Kapitel 4
Die Urteilsverkündung vor Gericht rückte immer näher und näher, ohne dass ich etwas von Jeremy hörte. Sein Pflichtverteidiger blieb ein Idiot. Auch Miss Claremont hielt sich weiterhin an ihre Verschwiegenheitspflicht zwischen Therapeutin und Patient. Sie trafen sich, ohne dass ich mit einbezogen wurde. Der Einbruch in ihr Büro hatte keinen Fortschritte gebracht, entweder machte sie sich keine Notizen oder sie benutzte ihre Unterlagen als Bettlektüre.
So kam der Tag, an dem ich etwas tat, dass ich in meinem nicht unereignisreichen Leben bisher noch nicht getan hatte. Sicher, ich hatte das Gesetz schon mehr als einmal gebrochen, als ich Menschen getötet hatte, aber das hier war definitiv neu. Ich hatte noch nie jemandem zur Flucht verholfen. Der Himmel prophezeite schwere Regenwolken in der Ferne. Es lag dieser gewisse Duft in der Luft. Ich war in der Stimmung erregter Erwartung.
Für meine Art von Problemlösung brauchte ich für gewöhnlich viel Klarsichtfolie, eine Spritze und eine Säge. Für heute hatte ich mir jedoch ein Auto, Maskerade und eine Waffe besorgt.
Kann man sich mich vorstellen, wie ich einen dieser zwielichtigen Typen in einer Seitenstraße nach Mitternacht anspreche? Ich hätte auch gleich sagen können, ich komme von Melmac und esse Katzen. Aber überspringen wir den Part: Ich besaß nun ein Auto und eine Schusswaffe. Alles illegal versteht sich.
Eine langweilige Nachtschicht lag hinter mir, als mir Claremont an diesem Morgen über den Weg lief. Genaugenommen hatte sie mich gesucht. Wir trafen uns auf dem Parkplatz vor dem Gebäude, in dem meine Apartmentwohnung lag.
Sie überreichte mir einen Briefumschlag, den Jeremy ihr gestern gegeben hatte. Vielleicht war es die Morgenluft oder die Tatsache, dass Claremont heute noch nicht von ihren Patienten verdorben worden war, dass sie so freundlich wirkte.
Ich nahm den Brief an mich und starrte auf ihn herab. War ich ein morbider Spiegel für Jeremy, in dem er sich selbst zu erkennen glaubte? Mich beschlich ein merkwürdiges Gefühl, als ich mich von Claremont verabschiedet hatte. Noch im Gehen zu meiner Apartmentwohnung schlitzte ich den Umschlag mit meinem Autoschlüssel auf.
Ich war so damit beschäftigt, dass ich den Gegenverkehr auf dem Steg nicht bemerkte. Mein Nachbar und ich stießen zusammen. Der Brief flog über die Brüstung und segelte ins Wasser. Wenn Jeremy mit Kugelschreiber geschrieben hatte, überlegte ich, während ich dem Brief nachsah, war nicht alles verloren. Aber meine Hoffnung schwand wie das weiße Stück Papier im dunklen Nass.
„Hoffentlich war der nicht wichtig", sagte mein Nachbar.
Ich blickte ihn nur unmissverständlich an, während sich meine Hände um das Metall der Brüstung krallten. „Das hoffe ich auch", grollte ich. Mein Gott, vielleicht war das Jeremys verfluchter Abschiedsbrief, du Penner!
Ob Harrys Codex es zuließ, dass man jemanden umbrachte, weil man von jemandem geschubst wurde? Das fiel doch eindeutig in die Kategorie ungesühnte Straftat, oder? Das war wirklich nicht nett. Darum würde ich mir später Sorgen machen. Jetzt hatte ich etwas Wichtigeres vor: Ich musste meinen Spielkameraden retten.
Ich hetzte zu meiner Wohnung, zog mich um und rannte weiter zu dem umständlich besorgten Auto. Mein Zeitplan war eng gestrickt. Ich musste vor dem Gefängnistransport beim Gericht eintreffen, damit ich die Lage sondieren konnte. Mein Plan war gefährlich, da ich schon oft als Blutanalyst vor Gericht ausgesagt hatte und mich mit Sicherheit einige Leute wiedererkennen konnten. Ich hatte diese paranoide Vorstellung, dass man mich meinen Haaren erkennen könnte. Man musste sie sich doch nur ansehen, wie aus einer Shampoowerbung. Dabei hätte ich es besser wissen müssen: Wer vertraute schon auf Augenzeugen, nachdem er CSI gesehen hatte.
Mit dem Käppi tief ins Gesicht (und über die Haare) gezogen und einem ausgestopften Sweatshirt, das mich dicker erscheinen ließ, hockte ich im Wagen und beobachtete aus sicherer Entfernung, wie die Gefangenen einer nach dem anderen aus dem Bus stiegen. Sie watschelten langsam mit gefesselten Händen und Füßen zum Hintereingang, während über uns die dunklen Regenwolken endlich aufbrachen und dicke Tropfen herunterkamen.
Der Wind hatte dramatisch aufgefrischt, als ich aus dem Auto stieg. Ich drückte das Käppi noch einmal fester an meinen Kopf und pirschte mich mit der Waffe in der Hand und Eishockeymaske über dem Gesicht an.
Hui, ich war ein echter Adrenalinjunkie.
„Stehen bleiben!", rief ich.
Keiner reagierte. Wirklich toll, Dexter, du bist einfach kein Bruce Willis!
Ein Donnergrollen unterband meinen nächsten Versuch. Kurz darauf zuckte ein Blitz zu Boden. Also wenn das keine Show war!
„Stehen bleiben, ihr Arschlöcher!" Endlich bremsten ein paar der Häftlinge und sahen sich nach einem möglicherweise lustigen Spektakel um. Dann folgte auch zu guter Letzt die Aufmerksamkeit der Wachleute. „Schön die Finger stillhalten!", warnte ich sie und kam näher.
Jeremy stand zwischen den anderen Gefangenen.
„Du! Los, aufmachen.", schnauzte ich einen der Wachmänner an. Ich wedelte demonstrativ mit dem Lauf der Waffe, dass er Jeremy von seinen Fesseln befreien sollte. „LOS!", brüllte ich noch einmal, erst danach setzte sich der Kerl schwerfällig in Bewegung, ohne mich oder meine Knarre aus den Augen zu lassen. Es kam mir wie eine Ewigkeit vor, bis er Jeremy losgemacht hatte. Eine nervöse Ewigkeit.
„Beweg deinen Hintern hier rüber", fauchte ich ihn an. Zögerlich trabte Jeremy los. Als er fast bei mir war, wisperte ich ihm zu: „Rate mal, wer zum Essen kommt. Und jetzt lauf." Seine Augen wurden groß, als er kapierte, dass ich es war.
Ich sprintete voran, Jeremy folgte mir auf dem Fuß. Wir warfen uns in den Wagen und fuhren davon. Als das Gerichtsgebäude Straßen von uns entfernt war und uns immer noch keine Polizeiwagen umstellt hatten, brach das Unterwetter erst richtig los.
„Wow, das war gut! Ich bin ein kriminelles Naturtalent", lachte ich erleichtert und gleichsam begeistert.
„Heilige Scheiße." Jeremy blickte mich wie ein Rehkitz an, das gerade entdeckt hatte, dass auf der Straße Autos fuhren.
„Setz ein fröhliches Gesicht auf, Wonder Woman. Du verängstigst Kinder!"
„Ich kann's noch gar nicht glauben."
„Glaub es ruhig."
Jeremy sah aus dem Autofenster. „Wohin fahren wir?"
~ * ~ * ~
Wir hatten den Wagen entsorgt und waren den Rest zu Fuß gegangen. Nach einer Weile waren wir einigermaßen durchnässt, aber das Gewitter war so schnell verschwunden, wie es gekommen war. Die ‚Slice of Life' lag ruhig im Wasser, als wäre nichts gewesen. Es war leichtsinnig, ausgerechnet zu meinem Boot zu gehen, aber da wir nicht verdächtig erschienen, begegneten wir auch keinem Detective Horatio Caine.
Jeremy fragte mich, ob ich einen Plan hatte und ich versicherte ihm, dass ich weiter als nur bis zu seiner Flucht geplant hatte.
Der Himmel klärte langsam auf. Jeremy fragte mich, warum ich ihn da rausgeholt hatte und ich antwortete ihm, dass ich es hatte tun müssen, schließlich sei er mein Spielkamerad. Er stellte mir tausend Fragen, die ich ihm alle beantwortete. Ich war überhaupt nicht beunruhigt, weil ich Jeremy zur Flucht verholfen hatte und das stimme mich ein wenig nachdenklich. Nur wenig. Das war eher so, als würde ich Schule schwänzen. Ein Kavaliersdelikt.
„Was stand in dem Brief, den Claremont mir von dir gegeben hat?"
„Du hast ihn nicht gelesen?"
„Ein Missgeschick, leider, nein."
Jeremy ließ sich Zeit, mir zu antworten. Wir schlenderten den Weg zu meinem Boot die Bretter entlang. „Ich habe von dir geträumt", erzählte er mir, während sein Blick über die Wasseroberfläche glitt, „Du hast mich im Flamingo Park überwältigt. Ich bin auf deinem Tisch gelandet. Mit der Folie, dem Skalpell und dem ganzen Drum und Dran. Du hast von oben auf mich hergeschaut..." Jeremy stoppte in seiner Erzählung, aber ich wartete geduldig auf die Pointe. „Du wolltest mich töten, damals, Dex?"
Ich brauchte nichts sagen.
„Ich hätte... es willkommen geheißen." Er sah mich an. Ich schüttelte den Kopf, doch er ließ mich nicht sprechen. „Das Kind ist in den Brunnen gefallen. Ich war jemand anders, vor fünf Jahren, vor... Ich hätte schreien können. Ich fühle mich schuldig, weil ich es nicht getan habe. Ich bin schuld. Ich bin..." Stumme Tränen liefen über seine Wangen. Er wirkte weit weniger erwachsen als noch in der letzten Stunde. „Das war meine ganz persönliche Apokalypse. Die Apokalypse ist das Schlimmeste überhaupt, der Untergang. Aber was macht man, wenn man sie überlebt? Das... das... Keiner..."
„Jeremy..." Ich hatte plötzlich Herzrhythmusstörungen.
Ich hatte gedacht, ich könnte ihm helfen, indem ich Miss Claremont zu ihm schickte, aber jetzt musste ich einsehen, dass es wahrscheinlich zu spät war. Es ging nicht mehr rückwärts, nur noch vorwärts. Er hatte die Hemmschwelle des Mordens überschritten und war damit in meine Richtung gegangen.
Ich legte meine Hand an seinen Nacken und zog ihn an meine Schulter. Er weinte. Sein Körper bebte.
„Hör mir zu", sagte ich schärfer als beabsichtigt, „Ich kam, um dich zu töten, aber ich fand eine verwandte Seele! Ich werde für dich tun, was Harry für mich getan hat. Es gibt einen Weg. Du und ich. Schinken und Käse. Pommes und Ketchup. Donuts und Marmeladenfüllung. - Sorry, ich habe Hunger."
Das war ein halbes Schnauben, halbes Lachen von Jeremy. Er löste sich und wischte sich mit dem Handrücken über seinen Wangen.
„Lass uns ein Bier trinken und eine Runde rausfahren. Ich habe Klamotten zum Wechseln an Bord", schlug ich vor. Nicht zu vergessen die Leiche, die ich loswerden musste.
„Was machen?", fragte Jeremy, „Ich meine, ich bin ein flüchtiger Verbrecher."
„Ich habe mich gefragt, was Harrison Ford tun würde", grinste ich.
Mein Spielkamerad und ich standen gerade erst am Anfang.
Ende
