Disclaimer: Nichts gehört mit. Das ganze HP Universum gehört (leider) JKR. Die Geschichte stammt von Hopeakaarme und heißt im Original ‚ The Deepest Bonds'.

Die tiefsten Bindungen

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Kapitel 4: Nächtliche Gespräche

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Es dauerte ziemlich lange bis beide – Sirius und Snape – sich soweit beruhigt hatten, um zumindest etwas vernünftiger sprechen zu können. Hauptsächlich unterhielten sie sich über Remus. Sirius war schockiert, als er von der Beziehung zwischen seinem besten Freund und Snape erfuhr, hörte aber trotzdem der leisen, gut kontrollierten Stimme zu, die ihre Geschichte erzählte, jetzt emotionslos, nachdem Snape seine Trauer in dem von Sirius angeregten Weinkrampf herausgelassen hatte.

Er hörte endlos zu und ließ Snapes Stimme einmal mehr alle schmerzlichen Gedanken aus seinem Geist waschen. Diesmal allerdings gab ihm die Stimme keine Anweisungen, wohin er zu gehen hatte. Die seidige, kontrollierte Stimme erzählte ihm Erinnerungen, Erinnerungen an den Mann, der sein bester Freund gewesen war, Snapes einziger Freund neben dem Direktor, und der einzige Liebhaber des Slytherin, seine einzige Liebe. Es war nicht leicht, nichts, das mit Remus und den Erinnerungen an ihn zu tun hatte, konnte leicht sein, niemals wieder. Aber es war ertragbar. Und irgendwie, auf eine seltsame Art und Weise half es ihm, wenn auch nur wenig.

Während er zuhörte, beobachtete Sirius Snape auch. Er war überrascht und auch schockiert gewesen, als Snape tatsächlich geweint hatte. Lieber hätte er sich den Mann als emotionslose, kalte Hülle vorgestellt, aber langsam begann er zu begreifen, dass das alles nur eine Maske gewesen war, die der Mann ständig trug, um sich vor dem Rest der Welt zu schützen. Und Snape glaubte tatsächlich, dass er sich verteidigen musste, er glaubte das, weil er ihm sein ganzes Leben beigebracht worden war, sich vor anderen Menschen zu fürchten. Vor dem, was sie mit ihm tun könnten. Was sie von ihm denken könnten. Wie sie auf sein Tun reagieren würden. Es war kein richtiges Leben, nicht wirklich. Es war – nun, es war Sklaverei, schlicht und einfach. Auch wenn nichts daran einfach war - gar nichts.

Sirius spielte geistesabwesend mit dem schlichten Silberring, den er nun an der Hand trug. Träge wunderte er sich, ob Snapes vorheriger Halsreif aus purem Silber gewesen sein mochte, und wenn es so war, wie Remus es geschafft hatte, sich nicht zu verletzen, wenn er mit Snape zusammen gewesen war. Neben der Tatsache, dass er kein Mensch mehr war, hatte Remus seine ‚Silberallergie' immer als schwierigsten Aspekt seiner Lykantrophie angesehen, mehr noch als selbst die schmerzhaften Verwandlungen. In Hogwarts musste er immer Messer, Gabel und einen Löffel in einer speziellen Tasche in seinem Ärmel dabei haben, wo er sie leicht und unauffällig herausnehmen konnte, damit niemand bemerkte, dass er nicht mit silbernem Besteck aß, sondern mit der magischen Variante von rostfreiem Stahl.

Andererseits war es wahrscheinlich nicht so gewesen. Malfoys konnten Snobs sein und sie konnten selbst das Halsband ihres Sklaven aus Seide anfertigen lassen, aber so ein Halsreif... aus purem Silber? Für einen Sklaven? Das war einfach lächerlich. Nicht einmal Lucius Malfoy konnte so protzig sein.

... Hoffentlich. Remus hatte es immer geliebt, Menschen zu umarmen. Es hätte ihm das Herz gebrochen, die Person, die er liebte, nicht im Arm halten zu können.

Remus. Remus. Immer Remus. Der Werwolf war das Zentrum von Sirius' Leben während der kurzen zwei Jahre zwischen ihrem Wiedersehen und seinem ‚Tod' gewesen. In diesem neuen Leben, ohne James, war Remus die Person gewesen, an die er sich geklammert hatte, das einzige beständig Bleibende in seinem Leben.

Nun war Remus weg. Und Sirius wusste, dass es sehr schwierig sein würde, die winzigen Teile, die von seinem alten Leben noch übrig waren, ohne Remus' Hilfe wieder zusammen zu fügen. Es würde nicht unmöglich sein, aber beinahe...

Als Snape schließlich still wurde, da er alles über seine Freundschaft und die Liebe, die Remus ihm schenkte, erzählt hatte, öffnete Sirius den Mund und begann zu sprechen. Er erzählte alles, beginnend bei dem Tag, als er den kleinen, schüchternen Jungen im Hogwartsexpress getroffen hatte. Dann weiter, wie sie Remus' Geheimnis seiner Lykantrophie aufgedeckt hatten, wie er für seinen Freund ein Animagus geworden war, der schmerzvolle Verdacht, dass Remus der Verräter an der Hellen Seite war, ihr Wiedersehen nach seiner Zeit in Askaban – alles.

Und Snape hörte zu; saß still vor ihm und hörte einfach zu. Und irgendwie fühlte es sich genau richtig an – mit der einzigen anderen Person über Remus zu sprechen, die den Werwolf jemals so gut kennen würde, wie er selbst.

Keiner von ihnen hatte mit jemand anderem über Remus gesprochen. Sirius einfach nicht, weil er erst seit wenigen Stunden von Remus' Tod wusste, und Severus nicht, weil es nicht in seiner Natur lag, seine Gefühle vor anderen zu zeigen. Aber als sie dort saßen, abwechselnd erzählend und zuhörend, all ihre Erinnerungen und Gedanken, die den Werwolf betrafen, teilend, der ein wichtiger Teil ihrer beider Leben gewesen war, wussten sie, dass sie niemals mit jemand anderem über ihn sprechen würden. Ein paar Worte hie und da, sicherlich, oder einen einzelnen Kommentar zu jemandem, der über Remus sprach, aber niemals würden sie erneut ihre Herzen auf diese Art bloßlegen. Niemand würde es verstehen, da niemand Remus je so gekannt hatte, wie sie – niemand sonst war sein bester Freund oder sein Liebhaber, seine Liebe gewesen. Dies gehörte ihnen und ihnen allein. Auf eine Art war es auch für Remus – sie wussten, dass er überglücklich wäre, dass sie tatsächlich miteinander sprachen.

Es war Remus und dem bedauerlichen Zwischenfall in der Heulenden Hütte zu verdanken, dass sie schlussendlich von Schuljungen, die sich nicht mochten, zu Feinden auf Leben und Tod geworden waren. Und scheinbar war es nun ebenfalls Remus zu verdanken, dass sie miteinander sprechen und einander zuhören konnten, und dass es sich richtig anfühlte, es zu tun.

Schließlich gingen auch Sirius die Themen aus, über die er sprechen konnte. Nach einem Moment der Stille sagte er: „Snape?"

Die einzige Reaktion war ein einfaches „Ja, Meister?" Die Augen des Slytherin zuckten zu ihm herum und Snape sah aus, als wäre er aus einer Art Trance gerissen worden.

„Ich weiß, dass wir unsere Bindung nicht für immer geheim halten können, aber ich will verdammt sein, wenn ich nicht zumindest irgendwas versuche.", seufzte Sirius. „Da ich bis Weihnachten noch kein Lehrer sein werde, denke ich, dass ich mich zumindest bis dahin vor den Schülern verstecken könnte. Auf die Art können wir noch für einige Zeit verhindern, dass es jemand erfährt. Die Lehrer werden natürlich über meine Anwesenheit Bescheid wissen, aber mit etwas kreativer Gryffindor-Verrücktheit und einiger Slytherin-Tücke sollten wir in der Lage sein, sie noch einige Zeit im Dunkeln zu lassen. Diese Anredesache, greift die auch, wenn du über mich mit jemand anderem sprichst? Oder wenn du zu einer Gruppe von Menschen sprichst, zu der ich gehöre?"

„Nein, Meister.", antwortete Snape leise. „Nur wenn ich direkt mit dir spreche."

„Sehr gut." Sirius nickte kurz. „Und die Verbeugungssache? Gibt es irgendeinen Weg, das zu vermeiden?"

„Nun..." Snape sah einen Moment nachdenklich aus, ehe er sagte: „Tatsächlich gibt es eine Möglichkeit... oder zumindest sollte es sie geben. Wenn du direkt mit mir sprichst, genau in dem Moment, wenn einer von uns beiden die Schwelle zu dem Raum überschreitet, in dem sich der andere befindet, ist es nicht erforderlich, dass ich mich vor dir verneige."

„Hervorragend." Der Gryffindor grinste breit. „Etwas von unserem üblichen Streit und Zank und niemand wird je irgendetwas bemerken."

„Ja, genau.", murmelte Snape sarkastisch und verdrehte die Augen. Doch dann ließ er das Thema fallen – obwohl er es mit einem trockenen, geschäftsmäßigen Ton sagte, der Sirius sich wundern ließ, ob er damit wirklich einverstanden war – stattdessen betrachtete er den Animagus aufmerksam. „Darf ich eine Frage stellen, Meister?"

„Sicher, frag.", sagte Sirius etwas überrascht. Bisher hatte Snape keine einzige Frage gestellt, die nicht entweder direkt etwas berührte, das Sirius wissen wollte oder die Erlaubnis für eine seiner „Sklavenaufgaben" war.

„Da du ja das Kind einer reinblütigen Familie bist... Wie kommt es, dass du nichts über den Sklavenbund und seinen Anforderungen weißt?" Als sich Sirius' Gesichtsausdruck daraufhin verdüsterte, sprach der andere hastig weiter: „Ich... es tut mir leid, Meister. Ich wollte dich nicht verärgern." Dann mit einem fast schon verängstigten Ton, den er niemals mit Snape assoziiert hätte, fügte der Slytherin hinzu: „Du wirst mich nicht bestrafen... oder?"

„Nein, Snape. Ich werde dich nicht bestrafen.", seufzte Sirius. In Gedanken schwor er sich, wenn er in diesem Moment Stephen und Lucius Malfoy vor sich gehabt hätte, würde er sie mit seinen bloßen Händen töten. Snape sollte nicht so sein – schwach und verängstigt. Snape war so offensichtlich dazu bestimmt stark, dickköpfig, selbstbewusst, und sogar noch sehr viel mutiger als jeder Gryffindor zu sein, selbst wenn er nur auf seine eigene, sehr verdrehte Art mutig war. Dieser gebrochene Mann, dem beigebracht worden war, fast schon Todesangst vor Missfallen und Bestrafungen zu haben, war einfach... falsch. Schrecklich, furchtbar falsch.

Nach einem Moment der Stille bemerkte Sirius, dass Snape ihn noch immer genau beobachtete und irgendeine Erwiderung erwartete. Also entschied er sich die Frage des Slytherin zu beantworten. Was hatte er schon zu verlieren? „Wegen deiner Frage... Nun, meine Familie war sicherlich nicht eine der besten. Um genau zu sein, war sie eine der schlechtesten. Jeder in meiner Familie war von jeher in Slytherin – doch ich zeigte schon sehr früh Anzeichen meiner Gryffindornatur. Meine Eltern interessierten sich nicht mehr sehr für mich, nachdem ich fünf oder so geworden war, außer um mir hässliche Briefe nach Hogwarts zu schicken. Hauptsächlich wurde ich von Hauselfen aufgezogen, und auch wenn ich ausführlich in Zauberei unterwiesen, genau wie über die Bienen und Blüten aufgeklärt worden war, blieben mir die alten Zauberertraditionen doch eher verschlossen." Mit einem weiteren Seufzen fügte er hinzu: „Auch wenn ich wünschte, dass ich über diese spezielle Tradition rein gar nichts wissen müsste. Scheiße, ich wünschte, niemand wüsste irgendetwas darüber! Niemand verdient ein Schicksal wie deines."

„Was wir uns wünschen, ist selten, was wir bekommen, Meister.", sagte Snape leise. „Und ganz sicher bekommen wir nicht, was wir verdienen. Wie sonst kann Remus tot sein, und jemand wie Draco Malfoy am Leben?"

„Unglücklicherweise ist das nur zu wahr.", erwiderte Sirius mit einem grimmigen Nicken. Dann hob er wieder den Blick, um Snape anzusehen. „Und was ist mit dir?", erkundigte er sich. „Wie war deine Familie, Snape?"

„Ich bin ein Sklave, Meister. Ich habe nicht wirklich eine Familie.", sagte Snape bitter, aber die Worte waren nicht gegen Sirius gerichtet. „Nun, da war meine Mutter, Sarina Snape – sie wurde an eine andere Familie verkauft, als ich etwa drei war. Mein Vater. Ich war niemals wirklich sicher, aber ich vermute, dass es Stephen Malfoy selbst gewesen sein könnte, nicht nur ein anderer Sklave. Meine Mutter war seine Favoritin zu ihrer Zeit – er hat mir das mehr als einmal gesagt. Er verglich mich und meine... Fähigkeiten gern mit denen meiner Mutter."

Sirius starrte ihn geschockt an. „Er... Er war dein Vater?", entschlüpfte es ihm, bevor er sich auf die Zunge beißen und die Worte zurückhalten konnte. „Snape, erzählst du mir hier gerade, dass dein Vater dich regelmäßig vergewaltigt hat? Und dann hat dein Halbbruder dasselbe getan?" Schon was er zuvor erfahren hatte, war unmenschlich gewesen. Doch dies war einfach nur irrsinnig. Seine Familie war schlecht gewesen, aber zumindest war sein Vater niemals so tief gesunken, ihn zu vergewaltigen. Und seit Snape sieben gewesen war, richtig? Das war krank. Krank und falsch!

„Warum nicht?", erwiderte Snape und zuckte mit den Schultern, auch wenn die Grimasse der Sorglosigkeit seiner Worte nicht beipflichtete. „Ich war nicht wirklich Stephens Sohn oder Lucius' Halbbruder, genauso wenig wie ich wirklich mit ihnen verwandt war. Ich war nur ein Sklave und der Sohn einer Sklavin – und das ist alles, was ich je war."

„Also... ist Sklaverei immer erblich?", fragte Sirius, der nun entschlossen war bis zum Grund dieser Scheußlichkeit vorzudringen. Was er gehört hatte, war einfach unmenschlich. Es war einfach nur falsch.

„Theoretisch... nein ist es nicht, da es nicht biologisch ist. Aber praktisch, ist es das.", erwiderte Snape, der plötzlich sehr müde wirkte – gleichzeitig schläfrig und des Lebens müde; des Alptraums müde, den er sein Leben nennen musste. „Es gibt ein bestimmtes Ritual, das mit dem Kind kurz nach der Geburt durchgeführt werden muss, vorzugsweise innerhalb der ersten achtundvierzig Stunden. In der Vergangenheit gab es zwei Arten des Sklavenbundes – einer, den man auf jede beliebige Person legen konnte, der aber entfernbar war. Der andere war permanent, aber konnte nur auf das Kind eines Sklaven gesprochen werden. Heute kennen wir nur den permanenten, nicht entfernbaren. Somit kann kein Außenseiter zum Sklaven gemacht werden, aber dank ihrer Meister werden die Nachkommen alter Sklavenfamilien fast ohne Ausnahme selbst zu Sklaven gemacht."

„Dann ist es...", begann Sirius, bemerkte dann aber, dass Snape beinahe im Sitzen einschlief. Er wusste nicht, was ihn mehr schockierte, die Tatsache, dass er den Großteil der Nacht bis zu einer unmöglichen Uhrzeit mit Snape geredet hatte, oder die Tatsache, dass sich Snapes normalerweise ruhige und kontrollierte Maske rasch auflöste. Weinen, müde werden. Natürlich hatte er vorher schon gewusst, irgendwo tief in sich, dass Snape nur ein Mensch war, aber erst jetzt glaubte er das wirklich.

Also vergaß Sirius absichtlich, was er gerade fragen wollte und sagte stattdessen: „Geh schlafen, Snape. Du brauchst es offensichtlich."

„Genau wie du, Meister.", erwiderte Snape mit einem kleinen Gähnen – wieder eine Geste, von der Sirius geglaubt hatte, dass Snape nicht einmal fähig war, sie zu produzieren. „Ich denke, wir gehen besser beide zu Bett." Als er diesen Satz beendet hatte, war er bereits an der Tür. Sirius wusste nicht, ob es daran lag, dass Snape einfach so schnell wie möglich ins Bett gehen wollte, oder wegen dem halben Befehl von Sirius, schlafen zu gehen. Und eigentlich wollte er es nichtmal wirklich wissen.

Snape verließ seine Räume und bald lagen sie in ihren Betten. Doch trotz der späten – oder eher schon frühen – Stunde brauchten sie beide eine lange Zeit, ehe sie endlich einschliefen, so tief waren sie noch immer in ihren Gedanken gefangen.

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tbc

Nächstes Kapitel: Auferstanden von den Toten

Die Lehrer treffen Sirius zum ersten Mal nach seiner Wiederauferstehung.

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