Schmerzlich dröhnte ihr Kopf, als sie sich aufsetzte. Ein Blick zum Fenster sagte ihr, dass sie lange geschlafen hatte. Man konnte die Hand vor Augen nicht sehen, so dunkel war es draußen. Sofort hatte sie gewusst wo sie war und Ärger stieg in ihr auf, als sie sich an die Ereignisse erinnerte, die verursacht hatten, dass sie wieder zusammengebrochen war.
Mit einem Seufzer rappelte sie sich auf und stieg aus dem großen Himmelbett. Sie trug ein langes Nachtgewand, sicherlich hatte Narzissa sich darum gekümmert, oder einer der Hauselfen. Sie würde sich später darüber aufregen können. Im Moment siegte ihre Neugier. Da es finsterste Nacht war, nahm sie an, dass alle schliefen.
Sie rückte die Bettdecke zurecht und schnappte sich den langen Bademantel, der am Ende des Bettes gelegen hatte. Sie wollte sich auf ihrem Streifzug nichts abfrieren.
So leise wie sie nur konnte, öffnete sie die Tür und huschte aus dem Zimmer. Sie versuchte sich zu merken wo es war, während sie die Treppen hinunter lief und darauf bedacht war, keinen Mucks von sich zu geben.
Sie hatte Hunger, deswegen suchte sie zuerst einmal die Küche. Mit kleinen, fast geräuschlosen Schritten bewegte sie sich durch die Flure und als sie an einem großen Essenssaal vorbei kam, war sie sich sicher, dass hier irgendwo die Küche sein musste. Auf gut Glück öffnete sie eine Tür, doch die führte in den Hof. Mit einem kurzen Blick über den riesigen Garten, schloss sie dann aber auch die Tür und nahm die nächste, die tatsächlich in die Küche führte. So eine riesige Küche hatte sie jedoch noch nie gesehen.
Als sie sich den Schränken näherte, erinnerte sie sich selber an Belle aus dem Disney Film, den sie so oft mit ihren Eltern gesehen hatte. Sie hatte auch in dem verhassten Schloss des Biestes gestöbert und er hatte sie vertrieben...vielleicht hatte sie auch so viel Glück.
Ihre Suche war erfolgreich als sie eine Platte mit Sandwiches vorfand. Sie griff nach einem und biss hinein, ehe sie der Küche den Rücken zu wendete und das Erdgeschoss weiter erkundete. Neben den Raum, den sie bereits kannte, fand sie mehrere Salon-ähnliche Räume. Mit einem letzten Biss verschwand das Sandwiches endgültig und Hermione bewegte sich die Treppen hinauf um die zweite Etage zu erkunden. Sie versuchte noch immer so leise wie möglich zu sein, als sie die Tür zu einem Zimmer öffnete.
Erst sah sie nichts, doch als sie den Raum genauer besah und ihre Augen sich an die noch tiefere Dunkelheit gewöhnt hatte, erkannte sie ein riesiges Himmelbett und die darin liegenden Hausherren. Ein roter Schimmer breitete sich über Hermiones Wangen aus, als sie sah wie eng Narzissa an Lucius gekuschelt lag und wie friedlich sie eigentlich aussahen. Ein kurzer Moment der Sympathie erfasste sie. Seufzend, natürlich nur leise, schloss sie die Tür wieder und gestattete den Beiden weiter zu schlafen.
Es dauerte nicht lange, da hatte sie jeden Winkel erkundet und kam zum letzten Flur. In diesem lag auch das Zimmer in dem sie geschlafen hatte. Daran erinnerte sie sich. Neugierig öffnete sie die erste Tür und fand ein riesiges Badezimmer vor. Lächelnd schloss sie die Tür wieder und widmete sich der nächsten Tür. Sie wusste ja was sie erwarten würde.
Mit einem kurzen Blick wusste sie, dass es Malfoy Juniors Zimmer war. Schnell schloss sie die Tür und drehte sich herum. Die letzte Tür war neben der zu 'ihrem' Zimmer. Mit leichter Hand öffnete sie die Tür und sie war erstaunt als sie ein zerwühltes Bett sah, jedoch leer...
Erstaunt machte sie einen Schritt in das Zimmer hinein und sah sich um. Es war groß und ähnlich ausgestattet wie die anderen Schlafzimmer, die sie gefunden hatte. Das zerrüttete Bett bestätigte jedoch ihre Theorie. Er wohnte hier während der Ferien, oder blieb hier zumindest für einige Zeit. Doch wo trieb man sich mitten in der Nacht herum?
„Na wen suchst du mitten in der Nacht?", fragte eine beinahe amüsierte Stimme hinter ihr. Erschrocken fuhr sie herum und sah Zabini, der an die Wand gelehnt da stand. Er trug eine seidene lange, aber etwas enger anliegende Hose, sein Oberkörper war jedoch ganz zu sehen. Sie schluckte leicht, wich dabei einen Schritt zurück. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass jemand außer ihr wach war.
„Ich beiße nicht, also stell dich nicht so an.", sagte er schließlich süffisant grinsend und ging auf sie zu, als er nur wenige Schritte von ihr entfernt stand, senkte sie ihren Blick und ballte ihre Hände zu Fäusten. Warum musste sie auch so dumm sein und jedes Zimmer abklappern?
„Geh einfach zurück ins Bett. Du brauchst die Ruhe", sagte er ruhig und ging um sie herum zu seinem Bett und legte sich hin. Ihre Augen weiteten sich, als sie merkte wie einfach er sie davon kommen ließ. Sie blickte nur kurz zu ihm, wie er es sich auf dem Bett gemütlich gemacht hatte, ehe sie nickte und aus dem Zimmer verschwand.
Als sie das nächste Mal erwachte, schien die gleisende Sonne in ihr Gesicht. Seufzend hob sie ihre Hand zum Schutz vor ihre Augen. Doch länger schlafen war scheinbar nicht im Plan, denn mit einem Ploppen kündigte sich ein Hauself bei ihr an. Sie drehte ihr Gesicht weg vom Fenster und in Richtung der Hauselfin, die sie vom vorherigen Tag kannte.
„Miss, Ich sollen Miss zum Frühstück vorbereiten. Meister möchten Miss sehen. Aufstehen Miss, nicht mehr lange Zeit.", forderte die Hauselfin Hermione auf, doch diese schloss die Augen und zog die Decke über ihren Kopf. „Sag deinem Meister er soll alleine essen.", murrte sie laut genug, so dass sie sicher gehen konnte, dass man sie gehört hatte.
Erschrocken keuchte die Elfin auf, doch es war ein Befehl gewesen, weswegen Hermione das Ploppen hören konnte.
Sie war wieder alleine.
Mit einem letzten Seufzer setzte sie sich auf und strich genervt durch ihre Haare, schob sie nach hinten und starrte an die Wand. Sie war gefangen hier, wie ein Vogel im goldenen Käfig. Sie wusste, jetzt wo sie hier war, würde es unmöglich sein zu verschwinden.
Aber nicht nur die Tatsache das es unmöglich war, hielt sie davon ab, nein ihr fehlte auch die Kraft dazu. Ihre Beine würden unter ihr nachgeben. Wie weit würde sie da schon kommen. Nicht mal durch die erste Etage würde sie flüchten können.
Lautlos stöhnend legte sie ihr Gesicht in ihre Hände und fragte sich ernsthaft, was sie sich dabei gedacht hatte hierher zu kommen. Sie hatte sich freiwillig in den Käfig begeben, nur weil sie zu feige war sich ihren Freunden zu stellen. Bei dem Gedanken an ihre Freunde rollten Tränen über ihre Wangen. Sie hatte gedacht sie könnte nicht noch mehr weinen, doch wieder einmal gelang es ihr.
Hermione hatte sich gerade beruhigt, da klopfte es an ihrer Tür und ohne auf ein 'Herein' zu warten betrat Narzissa das Zimmer. Ohne die Frau anzusehen, warf Hermione sich wieder in die Kissen und ignorierte geflissentlich, dass sie nicht alleine war.
„Du musst doch was essen.", sagte Narzissa, diesmal freundlicher. Gestern war sie mit ihrer kühlen Art nicht vorwärts gekommen, vielleicht musste sie einfach die Strategie ändern. „Nein", kam es kalt von der Gryffindor, die sich die Decke über den Kopf gezogen hatte und beinahe wie ein verwöhntes, zickiges Kind reagierte und agierte.
Hermione konnte nicht sehen wie traurig Narzissa schaute, doch sie spürte, wie diese sie durch die Decke berührte. Erst war Hermione sauer. So eine Berührung wollte sie Narzissa nicht zugestehen, doch je länger die Ältere behutsam über ihren Arm strich, umso ruhiger wurde sie und sie zog sogar die Decke hinab, so dass sie der Hausherrin in die Augen sehen konnte. In den blauen Augen der Frau sah sie sehr viel Fürsorge, wie in den Augen ihrer eigenen Mutter. Mütter waren sich so ähnlich. Sie waren immer besorgt wenn es um ihre Sprösslinge ging und nun war sie ein Sprössling dieser Mutter, ob sie wollte oder nicht.
„Ich will alleine essen. Hier. Bitte", flehte Hermione beinahe. Sie wollte nicht in die Nähe von Malfoy Senior und Junior. Sie beide waren grausam und unsensibel und auch wenn Narzissa es genauso gewesen war, so zeigte sie nun so viel Fürsorge und Verständnis, wie sie es niemals für möglich gehalten hätte.
„Du kannst hier nicht ewig bleiben...", seufzte Narzissa, nickte ihr aber zustimmend zu und strich sanft über Hermiones Lockenkopf, ehe sie aufstand. Ihre Bewegungen waren so grazil und elegant. Sie hatte noch nie eine solche Frau gesehen wie Narzissa es war.
„Ich werde später noch einmal nach dir sehen.", sagte Narzissa, ehe sie die Hauselfin rief.
„Pinky, du wirst Hermione Frühstück bringen und erscheinen wenn sie dich ruft und etwas möchte. Kümmer dich um sie, so als wäre sie Draco. Hörst du?", sprach Narzissa der kleinen Elfin zu, diese nickte enthusiastisch, ehe sie verschwand, um Sekunden später mit einem riesigen, bepackten Tablett zu erscheinen.
„Lass es dir schmecken, wenn du etwas brauchen solltest, ruf Pinky, sie wird dir alles bringen was du dir wünschst.
Es würde mich freuen dich heute Abend beim Abendessen zu sehen.", hörte Hermione Narzissa sagen, ehe sie das Zimmer verließ und eine sprachlose Gryffindor zurück ließ. So viel Verständnis und Fürsorge hatte sie nicht erwartet und es machte ihr ein schlechtes Gewissen. Sie hatte so respektlos mit ihr geredet, dabei war sie so unheimlich nett zu ihr gewesen.
Der Abend brach herein und die Malfoys saßen im Esssaal zum Abendessen. Neben Draco saß Blaise, der über die Ferien im Manor wohnte, sie unterhielten sich über Quidditch, als sie Schritte hörten. Blaise sah auf und lächelte nur leicht, als er Hermione erblickte, die nur langsam in den Raum trat und sich nervös umblickte.
Sie wollte keine heile Welt spielen, aber sie wusste auch, sie würde zumindest mit ihnen reden müssen. Sie wollte doch noch so viel wissen. Und nur sie kannten die Antworten auf die Fragen.
„Oh schön, du bist wirklich herunter gekommen.", sprach Narzissa freudig, die zu der Rechten ihres Mannes saß. Neben ihr war eingedeckt, Hermione war sich sicher, dass für sie eingedeckt wurde.
„Das Kleid steht dir übrigens wunderbar", sprach Narzissa weiter und musterte die junge Frau. Hermiones Kleidung war verschwunden. Ihr Rucksack mit ihren Sachen um genau zu sein. Dafür hatte sie einen vollen Kleiderschrank gefunden. Da sie nicht im Nachthemd abendessen wollte, hatte sie sich durch den Schrank gewühlt. Es waren schöne Sachen, doch alle sehr formell, wenn man sie fragte. Schließlich hatte sie nach einem luftigen, rotem Sommerkleid gegriffen. Es ging ihr bis zu den Knien und war in ihrem Nacken zusammengebunden. Es war besser als nichts wie sie fand und es hatte eine Farbe mit der sie etwas veraband.
„Danke.", murmelte sie nur leise, ehe sie sich neben Narzissa nieder ließ und dann einfach nur noch schwieg. Blaise und Draco redeten weiter über Quidditch, während Narzissa und Lucius über die Arbeit sprachen. Sie fühlte sich überflüssig. Ungewollt. Auch wenn es seltsam war, denn sie wollte selbst nicht hier sein, doch die Tatsache ausgeschlossen zu werden aus jedem Gespräch, verärgerte sie.
Seufzend stocherte sie in ihrem Essen herum, welches lecker roch und auch aussah, doch so wirklich Hunger hatte sie nicht.
„Quäl das Fleisch nicht so", murrte Lucius sie an. Hermiones Augen weiteten sich und sie sah zu ihm hoch. „Lucius ich bitte dich, etwas Verständnis. Sie ist wenigstens herunter gekommen.", meinte Narzissa fürsorglich und zum ersten Mal fühlte sie wahre Zuneigung zu der Frau. Sie war vielleicht keine Heldin, sie würde in ihren Augen auch nie ein wirklich guter Mensch sein, doch sie verteidigte sie und sie hatte das Gefühl, dass sie sie auch etwas verstand und mit ihr mitfühlte.
Hermione fühlte wie Narzissa ihre Hand ergriff und diese sanft drückte. Vielleicht war die Frau des Hauses doch ein mitfühlender und emotionaler Mensch, so wie es meist bei Müttern so war. Sie hatte immer daran geglaubt, dass Mütter immer gut wären. Eine Frau die einem Kind das Leben schenkte, die musste doch einfach gut sein.
Lucius verdrehte genervt die Augen, wendete sich aber wieder dem Essen zu und ignorierte Hermione für die restliche Zeit. Es wurde auch still am Tisch, keiner sagte mehr etwas. Um nicht ganz so undankbar zu sein, aß sie doch noch etwas von dem Schweinefilet, welches ausgezeichnet schmeckte, doch so wirklichen Appetit hatte sie nicht.
Das Essen verschwand, nach dem alle aufgegessen hatten und Hermione erhob sich, nach dem auch alle anderen sich erhoben hatten. Sie würde wieder in die Einsamkeit ihres Zimmer verschwinden und wahrscheinlich auch vorerst nicht wieder heraus kommen. Es hatte sie sehr angestrengt mit dem Malfoys zusammen zu sitzen und so zu tun, als hätten sie ihr niemals etwas getan.
„Ich habe dir etwas auf dein Zimmer bringen lassen. Alte Bilder von deinen Eltern und Briefe...alles was ich finden konnte.", sagte Narzissa noch kurz, ehe Hermione den Raum verließ.
Sie lief die Treppen hoch, Tränen rannen wieder über ihre Wangen und als sie ihr Zimmer atemlos erreichte, warf sie sich aufs Bett und umschlang das hölzerne Kästchen mit Erinnerungsstücken an ihre Eltern mit ihren Armen. Sie drückte es an ihr Herz und weinte laut. „Mama...Papa...wieso habt ihr mir das angetan?", weinte sie vor sich hin, bemerkte natürlich dabei nicht wie zwei Augenpaare sie durch den Türspalt beobachteten.
