4. Alles noch mal auf Anfang
März
Die Möbelpacker waren schon längst abgezogen, als
sich Rokko daran machte, den letzten Umzugskarton auszupacken.
Grinsend sah er sich in seiner neuen Wohnung um.
Diese Bude war
vielleicht noch uriger als sein Loft in Berlin. André hatte
ihm geholfen, das zweistöckige Appartement im ehemaligen
Hamburger Speicherviertel zu finden.
Früher hatte man in
diesen Lagerhäusern Kaffee und Tee gelagert und Rokko war der
Meinung, die Wände würden immer noch einen leichten Duft
davon von sich geben.
Inzwischen waren die Lagerhallen in
kleinere und sehr begehrte Wohnungen unterteilt worden, von denen
Rokko eine hatte ergattern können.
Das untere Geschoss bestand aus einem einzigen großen Raum. Dort, wo sich früher die Beladeluken in Richtung Fleet öffneten, waren nun hohe Fenster eingelassen, die viel Licht in die Wohnung ließen. In die eine Ecke gegenüber der Fensterseite schmiegte sich eine Küche in rostrot mit einem breiten Tresen, die von einem Fenster zur Straße hin erhellt wurde.
Seine Möbel hatte
Rokko frei in dem Raum verteilt. So bildeten nun der große
Schreibtisch und ein paar Regale einen großzügigen
Arbeitsbereich, während gegenüber mit Couch, tiefen
Sesseln, einem niedrigen Tisch, Sideboard und ein paar weiteren
Regalen eine gemütliche Wohnecke entstanden war.
Eine kleine
Wendeltreppe führte an der gegenüberliegenden Wand hinauf
zum Schlafbereich über der Küche, verborgen hinter einer
halbhohen Balustrade. Dort dienten zwei Alkoven rechts und links vom
Bett als Kleiderschränke. Daneben befand sich das Bad, der
einzige abgeschlossene Raum der Wohnung.
Rokko seufzte. Er fühlte sich wohl in seinem neuen Reich! Die rostroten, unverputzten Backsteinmauern verbreiteten eine heimelige Atmosphäre und die hohen Fenster ließen würzige Meeresluft in die Wohnung.
Er wandte sich wieder dem Karton zu. Mit schnellen Griffen hatte er Bücher, CDs und ein wenig Kleinkram ausgepackt und in der Wohnung verteilt. Zuletzt hob er eine mittelgroße Holztruhe aus dem Karton, stellte sie vor sich auf den Couchtisch und setzte sich. Wehmütig strich er über das dunkle Holz.
Als kleiner Junge hatte er zugesehen, wie sein Großvater sie für ihn gebaut hatte. Er erinnerte sich genau: Er saß auf der Werkbank und baumelte mit den Beinen, während sein Großvater das Eichenholz zurechtschnitzte und die Teile zusammenzimmerte. Noch heute hatte er den Geruch der dunklen Beize in der Nase, mit der sein Großvater die Truhe danach strich. Und noch heute konnte er die Hammerschläge hören, mit denen der alte Herr damals die beiden Riegel an der Vorderseite anbrachte.
Viele Jahre lang hatte er als Junge in dieser Truhe seine kostbarsten Schätze verwahrt. Seine Lieblingscomics, seinen letzten ausgefallenen Milchzahn, den ersten Liebesbrief, den er bekommen hatte.
Auch jetzt barg die Truhe wieder seine kostbarsten Schätze. In einer weinseligen Laune hatte er sie vor einigen Wochen unter all seinen Sachen hervorgewühlt und in der Kiste verstaut. Seufzend schob er die Riegel zur Seite und öffnete den Deckel. Er faltete eine Lage Seidenpapier zur Seite und starrte einen Moment auf den Inhalt. Dann hob er die Hand und griff nach einem dicken braunen Umschlag. Er entnahm einige Papiere und begann zu lesen:
„... freuen wir uns Ihnen mitzuteilen, dass wir Ihnen hiermit Ihre standesamtlichen Trauung in den Räumen der Botschaft der Bundesrepublik Deutschland, 1 Waverley Street, Ottawa, Ontario K2P OT8, am 09.09.2006 bestätigen können.
Wir bitten Sie, spätestens zwei Tage vor dem Termin in der Botschaft vorstellig zu werden und folgende Unterlagen vorzulegen:
- Frau
Elisabeth Maria Plenske: gültiger deutscher Reisepass, deutscher
Personalausweis, ausführliche Geburtsurkunde
- Herr Robert
Konrad Kowalski: gültige deutsche und kanadische
Personalpapiere.
Des Weiteren bitten wie Sie, uns bei dieser
Gelegenheit mitzuteilen, welchen Familiennamen Sie nach der
Eheschließung zu tragen gedenken. Nach der Trauung am 09.09.
können Ihnen dann vor Ort Familienbuch und Heiratsurkunde
überreicht werden.
Die Informationen über Ihre
Eheschließung übersenden wir zeitnah von hier aus an das
für Sie zuständige Standesamt in Deutschland.
Wir
weisen Sie bei dieser Gelegenheit noch einmal darauf hin, dass eine
standesamtliche Trauung in der Deutschen Botschaft in der Regel nicht
möglich ist und dieses Verfahren eine absolute Ausnahme
darstellt.
Hochachtungsvoll
J. Dellberg,
Botschaftsattaché "
Rokko lächelte, als er
die Zeilen las. Es hatte ihn damals viele Telefonate und Mails über
den großen Teich gekostet, um diese Trauung zu arrangieren.
Er
wollte so Lisa und seiner kanadischen Verwandtschaft, der Familie
seine Mutter Shannon, die Möglichkeit geben, einander kennen zu
lernen.
Dazu war es nun nicht mehr gekommen. Seufzend steckte
er den Brief wieder in den Umschlag und legte ihn auf den Tisch.
Dann griff er wieder in die Truhe und förderte Lisas
türkisfarbenen Seidenschal zu Tage. Er betrachtete ihn wehmütig
– sie hatte ihn damals, nach ihrer ersten, ihrer einzigen
gemeinsamen Nacht bei ihm liegen lassen. Er fragt sich, ob? Rokko
roch an dem Tuch und inhaliert seinen Duft. Ja, der Schal hatte immer
noch den Geruch von Lisas Parfüm.
Als nächstes fand er
seinen Daruma in der Kiste. Traurig starrte er auf das zweite
ausgemalte Auge. „Tja, da war ich wohl etwas voreilig!",
flüsterte er leise und stellte auch die Figur zur Seite.
Er
sah in die Truhe und entdeckte nach und nach noch andere Zeugen der
Vergangenheit. Die Hochzeitseinladung mit ihrem Photo darauf – wie
glücklich sie an dem Tag der Aufnahme gewesen waren! An diesem
Tag regnete es morgens kurz und als sie in den Park gegangen waren,
um sich mit dem Photographen zu treffen, hatten die Regentropfen auf
den Blättern und Gräsern wie Kristalle im Sonnenlicht
geglitzert.
Daneben lagen ein paar Eintrittskarten. Vom
Museum, dem Planetarium, der Minigolf-Bahn. Tausende von Bildern
schossen Rokko durch den Kopf.
Ganz unten in der Truhe fand er
seinen Hochzeitsanzug. Gedankenverloren strich er über den
Stoff. Er erinnerte sich an den Tag, an dem er den Anzug beim
Schneider abgeholt hatte. Damals lag seine gemeinsame Zukunft mit
Lisa bunt und strahlend vor ihm. Damals.
Mit einem Ruck setzte er sich auf. Nein, das war Vergangenheit! Energisch packte er die Sachen zurück und verschloss die Truhe wieder. Dann trug er sie nach oben in sein Schlafzimmer und verstaute sie in der hintersten Ecke des rechten Alkovens.
Kurze Zeit später ging er wieder hinunter und setzte sich an seinen Schreibtisch, um sich auf seinen ersten Arbeitstag vorzubereiten.
Lisa
erwachte am ersten Tag vom Rest ihres Lebens durch ein verhaltenes
Klopfen an der Kabinentür. Sie rief „Herein!" und eine
freundliche Stewardess trat, mit einem Frühstückstablett
bewaffnet, in die Kabine. Die Stewardess stelle das Tablett neben dem
Bett auf den Nachttisch ab und überreichte Lisa eine Karte.
Sekunden später war sie wieder lautlos verschwunden.
Lisa
rieb sich die Augen und faltete dann die Karte auseinander.
„Erwarte Sie um 11 Uhr im Aussichtsraum zum Brunch!
Olga
Johanson
P.S. Gleicher Tisch wie gestern Abend. „
Lisa
lächelte und sah dann auf das Tablett. Ein Becher Kaffee stand
darauf, ein Glas Orangensaft – und zwei Kopfschmerztabletten.
Dankbar griff sie nach den Pillen und spülte sie mit dem Saft
hinunter.
Dann schwang sie die Beine aus dem Bett und sah auf die
Uhr. Es war gerade zehn Uhr durch, sie hatte also noch genug Zeit,
sich zu duschen und ein wenig zurechtzumachen. Lisa nahm noch einen
Schluck aus dem Kaffeebecher und ging ins Bad. Dort sah sie in den
Spiegel. Ihre Augen waren immer noch verweint und verquollen. Sie
wusch ihr Gesicht mit kaltem Wasser in der Hoffnung, die Schwellung
würde so etwas abklingen.
Nach dem Duschen schlüpfte Lisa in eine dunkle Jeans und einen dunklen Pulli, band die Haare zu einem Pferdeschwanz zusammen, setzte sich sicherheitshalber noch eine Sonnenbrille auf und verließ dann ihre Kabine in Richtung des Aussichtsraums, wo sie von Olga herzlich begrüßt wurde.
„Lisa! Wie geht es Ihnen heute?"
„Danke, besser –
glaube ich!"
„Ich wollte...", Lisa wurde unterbrochen von
dem Stewart, der in diesem Moment servierte.
„Was wollten Sie,
meine Liebe?", fragte Olga liebenswürdig, als der Kellner sich
wieder entfernt hatte.
„Ich wollte mich bedanken, dass Sie mir
gestern Abend zugehört haben. Und – und dass Sie mich jetzt
nicht verachten!"
Olga ergriff Lisas Hand. „Verachten! Was
reden Sie denn! Ich verachte Sie doch nicht!"
Lisa wollte zur
Seite sehen, doch ihre Tischnachbarin lächelte sie aufmunternd
an und zauberte so auch auf ihr Gesicht ein scheues Lächeln.
Nach dem Brunch schlenderten die beiden Frauen ein letztes
Mal über das Deck. In einer windgeschützten Ecke setzten
sie sich in zwei Korbstühle und wickelten sich in die
bereitliegenden Decken.
„Wissen Sie, ich habe gestern noch
lange über Ihre Geschichte nachgedacht. Und ich denke, ich weiß
jetzt, warum Sie vom Weg abgekommen sind!"
Lisa sah Olga
irritiert an. Die alte Dame hatte sich etwas vorgebeugt.
„Schauen
Sie: Stellen sie sich Ihr Herz wie ein großes Haus vor, in dem
jeder Mensch, der Ihnen etwas bedeutet, seinen Platz hat.
Wenn
dann die erste Liebe kommt, poltert sie zur Haustüre hinein,
macht sich überall breit und veranstaltet einen ziemlichen Lärm
im ganzen Haus.
Für eine Zeit ist das ganz schön, denn
es fühlt sich so wundervoll lebendig an.
Aber nach einer
Weile wirft man die erste Liebe wieder zur Tür hinaus, weil so
viel Krach kein Mensch auf Dauer erträgt.
Dann kommt
irgendwann die große Liebe: Sie kommt mit leisen Schritten ins
Herz. Sie sucht sich still das gemütlichste Zimmer aus, richtet
sich häuslich ein und geht nie wieder fort.
Und Sie, meine
liebe Lisa, hatten die erste Liebe noch nicht wieder an die frische
Luft gesetzt, als Ihnen die große Liebe vor die Tür
gestolpert kam. Und das hat Ihr armes, überfordertes Herz
ziemlich durcheinander gebracht."
Bei den letzten Worten
hatte Olga Lisas Hände ergriffen.
„Soll ich Ihnen einen
Rat geben, meine liebe Lisa? Ordnen Sie ihr Leben neu! Finden Sie
heraus, wohin Ihre Reise gehen soll! Sie werden sehen, dann taucht
auch Ihr Rokko wieder in Ihrem Leben auf!"
Einer der
Stewarts informierte sie, dass das Schiff in zwei Stunden Hamburg
erreichen würde. So verabschiedeten sich die beiden Frauen
kurzzeitig voneinander um in ihren Kabinen schnell ihre letzten
Habseligkeiten zusammenzuraffen – die Koffer waren bereits an
Vorabend gepackt und abgeholt worden.
Als sie sich wieder an Deck
trafen, hatte das Schiff schon fast seinen Ankerplatz erreicht. Lisa
schaute neugierig am Kai entlang, ob sie unter den Menschen dort
unten ihre Eltern erkennen konnte. Das war natürlich ein
unmögliches Unterfangen, denn das Einlaufen dieses riesigen
Schiffes lockte immer wieder hunderte von Menschen an. Doch Lisa
hatte plötzlich Sehnsucht nach Helga und Bernd und freute sich
unbändig auf das Wiedersehen.
Dann war es soweit: Die
Passagiere konnten das Schiff verlassen. Hinter der Passkontrolle
umarmte Lisa ihre neue Freundin ein letztes Mal liebevoll.
„Danke
für alles!", sagte sie leise.
Auch Olga herzte die junge
Frau innig.
„Alles Gute, meine Liebe! Und nicht vergessen:
Niemals die Hoffnung aufgeben, ja? Und wenn Sie einen Tapetenwechsel
brauchen, dann kommen Sie einfach zu mir nach Hannover. Mein Haus ist
groß genug und ein bisschen Hilfe im Geschäft kann ich
immer gebrauchen! Meine Adresse haben Sie ja!
So, und nun laufen
Sie! Ihre Eltern warten!"
Olga sah noch zu, wie Lisa ihrem
Vater in die Arme flog, dann ging sie zu dem Wagen, der auf sie
wartete.
Ein livrierter Chauffeur hielt den Wagenschlag auf und
sie stieg ein.
