Das Lokal mit der Aufschrift White Lion weckte eine vage Erinnerung.
Atemlos blieb er vor dem Eingang stehen und las den verschnörkelten Schriftzug auf der Glastür dreimal halblaut, während er bebte und flog vor Aufregung. Selbst die Inneneinrichtung, dunkelrotes Leder und gedämpftes Licht, gediegene Holzpanelen als Wandverkleidung bis hin zu den künstlichen Blumen in Whiskygläsern auf den Tischen, kam ihm vertraut vor. Ein jazzig angehauchtes Weihnachtslied von den Eagles wurde gespielt. Er erkannte es, weil House die Platte besaß und er sie entsprechend der Jahreszeit häufig auflegte. Traditionelle Weihnachtslieder hatte er nicht, konnte jedoch ein erstaunliches Repertoire davon auf dem Flügel vorweisen. Abends bat er ihn hin und wieder darum, und wenn er Glück hatte, begleitete House die Melodien textsicher mit einem ruhigen Bariton.
Die Musik passte zur Atmosphäre, und er spürte die anfängliche Anspannung im Nacken und in den verkrampften Armmuskeln allmählich von sich abfallen, während er einen freien Tisch oder einen Afroamerikaner suchte. Besser wäre es, vor ihm da zu sein, doch der Bus hatte sich aufgrund Schneegestöbers verspätet. Soweit man ihn informiert hatte, war Foreman in allen Bereichen beinahe militärisch diszipliniert, folglich bestand wenig Hoffnung, Erster zu sein. Mehr als die Beklemmung, ihn wieder zu sehen und sich vor ihm mit Gedächtnislücken zu blamieren, empfand er Neugier, die bis in die Fingerspitzen ausstrahlte. Er war kein Freund, aber auch kein Konkurrent mehr. Es würde spannend sein, sich mit ihm zu unterhalten. Neu.
„Chase."
Eine schwere Hand legte sich von hinten auf seine Schulter und rüttelte ihn ein wenig unbeholfen in der Absicht, Kameradschaft zu verdeutlichen. Einen Moment war er wie erstarrt, ehe er sich umdrehte und etwas fühlte, das er lange nicht mehr gespürt hatte, als er die großen Augen sah und sein Lächeln.
Es war eine kurze Ahnung von Solidarität, vielleicht aus der Zeit, als Foreman als letzter Fellow Student von ihnen dreien in House' Haifischbecken geworfen worden war. Nicht dass er sich erinnerte; alles, was er darüber rekonstruierte, hatte er von Wilson oder House. Aber die Empfindung dem Neuen gegenüber war echt gewesen, stammte aus seinem verstrickten, chaotischen Fundus, den sein Gehirn durcheinander gewürfelt hatte. Cameron hatte sich um ihn bemüht, und Chase hatte an ein riesiges, streitbares Gorillababy gedacht, dem House seinen Schnuller und die Windeln gestohlen hatte, um ein leistungsfähiges Alphamännchen aus ihm zu machen.
„Hey. Foreman?" Mehr fiel ihm nicht ein.
„Du siehst gut aus", sagte Foreman und half ihm aus dem Mantel, bevor er intervenieren konnte, um dann Schal und Mütze in die Ärmel zu stecken und den Mantel an die Garderobe zu hängen. Er nahm ihn am Arm und führte ihn bestimmend zu einem Tisch mit Bänken. „Besser als vor ein paar Wochen auf der Intensiv. Na ja, Kunststück. Du warst ziemlich fertig. Eigentlich bist du ein medizinisches Wunder. Ein House-Wunder. In jeder Beziehung."
Die letzte Bemerkung klang unterschwellig anzüglich. Etwas unbehaglich rutschte Chase hinten auf die Bank und entfaltete unmotiviert die Serviette.
Foreman stützte das Kinn mit dem getrimmten Bart auf die Fingerknöchel. Sein Schädel war rasiert, aber er wirkte nicht so, als würde ihm dadurch etwas fehlen. Trotzdem mutete er mit dem massiven Silberring und der Tätowierung an der Hand mehr wie ein Rapper als ein Neurologe in einem renommierten Lehrkrankenhaus an. Sein Verhalten demonstrierte Selbstbewusstsein und sogar eine Spur Arroganz. Chase konnte verstehen, dass Dr. Bishop sie nicht als Kumpels bezeichnet hatte. Dennoch bemerkte er an den feinen Schweißfilm auf der vollen Oberlippe, dass er genauso unsicher war wie er selbst. Die Entdeckung gab ihm Auftrieb und ließ ihn sein wissendes Lächeln erwidern.
Foreman ergriff das Wort. „Es tut mir leid, dass wir uns nicht eher sehen konnten. Ich hatte Bedenken, dich zu treffen, weißt du. Wir alle hatten es. Du hast viel durchgemacht in der letzten Zeit. Nach dem Eingriff hast du weder mich noch Cameron erkannt. Sie war völlig mit den Nerven runter… es ist für uns alle nicht leicht. Wir sind-... waren ein gutes Team."
Der Kellner, der sie beide namentlich begrüßte, nahm die Bestellung entgegen, die Foreman aufgab, ohne ihn zu fragen, was er trank.
Ein paar Minuten später, die in verlegenem Schweigen verstrichen, in dem er mit den Gewürzständern spielte und Foreman ihn musterte, standen zwei Glenfiddich auf dem Tisch. Ein großer Redner schien Foreman nicht zu sein. Mit einem belustigten Kopfschütteln betrachtete er ihn und stieß das Glas an seines, das er so fest umklammerte, dass die Knöchel weiß wurden. „Cheers."
„Ich habe gehofft, du hättest sie mitgebracht", wagte Chase einen Vorstoß, das Glas abstellend. Die Frau, die ihn enttäuscht hatte, musste darum nicht aus seinem spärlichen Bekanntenkreis gestrichen werden. Es wäre ein Vorhaben, soziale Kontakte mithilfe der Kollegen wieder aufzubauen. Möglicherweise täte es ihm gut, hin und wieder Leute seiner Altersgruppe zu treffen.
Erstaunt runzelte der Schwarze die Brauen. „Cameron? Sie hat gekündigt und arbeitet jetzt am Rush University Medical Center in Chicago. Hat House es dir nicht erzählt?"
„Nein."
Es war nicht wichtig. Aber dass sie ihm nicht einmal Bescheid gesagt hatte, kränkte ihn ein bisschen. Ihre Betroffenheit über sein Schicksal war geheuchelt; der Grund, weswegen sie gegangen war, ein anderer. House hatte es ihm gesagt. Die Wahrheit über sich und Cameron.
Beinahe gleichgültig hob er sein Glas an die Lippen und kräuselte sie nach dem ersten Schluck angewidert. Hochprozentiges war nicht seine Welt.
„Von Dr. Bishop weißt du aber."
„Mhm. Du könntest noch jemanden einstellen. Du bist jetzt der Boss."
Seufzend zuckte Foreman die Achseln, die Finger der aufgestützten Hände ineinander verkreuzt, auf die er jetzt den Blick richtete. „Auf dem Papier, ja. So einfach, wie ich mir das vorgestellt habe, ist es nicht. Führungsqualitäten allein reichen nicht aus. Du musst dir den Respekt des Teams verdienen. Ist mir ein ewiges Rätsel, wie House das gelungen ist, aber er hat ihn. Darum schwingt er inoffiziell wieder das Zepter. Wir sind eben doch nur seine Marionetten, Beförderung hin oder her." Er lehnte sich zurück und breitete die Arme über die Lehne der Bank aus, während er ihn abschätzend mit schmalen Augen musterte. „Wie geht es dir? Was machst du, wenn du den ganzen Tag zuhause sitzt? Warten auf ihn?"
Er schnaubte missbilligend in das Whiskyglas und hoffte, sich mit der nächsten Bemerkung nicht zu weit aus dem Fenster zu lehnen. „Wie sein Liebhaber, meinst du?"
Foremans Augen rundeten sich, aber er schien nicht überrascht zu sein. „Es ist also wahr. Du genießt es."
„Genieße was?"
„Ich habe dich gesehen mit ihm. Im Pool der Stroke Unit."
Seine Handflächen schwitzen, und er fuhr sich durchs Haar, während siedende Röte seine Wangen überzog. Was Foreman da andeutete, konnte unmöglich sein. Als er endlich eine Antwort fand, ärgerte er sich über das Zittern darin. „Klar hast du. Er hat eine Therapie gemacht mit mir. Soweit ich weiß, jeden Tag."
„Feine Therapie. Aber typisch House. Geahnt haben wir schon lange etwas, Cameron und ich. Aber dass er soweit gehen würde, hätte ich nicht vermutet. Den Teil, den ich beobachten durfte, gehört nämlich nicht zu einer Standardübung in der Physiotherapie."
oOo
Es wurde zehn, es wurde elf. Wer nicht auftauchte, war Chase. Unruhig starrte House zum Telefon, tippte einen Trommelwirbel auf die Sofalehne und erwartete jeden Moment einen Anruf der Polizei, die ihm mitteilte, dass ein verwirrter junger Mann in den eiskalten Fluss gesprungen war und nur noch tot geborgen werden konnte. Oder im Schneetreiben die Orientierung verloren und erfroren war. Das dritte Glas Whisky schwankte in seiner Hand. Vielleicht sollte er ihn suchen gehen, doch er hatte keine Ahnung, wo. Die Ungewissheit und der Leichtsinn, ihn ohne Mobiltelefon entlassen zu haben, nagten an ihm und brachten ihn fast um. Es war eine Sache, ihm seine Selbständigkeit zuzugestehen, aber eine völlig andere, gefasst zu bleiben, sobald er sie nutzte. Zu viel war ihm geschehen auf nächtlichen Ausflügen. Niemals mehr sollte sich etwas Vergleichbares wiederholen. Am liebsten hätte er sich in den Hintern getreten für seine Nachgiebigkeit. Er hätte ihn begleiten müssen, auch gegen seinen Willen. Es war sein gutes Recht als bevollmächtigter Vertreter eines geistig Minderbemittelten, was er dem grauenhaft verklausulierten Jargon der behördlichen Papiere zufolge war und immer bleiben würde. Aber ihm bedeutete er soviel mehr, und er war nicht dumm. Er hielt es nicht für ausgeschlossen, dass er eines Tages wieder als Intensivist, Diagnostiker oder in der Chirurgie arbeitete, ein Gebiet, für das er Interesse bekundete, seit er ihn ab dem zweiten Semester zur Berichtaufnahme regelmäßig in den OP geschickt hatte.
Nach Mitternacht hielt er es nicht länger aus und griff mit bebender Hand zum Hörer, um eine Vermisstenanzeige aufgeben zu wollen, als die Haustür ging. Erleichtert legte er auf.
Im Flur riss Chase unkonzentriert den Schal vom Hals, warf die Mütze über den Haken und zitterte. Es war nicht die Kälte. Er war wütend. Zornig, wie er ihn selten erlebte. Begehrenswert und wunderschön in seiner Raserei. Er wünschte nur, es wäre eine andere als die, die er interpretierte. Seine Wangen glühten, als er seinen Blick einfing, der unversehens zu seiner heftig pochenden Halsschlagader glitt und wieder hinauf. Chase' Zähne waren beim Sprechen fest aufeinander gepresst, und er musste die Ohren spitzen, um ihn zu verstehen, da er überdies verdächtig lallend sprach.
„Warum haben Sie das getan?"
„Was getan?"
„Sie haben … haben-…" Stammelnd brach er ab, zu erregt, um sich vernünftig zu artikulieren. „Sie verdammter Bastard!"
Tränen röteten seine Augen und fluteten die Unterlider, doch er hielt sie tapfer zurück und strich derb über sein Gesicht, um es in der Folge beschämt mit beiden Händen zu bedecken. Der Vorwurf kam zaghaft, fast ängstlich über seine Lippen, als erwarte er eine Strafe. „Sie haben mich vorgeführt wie eine Ihrer Huren. In einer öffentlichen Einrichtung."
Ehe er an ihm vorbei zum Gartenhaus floh oder sich in einem der leeren Zimmer verbarrikadierte, packte er seinen Arm, und er wirbelte zu ihm herum, nun wieder sichtbar aufgebracht. „Fassen Sie mich nicht an! Sie lüsterner, alter Wüstling!"
Sein Griff wurde energischer, als er begriff. Foreman. Er hatte sich mit ihm verabredet, und natürlich hatte der genüsslich geplaudert. Dass die Bombe früher oder später hochging, hätte er sich an zehn Fingern ausrechnen können. Er hoffte nur, dass er den Kollegen gegenüber mehr Diskretion walten ließ. Er wurde ärgerlich auf Foreman. Und laut. Viel zu laut für Chase, der schreckhaft zurückzuckte. Es war nicht gut, zu emotional, aber er spürte den Wutausbruch über die Anschuldigung und seinen Fluch wie eine schwelende Detonation, der er einzig mit einer kränkenden Retourkutsche entgegenhalten konnte, um nicht zu ersticken. Er brauchte ein Ventil und fand es in dem verstörten, aufgeregten Jungen.
„Wäre es Ihnen lieber, wenn ich mich wieder mit meinen Nutten vergnüge? Na schön, das können Sie haben. Ich tue alles, was Sie wollen. Aber was wird dann aus Ihnen und Ihren romantischen Vorstellungen von Werten und ewiger Treue? Die sollten Sie sich abschminken, denn sie werfen Sie nicht nur um siebenundzwanzig Jahre zurück, sondern um ein ganzes Jahrhundert. Wo bleiben denn Ihre unkeuschen Bedürfnisse, die zweifellos vorhanden sind? Keine Frau wird Sie so anfassen wie ich. Weil Intelligenz beim weiblichen Geschlecht höher geschätzt wird als ein gestelzter britischer Akzent und sandfarbenes Surferhaar. Sie sind kein Heiliger. Sie werden nie einer sein, nicht nur, weil es eine Vergeudung wäre. Sie gehören mir. Stellen Sie sich der Realität, wenn Sie kein Dummkopf bleiben wollen."
Nein. Es wurde nicht besser. Wie sollte es auch, wenn er sich provozieren ließ und umso härter in einer Weise zurückschlug, die Chase' wunden Punkt traf. Aufschluchzend und fassungslos über seine Rohheit wand sich der Junge in seinem Griff, doch er war der Stärkere, hielt ihn fest, ohne ihm wehzutun, was ihn enorme Anstrengung kostete, als er wild zu zerren begann. Irgendwie musste er versuchen, Chase den Wind aus den Segeln zu nehmen, ihn besänftigen. Bewusst atmete er tief aus, zog ihn in die Arme und drückte seinen Kopf gegen die Schulter, während er sein Haar zauste und hinein murmelte. Er schluchzte immer noch, hieb fahrig und halbherzig mit den Fäusten auf ihn ein.
„Es ist längst kein Geheimnis mehr. Foreman weiß es, Wilson weiß es… was soll's? Keiner macht Sie deswegen einen Kopf kürzer. Ich gebe zu, es war dumm, was ich getan habe, aber ich habe es für Sie getan. Sie wollten es. Wir beide. Sie waren gierig und wild, ich konnte nicht widerstehen. Sie wissen, dass ich nicht anders kann, wenn Sie bereit sind, und das waren Sie."
Er manipulierte ihn, denn seine Abbitte war keine. Sie suggerierte ihm, dass es seine Schuld, seine Initiative gewesen sei, und er hasste sich dafür. Chase hatte seinen Sarkasmus nicht verdient. Nicht nur, weil er ihm näher stand als sonst jemand. Er konnte nicht mehr damit umgehen.
„Chase. Es ist geschehen und lässt sich nicht rückgängig machen. Was mich angeht, bereue ich nichts, denn Sie waren fantastisch. Aber ich wollte nie, dass man unser Verhältnis in den Dreck zieht. Es ist nichts Schmutziges dabei. Glauben Sie mir, wenn ich die Zeit zurückdrehen könnte, würde ich einiges in Ihrem Leben verändern, aber nicht das. Es war wichtig für Sie, eine Erfahrung zu machen, die Sie vorher nicht auf diese Art gekannt hatten."
„Lassen Sie mich los."
Er tat es, widerwillig, doch Chase rannte nicht fort, blieb überraschenderweise vor ihm stehen. Zigarettendunst und Whiskygeruch stiegen von seinem Mantel in House' Nase, als Chase beide Hände an seiner Brust abstemmte und vor und zurück wippte. Die Gebärde rührte ihn, da sie beiderseits Sehnsucht nach Nähe und unfreiwillige Ablehnung offenbarte und genauso zwiespältig ausgeführt wurde, wie es in seinem Inneren wohl aussah. Lange hatte seine Verabredung mit dem Neurologen nicht gedauert, es sei denn, sie hatten sich nach Foremans vertraulicher Information gemeinsam betrunken. Und das traute er weder dem humorlosen Schwarzen und schon gar nicht Chase zu, wenn auch aus komplett anderen Gründen. Trinken war eine Schwäche. Eine, die er – wenn nicht an anderen, dafür an sich selbst – verachtete. Außerdem wäre es eine weitere Schmach gewesen, sich von Foreman unter den Tisch trinken zu lassen. An schlechten Tagen war er durch das Gabapentin bereits nach einem Viertel Rotwein benommen.
„Ich will Sie nicht mehr-… ich kann nicht bei Ihnen bleiben. Nicht so. Ich kann doch so nicht bleiben."
In stiller Verzweiflung senkte er den Kopf und kniff seine breite Nasenwurzel. Hinter den dichten Wimpern, zart wie bebende Schmetterlinge auf hellem Samt, quollen nun doch ein paar Tränen und glitzerten auf den von Kälte und Wut erhitzten Wangen.
Sein Rücken bebte, doch er ließ sich aus dem Mantel helfen und wie in Trance zur Wohnzimmercouch führen, indem er ohne Aufforderung seinen Arm nahm. Plötzlich wirkte er abwesend. Widerstandslos gestattete er, dass er ihm die derben, halbhohen Stiefel auszog, sich seine beneidenswert gesunden Beine über die Oberschenkel legte. Apathisch, wie unter Schock, saß er da, ließ sich bewegen wie eine Gliederpuppe.
Sanft strich House über seine Schienbeine, während er ihm ins Gesicht spähte und daran dachte, ihn anzusprechen, um zu testen, ob er noch anwesend war.
Einzelne, von der Witterung dunkler wirkende Strähnen hingen wirr und anmutig gewellt in seine heiße Stirn, und er strich eine davon ehrfürchtig hinter sein Ohr und überlegte, ob er einen Kaffee aufbrühen sollte, der ihn ernüchtern würde. Ihm selbst würde eine Tasse ebenfalls nicht schaden, aber er wagte es nicht, Chase allein zu lassen, und sei es nur für einen Augenblick. Die eigenartige geistige Abwesenheit konnte der Vorbote eines epileptischen Anfalls bedeuten.
Nach einer Weile schüttelte er kurz dem Kopf, wie um etwas Lästiges darin zu vertreiben, ehe er den Blick hob, fest entschlossen, sich nicht irremachen zu lassen. Die Unsicherheit, die er darin las, brach ihm das Herz. Wäre er religiös, hätte er angefangen zu beten. Darum, ihn nicht zu sehr verletzt zu haben. Dass er es im besten Fall vergessen hätte, Morgen früh.
„Warum sind die Dinge so kompliziert?"
Süß und naiv wirkte er, als er das fragte. Als ob er der Allwissende sei. Unschuldig und oh so verlockend leuchteten sein goldener Schopf und die rosige Haut, wenn das bewegte Feuer des Kamins die leichten und doch erregend ausgeprägten Rundungen seiner Muskeln und die Kontur seiner Jochbögen, den Knick der Nase streichelte. Behutsam tastete er sich hinauf zu den Knien, umspannte sie und bewegte sie sachte hin und her. Als er ein leises, wohliges Zusammenschaudern wahrnahm, das sich von den Beinen über die Wirbelsäule zu seinen Schultern fortsetzte, konnte er nicht anders als höher zu streifen, über die Innenseiten der Oberschenkel. Seine persönliche Landkarte war er, eine unerforschte paradiesische Insel, die ihre Attraktionen und Sehenswürdigkeiten nur für ihn bereithielt und sie ihn immer wieder neu entdecken ließ. Hoffentlich. Er würde es sich nie verzeihen, wenn er nun ging. Von Rechts wegen wäre er befugt, ihn zu halten, aber er wusste, dass Chase unter derart despotischen Umständen zerbrechen würde. Er selbst wäre nicht besser als sein eigener Vater, dessen fragwürdige Erziehung nur aus Verboten, Regeln und Disziplin bestanden hatte.
„Das sind sie nicht. Sie machen sie dazu."
Voll Konzentration runzelte er die zarten, geraden Brauen und warf den Arm um die Rückenlehne, um ein Stück hoch zu rutschen und die Knie zu beugen. Sein Becken berührte dabei wie zufällig (auffordernd?) seine Hüfte. Es war so schön und perfekt, dass er zischend die Luft ausstieß und am liebsten sofort Besitz von den intuitiv an ihn hindrängenden, festen Pobacken ergriffen hätte, sie bildhaft vor sich sah. Schlank, vollkommen und hingebungsvoll in ihren muskulösen Wölbungen.
Chase ignorierte seine wachsende Erregung, schnaufte nur leise und fast behaglich, so dass er sich nicht genötigt fühlte, die sinnliche Wanderung über seinen jungenhaften kräftigen Körper abzubrechen. Seine Finger umkreisten selbstvergessen den Bauchnabel, nachdem er Chase den Pullover und das Hemd hochgeschoben hatte. Er keuchte, presste die Handwurzeln an die Stirn. Wie gut er diese Geste kannte. Meist führte er sie nach dem Ausbruch höchster Ekstase aus.
„Waren sie es – vorher? Kompliziert? Die Dinge? Oder war ich anders?"
An der Knopfleiste der Hose verharrte er respektvoll. Er würde ihn jetzt ängstigen, vielleicht sogar an den Rand einer Panikattacke treiben. Aber er wollte nichts lieber tun als ihn treiben und verwöhnen und lieben bis zur totalen Erschöpfung. Ihn in seiner makellosen, selbstverständlichen und geschmeidigen Nacktheit keuchen und schwitzen sehen, die wollüstigen Seufzer aus dem sinnlichen Mund küssen und seinen Atem einfangen, sich berauschen und reiben an ihm und seine wilden Bewegungen an sich fühlen, sich in den kleinen, prallen Hintern senken und in ihm vergehen. Ganz zu schweigen von dem betörenden Duft nach Sex und jugendlicher Frische, der ihn in seiner Vertrautheit zugleich beruhigte und antrieb. Allein die Vorstellung seiner weißen Boxers, die in unmittelbarer Reichweite waren und sich eng an seine Männlichkeit und die hellflaumigen Oberschenkel schmiegten, die ihn wie Zangen umklammern konnten, heizte ihn an. Fast glaubte er, ihren inständigen, gierigen Druck um die Taille zu spüren, aber er beherrschte sich, um ihn nicht glauben zu lassen, er wäre das, was er ihm in seiner Wut an den Kopf geworfen hatte.
Vorsichtig legte er den Arm um ihn, zwang ihn sanft, die Position zu ändern, worauf er sich mit angewinkelten Beinen schnaufend an ihn lehnte und in Erwartung einer Antwort die Augen schloss. Ton in seinen Händen. Er ließ die Hand auf seiner Brust ruhen, die sich heftig hob und senkte. Inzwischen war er warm wie ein Ofen und schwitzte ein wenig, nicht nur aufgrund der erhöhten Temperatur. Vielleicht würde sich noch etwas ergeben. Er war mehr als bereit dafür und wunderte sich, seinen Verstand noch für ein ernstes Gespräch beisammen zu haben, während Bilder von einem übermütigen, lachenden und stöhnenden, eng mit ihm verschlungenen Chase auf dem Weg zum Schlafzimmer seine Phantasie beflügelten, die er bald Wirklichkeit werden lassen wollte. Das Schimmern seiner Zähne, seine feuchte, glatte Haut sanft hin und hergleitend unter ihm und der erregende Wechsel von lüsterner Ungeduld und verweilendem Zaudern, mit dem er ihn zu sich nahm, zu seinem Arkadien dirigierte.
„Viel komplizierter. Eigentlich sollten Sie froh sein, dass wir uns nicht mehr verstecken müssen. Das ist mir verdammt schwer gefallen, vor allem während Gelegenheiten, in denen Ihr goldiger straffer Hintern in der Klinik vor mir herspaziert ist."
„Ist das der Grund, weswegen Sie mich aushalten?"
„Trugschluss Nummer Zwei. Ich halte Sie nicht aus. Wenn überhaupt davon die Rede sein kann, sind Sie es, der mich aushält. Es war mein Fehler, was im Pool geschehen ist, und es tut mir leid, dass ich mich vergessen habe. Ich habe immer versucht, niemanden mit unserer Beziehung zu behelligen. Weil sie etwas Besonderes ist."
„Es ist keine Beziehung, wenn Sie nicht ehrlich zu mir sind. Sie spielen nur mit mir. So wie mit allen." Er klang resigniert und enttäuscht, als er sich in die Ecke des Sofas kauerte. „Sie haben gern Macht über Menschen. Über mich haben Sie sie, und Sie wollten sie Foreman präsentieren. Ich bin Ihr Spielzeug. Weil ich nicht mehr denken kann wie früher."
„Es hat nichts damit zu tun, obwohl ich zugebe, dass es schwieriger war, bevor Sie sich verändert hatten. Ich wünschte, ich könnte Ihnen sagen, weshalb es soweit gekommen ist zwischen uns, aber es wäre nicht gut für Sie. Es gibt nichts, dem Sie auf den Grund gehen müssen. Warum fühlen sich Menschen zueinander hingezogen und beschließen, ein Stück oder den Rest des Weges gemeinsam zu gehen? Wenn Sie mir diese Frage beantworten können, wissen Sie mehr als ich." Himmel, er hörte sich an wie Wilson. „Ich habe Sie zu einem guten Arzt gemacht. Und zu einem einzigartigen Bettgenossen. Ich möchte Sie lieben. Jetzt."
Chase begann, seine Socken auszuziehen und bequemte sich in den Schneidersitz, umfasste die Knöchel und schaukelte beinahe erwartungsvoll auf den Sitzbeinhöckern, sah ihn aber nicht an aus Furcht, er könne sich verraten. Sein Körper sprach eine deutliche Sprache, doch sein benebelter Verstand sagte nein. Theoretisch könnte er sich nehmen, wonach ihn gelüstete. Physisch und psychisch war er stärker als Chase; es wäre ein Leichtes, ihn zu überwältigen und auf eine Art zu lieben, die er letztlich zu genießen verstehen würde. Dennoch hielt er sich zurück. Er wollte ihm nicht den Eindruck vermitteln, schwächer zu sein als er sich ohnehin fühlte. Sein Spielzeug zu sein. Behutsam strich er ihm eine Strähne hinters Ohr.
„Sie sind betrunken und müde. Lassen Sie uns zu Bett gehen. Ich fasse Sie nicht an."
Obwohl es schwer sein würde.
Er zog die Nase hoch und wischte sie am Ärmel ab. „Ich schlafe hier. Und morgen kaufe ich ein Bett. Es wird Zeit, die übrigen Zimmer einzurichten."
„Das ist nicht Ihr Ernst."
Aber immerhin hatte er offenbar vor, zu bleiben.
