auch nur ein Haar
krümmen, kriegen Sie gar nichts!"
Crabbe macht Anstalten,
mir zu Füßen zu fallen und den Saum meines Umhanges küssen
zu wollen.
Entsetzt springe ich zurück und mache eine
wedelnde Handbewegung. „Los, mach schon, lauf zum Schloss! Worauf
wartest du?"
Crabbe rennt los mit einem so glücklichen
Gesicht, dass es fast weh tut. Schön, wenn man sich seiner
Sorgen mit Geld entledigen kann.
Den Rest des Tages verbringe
ich zum größten Teil in meinen Räumen, um mich dem
Verwandlungsproblem meines Herren zu widmen, aber ich komme der
Lösung keinen Schritt näher, obwohl ich mich durch eine
beachtliche Anzahl von Werken aus der hervorragenden Bibliothek
durcharbeite. Pünktlich eine Stunde vor Mitternacht erscheine
ich in der großen Halle und bin wenig erstaunt, dass mein Herr
und Meister noch nicht in Sicht ist. Er lässt seine Gefolgsleute
gerne warten; sich zu verspäten, wenn das Dunkle Mal auf deinem
Arm brennt, ist hingegen nicht ratsam.
Ich ziehe also ein weiteres
Mal „Tausend Tode" hervor und beginne zu lesen, doch ich kann
mich nicht recht konzentrieren. Viel lieber würde ich mit Filius
Flittwick Backgammon spielen, mich mit Minerva McGonagall in der
Diskussion über unsere Chancen beim nächsten Spiel gegen
Gryffindor überwerfen oder über einem von Prof. Vektors
Arithmantik-Rätseln tüfteln. Auch eine Schachpartie mit …
Nein!
Das Warten wird mir ungewohnt lang, und ich habe allen
Grund, nervös zu sein. Unser gestrenger Gebieter schätzt
zwar erfolgreiche Todesser – aber noch mehr schätzt er es,
seine Überlegenheit deutlich zu machen. Von allen Todessern bin
ich – abgesehen von meinem Freund Lucius und, wie ich gestehen
muss, Bellatrix Lastrange – einer der wenigen Zauberer, deren
magische Fähigkeiten an die des Dunklen Lord zwar nicht
heranreichen, die aber trotzdem wenigstens kein Schlachtvieh abgeben
wie der Beinahe-Squib Crabbe, der jetzt hoffentlich befreit von der
Sorge um seinen Sohn in den Federn liegt und den Schlaf der
Einfältigen schläft.
Der Dunkle Lord wird mir heute
Abend auch, aber nicht nur ein Stück dunkler Magie näher
bringen wollen. Er wird die Gelegenheit nutzen, mir
kristallklarzumachen, dass ich nicht einmal davon träumen darf,
ihm jemals ebenbürtig zu werden – ja, seinen Kräften auch
nur entfernt nahe zu kommen. Gerade weil ich seinen größten
und mächtigsten Feind Albus Dumbledore – an den zu denken ich
mir nicht erlauben kann – getötet habe: Lord Voldemort muss
sicherstellen, dass ich nicht irgendwann versuche, es in grenzenloser
Selbstüberschätzung mit ihm aufzunehmen.
Ich sehe der
Lehrstunde mit meinem Herrn und Gebieter darum mit dem gleichen
Enthusiasmus entgegen wie einer Zahnwurzelbehandlung ohne Narkose.
Um
Mitternacht erbeben die Mauern, das Schloss rüttelt hin und her
wie ein Karton, den man in den Händen schüttelt, und die
Sterne vor den Fenstern verändern ihre Position. Das Glas der
unzähligen magischen Spiegel und Vitrinen mit wertvollstem
Geschmeide, erlesenem Geschirr und atemberaubenden Kunstwerken, mit
denen der Wohnsitz unseres Herrschers bis unter die letzte Zinne voll
gestopft ist, klirrt leise, während die Rüstungen in den
Scharnieren quietschen und die Waffensammlung blechern scheppert.
Babajaga, die Zwingfestung des Dunklen Lords, hat sich auf ihre
Hühnerbeine gestellt und wandelt wie in der Mitte jeder Nacht an
ihren neuen Platz. Ich bin gespannt, welchen Ausblick mein
Zimmerfenster morgen früh bieten wird.
Als der Dunkle Lord
weit nach Mitternacht endlich erscheint und mich anweist, ihm in die
Kerker hinab zu folgen, bin ich beinahe erleichtert, dass das Warten
ein Ende hat.
Draußen vor der Halle steht Pettigrew, stürzt
auf den Dunklen Lord zu, wirft sich zu Boden und klammert sich an
seine Füße.
„Herr, das könnt ihr doch nicht
ernst meinen! Die Zentauren werden mich umbringen!", heult er.
Der
Herr versetzt ihm einen Tritt, dass Pettigrew durch die Luft
geschleudert wird wie ein Putzlumpen, und ich muss schnell zur Seite
springen, um nicht umgerissen zu werden.
Pettigrew landet mit
einem durchdringenden Quieken direkt vor meinen Füßen. Als
sein mitleidheischender Blick an meinen Stiefeln hochgeklettert ist
und mich erkennt, tritt grenzenloser Hass in die kleinen
Rattenaugen.
„Du!", faucht er schrill, und seine Stimme
schlägt Salti, „Du steckst doch dahinter, Snape!"
Ich
ziehe spöttisch eine Braue in die Höhe. „Es ist nicht
klug, den Dunklen Lord anzuwinseln. Soviel solltest du doch
inzwischen begriffen haben, Wurmschwanz!"
Ich steige über
ihn hinweg und folge meinem Gebieter, während die Ratte hinter
mir unverständliche Schimpfworte in meinen Rücken kreischt.
Was kümmert es den Baum, wenn der Hund ihn anpinkelt?
Ich
beeile mich, meinen Herrn einzuholen. „Herr, ich habe eine weitere
Bitte …"
„Welche?" Ich amüsiere ihn. Er weiß,
wie ungern ich um etwas frage.
„Ich …", das Thema
anzusprechen fällt mir recht schwer, „… bei meiner Flucht
aus Hogwarts habe ich alles, was ich besitze, dort zurücklassen
müssen. Der Rest meiner Habe befindet sich in meinem Haus, und
auch dorthin kann ich nicht zurück. Ich … „
Mein Lord hat
schon verstanden, aber er lässt Fische gerne zappeln.
„Ja?"
Seine Stimme ist sanft wie Pfirsichschale.
Augen zu: „…brauche
Kleidung zum Wechseln und noch ein paar andere Dinge. Kurz gesagt,
ich möchte Euch um Geld bitten." Und durch!
Er runzelt die
Stirn, um mich noch ein wenig länger strampeln zu lassen. „Hat
dir der neue Umhang nicht gefallen?"
„Selbstverständlich."
Ich lüge natürlich: Zu teuer, zu protzig. Schlicht ist mir
lieber.
„Wo liegt dann das Problem?"
Ich straffe die
Schultern. „Ich bevorzuge … einen anderen Stil.", erkläre
ich steif.
Mein Herr, für den nur das Kostbarste gut genug
ist, kann meine Haltung nicht nachvollziehen, nimmt jedoch meine
Vorlieben herablassend zur Kenntnis.
„Wieviel also?"
Ich
nenne eine bescheidene Summe.
Der Dunkle Lord schnippt mit den
Fingern, und sofort kommt eine Hauselfe angerannt.
„Bring einen
Beutel mit Gold in Severus Zimmer!"
Ich verneige mich tief und
dankbar vor meinem Herrn, denn er kann überaus großzügig
sein – sofern er in der Stimmung dazu ist. Darum mache ich mir
keine Sorgen: Die Kobolde kriegen ihr Geld, und ein paar neue Umhänge
werden sicher auch noch drin sein. Ich habe den leisen Verdacht, dass
die Lektionen, die mein Meister mir zu erteilen wünscht, die
Kleidung ein wenig strapazieren werden.
Der Kerker, in den er mich
führt, hat dicke Wände, die jeden Schrei schlucken. Als
sich die Tür hinter mir schließt, wird mir bewusst, dass
ich jetzt allein bin mit dem größten Magier, den die Welt
je hervorgebracht hat. Mir ist kalt.
Mein Herr dreht sich um, und
seine roten Augen glimmen. Er deutet vor sich auf den Boden.
Ich
falle gehorsam vor ihm auf die Knie.
Mein Herr holt unvermittelt
aus und schlägt mich auf die linke Wange. Nicht allzu hart, nur
eben so, dass es schmerzt.
„Bedenke, dass ich der Meister
bin!"
Ich beuge mein Haupt. „Ja, Meister!"
Ein zweiter
Schlag, noch etwas fester, auf die rechte Wange:
„Bedenke, dass
du der Schüler bist!"
Ich verneige mich ein weiteres Mal,
noch etwas tiefer. „Ja, Meister!"
„Steh auf!"
Als ich
hochkomme, hat der Dunkle Lord bereits seinen Zauberstab auf mich
gerichtet.
„Wie steht es mit unserem Verwandlungsproblem,
Severus? Ich möchte mich sobald wie möglich für den
Posten des Lehrers in Verteidigung gegen die dunklen Künste
bewerben!"
„Das sollte Euch keine Sorge bereiten." antworte
ich.
Er zieht die Brauen hoch. „Schon fertig?"
„Nein."
„Du
meinst also, ich soll mich auf dein Wort verlassen, dass du es
rechtzeitig schaffen wirst?"
„Ja." Ich sehe keinen Grund,
den Blick abzuwenden. Ich weiß, was ich kann und was nicht.
Er
lacht, und die Anspannung in meinen Schultern lässt ein wenig
nach. Trotzdem halte ich meinen Zauberstab fest umklammert.
Mein
Herr wirft mit großer Geste den grünsilbernen Umhang
zurück und zieht den Zauberstab hervor.
„Ich habe dir
versprochen, dich in den Dunklen Künsten zu unterweisen. Nun
denn, Severus, pass gut auf!"
Aus der Spitze seines Zauberstabes
gleitet eine grauenvolle Kreatur, gleich einer riesigen Schlange. Sie
scheint wie aus dichtem Rauch gemacht, der sich kringelt und faltet
und dabei seltsam stählern schimmert.
Die Schlange kriecht
auf mich zu, und ich weiche hastig zurück, bis mein Rücken
an die Mauern des Kerkers stößt. Mein Herz und mein
Verstand arbeiteten fieberhaft. Ich reiße den Zauberstab nach
oben und rufe: „Expecto Patronum!"
Aus dem Zauberstab schießt
mein Patronus heraus – nein! Nein, das ist nicht mein Patronus! Er
ist viel kleiner als sonst, und die Schlange fegt ihn mit einem
einzigen Hieb des Schwanzes hinweg, um sich auf mich zu stürzen.
Sie schlägt ihre schrecklichen Fänge in meinen Leib und
hält mich gepackt wie in einer Zwinge, und ich schlage in wilder
Panik auf sie ein, als sie mich auch schon mit ihrem Körper ganz
und gar umschlungen und zu Boden gepresst hat.
Keine Luft, ich
kriege keine Luft mehr, und irgend etwas beginnt an mir zu saugen und
zu zerren, und mein Herz rast so schnell, dass mir die Ohren
rauschen, und vor meinen Augen sind Nebel aufgezogen. Und das Saugen
wird immer unerträglicher, ich fühle, wie etwas unstillbar
aus mir herausrinnt, etwas Wichtiges, ohne dass ich nicht, nein,
bitte nicht mehr, ihr bringt mich um, nicht, oh Herr, nein, …
Ich
wache auf, und der fahrende Ritter hat mich überrollt. Ist
einfach über mich hinweggebraust, aber ich weiß nicht, wie
das passiert sein kann. Stöhnend wälze ich mich auf die
Seite und bin mir sicher, alle Rippen gebrochen zu haben. Die Rippen?
Nein, jeden einzelnen Knochen im Leibe, und einige noch dazu, von
denen ich bisher nicht wusste, dass es sie gibt.
Jemand tippt mit
der Fußspitze an meinen Ellbogen, und ich zucke zusammen.
Mein
Gebieter steht über mir, und sein Schlangengesicht leuchtet vor
Genugtuung.
„Schon am Boden, Severus?"
Ich versuche eine
Antwort, kann aber nur krächzen. Was, zur Hölle, war
das?
Mein Herr wartet geduldig, bis ich es wenigstens auf die Knie
geschafft habe, bis er bemerkt: „Ein Patronus? Gute Idee,
eigentlich …"
Ich schüttle den Kopf und huste und spucke
Blut auf den Kerkerboden und fühle mich dabei wie eine
ausgelutschte Zitrone.
„Er hat sich verändert, meine ich …
Hatte dein Patronus nicht früher die Gestalt eines Fuchses?"
Ja,
hatte er. Ich schweige unglücklich.
Mein Herr hingegen
scheint unerwartet erfreut. „Was war das für ein Tier? Ein
Marder? Ein Frettchen?"
Ich ziehe mich langsam an der Wand
hinauf auf die Füße. Mich interessiert im Moment mehr, was
mich da eben angefallen hat.
Mein Herr erfreut sich noch einen
Moment an meinem bebenden Anblick, bis er mich aufklärt.
„Was
du eben gesehen hast, ist tatsächlich das dunkle Gegenstück
zum Patronus …" lässig schwenkt er den Zauberstab und heilt
die tiefen Bissmale in meinem Körper, aus denen das Blut wie
Wasser strömt „ … und man nennt ihn den Nachtmahr. In
manchen Ländern ist er auch als Alb bekannt."
Ein Nachtmahr
also. Ich fröstle und ziehe den Umhang fester um mich herum.
„Der Nachtmahr saugt seinen Opfern die Lebensenergie aus,
bevorzugt, wenn sie schlafen. Ich hingegen habe den dunklen Zauber so
weit verbessert, dass der Nachtmahr auch Beute im Wachzustand
schlagen kann."
Ich wünsche mir sehnlich keinen weiteren
Anschauungsunterricht in Sachen Nachtgeschöpfe, doch mein Herr
ist unerbittlich. Noch zweimal hetzt er den Mahr auf mich, und
zweimal finde ich mich wimmernd zu einem hilflosen Bündel auf
dem Boden eingerollt wieder. Es macht mir nichts aus, dass der, den
ich schon immer und über alle Maßen fürchte, mir
meine Grenzen aufzeigt. Ich bin ihm allerdings sehr dankbar, dass er
kein Publikum dazu eingeladen hat.
Als ich endlich selbst
versuchen kann, einen Nachtmahr zu beschwören, bin ich so
wacklig auf den Beinen wie ein Kleinkind nach Fieber, und aus meinem
Zauberstab kriecht eine mickrige schwarze Wolke.
Mein Herr lacht
mich aus und droht, ein weiteres Mal den Mahr auf mich loszulassen,
falls mir kein besserer Zauber gelingt.
Ich lehne mich für
einen Moment an die Kerkermauern, die wunderbar kühl sind und
mein schwer gekränkt Gebein aufrecht halten. Lerne, Severus, und
lerne besser schnell.
Ich konzentriere mich mit aller Kraft, und
aus dem Zauberstab bricht endlich eine graue Rauchwolke, die sich
schnell zu verdrehen und verwinden beginnt und schließlich
Gestalt annimmt: Eine Fledermaus. Sie fliegt eine Runde kreischend
durch den Kerker, bevor der Zauber langsam erstirbt.
Erleichtert
lasse ich mich die Mauer hinunterrutschen. Kein Heldenstück,
aber ausbaufähig.
Mein Herr entlässt mich in bester
Stimmung, und ich krieche zu meinem Turm in der Absicht, ins Bett zu
fallen wie ein Stein.
Auf dem Weg hinauf treffe ich auf den, der
den anderen Teil unseres Todesser-Komikerduos Dick und Doof bildet:
Goyle. Er versucht, die Scherben eines Spiegels mit den Händen
aufzulesen. Ich nehme diesen ungewöhnlichen Anblick zum Anlass,
ein wenig zu verschnaufen und mir die stechenden Seiten zu
halten.
Als sich mein Atem beruhigt hat, frage ich: „Goyle, was
zum Kuckuck treibst du da eigentlich?"
Sein einfältiges
Gesicht starrt mich an: „Ich sammle die Scherben des Spiegels
auf!"
Eine beinahe so intelligente Antwort wie „Ich habe die
Melone getragen."
„Das sehe ich selbst. Warum nimmst du nicht
einfach einen Zauberstab?"
Er glotzt zu mir hoch wie ein
Silvesterkarpfen aus der Wanne.
„Kann man das denn?"
Gegen
seinen Vater ist der Sohn Goyle jedenfalls ein Geistesgigant, auch
wenn er nur einen ZAG geschafft hat. In Wahrsagen.
Ich ziehe den
Zauberstab aus der Tasche und will ihn schwenken, als ich die Stimme
des Dunklen Lords hinter mir höre: „Lass ihn das selber
machen!"
Da haben wir den Salat.
Gehorsam verstaue ich den
Zauberstab und nicke Goyle aufmunternd zu. „Du hast gehört,
was der Meister befohlen hat." Reparierzauber ist Stoff der ersten
Klasse und Goyle kein Squib. Sagt er jedenfalls.
Goyle steht auf,
zieht den Zauberstab und schwenkt ihn hoffnungsvoll.
Rein gar
nichts geschieht, nicht einmal Seifenblasen.
„Reparo!" zische
ich ihm beinahe unhörbar zwischen den Zähnen zu. „Los,
versuchs!"
Goyle nimmt tapfer einen weiteren Anlauf, fuchtelt
wild und linkisch mit dem Stab in der Luft herum und stößt
ein verzweifeltes und ohrenbetäubendes „Repello!" aus.
Eine
Spiegelscherbe wird getroffen. Sie bläht sich auf, bis sie die
Größe meines Kopfes erreicht hat, dann platzt sie auf und
saust wie ein Luftballon mit obszön pupsendem Geräusch
dicht am Kopf unseres Herrn und Gebieters vorbei. Als ob das nicht
schon schlimm genug wäre, lässt sich die schlappe Hülle
zitternd wie in Zeitlupe auf den Haupte dessen, den wir alle über
die Maßen fürchten, nieder, und gibt ihm das Aussehen
eines von einem Pfannkuchen gekrönten Narrenkönigs.
Ich
beiße mir fast die Zunge durch, um nicht herauszuplatzen, und
hoffe inständig, dass Goyle dasselbe tut.
Goyle windet sich
vor Scham und hat zu seinem riesengroßen Glück gar nichts
verstanden. „Ach, herrje! Jetzt isses kaputt!" Sein Gesicht
leuchtet so rot wie der Sonnenuntergang im Winter.
Unser Gebieter
wirft mir einen schnellen Blick zu, und flugs erinnere ich mich an
das graue, kühle Meer, das heute morgen unter meinem Fenster
wogte. Falls der Herr vor hat, kurz in meinem Kopf spazieren zu gehen
und den Verdacht bestätigt sähe, die soeben bezeugte Szene
sei komisch, muss ich mir um die Zukunft keine Sorgen mehr machen.
Nie mehr.
Der Dunkle Lord hebt die Hand. Ich erstarre zu Eis.
„Ich
mochte diesen Spiegel. Er war äußerst wertvoll!"
„Ich
kaufe euch einen neuen, Herr!" Erleichtert von dieser absolut
genialen Lösung strahlt ihn Goyle, der Simpel, über alle
Backen hinweg treuherzig an.
Mein Lord kocht.
Ich tue so, als
sei ich unsichtbar und taubblind.
„Du reparierst diesen Spiegel,
und zwar bis morgen früh! Wehe dir, deiner Familie und ganzen
Sippe bis ins siebte verfluchte Glied, wenn auch nur ein Splitter
fehlt! Und wehe dem …" er senkt die Stimme, beugt sich zu mir
herunter und durchbohrt mich mit einem Blick wie Höllenfeuer,
„…der sich berufen fühlt, dir dabei zu helfen!", donnert
der Dunkle Lord, macht auf der Stelle kehrt und rauscht mit wehendem
Umhang davon.
Ich stehe kurz vorm Ersticken und wage endlich zu
atmen.
„Oh!" Goyle steht da und lässt die Arme
baumeln.
Ich setze mich erst einmal auf die kühlen Steine.
Meine Beine zittern zu sehr.
Goyle setzt sich neben mich. „Der
war aber wütend.", meint er erstaunt.
Mitleidig blicke ich
ihn an. Seine Familie, all seine Lieben, sind so gut wie tot. Er weiß
es nur noch nicht.
Goyle macht sich daran, die Scherben wieder mit
den Händen aufzusammeln, und pfeift dabei leise und gänzlich
neben dem Ton vor sich hin. Ich packe seinen Arm.
„Warum
musstest du das blöde Ding auch fallen lassen, Tölpel!"
fauche ich ihn an.
Er verzieht das Gesicht, und ich fürchte,
er bricht gleich in Tränen aus. Memmen, wohin man auch
blickt.
„Wurmschwanz hat mich einfach so umgerannt, mit Absicht.
Und helfen wollte er mir dann auch nicht! Der hatte so eine
Stinklaune …", meint er traurig.
Goyle ist noch nicht mal
wütend auf die Ratte; ihm geht einfach nicht auf, wie tief er
jetzt dank Pettigrew im Schlamassel steckt. An dem ich im Übrigen
auch nicht völlig unschuldig bin, wenn man es genau nimmt.
Ich
seufze tief und müde und blicke mich gewissenhaft um, bevor ich
den Zauberstab ziehe und „Muffliato" sowie „Videonemo"
denke.
„Du musst den Zauberstab so schwenken …" ich zeige es
ihm und korrigiere seine Bewegungen, bis er es endlich einigermaßen
selber schafft. Dann bringe ich ihm noch bei, nicht zu nuscheln. Nach
endlosen Minuten bin ich mir sicher, dass er wenigstens keinen
weiteren Schaden anrichten wird.
„Du musst dir den Spiegel heil
und in einem Stück vorstellen, wie ein zusammengesetztes
Puzzle.", erkläre ich noch, aber das ist schon zu hoch für
ihn, wie ich an seinem verständnislosen Blick ablese. Mancher
lernt es eben nie.
Trotzdem, wir haben keine Zeit mehr, früher
oder später wird jemand kommen, und dann …
„Also los,
versuche es noch einmal!" befehle ich und stelle mich hinter ihn,
als er „Reh-pa-ha-haro!" stottert. Die simultane
Zauberstabbewegung hinter seinem Rücken hat er natürlich
nicht gesehen.
Wie durch ein Wunder segeln die Splitter durch die
Luft und setzen sich – nach kurzem Zögern – zu einer
tadellosen Spiegelfläche zusammen. Sogar der Rahmen hat nicht
einen einzigen Kratzer.
Mit offenem Mund bestaunt er sein Werk.
„Oh, toll! Das ist ja klasse!"
Strahlend dreht er sich zu mir
um. „Ich wusste gar nicht, das ich so was kann!" Er ist so
niedlich stolz, dass sich mir die Innereien winden.
Ich klopfe ihm
aufmunternd auf die Schultern. „Bring das elende Ding dahin, wo du
es ursprünglich hintragen solltest!" Als hätten wir hier
nicht schon genug verzauberten Nippes herumstehen, -liegen oder
–hängen.
Goyle wuchtet den Zauberspiegel auf seine Schulter
und eilt sorglos pfeifend durch die große Halle, ohne sich noch
mal umzudrehen oder sich zu bedanken.
Ich raffe mich auf und
schleiche die Treppe zum Turmzimmer hoch. Der Spiegel jedoch verfolgt
mich und geistert in meinem Hinterkopf herum. Er will mir irgendwas
zuflüstern, aber ich bin viel zu geschafft, um noch klar denken
zu können.
Auf dem Tisch in meiner Kammer liegt ein Beutel
voller Goldstücke.
Perfer et obdura.
