Draco schien gar nicht bemerkt zu haben, wie sehr mich seine Reaktion erschrocken hatte. Er aß seelenruhig seinen Toast auf und fläzte sich dann höchst zufrieden und entspannt in die Kissen zurück. Ich atmete tief durch und zwang mein Herz durch pure Willenskraft dazu langsamer zuschlagen. Als ich versuchte etwas zusagen, klang meine Stimme trotzdem wie ein eingerosteter Teekessel. Ich räusperte mich einmal und startete einen zweiten Versuch.

„Und?", fragte ich. „Hast Du schon eine Idee, was wir machen könnten mit den Kiddies?"

Er fixierte mich eine Weile und sagte dann in gewohnt überheblichem Ton: „Ja klar. Du etwas nicht?"

Ich wollte mir keine Blöße geben und erwiderte ein leises „Doch klar."

Draco schien mit dieser Antwort zufrieden zu sein und erläuterte mir die nächsten fünf Minuten, was er sich so gedacht hatte. Seine Ideen waren fein säuberlich auf einem Block notiert und mit bunten Farben markiert. Und sie waren wirklich gut: Die Aufwärmspiele würden die Jüngeren an die Besen gewöhnen und das Mini-Turnier mit gemischten Häusern würde dazu führen, dass sie sich untereinander besser kennenlernen konnten.

„Vielleicht sollten wir noch einen Gewinn bereitstellen?", schlug ich vor. „Dann ist die Motivation gleich größer. Was hältst Du von einer kleinen Tüte von Zonkos für jeden der Gewinner?"

Draco nickte begeistert und notierte es sich gleich in signalrot auf einer To-Do-Liste. Ich konnte nicht anders: ich musste kichern.

Er runzelte die Stirn und sah auf. „Was gibt's denn da zu lachen?", grummelte er.

„Nix.", kicherte ich. „Du ähnelst nur so sehr Hermione mit Deinen Notizen. Irgendwie ist das lustig."

„Haha.", machte er trocken. „Vergleich mich nicht mit der Granger ok?"

Schlagartig war mir bewusst mit wem ich hier saß.

„Warum?", erwiderte ich patzig. „Weil sie Muggel als Eltern hat?"

Draco stieß die Luft auf, die er angehalten hatte, als ich ihn anfuhr.

„Nein", meinte er ruhig. „Weil ich es nicht mag, mit irgendwem verglichen zu werden. Da komm ich meistens schlechter bei weg."

Ich hob eine Augenbraue.

„Mit wem wirst Du denn bitte verglichen?"

„Na zum Beispiel mit meinem Vater… dem super-ultra Todesser. Da kann man ja nur schlecht dastehen."

Er sah niedergeschlagen aus. Sofort tat mit mein Gefühlsausbruch Leid und ich sagte versöhnlich: „Ach Quatsch. Jeder ist so gut, wie er es eben sein kann. Du musst Dich nicht an anderen messen."

Dankbar sah Draco mich an und lächelte leicht.
Und plötzlich war es da: Ein Knistern im Raum, dass uns umhüllte und mir die Nackenhaare aufstellte. Draco schien es ebenfalls zu spüren und kratzte sich nervös am Oberarm.

„Okay", murmelte er. „Wir sollten uns wohl langsam auf den Weg zum Qudditch-Feld machen, bevor die Anderen kommen was?"

Ich nickte nur, meine Stimme war mal wieder ins Nirvana verschwunden. Zeitgleich erhoben wir uns und stießen leicht mit den Ellbogen aneinander. Wie von der Tarantel gestochen zuckte ich weg, ich konnte es nicht verhindern.

Draco sah mich irritiert an und meinte: „Ich bin nicht ansteckend okay?"

Wenn der wüsste, dass ich ihn am liebsten in die Arme schließen würde. Da würde er mir wohl sagen, er hätte Drachenpocken, nur um mich los zu sein.

„Nein nein", wiegelte ich ab. „Ich hab nur grad einen Stromschlag bekommen. Du warst aufgeladen."

Er lachte, aber das Lachen erreichte nicht seine sturmgrauen Augen, die mich weiterhin verwirrt musterten. Schnell drehte ich mich zur Tür und wartete brav, bis Draco sie mit einem Zischen geöffnet hatte.

Schweigend gingen wir den Gang zurück zum Flur. Als wir beide durch den Wandvorhang geschritten waren, sahen wir uns zum ersten Mal, seit dem wir den Raum verlassen hatten, wieder an.

„Ich geh dann mal meinen Besen und die Ausrüstung holen.", sagte Draco, immer noch mit diesem seltsamen Blick in den Augen.

„Mmh.", machte ich. „Ich auch. Treffen wir uns direkt am Feld?"

„Ist in Ordnung. Bis gleich dann."

Ich nickte noch einmal und machte mich dann auf den Weg zum Gryffindor-Turm.

~~~

Als ich im Schlafsaal ankam, war er leer. Neville war mit Luna vermutlich bei den Gewächshäusern, während die Anderen noch beim Frühstück saßen. Ich stieß meinen Schrankkoffer auf und kramte die Quidditch-Ausrüstung heraus, die ich mir letzten Sommer zugelegt hatte. Sie beinhaltete einen Helm, Brustschutz, sowie Bein- und Armschoner in schönem weichem Leder. Die Ausrüstung der Schule würden vermutlich komplett von den Schülern genutzt werden.

Ich stopfte alles in einen Beutel und wollte mich gerade auf den Weg zum Quidditch-Feld machen, als ich ein seltsames Geräusch hörte, dass aus meinem Koffer kam. Im ersten Augenblick dachte ich, es handelte sich um das alte Spickoskop, bis mir auffiel, dass es das Buch von Draco war, das hartnäckig vibrierte. Seufzend nahm ich es heraus und schlug die erste Seite auf, auf der immer noch die Nachricht von gestern Abend stand. Als ich jedoch umblätterte, war eine neue Nachricht zu lesen:

Nur das Du es weißt. Ich glaub Dir kein Wort.

Ach nee. Da wäre ich ja nicht von allein drauf gekommen, Eisprinz. Besserwisser. Ich überlegte gerade, wie und ob ich ihm eine Antwort zukommen lassen könnte, als in einer Halterung neben dem Buchrücken, die ich bisher übersehen hatte, ein Lichtblitz aufleuchtete und ein Stift erschien. Ich nahm ihn aus der Halterung heraus und schrieb, ohne lange nachzudenken:

Glaub doch, was Du willst. Beeil Dich lieber…

Ich las meine Worte, die, nachdem ich den Stift abgesetzt hatte, einmal aufglommen und danach unter seinen Worten stehen blieben, und bereute es schon wieder, sie geschrieben zu haben. Ich klang wie ein zickiges Mädchen. Eine kurze Vibration zeigte mir an, dass sofort eine Antwort kam.

Ich starrte auf das Pergament und konnte jeden einzelnen Buchstaben, den Draco schrieb, mit verfolgen. Noch bevor er fertig war, musste ich grinsen und mein Herz schlug schneller.

Wieso? Vermisst Du mich schon? Sieh Du lieber zu, dass Du Deinen Arsch in Bewegung setzt. Ich warte in der Umkleide.

Er hatte ja Recht. Schon nach diesen paar Stunden mit ihm zusammen hatte ich ihn noch mehr in mein Herz geschlossen. Er war nicht nur ein eingebildeter Schönling, sondern er sprühte nur so von Schlagfertigkeit und Ironie. Schade nur, dass er Sohn eines Todessers, ein Slytherin und leider hetero war.
Ich klappte das Buch zu und steckte es zu den Quidditch-Sachen, bevor ich mich auf den Weg zu den Quidditch-Umkleiden machte.

~~~

Je näher ich den Holztürmen des Quidditchfeldes kam, umso schneller pochte mein Herz. Ich sollte mir von Herm einen Beruhigungstrank machen lassen, sonst würde ich vermutlich nach diesem Wochenende im St. Mungo liegen. Diagnose: Chronische psychische Überbelastung. Klingt nach einem Fall für die geschlossene Anstalt.

Ich schritt über den Spielrasen und ging zwischen zwei der Torringe hindurch, um zur Umkleide der Spieler zu gelangen. Etwas verunsichert stand ich vor den vier Türen: Je zwei pro Mannschaft, die nach Geschlechtern geteilt waren.

„Draco?", rief ich leise.

„Denn mich bloß nicht so.", kam es aus der Umkleide der Heimmannschaft. „Ich habe einen Ruf zu verlieren."

„Arschloch.", zischte ich, mal wieder zickig. Machte einen Schwulsein eigentlich immer gleich zum Mädchen? Ich seufzte und trat ein. Als ich den Blick hob, blieb ich stehen und starrte das sich mir bietende Bild an.

Draco trug bis auf eine Boxershorts absolut nichts und hatte gerade einen Fuß auf die Bank gestellt, um seinen Socken anzuziehen. Ich sah seinen Rücken und den äußerst attraktiven Hintern, den er mir unwissentlich entgegenstreckte. Ich ließ die Tür geräuschvoll zuknallen und sah zu, wie Draco zusammenzuckte. Er warf mir einen kurzen Blick zu, lächelte unangenehm anzüglich und stieg in die Jeans, bevor er sich an seinen Beinschonern zu schaffen machte.

„Wann kommen die Kids?", fragte ich und stellte meinen Beutel auf der Bank neben ihm ab.

„In zehn Minuten. Wir sollten dann besser schon umgezogen sein."

Ich nickte und öffnete den Beutel, darauf konzentriert, den halbnackten Blonden neben mir nicht allzu oft anzustarren. Dann jedoch setzte sich Draco auf die Bank und bückte sich, um seine Schuhe zu binden. Ein Oberteil trug er noch nicht, sodass ich seine gekrümmte Wirbelsäule und das dunkeltürkisfarbene Tattoo sehen konnte. Es war keine Schlange, wie ich vermutet hatte. Es war ein Greif.
Fasziniert verfolgte ich mit den Augen die Linien, die das Tier umrahmten und in blaugrüne Flammen hüllten.

„Wunderschön.", murmelte ich leise.

„Wer?", fragte Draco und grinste von unten zu mir herauf. „Ich?"

Ich errötete und willkürlich und kramte in meinem Beutel, aus dem ich die Arm- und Beinschoner heraus nahm.
"Das Tattoo."

„Danke. Ist selbstentworfen."

„Wow. Respekt. Wer hat das gemacht?"

„In der Winkelgasse gibt es so einen kleinen Laden, relativ versteckt. Er heißt…"

„Colours of desire. Da hab ich meins auch machen lassen."

Wir sahen uns an und ich gestattete es mir für einen Augenblick, in seinen Augen zu versinken. Dann blinzelte er und grinste: „Wow, ich hätte nicht gedacht, dass wir etwas gemeinsam haben."

Ich lachte spöttisch, nahm meine Brille ab und zog mir den Pulli über den Kopf, unter dem ich noch ein Langarmshirt trug, das für das Training ausreichen würde.
Als ich ihn auf die Bank legte, bemerkte ich aus den Augenwinkeln, dass Draco mich ansah. Dank der fehlenden Brille, ohne die ich nur sehr schlecht sah, konnte ich aber keinen Gesichtsausdruck erkennten.

„Was ist?", fragte ich leise.

„Nichts nichts.", murmelte er schnell. „Beeil Dich, wir müssen langsam mal raus. Ich geh am Besten schon mal vor."

Ich nickte irritiert und setzte meine Brille auf. Bevor ich jedoch einen weiteren Blick in sein Gesicht werfen konnte, war er schon an mir vorbei und aus der Umkleide heraus, als ob eine Horde Doxys hinter ihm her wären.

Na das konnte ja heiter werden.

Kopfschüttelnd stieg ich aus den Jeans und zog mich fertig um, bevor ich die Sachen ordentlich auf der Bank stapelte und die Umkleide verließ. Aus dem Gryffindor-Schrank holte ich noch schnell meinen Besen, der dort deponiert war, wenn weder Training noch Spiele stattfanden und folgte Draco auf den Quidditchplatz.