Amnesie IV

Einige Stunden später erwachte er wieder. Wohlig drehte er sich auf die Seite. Er hatte tief und fest geschlafen.

Als ihm ein fremder und gleichzeitig vertrauter Duft in die Nase drang schlug er allerdings allarmiert die Augen auf.

Sein Bett roch nach… Miss Granger!

Abrupt richtete er sich auf, jetzt fiel ihm alles wieder ein.

Seufzend ließ er seinen Kopf hängen und bedeckte sein Gesicht mit den Händen.

Er war mit einer blutjungen Frau zusammen, die seine Schülerin gewesen war und die er während ihrer gesamten Schulzeit nicht ausstehen konnte. Zu allem Überfluss hatte er ein Kind mit ihr und konnte sich an gar nichts von all dem erinnern! Er schloss ergeben die Augen und sank wieder in die Kissen, die nach ihr dufteten.

Nun, das mit dem „nicht ausstehen können", musste sich ja wohl irgendwann geändert haben, sonst hätte er zur Not eine Affäre mit ihr gehabt, überlegte er, wäre aber sicherlich keine vierjährige Beziehung mit ihr eingegangen.

Er und eine Beziehung, ein belustigter Laut kam über seine Lippen, das waren zwei Welten, die auf verschiedenen Umlaufbahnen ihre Kreise zogen. Er wusste gar nicht, wie man eine Beziehung einging. Immer hatte er allein gelebt.

Sicher gab es da das ein oder andere sehr diskrete amouröse Abenteuer. Aber niemals hatte er eine Frau mit in seine Räume hier in Hogwarts genommen.

Und jetzt lebten gleich zwei hier unten! Er seufzte verwirrt, dann atmete er tief ein und aus.

Er hatte also eine Familie.

Wie sah sein Leben dann eigentlich aus?

Er schwang entschlossen seine langen Beine aus dem Bett und streckte sich. Mit einem kleinen Wink seines Zauberstabes war seine Bekleidung wieder gerichtet und er schaute sich neugierig in dem großen Raum um.

Auf den ersten Blick hatte sich nicht viel verändert. Bett und Schrank und Kommode, alles wie es war, doch bei näherem Hinsehen bemerkte er, dass sowohl Schrank als auch Kommode deutlich breiter geworden waren und sich jetzt auf beiden Nachtischen rechts und links neben dem Bett ein mittlerer Berg Bücher stapelte.

Kein Wunder bei diesem Bücherwurm von einer Frau.

Er trat an die Kommode heran, auf ihr standen jetzt einige Fotos. In dem ersten schlicht gehaltenen Bilderrahmen sah man eine strahlende Hermine mit einem winzig kleinen Bündel aus dem rabenschwarze Haare hervorschauten. Es schien auf der Krankenstation aufgenommen worden zu sein.

Auf dem zweiten – ein Muggelfoto - war er vor einem herrlichen Bergmassiv stehend in schwarzen Shorts und schwarzem Poloshirt zu sehen, er schaute lächelnd in die Kamera und sah recht … verwegen aus, fand er.

Das dritte Foto war eindeutig ein Hochzeitsbild. Er nahm es in die Hände und betrachtete es genau.

Hermine und er winkten dem Betrachter zu, er ziemlich verhalten und ein Grinsen gekonnt unterdrückend, Hermine froh und offen.

Er trug einen festlichen schwarzen Gehrock mit dezent dunkelgrün-schwarz gemusterter Weste und einem dunkelroten, fast schwarzen Binder. Hermine ein sehr elegantes, bodenlanges, dunkelrotes Kleid mit dunkelgrüner Spitzenborde an Saum und Dekollete. Dazu eine wunderschöne Kette aus mittelgroßen leuchtenden Smaragden.

Er musste schlucken, sie war wirklich eine sehr schöne Frau.

Das Foto war in Hogwarts aufgenommen, er erkannte den See im Hintergrund.

Vorsichtig stellte er das Bild zurück und öffnete die oberste Schublade der Kommode, sie enthielt wie seit je her, seine, natürlich schwarze Unterwäsche. Das zweite Schubfach barg seine ebenfalls schwarzen Socken und Binder.

Die dritte Schublade jedoch war gefüllt mit zarter, meist schwarzer oder weißer Damenunterwäsche, Höschen und Büstenhalter in Seide und Spitze.

Er musste schlucken. Auch ohne seine lange Nase tiefer in die Lade zu stecken, stellte er fest, dass sie ganz schwach nach frischen Rosenblüten dufteten.

In der vierten und fünften Lade entdeckte er Unterhemden, ebenfalls aus Seide und Strümpfe in schwarz, braun und blau Tönen.

Er versuchte krampfhaft den Kloß in seinem Hals loszuräuspern, solche Wäsche hätte er der Miss Granger, die er kannte, nicht zugetraut, allein der Gedanke, wie sie in diesen Wäschestücken wohl aussähe, führte zu eindeutigen Körperreaktionen.

Das durfte ja wohl nicht wahr sein! Mit einem lauten „Rums" schob er die Schubfächer zu, um dann mit wenigen Schritten in sein Badezimmer zu eilen.

Hier herrschte immer noch eine deutlich maskuline Note. Na, wenigstens etwas!

Da störten auch einige Damenartikel wie ein Morgenmantel, Bürste und Creme etc. nicht.

In einem kleinen Schränkchen, das vorher nicht hier gewesen war, fand er dann weitere Produkte, die eindeutig nicht ihm gehörten.

Auch hier roch er schwach, aber unverkennbar ihren Duft, der sich – so stellte er überrascht fest, ganz gut mit seinem Rasierwasser vertrug, dessen Note ebenfalls in der Luft lag.

Seine Gedanken drifteten schon wieder in erregende Gefilde ab. Das musste sofort aufhören! Bei Merlin!

Mit einer schnellen Bewegung seines Zauberstabes war er nackt und stieg kurzer Hand unter die Dusche.

Nachdem er für Abkühlung gesorgt hatte und frische Kleidung angelegt hatte, fühlte er sich erfrischt und begab sich ins Wohnzimmer.

Heute Morgen war ihm gar nicht aufgefallen, dass auch hier einige Kleinigkeiten neu hinzugekommen waren.

Ein zweiter Sessel stand am Kamin und eine dunkelrote Decke lag über seine Lehne.

Eine ebensolche Decke hing über die Armlehne des dunkelgrünen Ledersofas. Anscheinend wurde es Miss Granger leicht kalt.

Er musste grinsen.

Wenn er sich richtig umschaute, dann stellte er auch fest, dass zu seiner bereits stattlichen Büchersammlung einige Regalreihen hinzugekommen waren und er sich faktisch in einer kleinen wohlgeordneten Bibliothek befand.

Dann drehte er sich neugierig zur neuen Türe, hinter der Eileen verschwunden war. Als er den mittelgroßen Raum betrat, der dahinter lag, blieb er staunend stehen.

Es war, wie erwartet, ein Kinderzimmer, hell und in freundlichen frohen aber zarten Farben gehalten.

Das Bett war mit hellgrüner Wäsche bezogen, auf denen Schmetterlinge gedruckt waren. Spielsachen, zumeist nichtmagische, lagen in zwei großen Körben bereit und ein weicher heller Teppich bedeckte die Mitte des Raumes.

In diesem Raum roch es nicht nach Miss Granger, in diesem Raum roch es nach Kindheit, nach Babyöl und Brei, nach neuem Leben und nach Heimat.

Er musste sich auf das Kinderbett setzen und tief einatmen.

Dabei entdeckte er lächelnd, dass sich hinter dem weißen Himmel, den das Bett, wie alle Betten in Hogwarts, krönte, fast verborgen, einträchtig eine kleine Herde Stofftiere tummelte: ein kleiner, mit winzigen Körnern gefüllter Bär, eine gefährlich gezeichnete Schlange (mit eindeutig angekautem Schwanz), ein kleiner Löwe mit zerwuschelter Mähne und eine arg mitgenommene, ehemals wohl weiße Ente.

Er erwischte sich eine ganze Weile später, dass er still vor sich her lächelnd, den Kopf der armen Ente streichelte. Sofort legte er sie energisch zurück, erhob sich erschreckt und drückte demonstrativ den Rücken durch.

Was war bloß los mit ihm, er streichelte ein Stofftier!

Grauenhaft!

Eine weitere Türe in Eileens Zimmer führt in ein kleines helles Bad, wo genug Raum zum Wickeln und Umziehen war.

Zurück im Wohnraum zog ihn seine Labortür magisch an.

Auch hier waren die Veränderungen nicht auf den ersten Blick zu erkennen, nur bei genauerer Betrachtung stellte er fest, dass sein nach Logik und den Gesetzen der Funktion unterworfenes Labor irgendwie noch strukturierter und geordneter wirkte.

Hier hatten zwei Tische den Platz getauscht, dort war eine Umrechnungstabelle hinzugekommen, der zentrale Platz für den Kessel war leicht näher nach links gerutscht, das Zutatenregal dafür mehr nach rechts.

Er würde herausfinden müssen, ob das alles wirklich zur Optimierung der Brauprozesse beitrug – und er freute sich bereits darauf!

In seinem Büro angekommen, war er sich allerdings sicher, dass alles so war, wie er es seit dem Beginn seiner Lehrtätigkeit hier in Hogwarts eingerichtet hatte, lediglich ein Bild von Hermine und seiner Tochter stand jetzt neu auf dem breiten dunklen Schreibtisch.

Beide lachten ihn darauf froh an und jetzt erkannte er auch, dass seine Tochter wohl seine Augen und die Farbe der Haare geerbt hatte, gottlob aber von seiner Nase verschont geblieben war. Das Haar legte sich in sanfte Locken um ihren Kopf und sie lachte wie ihre Mutter.

Nur mit Mühe konnte er sich von dem Bild losreißen.

Eine letzte Türe galt es zu öffnen, auch diese war vorher noch nicht da gewesen.

Sie führte in ein zweites Arbeitszimmer, hell, freundlich, behaglich eingerichtet.

An den Wänden unzählige Fachbücher und Nachschlagewerke zu den Themenbereichen Tränke, Zauberkunst und Verwandlung, alle sorgsam sortiert und geordnet.

Ein einladender Schreibtisch dominierte den Raum, er war über und über mit Pergamenten bedeckt, Bücher lagen aufgeschlagen darauf und auch ein kleines elektronisches Buch war darauf zu finden. Er hatte davon gehört, man nannte es Computer.

An den hellen Wänden hingen zahlreiche Fotos. Ein dunkles Grollen entfuhr ihm, als er feststellte, dass viele den Weltenretter und den jüngsten Weasley-Spross abbildeten.

Dazu einige Fotos eines fröhlichen Paares in mittlerem Alter, dem Anschein nach, ihre Eltern. Zudem verschiedene Bilder der Lehrer von Hogwarts und des Weasley-Clans.

Auch ein Bild von Albus war darunter, er blinzelte ihn daraus verschmitzt an. Severus zog eine Augenbraue hoch, man meinte fast, der ehemalige Schulleiter würde dem Betrachter gleich eine Süßigkeit anbieten wollen. Ihn schauderte und trotzdem fuhr er vorsichtig über den Rahmen des Bildes, bevor er sich weiter umsah.

An der Wand hinter dem Schreibtisch hingen ihre Meisterbriefe, sorgsam eingerahmt und die Urkunde ihres Merlinordens erster Klasse war auch dort zu finden. Ein mittelgroßes Wappen des Hauses Griffyndor und des Schulwappens von Hogwarts. Zudem Ihre Abschlüsse von Hogwarts und der magischen Fakultät der Universität von Oxford. Natürlich alle summa cum laude (Was für eine Überraschung, schoss es ihm ironisch durch den Kopf!) - Zahlreiche Auszeichnungen und sonstige Urkunden und schließlich die Berufung als ordentliche Professorin an den Lehrstuhl für Zaubertränke der Universität von Edinburgh.

Er war ungewollt beeindruckt.

Dann fiel ihm allerdings auf, dass er nirgends ein Foto von ihm gesehen hatte. Ein klein wenig enttäuscht setzte er sich auf ihren Schreibtischstuhl und blickte sich nochmals prüfend um.

Da entdeckte er genau im Bücherregal dem Schreibtisch gegenüber eine Bild, das einem Besucher dieses Büros nicht aufgefallen wäre, nur von ihrem Platz aus konnte man es richtig erkennen.

Er war darauf abgebildet, wieder ein Muggelfoto, dieses Mal sogar in etwas altmodischem Schwarz-weiß gehalten.

Er trug darauf ein weißes Hemd, mit offenem Kragen, hatte die Ärmel hochgekrempelt und eine schwarze Hose dazu. Sein Blick war ernst, jedoch weder mürrisch, noch finster oder gar düster und wenn man genau hinsah, konnte man schon das Lächeln erkennen, das um seine Mundwinkel spielte.

Er musste zugeben, das war das beste Bild, das er je von sich gesehen hatte.

Gleich daneben stand ein Bild aus dem ihn seine Tochter verschmitzt anschaute. Sie war über und über mit Brei bedeckt, was ihr aber augenscheinlich gar nichts ausmachte.

Auch dieses Bild stellte er wieder sorgsam zurück an seinen Platz, ein letztes Mal schaute er sich in dem Raum um und sog den Duft ein, Rosen mit Pergament, auch sehr passend, wie ihm schien.

Zurück im Wohnraum setzte er sich auf die Couch und dachte über die vielen Eindrücke seiner Erkundungstour nach.

Das Ergebnis seiner Betrachtungen überraschten ihn: Es waren immer noch seine Räume, er fühlte sich hier immer noch zu Hause, ja, mehr noch, er fühlte tief in sich die Gewissheit, dass sie jetzt mehr sein Zuhause waren, als sie es je gewesen waren.